“Die man nicht sieht”, der neue Roman von Lucía Puenzo


die man nicht sieht Meine erste Begegnung mit Lucía Puenzo hatte ich, als ich ihren Roman “Das Fischkind” las, ein Buch, das mich nachhaltig beeindruckte. Später sah ich dann ihren Film “XXY”, den ich nach wie vor großartig finde – eine einzigartige Coming-of-Age-Geschichte, verstörend und einfühlsam.

“Die man nicht sieht” ist im Gegensatz zu diesen beiden eigenwilligen Werken fast schon konventionell (in seinem Plot, in seiner Narration) – was nicht heißt, dass nicht die übliche Finesse der Autorin zu erkennen wäre. Sie erzählt schnörkellos und beweist durchgehend ein Gespür für die Fragilität ihrer Figuren, ihr Nachgeben und ihr Drängen. Gerade bei einer Geschichte über drei Kinder kommt dieses Gespür voll zum Tragen.

Ein weiteres Talent von Puenzo ist die Verbindung einer spannenden Erzählung mit sozialkritischen Ansätzen. In “Die man nicht sieht” ist diese Verbindung besonders geglückt. Hier wird die Kluft zwischen arm und reich, zwischen dem Überfluss und der Armut – die in südamerikanischen Ländern längst schon gewaltige Ausmaße erreicht hat – am Beispiel einer Bande von einbrechenden Kindern geschildert, die den Reichen gerade so viel wegnehmen, dass sie es nicht bemerken.

Diese Geschichte wird im Verlauf des Buches durchaus noch recht brutal und Puenzo kombiniert die Sympathie für die Figuren geschickt mit einer gewissen Rücksichtslosigkeit. Der Mix passt: “Die man nicht sieht” ist ein spannendes, realistisches und gleichsam aufrüttelndes Portrait südamerikanischer Gesellschaften, fesselnd und erschütternd, direkt und doch mit dem richtigen Maß an Entfaltung in den Beschreibungen. Lesenswert.

Zu “Junger Mann” von Wolf Haas


junger mann „Junger Mann“, das kann man direkt vorweg sagen, ist eine Wehmutsgeschichte, eine Geschichte über die Jugend, die erste Liebe. Es ist keine schlechte Geschichte, aber wer den wilden Wolf Haas kennt, den Haas von „Das Wetter vor 15 Jahren“ oder „Ausgebremst“ oder „Die Verteidigung der Missionarsstellung“, den Haas der schiefen Komik, dem wird dieses schöne Buch, trotz gewisser Schnörkel und dem ein oder anderen eigenwilligen Witz, doch allzu brav erscheinen.

Aber eins nach dem anderen, zunächst zum Inhalt: Haas junger Mann lebt Anfang der 70er Jahre in der Nähe des Deutschen Ecks in Österreich und jobbt bereits mit zwölf Jahren an einer Tankstelle. Oft frequentiert wird diese Tankstelle von Tscho, einem Lastwagenfahrer, der oft die Strecke bis hinunter nach Griechenland fährt und in seiner Freizeit an Autos herumschraubt, Totalschäden wieder auf Vordermann bringt. Tscho ignoriert den jungen Mann, den viele wegen seiner blonden Locken und seiner fülligen Figur nur „junges Fräulein“ nennen. Als der junge Mann aber zum ersten Mal Tschos neue Freundin Elsa erblickt, ist es um ihn geschehen – er will abnehmen und er will vor allem: Elsa …

Der in vielen anderen Büchern so originelle Haas gibt sich kaum Mühe, diesem schon oft gestrickten Plot einen eigenen Stempel aufzudrücken. All die üblichen Zutaten finden sich: leicht skurrile Figuren, Scham und Neugier des jungen Mannes, Anekdoten und Anekdötchen, schließlich eine Heldenreise, auf der sich das Erwachsenwerden einzustellen beginnt, ein dunkles Geheimnis, viel Hoffnung, viel Jugend.

Natürlich hat jeder Autor (und jede Autorin) das Recht auch so ein Buch zu schreiben, ein leichtes, aber nicht allzu leichtes Buch, einen harmlosen, aber berührenden Entwicklungsroman light. Weder wird die Fettleibigkeit des jungen Mannes über Gebühr thematisiert, noch gibt es sonst irgendwelche größeren Konflikte. Wäre mit diesem Wort nicht auch Verachtung verbunden, die dieses Buch nicht verdient hätte, könnte man es ganz einfach mit einem Adjektiv beschreiben: seicht.

Seicht nicht im Sinne von belanglos. Aber schon in dem Sinne: ohne Beißen und Stechen, ohne eine Spur wirklicher Tragik. Es ist eine heile Welt, die Haas da serviert, so sehr sie auch von kleinen Erschütterungen durchzogen ist. Diese Erschütterungen halten zwar den Plot in Bewegung, dringen aber nicht bis zu den Lesenden vor, die sich einfach in der schönen Spannung der Liebesgeschichte und der Abenteuergeschichte sonnen können. Warmherzig hat jemand darüber geschrieben – ja, das stimmt. Wem danach ist, wer ein solches Buch lesen will: Voila.

Zu der Ausgabe der Gesammelten Erzählungen von Eduard von Keyserling


landpartie Eduard von Keyserling, der vor fast genau 100 Jahren starb, gilt als einer der wenigen bedeutenden spätnaturalistischen (oder impressionistischen) Schriftsteller. Seine bedeutendsten erzählerischen Werke diktierte er in den Jahren 1903-1918, erblindet und an verschiedenen Gebrechen leidend, seinen Schwestern in der Abgeschiedenheit seines Hauses. Wer mehr über sein Leben vor dieser Zeit wissen oder zumindest einen Eindruck bekommen will, dem empfehle ich die fiktive Biographie von Klaus Modick („Keyserlings Geheimnis“).

Ich mochte Keyserling schon immer, weil er eine sehr angenehme, aber durchaus hintergründige Art zu Erzählen hatte – ein bisschen erinnert er dann und wann an Tschechow. Eine weitere Gemeinsamkeit: Auch Keyserlings Werk besteht vor allem aus längeren Erzählungen und Novellen. Diese neue Ausgabe kann sich rühmen, wirklich alle bedeutenden Erzählungen zu versammeln – sie kann allerdings nicht vollends konkurrieren mit einer Ausgabe, die 1998 bei Heyne erschien („Harmonie. Romane und Erzählungen“) und die neben vielen wichtigen Erzählungen auch die längere Novelle „Wellen“ enthält, sowie die Romane „Dumala“ und „Feiertagskinder“.

Trotzdem lohnt es sich, diese neuere Ausgabe anzuschaffen, vor allem, weil sie nicht ganz so wuchtig ist wie Ausgabe von Heyne. Wer auf der Suche nach einer malerischen und dennoch feinsinnigen Lektüre ist, der kann mit Keyserling nichts verkehrt machen. Seine Geschichten über den alten Adel, die Leichtigkeit und Schwere der kleinen Missverständnisse und großen Gefühle, die er mit vollendeter Schlichtheit skizziert, sind von bleibender Eleganz und auch heute noch, als Seelenerkundungen, sehr stimmig.

Liste der enthaltenen Texte:

Nur zwei Tränen
Mit vierzehn Tagen Kündigung
Das Sterben. Ein Sommerbild
Grüß Gott, Sonne!
Grüne Chartreuse
Die Soldaten-Kersta
Der Beruf
Schwüle Tage
Harmonie
Sentimentale Wandlungen
Im Rahmen. Skizze
Seine Liebeserfahrung
Gebärden
Die sentimentale Forderung
Osterwetter
Die Verlobung
Geschlossene Weihnachtstüren
Frühlingsnacht
Landpartie
Bunte Herzen
Föhn
Winterwege
Prinzessin Gundas Erfahrungen
Am Südhang
Nachbarn
Die Kluft. Zwei Dialoge
Das Landhaus
Vollmond
Schützengrabenträume
Nicky
Verwundet
Der Erbwein
Pfingstrausch im Krieg
Das Kindermädchen
Das Vergessen
Die Feuertaufe
Im stillen Winkel

Zu Julian Barnes “Der Lärm der Zeit”


lärm der zeit Julian Barnes beste Romane, zu denen auch “Der Lärm der Zeit” zählt, sind oft eigenwillige Kompositionen. Man merkt ihnen aber an, dass es Barnes dabei nicht um Formexperimente geht, sondern darum eine Geschichte genau auf die Art und Weise zu erzählen, die die wesentlichen Motive und Stimmungen, die hervorgehoben werden sollen, am besten trägt und für die Lesenden greifbar macht.

In “Der Lärm der Zeit” ist diese Form ein Gedankenstrom, ein Monolog, der einen sprunghaften, anknüpfenden und wabernden Erinnerungsprozesses simuliert. Der sich da erinnert, war einer der größten Komponisten des 20. Jahrhunderts: Dmitri Dmitrijewitsch Schostakowitsch. Von drei Zeitpunkten ausgehend, werden seine Lebens- und Gedankenwelten vor uns ausgebreitet, immer wieder von wiederkehrenden, variierten Motiven durchzogen, wie bei einem Musikstück.

Das erste Mal: 1936 – gerade ist Schostakowitsch beim Regime um Stalin in Ungnade gefallen und rechnet jeden Moment mit seiner Verhaftung, weshalb er mit gepackten Koffern beim Fahrstuhl auf die Beamten wartet, Nacht für Nacht. Es geht um seine erste Oper, die in der größten russischen Zeitung verhöhnt und als westlich-dekadent gebrandmarkt wurde. Er droht dem Wahn der Denunziation und den großen Säuberungen Stalins zum Opfer zu fallen
Das zweite Mal: 1948 – nach dem großen Krieg und seiner Etablierung in der UdSSR kehrt er gerade aus den USA von einer Friedenskonferenz zurück. Er ist wiederum teilweise in Ungnade gefallen, sein Name ist von der Partei und dem Regime nie gänzlich reingewaschen worden. Er fürchtet, dass alles wieder von vorne beginnt, weiß immer noch nicht, wie er sich gegen das Regime wehren soll.
Das dritte Kapitel erstreckt sich dann nicht wie die vorangegangen hauptsächlich rückwärts, sondern von 1960 bis zu seinem Tod.

In allen Kapiteln sind die gewählten Momente und die räumlichen Festlegungen (das erste Kapitel heißt “Auf der Treppe”, das zweite “Im Flugzeug”, das dritte “Im Auto”) nur Ausgangspunkte für die Rückschau auf die vor den Kapiteln liegenden Jahre und die Schilderungen der Verstrickungen und Auseinandersetzungen zwischen Schostakowitsch und dem jeweiligen sowjetischen Regime. Er will vor allem Musik machen, muss sich aber immer vor den jeweiligen Herrschenden verantworten, wird von ihnen gefordert, bedroht, gehätschelt oder getadelt. Ständig lebt er mit dem Rücken zum Abgrund.

Barnes Roman ist das meisterhafte Porträt eines Künstlers in den schwierigen Wassern des 20. Jahrhunderts. Mit Schostakowitsch hat er sich dabei einen Charakter, einen Menschen ausgesucht, der weder ein großer Dissident, noch Anhänger einer Ideologie oder Politik war. Er war auch kein klassischer Mitläufer und kein unbequemer Geist im eigenen Haus. Das Buch zeigt auf, wie die jeweilige politische Macht sein Leben bestimmt und wie er versucht, zumindest seine Liebsten, zumindest seine Integrität und am Ende zumindest seine Musik zu retten. Er wird nicht ermordet, nicht eingesperrt, nie wirklich angegangen. Aber Stück für Stück zermürbt das System auch ihn, begleitet ihn zumindest immer, egal wo er hingeht. Er, der als Mensch gern der Musik gehören würde, seinen eigenen Gefühlen, den Menschen, denen er sich anvertrauen, mit denen er zusammen sein will, gehört doch letztlich immer dem Staat, in dem er lebt.

Das Großartige an diesem Buch ist, dass es den Menschen Schostakowitsch nicht nur darstellt, nicht nur seine Biographie einfühlsam wiedergibt. Sondern dass es eines dieser Bücher ist, denen es gelingt, den Lärm der Zeit, die profanen Kräfte der Politik und des Weltgeschehens spürbar zu machen, aber währenddessen vor allem über das menschliche Wesen, das menschliche Glück, die menschliche Würde zu sprechen, davon Zeugnis abzulegen. Barnes Schostakowitsch ist keine historische Figur, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut und bleibt es von der ersten bis zur letzten Seite; er wird nicht als tragisches Beispiel inszeniert – Barnes verleiht seinem Leben wirklich eine Stimme, eine unverwechselbare. Diese große Leistung, die man leicht als etwas Selbstverständliches hinnehmen könnte, macht das Buch zu etwas Besonderem.

Zu Ralf Georg Reuths “Kurze Geschichte des Zweiten Weltkriegs”


kurze geschichte des 2. weltkrieges Ralf Georg Reuth hat eine “Kurze Geschichte des Zweiten Weltkriegs” verfasst. Ist aber nicht schon wirklich genug über diese sechs Jahre geschrieben worden? Es gibt riesige Wälzer über Stalin und Hitler, es gibt andere Wälzer mit detaillierten Analysen der einzelnen Feldzüge, Analysen und Beweise der Kriegs- und Zivilverbrechen, Guido Knopp und andere haben Zeitzeugen befragt, Historiker haben über den großen Rahmen, den Krieg der Ideologien, geschrieben. Und wer will, der kann sich tagelang Fernseh-Produktion zum Dritten Reich und dem Krieg anschauen. Was bleibt da noch zu tun?

Nun, viele der erwähnten Publikationen sind selbst (freiwillig oder unfreiwillig) Teilnehmer an einem Konflikt, einem Kampf um die Deutungshoheit –s denn bei kaum einem historischen Ereignis gibt es so viele unterschiedliche Ansätze, so viele Fokusse vor allem. In welchem Licht soll man den Zweiten Weltkrieg und seine Akteure betrachten, vor allem was die größeren Zusammenhänge und die Absichten angeht?

Ralf Georg Reuth wirft dieses Licht in seiner Zusammenfassung vor allem auf Adolf Hitler, er ist für ihn die Schlüsselfigur, und sein Buch ist eine Analyse von Hitlers Entscheidungen und in vielen Teilen eine subtile Dekonstruktion von dessen Nimbus. Er stellt ihn nämlich nicht mit jener Ehrfurcht dar, die selbst die kritischen Biographien lange Zeit irgendwie mitgetragen haben, die in jedem Spiegel-Sonderheft-Artikel immer noch mitschwingt und die hinter den tausenden Einzelpublikationen Pate stand. Vielmehr zeigt er Hitler als einen Mann, der permanent in Illusionen gefangen war und der nicht von ihnen lassen konnte – und dessen militärische Erfolge zumeist Glückstreffer waren.

Reuth verharmlost den Diktator keinesfalls, auch seine Talente beim Reden und die bezwingende Energie seiner Präsenz, seine Wirkung auf die Massen, stellt er nicht in Abrede. Nur schreibt er dies alles ganz klar dem Wahnhaften seines Wesens zu und nicht irgendeiner Form von Größe oder Finesse.

Mit Hitler im Mittelpunkt, der lange seiner Vorstellung von einem Bündnis mit Großbritannien alles unterordnete und auch ansonsten völlig unrealistische Bündnisse zustande bringen wollte, führt uns Reuth durch die militärischen Ereignisse des 2. Weltkriegs. Er fasst das meiste gut zusammen und bringt viele kleinere Randnotizen zur Geltung (bspw. mit wem Hitler sich bzgl. seiner meist scheiternden Bündnis- und Kriegspläne trifft), die neue Einblicke erlauben, führt ebenso ohne Scheu den Irrsinn und die Absurdität vieler Aspekte vor Augen. Manchmal gefällt er sich, so kommt es mir vor, ein bisschen zu sehr in seiner Rolle als Zusammenfasser und Aufdecker. Aber dies sei ihm verziehen.

Diese neuste, zusammenfassende Publikation zum 2. Weltkrieg ersetzt natürlich nicht die vielen breiteren Werke und Analysen, aber ergänzt sie wunderbar und kann gut für sich stehen. Wer eine kluge, undramatische und nicht allzu aufs Militärische versessene Geschichte des 2. Weltkriegs sucht: Voila.