Eine Aufnahme meiner Lesung in der Poesiegalerie 2020


Auf der Seite der Poesiegalerie kann man meine Lesung dort aus meinem neusten Gedichtband “Nicht nochmal Legenden” nachhören:

poesiegalerie 2020 – Timo Brandt

Ein paar Rezensionen zu Gedichtbänden


Die neusten Rezensionen zu Gedichtbänden:

“Plötzlich alles da” von Dorothea Grünzweig

“Séptimas” von Klaus Anders

“Depression and other magic tricks” von Sabrina Benaim

“In Erwartung der Zeichen” von Peter Engel

“Vibrationen” von Kae Tempest

“Am Ende der Stadt” von Adina Heidenreich

Eine sehr menschliche Adaption der Gestalt Jesu und seines Wirkens


Die Passion

Mit ihrem neusten Werk, das will ich direkt vorwegnehmen, ist Amélie Nothomb meiner Ansicht nach ein berührendes, intimes Portrait einer eigentlich überlebensgroßen, vollständig mythologisierten Figur geglückt. Jesus von Nazareth, der, ganz gleich ob er nun eine historische Person oder eine Metapher war (letzteres würde die Glaubwürdigkeit seiner Lehre nicht untergraben, ja, vielleicht sogar stärken), vielen als Erlöser gilt, als Inbegriff der Weisheit, des Glaubens und der Liebe, als menschgewordener Gott.

Genau so und doch ganz anders stellt ihn Nothomb dar, ja ich wage zu behaupten, in ihrem Buch „Die Passion“ ist Jesus menschlicher als in jeder anderen Darstellung (zumindest unter denen, die mir bekannt sind), ohne das die Autorin seine göttliche Abstammung und Mission negiert. Aber sie lässt die Passions- und darüber hinaus die Lebensgeschichte von Jesus in einem ganz neuen Licht erscheinen, ihn selbst zu Wort kommen, nicht nur als Sprachrohr Gottes.

Das Buch beginnt mit dem Prozess gegen Jesus, in dem all die Leute, an denen er Wunder gewirkt hat, Zeugnis gegen ihn ablegen:

„Der nun sehende Blinde klagte über die Hässlichkeit der Welt, der einst Aussätzige beschwerte sich, dass die Almosen ausblieben, der Fischereiverband vom See Genezareth warf mir vor, ich hätte ein paar Fischer bevorzugt behandelt, und Lazarus schilderte, wie grauenhaft es sich anfühlt, wenn einem der Leichengeruch an der Haut klebt.“

Nicht Dankbarkeit, sondern Misstrauen und Unverständnis schlagen ihm entgegen und er nimmt dies zwar hin, aber in seinem Innern, das er auf den folgenden 120 Seiten offenlegt, hadert er mit dieser Entwicklung, die er als unausweichlich ansieht, deren Wucht und Absurdität in ihm aber trotzdem Zweifel, Scham und Widerstände schüren.

„Ich bin ein Mensch, nichts Menschliches ist mir fremd. Trotzdem begreife ich nicht, was in sie gefahren ist, dass sie mich derart mit Schmähungen überhäuften. Und dieses Unverständnis betrachte ich als Scheitern, ja als Verfehlung.“

Wir erleben im Folgenden einen Jesus Christus, der zwar in seiner Weisheit und seinem Plädoyer für Liebe und das einfache Leben sehr seinem Vorbild aus der Bibel gleicht, aber ungleich zerrissener ist, was seine Erfahrungen auf der Erde und sein Schicksal angeht. Er rekapituliert sein Wirken und erzählt von den Menschen, die seinen Weg begleitet haben, vom widerspenstigen Judas, seinem Ziehvater Joseph, seiner großen Liebe Maria Magdalena, seiner Mutter Maria – und seine Betrachtungen dieser Begegnungen sind voller Eingeständnisse.

„Meine Mutter ist auch ein viel besserer Mensch als ich. Das Böse ist ihr fremd, sie erkennt es nicht einmal, wenn sie darauf stößt. Ich beneide sie um dieses Unwissen. Mir ist das Böse nicht fremd. Um es bei anderen zu erkennen, muss ich es notwendig in mir tragen.“

Trotz dieser Entzauberung ist Nothombs „Passion“ ein zutiefst spirituelles, emphatisches Werk. Der große Unterschied zur biblischen Geschichte ist, dass Jesus keineswegs den Geist über den Körper stellt, sondern dem Körper (diesem Motiv, das Nothoms Werk wie kein zweites durchzieht) sogar besondere Bedeutung und Schönheit beimisst. So sieht er zum Beispiel die beste Entsprechung der Erfahrung von Gott nicht im Glauben oder der rein geistigen Liebe, sondern in körperlichen Empfindungen, allen voran im Durst.

 „Es ist kein Zufall, dass ich mir diese Weltgegend ausgesucht habe: Politisch zerrissen war mir nicht genug, ich brauchte ein durstiges Land. Nichts ist der Empfindung, die ich erwecken will, ähnlicher als der Durst. […] Es gibt Menschen, die glauben, keine Mystiker zu sein. Sie irren sich. Wer einmal wahrhaft gedürstet hat, hat diesen Status schon erreicht. Wenn ein Dürstender den Wasserbecher an die Lippen setzt – dieser unbeschreibliche Moment ist Gott. […] Versucht, diese Erfahrung zu machen: Nachdem ihr ausdauernd gedürstet habt, trinkt ihr den Becher nicht auf einen Zug aus. Nehmt einen einzigen Schluck, den ihr für ein paar Sekunden im Mund behaltet. Ermesst das Entzücken. Dieses Wunder ist Gott.“

Und auch die Liebe, körperlich wie seelisch, bringt er mit dem Trinken zusammen:

„Liebe fängt immer damit an, dass man mit jemandem etwas trinkt. Vielleicht, weil keine andere Empfindung so wenig enttäuscht. […] Wer jener, die er bald lieben wird, zu trinken anbietet, verspricht, dass der Genuss nicht hinter der Erwartung zurückbleiben wird.“

Die Passion, das körperliche Leiden, bei dem wir ihn als Leser*innen am Ende des Buches begleiten, empfindet er zwar als seine Aufgabe, aber eine widersinnige. Er glaubt nicht das darin etwas Heilsames liegt und ertappt sich selbst über das ganze Buch immer wieder bei dem Wunsch, mit Maria Magdalena fortzugehen und ein normales, unscheinbares Leben fern seiner Bestimmung zu führen. Seinem Vater, Gott, wirft er vor, dass er seine eigene Kreation, die Menschen, nie wirklich verstanden hat, gar nicht verstehen könne, weil er keinen Körper habe. Und auch die Kreuzigung und ihre fatale Wirkung wirft er ihm vor.

„Denn was mein Vater mir auferlegt, zeugt von einer so tiefen Verachtung des Körpers, dass davon für immer etwas zurückbleiben wird.“

Man könnte die Figur, die Nothomb kreiert hat, als eine Art Verschmelzung des biblischen Jesus mit Epikur bezeichnen, mit einem Schuss mittelalterlicher Mystik. Sie ist in keinem Moment eine Parodie oder negative Verzerrung des biblischen Jesus, richtet aber seinen Fokus neu aus, verlagert seine Sicht, sodass er als Mensch unter Menschen etwas mehr von der menschlichen Seite der Geschichte versteht und nicht allein die göttliche Perspektive vertritt.

Er beschreibt die Menschheit als genau jene Mischung aus Abgründen und Tugenden, die sie ist. Menschen sind eigensinnig, misstrauisch, schwerfällig, auch dumm und kleinlich, aber eben auch selbstlos, spontan, können überraschen und sich überwinden.

„Eine merkwürdige Art, die mein Vater da erschaffen hat: auf der einen Seite Niedertracht mit Meinungen, auf der anderen Großherzigkeit, die nicht denkt.“

Gläubige werden/würden wohl dennoch Anstoß nehmen dieser Jesus-Figur, allein schon deshalb, weil er seinen Vater für fehlbar und in mancherlei Hinsicht für unwissend hält. Aber das Plädoyer, welches dieses Buch vorbringt, zeichnet dennoch ein wunderbar genaues Bild einer Menschheit, die immer hin und her gerissen ist zwischen spirituellen und körperlichen Bedürfnissen. Ein Bild auf dem sich sehr viel leichter ein Glaube aufbauen lässt als auf der unfehlbaren Gestalt der Bibel, denn es hat ein durch und durch menschliches Antlitz.

300 Statements von Ruth Bader Ginsburg


300 Statements

„Diese Erfahrung, die haben Frauen meiner Generation alle gemacht. Wenn eine Frau da Wort ergreift, hört keiner mehr hin. Sie hat ja ohnehin nichts Wichtiges zu sagen. Aber das hat sich heute, glaube ich, geändert.“

(aus eine Rede an der University of Colorado Law School, 19. September 2012)

Ruth Bader Ginsburg hat Zeit ihres Lebens ihre Mutter als „klügsten Menschen, den ich je kannte“ bezeichnet. Diese aber hatte, trotz ihres brillanten Verstandes, aufgrund ihres Geschlechts keinerlei berufliche Aufstiegschancen. Ihre Tochter ging auf die Law School, wurde Anwältin, Richterin (am Ende sogar am obersten Gerichtshof) und hatte dabei immer ein Ziel im Auge: die Gleichstellung von Mann und Frau, in jeglicher Hinsicht.

In den USA ist RBG eine Ikone der Frauenbewegung, aber auch in weiten Teilen der übrigen Bevölkerung genoss sie Kultstatus und allgemeines Ansehen. Sie ist eine der wenigen Richter*innen des Supreme Court, die mit großer Mehrheit im Senat bestätigt wurden – es gab lediglich drei Gegenstimmen, bei 96 Ja-Stimmen. Am 18. September 2020 ist sie verstorben, was nicht nur den linken Flügel im Supreme Court schwächt, die US-amerikanische Gesellschaft verlor vor allem eine wache und kritische Stimme.

Wer diese Stimme vernehmen will, der kann unter anderem zu dieser Publikation greifen, in der 300 Stellungnahmen, Interviewaussagen, Redebeiträge, Beschlüsse, etc. von Ruth Bader Ginsburg gesammelt wurden. Es sind nicht unbedingt alles kämpferische und pointierte Zitate (wobei es derlei durchaus gibt; zum Beispiel wurde sie einmal gefragt, da jetzt drei Frauen im Supreme Court säßen, ab wann wären es genug? Und sie antwortete: wenn wir zu neunt sind). Viel eher sollte man auf Zitate gefasst sein, in denen sich die wichtigen Fälle und Entscheidungen der Justiz in den USA spiegeln, eine Art kommentierte Rechtsgeschichte.

Im Anhang befindet sich dann noch eine Chronik, die wichtige Meilensteine in RBG Leben auflistet und erläutert. Alles in allem: ein Buch, das ein vielschichtiges Bild dieser bemerkenswerten Frau wiedergibt. Und hoffen lässt, dass die von ihr vielfach beschworenen Fortschritte und Errungenschaften eine Zukunft haben.

Ein Roman zwischen magischem und historischem Realismus


Der Wassertänzer

Eines der Bücher die mich in den letzten Jahren nachhaltig beeindruckt haben, war Ta-Nehisi Coates Essaysammlung „We were eight years in power – Eine amerikanische Tragödie“; acht Texte aus der und über die Zeit der Obama-Präsidentschaft. Ich hatte das Gefühl einige Aspekte der schizophrenen US-Gesellschaft endlich verstanden zu haben; oder, besser gesagt: verstanden zu haben, was dort schieflief und warum trotzdem niemand etwas tat.

Für mich stand nach der Lektüre fest, dass Coates zu den Schriftsteller*innen gehört, von denen ich alles lesen will. Also besorgte ich mir den Roman „Der Wassertänzer“ – und der Stil darin überraschte mich. Ich hatte mit einer klaren, relativ schnörkellosen Sprache gerechnet, aber Coates legte einen ganz anderen Ton an den Tag, als in seinen Essays: filigraner, vielfältiger. Was zu einem Roman auch viel besser passt.

Erzählt wird die Geschichte von Hiram Walker, einem Sklavenjungen, der allerdings auch der Sohn des Besitzers der Plantage ist, auf der er aufwächst. Von Anfang sitzt er somit zwischen Stühlen, bewegt sich zwischen den Welten der Weißen und Schwarzen. Er besitzt ein fotographisches Gedächtnis (eine starke Metapher in diesem Kontext, nach dem Motto: gegen das Vergessen) und, wie sich später herausstellt, auch einige weitere, nahezu übernatürliche besondere Fähigkeiten. Mit diesen wird er, nach seiner Flucht von der Plantage, zu einer wichtigen Figur im Underground der Anti-Sklaverei-Bewegung …

Coates Roman ist ein fesselndes, differenziertes Werk, das gut die Balance hält zwischen historischen und phantastischen Elementen. Vor allem gelingen ihm plastische Figuren, die einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. Viele Motive lassen sich auch als übergreifende Metaphern interpretieren und der Romankosmos hat, gegen Ende, in vielerlei Hinsicht die Wucht einer Saga oder Legende. Ein sehr lesenswertes Buch auf jeden Fall!

Zu den Errungenschaften in Gesellschaft und Politik


Der Wert der Geschichte

„Merkwürdig ist, dass das Lernen aus der Vergangenheit in der harten Welt der Medizin oder des Ingenieurwesens für uns ganz selbstverständlich und alltäglich ist, während wir in der weichen Welt des menschlichen Zusammenlebens – in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – immer wieder feststellen, dass Menschen in Haltungen und Handlungsweisen zurückfallen, die einer Blinddarmoperation mit dem Küchenmesser gleichen. […] An vielen Beispielen werde ich in diesem Buch zeigen, wie sich bestimmte Errungenschaften, Regeln und Werte im Verlauf der Geschichte entwickelt haben, die heute die Grundlagen unserer freiheitlichen Ordnung bilden. Es geht um zentrale Bereiche der weichen Welt: die Frage nach dem Menschenbild, das unseren Vorstellungen zugrunde liegt; en Einfluss von Religionen; die Bedeutung der Geschlechterverhältnisse; den Wert politischer Partizipation; […] Dies ist kein Fachbuch der Geschichtswissenschaft. Es wendet sich an Menschen, die nicht notwendigerweise Geschichte, Politik, Philosophie und Soziologie studiert haben müssen. Und die dennoch wissen wollen, warum die Erkenntnisse aus all diesen Disziplinen Bedeutung für ihr Leben und ihren Alltag haben können.“
(aus dem Vorwort)

Gleich vorweg: wer in Magnus Brechtkens Buch auf etwas Neues hofft, der wird enttäuscht werden. Das Buch deshalb schlecht oder misslungen zu nennen, würde weit daneben greifen, denn es war nie die Absicht des Autors, wie er im Vorwort auch darlegt, ganz neue Erkenntnisse zu präsentieren. Vielmehr geht es ihm darum, Bekanntes – oder zumindest: Vorhandenes – wieder in Erinnerung zu rufen und aufzuzeigen, inwieweit es für uns heute relevant ist. Nicht nur als Geschichte, sondern als Erbe und als Perspektive, als Warte über den Dingen.

Bei jedem Thema (seien es: Geschlechter, Religion, politische Agitation) startet er zunächst mit einer Nacherzählung, einem „so sind wir in die Gegenwart gekommen“; dann zeigt er auf, warum die Gegenwart, obgleich sie das Produkt der Entwicklungen ist, immer noch dem Hochhalten der Erkenntnisse bedarf, die diese Entwicklungen bedingten und in Gang hielten. Wenn wir uns auf die ursprünglichen Transformationen und Gedanken dahinter besinnen, so meint Brechtken, dann erkennen wir die heutigen Zustände in vielerlei Hinsicht als die Errungenschaften, die sie sind.

Der Gedanke hinter diese Unterfangen, dass Fortschritt etwas ist, das sich auch in Disziplinen wie Politik oder Gesellschaft feststellen lässt, ist natürlich gewagt (wenn auch nicht ganz von der Hand zu weisen). Philipp Blom hat in seinem Buch „Das große Welttheater“ stimmig argumentiert, dass Errungenschaften auf diesen Feldern fragiler und anfälliger sind als auf den Gebieten der Naturwissenschaften, meist gesteuert, manipuliert und zusammengehalten werden von Narrativen, nicht von sauberen Ausschlussverfahren und Belegen.

Das stellt Brechtken natürlich auch nicht in Abrede. Und ihm gelingen einige vortreffliche Kondensate, er bringt manches wunderbar auf den Punkt, bspw. wie man vom Menschenbild auf andere ideologische Aspekte einer Bewegung schließen kann und warum das Menschenbild sowieso der zentrale Aspekt aller Weltanschauungen ist. Sein Buch „Der Wert der Geschichte“ ist vor allem für Menschen zu empfehlen, die einen schnellen, unkomplizierten Zugang suchen und sich mit vielfältigen historischen Prozessen auseinandersetzen wollen. Am Ende gibt es dann auch noch 10 handfeste Lektionen/Ideen, die helfen können, politisch wach und aufmerksam zu bleiben.

Kritik der Begriffskraft in Klimadiskursen


Klima, Sprache, Moral

„Um von den Fakten zu konkreten Handlungszielen zu gelangen, bedarf es eines großen Schrittes. Über diesen Schritt wird verhältnismäßig wenig gesprochen – und zu diesem Schritt hat die Philosophie einiges zu sagen.“

Dass der Klimawandel zu den großen globalen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts gehört, ist zwar nicht unbestritten, aber mehr als ausreichend beglaubigt. An diesem Faktum will auch Johannes Müller-Salo nicht rütteln, wenn er in seinem Buch „Klima, Sprache und Moral“ einige Fallstricke und Problematiken in den heutigen Klima-Diskursen aufzeigt.

Ihm geht es nicht darum, die Bewegungen für den Klimaschutz in Verruf zu bringen – aber er will deutlich machen, dass dieses Thema ein Schlachtfeld ist, auf dem es vor allem auf eine Waffe ankommt: die Sprache. Narrative und Begriffe vermögen es, Menschen zu überzeugen und zu motivieren. Fakten und Zahlen sind schön und gut und wichtig, aber ohne eine Erzählung, ohne die richtige Sprache, ziehen nicht genug Menschen mit.

Und so fühlt Müller-Salo der Sprache der Klimadiskurse, mit ihren Leitgedanken und zentralen Aussagen, auf den Zahn, analysiert Begriffe wie Klimanotstand, Zukunftsraub und Natur, auf sprachlicher und auf moralischer Ebene. Sein Fazit lautet, in vielerlei Hinsicht: so gut gemeint viele Schlagworte & Wendungen auch erscheinen, wie oft sie auch ins Feld geführt werden, wie sehr sie Dinge auf den Punkt zu bringen scheinen (als Beispiel: „Wir haben die Erde nicht von unseren Vorfahren geerbt, sondern von unseren Kindern geliehen“), philosophisch gesehen sind sie alles andere als wasserdicht, voller sprachlicher und moralischer Untiefen, Fragwürdigkeiten.

Natürlich ist der Klimawandel nicht die erste Krise, bei der mehr mit Emotionen als mit Konkretionen, mehr mit großspurigen Ansagen als mit filigranen Überlegungen gearbeitet wird. Müller-Salo pocht auf die Philosophie, sieht sie (und beruft sich dabei auf Wittgenstein) „als Kampf gegen die Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache“. Das kann sie ohne Zweifel sein und seine Darlegungen sind in dieser Hinsicht hilfreich, geben zu denken.

Die Frage ist, ob eine solche philosophische Kritik in irgendeiner Form Chance auf Gehör hat, in einer Welt, deren mediale Öffentlichkeit von schnelllebigen Sprüchen, liebgewonnenen Vorstellungen und komplexen Abhängigkeiten bestimmt wird. Oder vielleicht ist das nicht die Frage. Eher: Wie gelangt man von den Fakten, die unbestreitbar sind, zu Zielen, die überzeugen und gut umzusetzen sind? Hier hat die Philosophie einiges anzumerken, allerdings, in diesem Buch, mehr über das „so nicht“ als über das „so“.