Zu Benjamin Quaderers “Für immer die Alpen”


Fuer immer die Alpen von Benjamin Quaderer Liechtenstein (nicht zu verwechseln mit Luxemburg): ein kleiner Staat zwischen Österreich und der Schweiz mit ca. 38 000 Bewohner*innen, ein Fürstentum, um präziser zu sein, nur halb so groß wie Bremen und doch wichtiger Finanzumschlagplatz, u.a. Heimat der LGT Bank – und bei Benjamin Quaderer Geburtsort eines Protagonisten von traurigem Schicksal. Sein Name: Johann Kaiser.

Mit Franz Kafkas Josef K. hat dieser Protagonist nicht nur die Initialen gemein, er scheint auch ebenso glücklos bei der Abwendung unschöner Anschuldigungen zu sein (und sein Lebensweg führt auch ihn auf die Suche nach Gerechtigkeit, deren Fehlen ihn seines freien Lebens beraubt; ein Prozess wird ebenso eine Rolle spielen); der Nachname Kaiser ist eine weiteres Element mit Hintersinn, ist er doch auch ein Titel, der höchste Adelstitel, höher sogar als der des Fürsten (von Liechtenstein), der im Verlauf von Johann Kaisers Abenteuern noch eine entscheidende Rolle spielen wird, ebenso wie das Liechtensteiner Stiftungswesen, Wohnungen in Barcelona und ein Kriminalpsychologe von zweifelhafter Professionalität.

Soweit die Appetitanreger, von denen Quaderer selbst einige über den Text verstreut. Manchmal wirken sie etwas heischend, sind aber folgerichtig, immerhin ist das ganze Buch eine Niederschrift Johann Kaisers, der sein eigenes Leben anhand von Aufzeichnungen und Erinnerungen schildert und seine Sicht auf die Dinge ist bestimmt von der Gegenwart, in der er sich im Zeugenschutzprogramm befindet und in kleinen Aspekten der Kindheit und Jugend schon Vorboten der Ereignisse sieht (oder sie zumindest in Relation dazu einbettet), die dieses Dasein zur Folge haben sollten.

Auf der einen Seite ist das Buch ein relativ geradliniger Entwicklungsroman, der mich dann und wann ein bisschen an William Boyds „Eines Menschen Zeit“ erinnert hat; auf der anderen Seite ist er gespickt mit jeder Menge stilistischen Kniffen, vielen Anspielungen und einer manchmal hintergründigen, dann wieder vordergründigen Komik, bei der ich mir nie ganz sicher war, inwieweit sie dominantes Element und inwieweit sie Beiwerk sein soll (eine irritierende, aber durchaus auch faszinierende Erfahrung, die ich wiederum, allerdings auf andere Weise, aus den Werken Kafkas kenne).

Quaderer erprobt in verschiedenen Kapiteln verschiedene Erzähltöne und -perspektiven und andere verfremdende Elemente, z.B. sind in manchen Abschnitten Stellen geschwärzt, in einem Kapitel werden die Geschehnisse parallel aus zwei Blickwinkeln erzählt – der eine Strang auf den Seiten mit den geraden, der andere auf den mit den ungeraden Seitenzahlen.

All diese innovativeren Elemente, die manchmal wie eine Spielerei, manchmal wie ein gelungenes Vehikel wirken, können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass Quaderer es ein bisschen scheut, sich mit dem Innenleben seines Protagonisten, abseits des Nötigten und zu Erwartenden, auseinanderzusetzen. Zwar lässt sich das formal dadurch erklären, dass alle Erlebnisse vom Protagnisten selbst beschrieben und dadurch unter einem bestimmten Gesichtspunkt gedeutet werden, verzerrt durch die Fixierung auf die Folgen, das letztendliche Ergebnis. Trotzdem bleibt der Protagonist (dessen Geschichte, zumindest in den letzten Teilen, auf die alles hinausläuft, wohl auf dem wahren Fall des „Datendiebs“ Heinrich Kieber beruht) blass, ja, an manchen Stellen mutet die Schilderung seines Lebens ein bisschen wie eine lockere Farce oder Parodie an, unterlegt mit gefühligen Molltönen – nicht selten werden große Emotionen behauptet, ohne dass ich als Leser diese wirklich nachempfinden (wenn vielleicht auch nachvollziehen) kann.

Anders gesagt: Quaderer lässt Kaiser vieles erleben, darunter Freundschaft, Liebe, Schmach und Gewalt, baut ihn aber dennoch von Anfang als Unglücksrabe, als schräge Figur auf, und in der Rolle bleibt er, durch alle Hochs und Tiefs, irgendwie (wiederum ähnlich wie Kafkas Romanprotagonisten, deren vermeintlichen Triumphen und Hoffnungen immer gleich der Rückschlag folgt und die auch relativ undefiniert bleiben). Wiederum: dies mag formal folgerichtig sein, denn als Unglück sieht Kaiser sein Schicksal selbst an und trägt diese Überzeugung in seine eigene Biographie hinein, macht sie zum roten Faden.

Aber obgleich folgerichtig, macht diese Entscheidung das Buch – abseits davon, dass es sehr unterhaltsam ist und ich es gern gelesen habe – nicht zu einer wirklich nachhaltigen Erfahrung; Kaiser bleibt mir nicht als Person im Gedächtnis, sondern als Figur, ich baue keine Beziehung zu ihm auf. Vielleicht ist es auch kein Buch, das derlei Identifizierung möglich machen will – aber dafür kehrt Kaiser dann und wann seine Gefühl doch etwas zu kräftig heraus. Auch das kann man wiederum formimmanent erklären, aber … es bleibt das Gefühl, das etwas fehlt.

Dennoch: man kann durchaus den Hut ziehen vor Quaderer und seinem dicken Roman, bei dessen Lektüre ich mich nie wirklich gelangweilt habe (wobei ich mich durch das eine Kapitel in Tansania echt durchkämpfen musste, da war die stilistische Abweichung zum Rest meiner Meinung nach zu groß – nicht generell, aber im Kontext des Buches). Vielleicht geht es ja auch nur mir so und andere Leser*innen werden ruckzuck warm mit Johann Kaiser. Und sonst bleibt immer noch eine schöne Reise, mit vielen Schauplätzen rund um den Globus, manch komischen und manch irritierenden Einfällen und einem PageTurner-Feeling das Hand in Hand geht mit manchem literarischen Hochgenuss. Und ganz zum Schluss muss man halt auch sagen: es ist ein Debüt. Und dafür ist „Für immer die Alpen“ schon ziemlich beachtlich, in vielerlei Hinsicht.

Zu der Lyrik-Anthologie “Im Grunde wäre ich lieber Gedicht”


Im Grunde wäre ich lieber Gedicht Drei Jahrzehnte Lyrik Kabinett in München (dessen Lyrik-Bibliothek mit mehr als ca. 60.000 Bänden Deutschlands größte Sammlung internationaler Poesie ist), unzählige Lesungen mit unzähligen Gästen aus nah und fern – das schrie förmlich nach einer Anthologie, aber allzu oft verhallen solche Schreie wohl ungehört oder werden barsch, vielleicht mit einem schmalen Jubiläumsheftchen, abgewatscht.

Nicht so in diesem Fall, einem Glücksfall für alle Poesie- und Lyrikliebhaber*innen. Denn Michael Krüger und Holger Pils haben eine Anthologie herausgegeben, die in Umfang und Akkuratesse tatsächlich eine Vorstellung davon geben kann, was für eine wichtige und inspirierende Institution das Lyrik Kabinett war und ist und was für spannende Veranstaltungen dort stattfanden und -finden – nebst einem wunderbaren Einblick in die verschiedensten Formen und Richtungen der Lyrik, deutschsprachig und international.

Das Buch geht chronologisch vor. Während im unteren Bereich der Buchseite eine Liste mit den Veranstaltungen des Jahres mitläuft, sind darüber Gedichte (nebst Original, falls sie aus einer Fremdsprache stammen) abgedruckt, die von einem/r Autor*in stammen, die an einem dieser Termine gelesen hat/Thema der Veranstaltung war. Die jeweiligen Jahreskapitel werden eingeleitet von kurzen, meist poetologischen Abschnitten aus Reden und Essays von Dichter*innen.

Nur wenige Anthologien sind in Sachen Lyrik unverzichtbar, aber der Hanser Verlag beschenkt uns seit einer Weile mit einigen solcher Anthologien, sei es zur italienischen Dichtung („Die Erschließung des Lichts“), zum Minnesang („Unmögliche Liebe“) oder zur europäischen Dichtung („Grand Tour“) – bald kommt eine umfassende Anthologie zur Dänischen Lyrik („Licht überm Land“) hinzu. „Im Grunde wäre ich lieber Gedicht“ ist ein weiterer dieser kostbaren Schätze, dem ich jeder/m ans Herz legen möchte. Es ist nicht nur selbst eine Reise, sondern lädt durch die Auflistung der vielen Namen am unteren Rand auch zu weiteren Reisen in die große, weite Welt der Lyrik ein.

Zu “Technophoria” von Niklas Maak


Technophoria „Nie hatte man so viel Geld verdienen und gleichzeitig der Menschheit und der Natur so viel Gutes tun können.“

Smart Homes, Smart Citys, Roboter, die sich wie Menschen verhalten, Serverfarmen, die mit Ökosystemen gekoppelt sind, selbstfahrende Autos, Überwachung der meisten Interaktionen zum Schutz und der Optimierung aller Abläufe – in Niklas Maaks Roman betreten wir eine Welt, an deren Schwelle wir längst stehen, die aber immer noch futuristisch anmutet, wenn man sie, mit all ihren innovativsten und fortschrittlichsten Zügen, vorgesetzt bekommt.

Vor allem, weil sich schnell die Frage stellt, wie sich das vereinbaren lässt: auf der einen Seite die immer mehr in Richtung Perfektion und Reibungslosigkeit verlaufende Evolution der Technik und auf der anderen Seite der Mensch, dieses ganz und gar nicht reibungslose Wesen (das „Reibung“ sogar benötigt, in vielerlei Hinsicht), das mit dieser Evolution kaum Schritt halten kann, ohne dessen Mitwirkung die Visionen der Technik aber nichts weiter sind als ausgeklügelte Mechanik, der die Funktion (und der Sinn) fehlt.

Wie weit ist das Menschsein heute schon über Interaktionen zwischen Mensch und Maschine definiert (oder bewegt sich zumindest auf neue Definitionen zu)? Können Natur und Technik verschmelzen, können Herkunft und Errungenschaften des Menschen zu einem gemeinsamen Lebensumfeld werden?

„Technophoria“ geht diesen Fragen auf den Grund und das extrem schnörkellos. Wer ein geruhsam aufgebautes Narrativ erwartet, der wird rasch eines Besseren belehrt: das Buch ist ebenso schnelllebig wie die Zeiten, von denen es erzählt. Damit ist keineswegs gemeint, dass Maak einen platten, uninspirierten Schreibstil pflegt – seine Sprache ist präzise und bringt doch immer wieder erstaunlich poetische Bilder hervor, durchaus mit feinen Nuancen. Es ist vielmehr so, dass das Buch einfach niemals wirklich innehält, sondern geradezu unaufhaltsam seine Episoden abspielt.

Fixpunkt und roter Faden in dieser Abfolge von Episoden rund um den Globus ist zumeist Turek (nebst einer Gruppe von weiteren Protagonist*innen, in deren Innenleben wir allerdings nur begrenzt, meist nur in einer einmaligen Sequenz, Einblick erhalten). Er arbeitet am Anfang für einen Smart-City-Pionier namens Driessen, der in Berlin gerade ein Viertel modernisiert, mit allem was dazugehört: von Lichtern, die nur angehen, wenn jemand in ihrer Nähe ist, bis zu selbstfahrenden Autos. Ein anderes Projekt, das immer wieder eine Rolle spielt und eine Art Rahmen für das Buch bildet, ist das Anlegen eines Grabens vom Mittelmeer zur Qattara-Senke in Ägypten, zur Senkung des Meeresspiegels und der Schaffung einer neuen wirtschaftlichen High-End-Region, ähnlich dem Silicon Valley.

Aber auch zu Gorillas in den Urwald, Roboterpionieren in Japan und zu Serverfarmen in der Wüste Montanas verschlägt es Turek. Überall ist er konfrontiert mit den Auswüchsen der Globalisierung und, unter der dünnen Schicht aus Technik, Wirtschaft und Politik, einer gleichbleibenden Menge an menschlichen Emotionen.

Denn das arbeitet Maak gut heraus, wenn er es auch selten direkt zum Thema macht: ganz gleich, wie weit die Technik schon ist und was die Menschen alles schon für sich entdeckt (oder wiederentdeckt) haben: noch immer sind da, die Begierden, die Irritationen, die guten alten Affären, die unerwiderte Liebe, die Geltungssucht, die Sehnsüchte generell. Turek glaubt an die formende und erneuernde Macht der Technik, die Erlösung der täglich aufs Neue verlorenen Menschheit durch ihre kühnsten Schöpfungen – und doch bringt der Mensch mit jeder neuen Schöpfung mehr zwischen sich und seine Ursprünge und vielleicht auch zwischen sich und andere Menschen.

Wie steht es um die Vereinbarkeit von Innovation, Ressourcenmanagement und Ökologie? Können wir eine Welt erschaffen, die wie für uns gemacht ist oder verlieren wir gerade diese Welt aus dem Blick? Welche Hoffnungen und Ängste verbinden wir mit Technologie? Maaks Roman ist ein kleines Panorama technischer Möglichkeiten und der damit verbundenen Hoffnungen und Abgründe. Zwar sind die Figuren nicht unbedingt Sympathieträger*innen und man baut keine wirkliche Beziehung zu ihnen auf, aber man erlebt als Leser*in eindringlich, wie sie mit ihrer Umwelt und deren technischer sowie animalischer Natur verbunden sind/interagieren – und das ist, auf Umwegen, dann doch ein Blick in den Spiegel.

„Je neuer die Dinge sind, hatte Driessen gesagt, desto mehr muss man den Leuten einreden, dass alles so wie immer ist.“

Zu “Der Dreißigjährige Krieg” von Ricarda Huch


Der Dreißigjährige Krieg Egal ob man es einen historischen Roman nennt oder ein anschauliches Geschichtsbuch, beides wird Ricarda Huchs Werk „Der Dreißigjähre Krieg“ nicht ganz gerecht. Es ist das fast schon intime und gleichzeitig monumentale Portrait einer Epoche und ihrer Akteure, ein lebendiges Panorama, ein Glanzstück der historischen Erzählung mit allen dramatischen Kniffen und aller wissenschaftlichen Akkuratesse.

Ursprünglich erschien das Buch in drei Bänden vor dem ersten Weltkrieg unter dem Titel „Der große Krieg in Deutschland“. Grundlage für die Anaconda-Ausgabe ist jedoch die gekürzte zweibände Ausgabe, die nach 1929 einige Auflagen bei Insel erlebte und in dieser einbändig-kompakten Form über 1000 Seiten (mit angenehmer Schriftgröße) fasst.

Zwar sind seit dem Erscheinen des Buches einige andere bedeutende Werke zum Dreißigjährigen Krieg verfasst worden, u.a. gerühmte historische Werke von Georg Schmidt und Peter Wilson (und auch der erste Band von Heinz Dieter Kittsteiners großem Geschichtsprojekt zu Deutschland behandelt diese Zeit und die Folgen), auch in Philip Bloms „Die Welt aus den Angeln“ spielt der Krieg eine Rolle und Daniel Kehlmann hat mit Tyll einen sehr unterhaltsamen, klugen Roman dazu verfasst.

Wer aber beides haben will, die Spannung des Romans und trotzdem die übergreifende historische Perspektive, den lebendigen Einblick in das Wirken und Handeln der Zeit, der sollte nach wie vor zu Huchs Werk greifen. Es ist fesselnd, unterhaltsam und bringt einem die Epoche, ihren Geist und ihren Charakter, wirklich näher.

Zu “Ich erwarte die Ankunft des Teufels” von Mary MacLane


Ich erwarte die Ankunft „Ich, neunzehn Jahre alt und im weiblichen Geschlecht geboren, werde jetzt, so vollständig und ehrlich wie ich kann, eine Darstellung von mir selbst verfassen, Mary MacLane, die in der Welt nicht ihresgleichen kennt.“

Auch der Titel eines Spielfilms aus dem Jahr 2019 wäre wohl ein brauchbarer Titel für dieses wiederentdeckte Werk von Mary MacLane aus dem Jahr 1902 (übersetzt und mit einem Nachtwort von Ann Cotten + einem Essay von Juliane Liebert) gewesen: „Portrait einer jungen Frau in Flammen“.

Denn nicht mehr und nicht weniger ist dieses Buch: eine flammende und knisternde, sich selbst in Ansätzen verzehrende und auf alle Bestandteile der Welt übergreifende Selbstverortung einer jungen 19jährigen, die sich zu größerem als dem vor ihr, in Landschaft und Gesellschaft, ausgebreiteten Dasein berufen fühlt und schier platzt vor Bedürfnissen und dem Wunsch nach Erfahrungen, die es mit der Spannung, den Bewegungen in ihrem Geist aufnehmen können.

„In mir trage ich den Keim eines intensiven Lebens. Wenn ich leben könnte, und wenn es mir gelingen könnte, mein Leben aufzuschreiben, würde die Welt seine schwere Intensität spüren.
Ich habe die Persönlichkeit, die Anlagen eines Napoleon, wenngleich in einer weiblichen Version. […]
Kann ich sein, was ich bin – kann ich ein seltsames, seltenes Genie besitzen und doch mein Leben verborgen in diesem ungehobelten, verzerrten Städtchen in Montana fristen?“

In Tagebuchform breitet Mary MacLane vor uns ihr Leben aus. Wobei, es ist weniger ihr Leben, es sind vielmehr ihre Vorstellungen, die in ihrer überbordenden Art nur dann und wann auf den schmalen Raum zurückweisen, der ihr im ländlichen Montana im Jahr 1901 zum Leben gegeben ist und den sie mit allen Zügen ihrer Philosophie und ihrer Gedanken und Hoffnungen zu verlassen sucht.

Fast phänomenologisch muten ihre teilweise ins Gewaltige gehenden, dann wieder manisch an einem kleinen Gegenstand oder Gedanken hängenden Eintragungen an, manchmal erscheinen sie eher wie Gesänge, ja, wie ein Anti-Walt-Whitman-Gesang, ein Gesang von einem Ich, das sich nicht auflöst und niederschlägt in den amerikanischen Städten und Landschaften, sondern diese mit seinem Geist, seinem Wesen übertrumpfen, überflügeln will.

„Sie dürfen das Bild vorne in diesem Buch betrachten und bewundern. Es ist das Bild eines Genies – eines Genies mit einem guten, starken, jungen Frauenkörper, – und im Inneren des abgebildeten Körpers befindet sich eine Leber, eine MacLane-Leber, von bewundernswürdiger Perfektion.“

In mancherlei Zügen habe ich mich an Emmy Hennings „Brandmal“ oder auch, sehr viel entfernter, an manche Passagen bei Djuna Barnes erinnert gefühlt. Wobei der Vergleich mit Hennings noch am ehesten greift, da in beiden Büchern das Ausleben der Selbstbeschreibung/-erschließung, der Versuch, das eigene Innenleben als das Leben, das Lebendige schlechthin abzubilden und zu propagieren, bis zur Erschöpfung betrieben wird.

In MacLanes Tagebuch noch erschöpfender als bei Hennings. Die ausufernden und gleichsam immer wieder um fixe Ideen kreisende Wucht des Textes trägt dabei durchaus repetitive, beschwörende Züge, als würde die Autorin ein einziges langes Plädoyer zur Verteidigung ihrer Gefühle und Ansprüche halten und dabei eine eigene, ciceronische Rhetorik entwickeln. Auch manche Motive sind in diese Wiederholungen eingespannt: ihre Leber bspw., die sie immer mal wieder erwähnt und der Teufel, den sie als eine Art besseren Schöpfer inszeniert und dem sie sich, teils spielerisch, teils ernsthaft, andient; auf dessen „Ankunft“ sie wartet, da mit ihm, so hofft sie, eine neue Freiheit in ihr Leben Einzug hält.

„Die Welt besteht hauptsächlich aus nichts. Davon kannst du dich überzeugen, wenn ein bitterer Wind deine falschen Vorstellungen davongefegt hat.“

Es gibt großartige Passagen, zum Beispiel einen Abschnitt, in dem sie in vollster Zufriedenheit von ihrem Essen, einem Steak und ein paar Zwiebeln, erzählt und in denen auch eine kompromisslose Komik durchscheint. Letztlich steht im Zentrum dieser zweihundert Seiten, inmitten dieses geballten Manifests von der Notwendigkeit einer Perspektive, einer Aussicht auf etwas, jedoch die Verzweiflung. Wo MacLanes Schreiben ein Feuer ist, rauchen Verzweiflung und Einsamkeit daraus hervor – und sind gleichsam das Brennmaterial, an dem sich das Feuer entzündet.

Ist das Buch als Dokument oder auch als Literatur wertvoll, diese Frage könnte sich für manche Leser*innen stellen, die mit einer zweihundertseitigen Rekapitulation der eigenen Bestimmung im Jahr 1901 nicht viel anfangen können. Ich glaube, man muss tatsächlich die poetischen (und teilweise die humoristischen) Aspekte des Buches schätzen (lernen), um wirklich Genuss bei der Lektüre zu empfinden.

Aber natürlich ist das Werk auch ein Dokument und muss auch als solches gesehen werden – als Portrait eines Individuums, geboren in die Zwänge einer Zeit und einer Gesellschaft, mit ihren Idealen und Vorstellungen, das versucht, seinen Status als Individuum auf irgendeinem Weg Geltung zu verschaffen, hier vor allem durch die Niederschrift, durch die Gestaltung des eigenen Mythos. Ein Thema, das auch in unserer Zeit nichts von seiner Sprengkraft eingebüßt hat, sondern, im Gegenteil, wohl eine Art ewiges Narrative darstellt, wenn man sich die „Weltliteratur“ anschaut.

Teilweise wirkt das Buch naiv in seiner Unbedingtheit, aber gerade diese „Naivität“ hat auch etwas Erfrischendes, Unumgängliches.

„Wenn ich vierzig bin, werde ich mich auf mich selbst zurückblicken und auf meine Gefühle mit neunzehn – und ich werde lächeln.
Werde ich wirklich lächeln?“

Zu “Die 200 häufigsten Fragen an Ärzte” von Dr. Christian Jessen


Die 200 häufigsten Fragen Dr. Christian Jessen hat eine bemerkenswerte Karriere vorzuweisen. Er praktiziert nicht nur als Arzt und gilt als Kapazität auf den Gebieten Malaria und Aids, sondern ist auch als Fernsehmoderator und Schauspieler in verschiedenen Serienformaten aufgetreten. Gleichwohl hat seine Biographie auch einige Schönheitsfehler (so unterstützte er die Kandidatur von Boris Johnson bei den Wahlen für den Vorsitz der konservativen Partei Großbritanniens und hat sich in der Corona-Krise mit seinen durchaus rassistischen Aussagen über Italiener*innen nicht mit Ruhm bekleckert, außerdem gab es einige weitere Kontroversen, über die man sich auf seiner englischen Wikipedia-Seite nachlesen).

Jedoch rechtfertigt keine dieser Kontroversen einen nachdrücklichen Zweifel an seiner medizinischen Kompetenz. Und auch wenn in Zeiten des Internets enzyklopädische Werke mehr und mehr an Bedeutung verlieren, so ist „Die 200 häufigsten Fragen an Ärzte“ dennoch als Schmöker und kleine Auffrischung des Allgemeinwissen durchaus zu empfehlen, zumal es weder zu fachlich noch auf irgendeine Weise zu klinisch daherkommt.

Der Inhalt ist unterteil in verschiedene Kapitel, in denen einige Fragen zu Symptomen und generellen körperlichen Defiziten (oder als solchen empfundenen) beantwortet und auch klassischen Allgemeinplätzen auf den Zahn gefühlt wird. Beispiele aus letzter Kategorie: Fallen beim Niesen die Augen heraus, wenn wir sie nicht schließen? Schadet es den Augen bei schlechtem Licht zu lesen? Warum verlernen wir das Fahrradfahren nicht? Gibt es tatsächlich Möglichkeiten seinen Penis zu verlängern/vergrößern? Ist der Schlaf vor Mitternacht tatsächlich besser? Was ist eine weibliche Ejakulation?

Wer also beim nächsten Mal mit Wissen punkten oder allgemein ein paar Allgemeinplatzriffs demnächst bewusster umschiffen will, der macht mit diesem Buch nichts falsch; zusätzlich aufgelockert wird die ansonsten meist sehr problemorientierte Lektüre noch durch einige Top 10-Listen, darunter: „Die überflüssigsten Körperteile“, „Die berühmtesten konservierten Körperteile“ oder auch „Die besten Nahrungsmittel“. Sicherlich sind Jessens Ratschläge und Einschätzungen nicht in jeder Hinsicht maßgeblich oder erschöpfen ihre Themen, aber er hat eine gesetzte und geduldige Art, die meist ein Vertrauen in seine Sicht auf die Probleme bewirkt.