Ein Volltreffer: Dagrun Hintzes Fußballbuch “Ballbesitz”


  “Die Feststellung, dass Fußball eine größere Nähe zu den Dionysien der griechischen Antike aufweist als die meisten Theateraufführungen, die ich besuche, mag eine Plattitüde sein, zutreffend ist sie dennoch. An der Ekstase teilhaben zu können setzt allerdings zwei Dinge voraus: Wissen und Berührtsein. […] Man muss sich schon emotional und intellektuell darauf einlassen, will man etwas erfahren. Eine Meinung zu entwickeln, die eine echte Meinung ist und nicht nur Gedöns, setzt Kenntnis und Vertiefung voraus.“

Bisher gab es für mich zwei Bücher, die das Gefühl der Begeisterung für den Fußball perfekt eingefangen haben. Zum einen ist da der Klassiker des Genres, Nick Hornbys wunderbares Meisterwerk „Feverpitch“, dem ich wunderbare Stunden des Lesens und Wiederlesens verdanke und außerdem die Erkenntnis, dass man anhand verschiedenster Narrative eine Entwicklungs- und Lebensgeschichte erzählen kann und dass auch der Fußball ein solches Narrativ ist. Das zweite Buch sind die Fußballgeschichten von Frank Goosen in „Weil Samstag ist“, ein paar wunderbare Szenen und Paradebeispiele, schnoddrig und geerdet, mit einem ganz eigenen Charme.

In letzter Zeit sind mir einige weitere Bücher zu dem Thema begegnet, zum Beispiel Eduardo Galeanos „Der Ball ist rund“ und „Alle unsere frühen Schlachten“ von Javier Marías, die beide mit guten Geschichten aufwarten konnten (u.a. gibt es bei Marías ein wunderbares Kapitel über Eric Cantona, das über den Fußball hinaus eine großartige Analyse des Außenseiters entwickelt). Aber Dagrun Hintze hat es mit ihrem schmalen Buch geschafft in den Olymp meiner Fußballlektüren aufzusteigen. Unbändigkeit, Ironie und eine gewisse Sinnlichkeit und emotionale Verwicklung – alles, was man braucht, um über Fußball gut zu schreiben, hat dieses Buch. Den Rest erledigt die Sportart selbst.

Denn wie Hintze richtig hervorhebt, ist Fußball ein mehr oder weniger globales Kulturphänomen, dem es gelingt, sehr schnell zwischen Menschen eine vertrautere Verbundenheit zu gewährleisten, einen gemeinsamen Bezugspunkt zu erschaffen (was nicht heißt, dass man die Schattenseiten nicht kennt; auch Hintze kennt sie, thematisiert sie und bringt ihre ganz eigenen, klugen Spitzen an). Diese Verbundenheit überwindet dabei nicht nur politische und ethnische Grenzen, sondern längst auch geschlechtliche.
Womit wir bei einem wichtigen Punkt angelangt sind: dieses Buch ist keines dieser furchtbar zart-jovialen „Fußball für die Frau-Bücher“, die in ihrer scheinbaren Aufklärungsarbeit eine (ungewollte) Verfestigung der Stigmatisierungen vornehmen; es erteilt diesen Machwerken sogar mehr als einmal eine scharfkantige, fast schon rotzige Absage. Nein, dieses Buch löst sich in seiner schlagfertigen, intelligenten Art und Weise von den meisten Klischees des weiblichen Fußballzugangs und muss sich, meiner Einschätzung nach, bei einem echten Fußballfan auch gar nicht groß behaupten, denn der wird von der gekonnten Art, mit der Hintze das bewährt-beliebte Fußball-Narrativ der Anekdoten, Zitate, Jahreszahlen-Erlebnisse und Stadionerfahrungen aufgreift, eh sofort in Bann geschlagen und, zum Umstand der Autor*innenschaft befragt, würde er wohl sagen: ist doch egal, ob es ein Mann oder eine Frau geschrieben hat, es geht um Fußball, so wie ich ihn verstehe, liebe, erleide. Es steht da. Da geht es jemandem um Fußball.

Das Narrativ des Fußballs, das viele erwachsene Menschen zu bestimmten Anlässen zu potentiellen Trainer*innen, Schiedsrichter- und Taktikspezialist*innen und wahrhaftigen Geschichtenerzähler*innen und Leidensgenoss*innen macht, es wird oft von Außenstehenden belächelt. Aber wie Hintze richtig im Zitat am Anfang dieses Textes sagt: Unkenntnis ist hier die Ursache. Fußball ist nicht nur ein Spiel, ist nicht nur ein gepushtes Ereignis, ein Vorwand für Bier- und Fernsehkonsum. Fußball ist eine faszinierende Erfahrung, durch und durch. Über diese Erfahrung kann man in diesem Buch, in seinen Geschichten, Anleihen und seinen kritischen Wortmeldungen einiges erfahren.

Das Kritische in den Texten will ich nicht unter den Kunstrasen kehren, ich ahne nur, dass die Begeisterung, die dieses Buch versammelt, viel essentieller ist. Aber es geht in dem Buch auch um den teilweise problematischen Stand, den weibliche Fans, Akteurinnen und Berichterstatterinnen in dem Berufs- und Sozialfeld Fußball haben. Diese Probleme, obgleich angesprochen, kommen nicht ganz so stark zur Geltung, weil ihre Autorin sich so resolut und selbstverständlich und mit einem häufigen Verweis auf manche ihrer eigenen, positiveren Erfahrungen in der Materie bewegt, dass man die Bedenken, die sie streut, nicht komplett übernehmen kann. Außerdem sind diese Einlassungen nicht nur kritische in Bezug auf das männliche Verhalten, sondern machen einen individuellen Standpunkt abseits der Geschlechterrollen deutlich (der sich unter anderem darin äußert, dass die Autorin für Frauenfußball nicht viel übrig hat – was sie aber nicht als Widerspruch zu ihrem sonstigen Einsatz für mehr weibliche Begeisterung sieht, sondern sehr genau und glaubwürdig auf die derzeitigen Kontexte zurückführen kann, in den Frauenfußball erlebt und rezipiert wird.)

Ansonsten bietet dieses Buch eine unterhaltsame Geschichte von Hintzes Fußballbegeisterung, die sich zentral über die Jahre 2002-2016 erstreckt (eine Vorgeschichte liefern ein Kuss und eine BVB-Bettwäsche). In unterschiedlichen Kapiteln nähert sie sich Welt- und Europameisterschaften, der Philosophie und Realität des Sports, den persönlichen Dilemmas und Verstrickungen und den erfreulichen Zufallsbekanntschaften und Erlebnissen unter dem Dach der gemeinsamen Fußballbegeisterung. Die Autorin hat eine wunderbare Art sich keinen Kommentar zu verkneifen, ist angenehm direkt und auf Dauer lässt sich für ihren Stil und ihre Person schwerlich ein anderes Adjektiv finden als „sympathisch“.

Die Geschichte des Fußballs, aus der dieses Buch einen Teil seiner Vitalität bezieht und in die es sich wiederum einreiht und die es bereichert, wird weitergehen, denn wie Marías richtig sagte (frei zitiert): das Schöne und gleichsam Zerrissene am Fußball liegt begründet in der Ambivalenz des Sportgedankens: es gibt viele glorreiche Siege und Niederlagen und Geschichten in der Vergangenheit, die den Kontext und Kosmos der Sportart zusammen auf wunderbare Weise anreichern und aufladen, aber eigentlich zählt immer nur das nächste Spiel, die Geschichte muss weitergehen, mit all den bewegenden, profanen und euphorischen Zügen, die sie von jeher trägt. Zum Schluss hin eine Anekdote, dem Buch entnommen, in der Literatur und Fußball zusammenkommen:

„Vom irischen Literatur-Nobelpreisträger Samuel Beckett ist überliefert, dass er den Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und seinen Kollegen Peter Handke einst in einem Pariser Café sitzen ließ, weil er unbedingt vor den Fernseher musste, um ein Fußballspiel zu sehen. (Was vor allem Handke völlig fassungslos machte.)“