Zu Charles Simmons wunderbarem Roman “Salzwasser”

Geschichten lesen, Romane lesen, gibt es da einen Unterschied? Ich behaupte ja, denn für mich ist ein Roman mehr als eine Geschichte: um sein Erzählen windet sich mit der Zeit eine immer dichter werdende Ahnung der Verwerfungen, die Figuren und Menschsein, Taten und Gefühle, Leben und Denken durchziehen. Der Roman ist das Gegenteil einer Parabel, einer Geschichte mit Moral, oder vielmehr deren Zerrspiegel. Es gibt innerhalb des Romans keine übergreifende moralische Gewissheit. Es gibt Stellen an denen man eine Moral ansetzen könnte, es gibt ein moralisches Pendel, das mal hierhin, mal dorthin ausschwingt, aber festmachen lässt es sich nicht, es bleibt in Schwingung.

Diese Unbestimmtheit macht den Roman aus und setzt ihn sehr nah an die Wirklichkeit. Wo die Moral herrscht ist die Botschaft schon beschlossen, die Geschichte ein Vollzug, eine Übung in Anschaulichkeit, gleich der schlichten malerischen Metapher. Im Roman bleibt die Botschaft eine komplexe widersprüchliche Wesenheit, geädert und durchdrungen von Bewusstsein, Ungewissheit, Emotionen, Konstrukten. Der Roman ist deutlich bei dem was er dir an die Hand gibt, aber er es gibt keinen magnetischen Mittelpunkt, zu dem es seine Themen hinzieht; stattdessen gibt es viele magnetische Strömungen, die jeden Roman durchziehen.

In diesem Sinne muss man bei Charles Simmons Buch Salzwasser wahrhaftig von einem Roman sprechen, auch wenn er, in Form, Ton und Setting wie eine Novelle daherkommt. Er bleibt begrenzt auf einen kurzen Zeitraum und eine ebenso überschaubare Umgebung, es gibt einige wenige zentrale Entwicklungen, Anfang und Ende schließen einen Bogen.

“Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.”

Schon im ersten, kühnen Satz, lässt sich erahnen, was dieses Buch zu einer besonderen Leseerfahrung machen wird. Hier klingt vieles an, was das Geschehen von Seite zu Seite durchziehen wird: Spannung, Ambivalenz, Zusammenhänge, gleichsam angedeutet und doch voller Gefälle, dazu Knappheit und Eindrücklichkeit in einem heruntergeschraubten, vollen Stil ineinandergeglegt. Diese feine, undurchsichtige Offenheit liegt in dem Buch und schickt einen mehr als einmal mit ihrer Nähe und szenischen Wucht in die Seile. Beim ersten Mal habe ich Salzwasser in einem Zug gelesen und ich kann mir nicht vorstellen, dass es anders konsumierbar ist, so sehr packt es einen, obwohl es nichts Reißerisches hat und die Spannungsbögen mehr wie Linien auf einem Herzschlagmonitor, dann und wann ausschlagen, dann wieder wie unmerklich werden (wobei der nächste Ausschlag trotzdem erwartet wird.)

Für mich wird es ewig eine Kunst bleiben über die erste Liebe zu schreiben. Nicht, weil ich die Liebe generell, mit irgendeiner Theorie untermauert, über alles stellen möchte oder sie verherrlicht sehen will, sondern weil die erste Liebe eine der elementarsten Erfahrung des Menschseins ist. Es lassen sich ungewöhnliche Umstände für diese Erfahrung finden, doch ich bin immer wieder verblüfft, wen ich wieder mal eine vermeintlich “gewöhnliche” Geschichte über die erste Liebe lese und feststelle, dass ich sie ungeheuer außergewöhnlich finde, sowohl in der Art wie sie geschildert wird, aber auch in ihrem Setting. Nicht jede Geschichte über erste Liebe ist gut, aber es gibt einige wirklich grandiose, von Madalyn über Das also ist mein Leben bis zu Schilderungen in Romanen von Philp Roth, John Irving oder Angelika Klüssendorf, Thomas Mann oder Carmen Laforet.

Es ist natürlich nicht nur eine Liebesgeschichte und sie mit dieser fixierten Erwartung zu lesen, nimmt ihr eigentlich die Wucht, die im Puls ihres Mikroskosmes steckt. Oder, um es anders zu sagen: Salzwasser zählt in seiner Schlichtheit zu den ganz und gar unter die Haut gehenden Romanen. Schilderung, Arrangement, Perspektive, Erzählfluss, alles in diesem Buch legt sich ganz nah an die Lesewahrnehmung, exzerpiert sich nicht selbst, glänzt kaum, liegt vor einem wie ein Strand, an dem die Wellen brechen, auslaufen, zurückgezogen werden und für kurze Zeit Flächen auf dem Sand einfärben; über allem die Sonne, so heiß, die Flächen trocknend, oder dunkle Wolken, mit ihrem Regen selbst alles färbend.

Welt-Liste

trishen07:

Vorschläge für 5 stellige Auflagen:

Monika Rinck
Steffen Popp
Ann Cotten
Elke Erb
Christian Lehnert
Silke Scheuermann,
Ulf Stolterfoht
Paulus Böhmer
Helmut Krausser
Albert Ostermaier

Originally posted on Lyrikzeitung & Poetry News:

Das hätte sich kaum jemand träumen lassen: Der Preis der Leipziger Buchmesse hat Jan Wagners Gedichtband “Regentonnenvariationen” auf die Bestsellerliste katapultiert. Bis Ostern waren 35.000 Exemplare verkauft. In der kleinen und traditionell futterneidischen Lyrikszene wird nun diskutiert, ob der Erfolg verdient und Wagners Werk überhaupt repräsentativ für die Gegenwartsdichtung ist. Zweifellos gibt es auch viele andere Lyriker, die fünfstellige Auflagen verdient hätten. Hier eine subjektive Auswahl.

(Folgen Hinweise auf Bücher von Kathrin Schmidt, Marion Poschmann, Monika Rinck, Steffen Popp, Thomas Kunst, Marcel Beyer, Friederike Mayröcker und Elke Erb.)

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Zu den gesammelten Gedichten von Tomas Tranströmer – “In meinem Schatten werde ich getragen”

“Ein Sturm bringt die Flügel der Mühle dazu, sich wild zu
drehn im Dunkel der Nacht, nichts mahlend. – Du
wirst aus denselben Gesetzen wachgehalten.”

“Ein Träumen außer Sehweite gibt es/ das stets geschieht.”

Voller Ehrfurcht, so möchte ich beginnen, sitzt man vor den Werken Tomas Tranströmers. Sitzen – denn Stehen vor so großen und doch kleinen Gemälden scheint eine noch zu unruhige Haltung und ihre Bilderanwandlungen, das umfangreiche Panorama des Moments, senken einen in eine sitzende, eigentlich sogar liegende Position, als werfe man sich rücklings auf eine Wiese und der Himmel wäre poetischer Spiegel der Wahrnehmung, der ausgemalten Wirklichkeit. Eine ruhige Einsicht entsteht, lässt die Verse wirken, gleich dem nahen und fernen Ziehen der Wolke, bewusst und unbewusst, denn jenseits dieser beiden Begriffe hat Tranströmer eine Feld des Ausdrucks erschaffen, in dem Sprache das eine dem anderen in die Augen blicken lässt.

“Es herrscht Stille, wie wenn das Radar übermütig
Umdrehung nach Umdrehung macht.”

“Sommer mit flachshaarigem Regen
oder einer einzelnen Gewitterwolke
über einem Hund, der bellt.
Das Samenkorn strampelt in der Erde.”

Staunen und trotzdem dieser Drang, die Augen nach jedem Wort, nach jedem Satz, schließen zu wollen, wie als könnte man mit dem erlauschten Rauschen der Welle den Ozean festhalten. Viele Gedichte drücken irgendwo irgendwann -zu-, wollen einen bestimmten Nerv treffen. Nicht so bei Tranströmer. Seine Verse blinzeln, weiten sich aus und kugeln sich ein; sie sind lautlose Helikopter, kreisende Seinsöffner und die Wahrnehmung jedes strichcodelosen Elements, da ist kein Zupacken, jedes seiner Gedichte lässt einen mehr frei, als dass es einen bindet. Und doch fühlt man sich auch gebannt, denn seine Verse vervollständigen unsere Vorstellung auf unwillkürliche Weise.

Wahrnehmen wird zum Funkeln dessen, was Wahrnehmung sein kann. Jedes Bild ist ein kleines Bekenntnis der Dinge, die es abbildet, ausdrückt.

“Um 18 Uhr kommt der Wind
und sprengt mit Getöse auf der Dorfstraße vorwärts,
im Dunkel, wie eine Reiterschar. Wie
die schwarze Unruhe spielt und verklingt!
In Unbeweglichkeitstanz stehen die Häuser gefangen,
in diesem Brausen, das dem des Traumes ähnelt. Windstoß
auf Windstoß streift über die Bucht, weg
zur offnen See, die sich ins Dunkel stürzt.
Im Raume flaggen verzweifelt die Sterne.
Sie werden angezündet und ausgelöscht von den Wolken, die vorwärts fliegen,
die nur, wenn sie ihre Lichter verdecken, ihre Existenz
verraten, gleich den Wolken des Vergangenen,
die in den Seelen umherjagen.”

“Der Regen verschwindet allmählich.
Der Rauch tut ein paar stolprige Schritte
in der Luft über den Dächern,

Hier folgt mehr,
was größer ist als Träume.”

Zwei Ebenen, zwei Ansichten regieren hauptsächlich in Tranströmers Werk: Einmal die kontemplative, bilderreiche, wie eine Knospe aufspringende und dann die zweite, tiefere, in der all diese Bilder buntgläserne Fenster sind, durch die das Licht des Augenblicks mit dem Schimmer des Seins in einen sehr hohen, weiten Raum fällt. Ein Raum, kühl und doch wunderschön, ein Raum voll Ungesagtem, darin unausführliche Wahrheiten schweben wie einzelne Töne. Wahrheiten, die eigentlich nur Gesten sind, zu erahnen in der Art wie Tranströmer sie uns eingibt, ihre Wirkung nicht aus dem Kern, sondern von den Grenzen und Außenposten der Aufmerksamkeit ziehend, mitten hinein, wo kaum mehr ein Gedanke regieren kann; Tranströmer weiß um die wesentliche Wahrheit dieser Gesten und so spiegeln sie sich in all den Versen, die er um sie und in ihnen errichtet: Ein Geflecht, ein Labyrinth aus Eindrücken, Wesenheiten und Momenten, über dem man zu schweben beginnt, und die alle am Ende das nahezu glatte, weiße Segel bilden, mit dem man ein Boot hinaus auf jenen Ozean der Poesie schicken kann, ein Meer, auf dem alles Erfahrung bedeutet, und wo jedes gesichtetes Festland einem Wunder gleicht und doch nicht das Ziel ist – das Ziel ist es, zu segeln, immer weiter, in die nächste Stimmung, tiefer hinaus und hinein.

“Schneelose Wintertage gibt es, da ist das Meer verwandt
mit Berggegenden, geduckt in grauem Federkleid,
eine kurze Minute blau, lange Stunden mit Wellen wie bleiche
Luchse, vergebens Halt suchend im Strandkies.”

Dies alles, dessen bin ich mir bewusst, ist nur die eine Seite von Tranströmers Lyrik, die allgegenwärtige, die unwillkürliche, kurz: der Stil. In dem Langgedicht Ostseen (ein Text, den man immer wieder lesen und lesen und lesen kann) heißt es an einer Stelle: “2. August. Etwas will gesagt werden, aber die Worte lassen sich nicht darauf ein./ […] Worte gibt es nicht, aber vielleicht einen Stil…” Der Stil – dieses Einhalten, Festhalten und gleichzeitige Erweitern aller Bilder, das Bescheidene und Große, die nebeneinander wandern, kein bisschen unschlüssig – er allein macht Tranströmer schon zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Und alle, die einmal gerne eine Sammlung echter Poesie im Schrank, auf dem Nachtisch, oder einfach bei sich haben wollen, denen sei dieses überreiche Buch schon alleine deswegen wärmstens empfohlen.

“Wach im Dunkel, hört man die
Sternbilder stampfen in ihren Boxen
hoch überm Baume.”

“Und der Wind radelt friedlich durchs Laub.”

Als Psychologe (auch in einer Haftanstalt) und Reisender, als Opfer eines Schlaganfalls (mit folgenden Lähmungserscheinungen), als Naturbegeisterter, als Kenner der Geschichte, als Mensch, als Bewohner Schwedens, als Freund des Meeres und als sensibler Erfasser der Nacht, als Kenner von Musik und Malerei, als Liebender – jeder Dichter hat viele Stimmen (oder: viele Elemente, durch die er sich bewegt mit seiner Stimme), mit denen er spricht.

Einige von Tranströmer habe ich hiermit aufgezählt, auch wenn ich sie am liebsten sofort wieder wegstreichen würde. Man nehme sie bitte denn auch nicht als Ansatz für Vorstellungen, etwa hinsichtlich von Meinungen, die Tranströmmer kundtut, oder als eingefasste Themenvorwegnahme oder sonst etwas in der Art. Sie sind hier nur aufgelistet, um einen Blick auf die Ausgangspunkte mancher Situationen zu ermöglichen, in denen Gedichte entstanden sein mögen, wo, von der Idee eines flüchtigen Erlebens angereizt, das Wesen einer lyrischen Wortfolge seinen Ursprung haben könnte.

“Unterwegs im langen Dunkel. Eigensinnig schimmert
meine Armbanduhr mit dem gefangnen Insekt der Zeit.

Das vollbesetzte Abteil ist dicht vor Stille.
Im Dunkel strömen die Wiesen vorbei.

Aber der Schreiber ist halbwegs in seinem Bild
und bewegt sich darin zugleich als Maulwurf und Adler.”

Dichtung ist oftmals eine Art von Rettungsanker, ein Bewahrer, ein Formulierer des Magischen im Realen und dann und wann auch so etwas wie ein guter Geist, der in allem ein Schweigen finden kann, dass die Dinge und dich durch einen Raum aus Entfernungen miteinander vernetzt.

Auch in Tranströmers Lyrik geht es oft ums Bewahren, um das Bewahren der alltäglichen Wunder (mit Bildern wie dem oben zitierten Ausschnitt um das “Insekt der Zeit” oder, noch weiter oben, der Sternenbilder) bei Einhaltung aller Grenzen, die man nicht übertreten kann, ohne zu viel miteinander zu verbinden. Denn auch diese Fuge ist stark in Tranströmers Werk, die filigrane Verbindung. Aber sie hält sich an das Wesen der Linie, die mit ihrer einzelnen Bahn langsam einen Raum zeichnet, statt direkt den ganzen Raum in ein Muster drücken zu wollen. In Tranströmers Gedichte passen wir noch, geradeso, ohne unsere Augen umstellen, ohne unsere Vorstellungen verknoten zu müssen. Das Ich des Lesers und seine reflexive Anteilnahme an den Zeilen, wird manchmal sogar zum zentralen Punkt des Gedichts, einem Text, der letztlich nichts ist ohne das Gebirge des Einzelnen, das zu seinem Echo wird, in diesem Echos selbst enthalten ist.

“Ich hisse die Haydnflagge – das bedeutet:
>>Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.<<

Die Musik ist ein Glashaus am Hang,
wo die Steine fliegen, die Steine rollen.

Und die Steine rollen quer hindurch,
doch jede Fensterscheibe bleibt ganz.”

Dieses Gefühl, das sagt: “ich bin genau die Stelle,/ wo die Schöpfung an sich selbst arbeitet.” Dieses Gefühl, was unser Bewusstsein ausmacht.

Solche Bewusstseinszustände zu beschreiben und zu malen, ist einer der großen Verdienste des Gedichts. Und deswegen brauchen wir Gedichte – um im Angesicht dessen, was unvergänglich scheint für den Moment, und das doch so vergänglich ist wie wir selbst (wie wir wissen), einen Ruhepunkt zu finden, eine Verbindung. Ein Beweis, so klein wie eine Blume und doch so mächtig wie der allererste Eindruck, wenn unser Blick auf sie fällt, an ihr hängenbleibt und an ihrer Erscheinung festhält. Unumgänglich ist unser Augenschein und seine allzeit laufende Aufnahme und dennoch sehen wir nur den Kern der Dinge – das Fruchtfleisch zeigt uns das Gedicht.

“Im Gelände draußen, nicht weit von der Ansiedlung,
liegt seit Monaten eine vergessene Zeitung voller Ereignisse.
Sie altert Nächte und Tage hindurch in Regen und Sonne,
dabei, eine Pflanze zu werden, ein Kohlkopf, dabei, mit dem Boden
eins zu werden.
So wie eine Erinnerung sich langsam zu dir selbst verwandelt.”

“Zwei Wahrheiten nähern sich einander. Eine kommt von innen, eine
kommt von außen,
und wo sie sich treffen, hat man eine Chance, sich selbst zu sehen.”

Sich selbst zu sehen und auch das Andere (welches in der heutigen Zeit entweder ignoriert oder aber als anonym, unübersichtlich, etc. abgestempelt wird). Ein Gedicht bietet dabei selbstredend keine Gewissheit; es zeigt vielmehr, dass Ungewissheit die Regel ist, selbst wenn es irgendwo Gewissheit geben sollte. Und dass auch in der Ungewissheit eine Möglichkeit steckt, mit der Welt umzugehen.. In diesem Zusammenhang gilt immer noch, was Erich Fried einst schrieb: “Wer/ von einem Gedicht/ seine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.
Wer/ von einem Gedicht/ keine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.

Tranströmers Gedichte halten noch vieles bereit, weit mehr, als eine Annäherung wie diese offenbaren oder ausdeuten kann. Da sind noch jene zunächst rätselhaft anmutenden konzentrierten Verswahrheiten, klein wie Schlüssel, passend zu nur allzu bekannten Türen, die wir auch mit dem eigenen Blick öffnen könnten – aber die Sprache kann hier helfen, sich überhaupt der Schlüssel zu erinnern. Manchmal braucht es eine Girlande von Worten, um in der Finsternis von Reden und Gegenreden die wage Erkenntnis zu berühren, die sich als Stimmung erhebt zwischen Gedicht und Leser, als geschähe es zwischen dem Wunsch und der Erfüllung …

“Und über die Toten zu schreiben,
ist auch ein Spiel, das schwer ist
von dem, was einst kommt.”

“Jesus hielt eine Münze hoch
mit Tiberius im Profil,
ein Profil ohne Liebe,
die Macht im Umlauf.”

Am Ende eines wunderbaren Gedichtes über Vermeer heißt es bei Tranströmer wie folgt:

“Es ist wie ein Gebet zur Leere.
Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu
und flüstert:
>>Ich bin nicht leer. Ich bin offen.<<”

Ich glaube, dies ist eine gute Beschreibung für die Erfüllung, die Chance eines Gedichts. Und das Bemerkenswerte ist letztendlich, dass auch man selbst sich manche innere Leere als etwas Offenes erschließen kann, wenn man sehr aufmerksam liest, wenn man die Fußspuren der Dinge zwischen den Falten der Landkarte bemerkt.

“Es gibt Tage, da ist die Ostsee ein stilles endloses Dach.
Da träumte naiv von Einem, der auf das Dach gekrochen kommt und
versucht, die Flaggenschnüre zu entwirren,
versucht, den Fetzen
hochzukriegen –

die Fahne, die vom Wind so zerrieben und von den Schornsteinen so
verräuchert und von der Sonne so gebleicht ist, dass sie allen gehören
kann.”

“Und das Haus spürt sein Sternbild aus Nägeln,
welche die Wände zusammenhalten.”

Zu dieser Edition:

Im Wesentlichen ist das Buch eine Zusammenführung der bei Hanser erschienenen Bände Sämtliche Gedichte(bis 1996), Das große Rätsel (Haikus & Gedichte 1996-2004) und dem autobiographischen Prosaband Die Erinnerungen sehen mich ergänzt um die Rede zur Verleihung des Pilot-Preises. Letztere ist ein sehr interessantes Dokument und erzählt auch von Tranströmers eigenen Vorstellungen über Poetik, während “Die Erinnerungen sehen mich” sich ausschließlich mit seinem Heranwachsen und der Schulzeit beschäftigt, auf eine feine und knappe Art, unter wenigen Stichpunkten sortiert und prosapoetisch inspiriert.

Die Übersetzungen liegen weiterhin in der sehr überzeugenden, geradezu meisterhaften Übersetzung von Hanns Grössel vor (meisterhaft von der Wirkung her; über die weiteren Qualitäten darf ich mir, als jemand, der kein Wort Schwedisch kann, natürlich kein Urteil erlauben). Sehr schade ist, dass die Anmerkungen zu den Gedichten bis 1996 einfach aus dem Band “Sämtliche Gedichte” übernommen wurden; hier hätten bestimmt noch ein paar Einträge mehr dazukommen können. Es belastet zwar das Leseerlebnis in keinster Weise, hätte aber die Edition als solche wirklich komplettiert. Das Nachwort von Hans Jürgen Balmes ist ebenfalls gelungen, auch wenn ich mir vielleicht noch ein paar Worte von Michael Krüger oder von dem (leider 2012 verstorbenen) Hanns Grössel gewünscht hätte, vielleicht auch etwas zu den Übersetzungen.

Dennoch gebührt dieser, in ihrem Großformat ansehnlichen Edition auch ein Lob, ebenso wie dem S. Fischer Verlag, der mit dieser Ausgabe zu einem weiteren Literaturnobelpreisträger aus der Sparte Lyrik (neben Joseph Brodsky und Seamus Heaney) eine umfassende Sammlung von Gedichten zugänglich macht (auch wenn hier der Hanser Verlag die Vorarbeit leistete).

Abschließen möchte ich diese Rezension mit zwei Haikus, die Textform, in der Tranströmer in seinen letzten erschienen Gedichten hervortrat, und zwei Sätzen aus seinen Prosatexten, die hoffentlich auch die Eleganz und Tiefe, die er in dieser Gattung zuwege bringt, illustrieren können. Ganz zum Schluss bleibt mir nur, dieses Buch noch einmal nachdrücklich zu empfehlen, als ein beeindruckendes Erlebnis, als ein ungemein einnehmendes Beispiel großer Dichtkunst. Lesen bedeutet hier Glanz und Erkennen, auf derselben Stufe; bedeutet Sinne, die sich in alle Dinge begeben und doch auf dem Gefühl Vorstellung ruhen, wie eine schöne Erinnerung tief im Gedächtnis liegt und doch am meisten in jenem Moment enthalten ist, in dem sie hervorbricht.

“Anwesenheit von Gott.
Im Tunnel des Vogelgesangs
wird ein verschlossenes Tor geöffnet.”

“Horch, das Rauschen von Regen.
Ich flüstere ein Geheimnis
um hineinzukommen.”

“Man fühlt sich immer jünger, als man ist. In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe. Die Summe daraus ist das, was >>ich<< ist. Der Spiegel sieht nur mein letztes Gesicht, ich spüre alle meine früheren.”
(Aus: Die Erinnerungen sehen mich)

“Mein Examen habe ich an der Universität des Vergessens gemacht und habe genauso leere Hände wie das Hemd auf der Wäscheleine.”
(Aus dem kurzen poetischen Prosatext “Madrigal“)

“Ich schaute zum Himmel und auf den Boden und geradeaus
und schreibe seither einen langen Brief an die Toten
auf einer Maschine, die kein Farbband hat, nur einen Horizontstreifen,
sodass die Worte vergebens schlagen und nichts haftet.”

Gedicht – Zum Tod von Tomas Tranströmer

Zum Tod von Tomas Tranströmer

Er schrieb dünne Partituren
für eine ganze Landschaft an Sinnen
in einem Weltgeschehen aus Bildern.

Ein um Pfand erleichtertes Licht
hinter allen Blenden,
das sie umstürzt, scheint dazwischen.

Es berührt uns, obwohl wir dunkel sind,
nicht sehen wo es uns zuknüpft
oder auf.

Bleiben beide unbestimmt.
(Sind uns aber ähnlich.)

Wirklichkeiten entstrauchelte er, lieh ihnen Stimme,
und hauchte dünne Linien ihnen ein
deren Muster als Naht entlang der Seele diente.

Mancher Vers wusste kaum wohin er führte;
keinerlei Bestimmung ewig zu sein,
sondern als Eindruck zu strömen; strömend

war da doch ein Anteil Ewigkeit.
Ein Anteil, der fragt nach den Dingen.
Poesie lädt immer zum Zweifeln ein,

aber vor allem zum Träumen. Sie kann,
sie darf,
sie will,
sie wird
dich faszinieren.

Denn da ist keine Stelle, die nicht etwas sieht. Nichts
ist leer,
alles
ist offen.

Sieh hin. Ein Wunder gibt es,
das stets geschieht.
Von ihm oft eingefangen, aufgeschrieben,

eingeladen, sich in die Worte zu verlieben,
damit jeder es durch Sprache sehen kann.
Nur Dank, nur Liebe
für diese Art von Poesie,
selbst in der Trauer.

Zu den gesammelten Gedichten von Cees Nooteboom im ersten Band der Werkausgabe

Aus Schwarzem Gold fliegen Vögel auf
und entbinden ihre Flügel.
Das immer blinder gemalte Auge sieht es
und schreibt.”

Der holländische Schriftsteller Cees Nooteboom ist vor allem für seine Reiseberichte und Novellen bekannt; und er hat mit „Allerseelen“ und „Rituale“ auch zwei bedeutende Romane geschrieben. Dass in dem feinfühligen, versierten Erzähler auch ein Dichter steckt und dass dieser Dichter beweist der erste Band der Werkausgabe, in dem nahezu das ganze lyrische Schaffen von Nooteboom versammelt ist (ausgenommen der neuste Gedichtband „Licht überall“ und weitere Ausnahmen, siehe unten)

“Wir kennen die poetische Poesie, die gemeinen Gefahren
von Mondsucht und Singstimme. Bloß balsamierte Luft,
es sei denn, man macht daraus Steine, die glänzen und schmerzen.”

Nootebooms lyrisches Werk geht bis zu seinen Anfängen zurück. 1956, ein Jahr nach seinem Prosadebüt Philip und die anderen, entstand ein schmaler Gedichtband, der leider ebenso wie die Gedichte nach 2003 (welche im letzten Band der Werkausgabe “Poesie und Prosa 2005-2007″ gepackt wurden) hier nicht enthalten ist; 1959 folgten dann die “Kalten Gedichte”, die, ebenso wie das vier Jahre darauf folgende “Schwarze Gedicht”, noch sehr expressionistisch sind; kantige und wie abgewaschene Regungen und Bilderwelten, die aber schon eine gewisse Stärke im Ausdruck haben.

“Der weg zerfällt am verweinten gebirge.
nun stirbt die goldene sonne in ihrem gefolge
das rot färbt alle Bäume.”

“doch der Wind reitet vorbei auf kopfscheuen pferden
der mond wählt einen ängstlichen Weg in die Wolken
nur ab und zu fallen silberne Splitter herunter”

Im weiteren Verlauf lässt sich eine Verbindung zum lyrischen Werk von Jorges Luis Borges ziehen, mit dem Nooteboom eine demütige, geradezu erlesen-feine Sprache teilt, die sich wie aufs Verwalten verlegt; besonders stark habe ich mich bei dem auch als Einzelband veröffentlichten Werk “Das Gesicht des Auges” an diese Art erinnert gefühlt.

Von Borges trennt ihn wiederum seine nicht intelligibeln, sondern existenziellen dichterischen Themen. Bei Nooteboom geht es nämlich oft auch um das Schreiben selbst, oder um das Lesen und dazwischen um die Möglichkeiten von Erkennen, Einfangen und Ausdrücken; das verknüpft er gerne mit einem anderen Thema von ihm: mit Relativität und Zeit, zwei Themen, die auch Borges oft beschäftigten.

“Ich lese deine Gedichte in Broome,
auf der anderen Seite der Welt.
Nicht Besonderes. Es gibt nur eine
und die ist rund.”

“Ich, der ich gelernt habe,
dass die Zukunft ein Motor ist,
der noch nie gelaufen ist,
dass alle Sprachen dasselbe verschweigen
und all meine einmaligen Träume
im Kino zu sehen sind.”

Doch bei all dem, was ich bereits gesagt habe und was man leicht an den Beispielen erkennen kann, ist Nooteboom zusätzlich noch ein Dichter mit zwei Gesichtern. Seine klareren und poetischen Werke waren für ihn kein Grund auch andere, kryptisch-hermetischere Lyriken zu schreiben; Gedichte in denen fast in jeder Zeile zwei Wörter aufeinander losgelassen werden, in denen Kontraste dominieren, in denen der Sinn ein Zauberwürfel in Form eines Prismas ist.

“Doch drüben, wo der Tod ist, an Land,
liest der Wind in der Zeitung der Zeit,
dort reden Tote in ihren weiten Schemen
von Ewigkeit und Einsamkeit.”

“Die besten Dichter haben uns einige gute Gedichte hinterlassen, haben ein paar Zeilen zum Beweis der Poesie vorzuweisen und sind niemals darauf verfallenen eine zweidimensionale Zeile zu verfassen.” Wenn dieser Satz von Ezra Pound stimmt, dann ist Nooteboom ein großer Dichter. Für mich auch deswegen, weil er poetisch ist, aber sich dennoch nie ganz in einer einzelnen Poesie niedergelassen hat; man liest stürmische Zeilen, bekommt aber vom Autor ein Schiff, mit dem man darauf fahren kann; man bekommt Weisheiten serviert, man wird aber auch leicht abgewandt in welche eingefädelt. In diesem Sinne ist eigentlich jede Etappe dieser gesammelten Gedichte lesenswert.

“So wie die Lilie einschläft
in ihrem Hotel, die Nacht vor Kriegsbeginn,
während unten der Portier
die Rechnungen schreibt.

So werden Jahre Zeit.”