Welt-Liste

trishen07:

Vorschläge für 5 stellige Auflagen:

Monika Rinck
Steffen Popp
Ann Cotten
Elke Erb
Christian Lehnert
Silke Scheuermann,
Ulf Stolterfoht
Paulus Böhmer
Helmut Krausser
Albert Ostermaier

Originally posted on Lyrikzeitung & Poetry News:

Das hätte sich kaum jemand träumen lassen: Der Preis der Leipziger Buchmesse hat Jan Wagners Gedichtband “Regentonnenvariationen” auf die Bestsellerliste katapultiert. Bis Ostern waren 35.000 Exemplare verkauft. In der kleinen und traditionell futterneidischen Lyrikszene wird nun diskutiert, ob der Erfolg verdient und Wagners Werk überhaupt repräsentativ für die Gegenwartsdichtung ist. Zweifellos gibt es auch viele andere Lyriker, die fünfstellige Auflagen verdient hätten. Hier eine subjektive Auswahl.

(Folgen Hinweise auf Bücher von Kathrin Schmidt, Marion Poschmann, Monika Rinck, Steffen Popp, Thomas Kunst, Marcel Beyer, Friederike Mayröcker und Elke Erb.)

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Zu den gesammelten Gedichten von Tomas Tranströmer – “In meinem Schatten werde ich getragen”

“Ein Sturm bringt die Flügel der Mühle dazu, sich wild zu
drehn im Dunkel der Nacht, nichts mahlend. – Du
wirst aus denselben Gesetzen wachgehalten.”

“Ein Träumen außer Sehweite gibt es/ das stets geschieht.”

Voller Ehrfurcht, so möchte ich beginnen, sitzt man vor den Werken Tomas Tranströmers. Sitzen – denn Stehen vor so großen und doch kleinen Gemälden scheint eine noch zu unruhige Haltung und ihre Bilderanwandlungen, das umfangreiche Panorama des Moments, senken einen in eine sitzende, eigentlich sogar liegende Position, als werfe man sich rücklings auf eine Wiese und der Himmel wäre poetischer Spiegel der Wahrnehmung, der ausgemalten Wirklichkeit. Eine ruhige Einsicht entsteht, lässt die Verse wirken, gleich dem nahen und fernen Ziehen der Wolke, bewusst und unbewusst, denn jenseits dieser beiden Begriffe hat Tranströmer eine Feld des Ausdrucks erschaffen, in dem Sprache das eine dem anderen in die Augen blicken lässt.

“Es herrscht Stille, wie wenn das Radar übermütig
Umdrehung nach Umdrehung macht.”

“Sommer mit flachshaarigem Regen
oder einer einzelnen Gewitterwolke
über einem Hund, der bellt.
Das Samenkorn strampelt in der Erde.”

Staunen und trotzdem dieser Drang, die Augen nach jedem Wort, nach jedem Satz, schließen zu wollen, wie als könnte man mit dem erlauschten Rauschen der Welle den Ozean festhalten. Viele Gedichte drücken irgendwo irgendwann -zu-, wollen einen bestimmten Nerv treffen. Nicht so bei Tranströmer. Seine Verse blinzeln, weiten sich aus und kugeln sich ein; sie sind lautlose Helikopter, kreisende Seinsöffner und die Wahrnehmung jedes strichcodelosen Elements, da ist kein Zupacken, jedes seiner Gedichte lässt einen mehr frei, als dass es einen bindet. Und doch fühlt man sich auch gebannt, denn seine Verse vervollständigen unsere Vorstellung auf unwillkürliche Weise.

Wahrnehmen wird zum Funkeln dessen, was Wahrnehmung sein kann. Jedes Bild ist ein kleines Bekenntnis der Dinge, die es abbildet, ausdrückt.

“Um 18 Uhr kommt der Wind
und sprengt mit Getöse auf der Dorfstraße vorwärts,
im Dunkel, wie eine Reiterschar. Wie
die schwarze Unruhe spielt und verklingt!
In Unbeweglichkeitstanz stehen die Häuser gefangen,
in diesem Brausen, das dem des Traumes ähnelt. Windstoß
auf Windstoß streift über die Bucht, weg
zur offnen See, die sich ins Dunkel stürzt.
Im Raume flaggen verzweifelt die Sterne.
Sie werden angezündet und ausgelöscht von den Wolken, die vorwärts fliegen,
die nur, wenn sie ihre Lichter verdecken, ihre Existenz
verraten, gleich den Wolken des Vergangenen,
die in den Seelen umherjagen.”

“Der Regen verschwindet allmählich.
Der Rauch tut ein paar stolprige Schritte
in der Luft über den Dächern,

Hier folgt mehr,
was größer ist als Träume.”

Zwei Ebenen, zwei Ansichten regieren hauptsächlich in Tranströmers Werk: Einmal die kontemplative, bilderreiche, wie eine Knospe aufspringende und dann die zweite, tiefere, in der all diese Bilder buntgläserne Fenster sind, durch die das Licht des Augenblicks mit dem Schimmer des Seins in einen sehr hohen, weiten Raum fällt. Ein Raum, kühl und doch wunderschön, ein Raum voll Ungesagtem, darin unausführliche Wahrheiten schweben wie einzelne Töne. Wahrheiten, die eigentlich nur Gesten sind, zu erahnen in der Art wie Tranströmer sie uns eingibt, ihre Wirkung nicht aus dem Kern, sondern von den Grenzen und Außenposten der Aufmerksamkeit ziehend, mitten hinein, wo kaum mehr ein Gedanke regieren kann; Tranströmer weiß um die wesentliche Wahrheit dieser Gesten und so spiegeln sie sich in all den Versen, die er um sie und in ihnen errichtet: Ein Geflecht, ein Labyrinth aus Eindrücken, Wesenheiten und Momenten, über dem man zu schweben beginnt, und die alle am Ende das nahezu glatte, weiße Segel bilden, mit dem man ein Boot hinaus auf jenen Ozean der Poesie schicken kann, ein Meer, auf dem alles Erfahrung bedeutet, und wo jedes gesichtetes Festland einem Wunder gleicht und doch nicht das Ziel ist – das Ziel ist es, zu segeln, immer weiter, in die nächste Stimmung, tiefer hinaus und hinein.

“Schneelose Wintertage gibt es, da ist das Meer verwandt
mit Berggegenden, geduckt in grauem Federkleid,
eine kurze Minute blau, lange Stunden mit Wellen wie bleiche
Luchse, vergebens Halt suchend im Strandkies.”

Dies alles, dessen bin ich mir bewusst, ist nur die eine Seite von Tranströmers Lyrik, die allgegenwärtige, die unwillkürliche, kurz: der Stil. In dem Langgedicht Ostseen (ein Text, den man immer wieder lesen und lesen und lesen kann) heißt es an einer Stelle: “2. August. Etwas will gesagt werden, aber die Worte lassen sich nicht darauf ein./ […] Worte gibt es nicht, aber vielleicht einen Stil…” Der Stil – dieses Einhalten, Festhalten und gleichzeitige Erweitern aller Bilder, das Bescheidene und Große, die nebeneinander wandern, kein bisschen unschlüssig – er allein macht Tranströmer schon zu einem unvergleichlichen Erlebnis. Und alle, die einmal gerne eine Sammlung echter Poesie im Schrank, auf dem Nachtisch, oder einfach bei sich haben wollen, denen sei dieses überreiche Buch schon alleine deswegen wärmstens empfohlen.

“Wach im Dunkel, hört man die
Sternbilder stampfen in ihren Boxen
hoch überm Baume.”

“Und der Wind radelt friedlich durchs Laub.”

Als Psychologe (auch in einer Haftanstalt) und Reisender, als Opfer eines Schlaganfalls (mit folgenden Lähmungserscheinungen), als Naturbegeisterter, als Kenner der Geschichte, als Mensch, als Bewohner Schwedens, als Freund des Meeres und als sensibler Erfasser der Nacht, als Kenner von Musik und Malerei, als Liebender – jeder Dichter hat viele Stimmen (oder: viele Elemente, durch die er sich bewegt mit seiner Stimme), mit denen er spricht.

Einige von Tranströmer habe ich hiermit aufgezählt, auch wenn ich sie am liebsten sofort wieder wegstreichen würde. Man nehme sie bitte denn auch nicht als Ansatz für Vorstellungen, etwa hinsichtlich von Meinungen, die Tranströmmer kundtut, oder als eingefasste Themenvorwegnahme oder sonst etwas in der Art. Sie sind hier nur aufgelistet, um einen Blick auf die Ausgangspunkte mancher Situationen zu ermöglichen, in denen Gedichte entstanden sein mögen, wo, von der Idee eines flüchtigen Erlebens angereizt, das Wesen einer lyrischen Wortfolge seinen Ursprung haben könnte.

“Unterwegs im langen Dunkel. Eigensinnig schimmert
meine Armbanduhr mit dem gefangnen Insekt der Zeit.

Das vollbesetzte Abteil ist dicht vor Stille.
Im Dunkel strömen die Wiesen vorbei.

Aber der Schreiber ist halbwegs in seinem Bild
und bewegt sich darin zugleich als Maulwurf und Adler.”

Dichtung ist oftmals eine Art von Rettungsanker, ein Bewahrer, ein Formulierer des Magischen im Realen und dann und wann auch so etwas wie ein guter Geist, der in allem ein Schweigen finden kann, dass die Dinge und dich durch einen Raum aus Entfernungen miteinander vernetzt.

Auch in Tranströmers Lyrik geht es oft ums Bewahren, um das Bewahren der alltäglichen Wunder (mit Bildern wie dem oben zitierten Ausschnitt um das “Insekt der Zeit” oder, noch weiter oben, der Sternenbilder) bei Einhaltung aller Grenzen, die man nicht übertreten kann, ohne zu viel miteinander zu verbinden. Denn auch diese Fuge ist stark in Tranströmers Werk, die filigrane Verbindung. Aber sie hält sich an das Wesen der Linie, die mit ihrer einzelnen Bahn langsam einen Raum zeichnet, statt direkt den ganzen Raum in ein Muster drücken zu wollen. In Tranströmers Gedichte passen wir noch, geradeso, ohne unsere Augen umstellen, ohne unsere Vorstellungen verknoten zu müssen. Das Ich des Lesers und seine reflexive Anteilnahme an den Zeilen, wird manchmal sogar zum zentralen Punkt des Gedichts, einem Text, der letztlich nichts ist ohne das Gebirge des Einzelnen, das zu seinem Echo wird, in diesem Echos selbst enthalten ist.

“Ich hisse die Haydnflagge – das bedeutet:
>>Wir ergeben uns nicht. Sondern wollen Frieden.<<

Die Musik ist ein Glashaus am Hang,
wo die Steine fliegen, die Steine rollen.

Und die Steine rollen quer hindurch,
doch jede Fensterscheibe bleibt ganz.”

Dieses Gefühl, das sagt: “ich bin genau die Stelle,/ wo die Schöpfung an sich selbst arbeitet.” Dieses Gefühl, was unser Bewusstsein ausmacht.

Solche Bewusstseinszustände zu beschreiben und zu malen, ist einer der großen Verdienste des Gedichts. Und deswegen brauchen wir Gedichte – um im Angesicht dessen, was unvergänglich scheint für den Moment, und das doch so vergänglich ist wie wir selbst (wie wir wissen), einen Ruhepunkt zu finden, eine Verbindung. Ein Beweis, so klein wie eine Blume und doch so mächtig wie der allererste Eindruck, wenn unser Blick auf sie fällt, an ihr hängenbleibt und an ihrer Erscheinung festhält. Unumgänglich ist unser Augenschein und seine allzeit laufende Aufnahme und dennoch sehen wir nur den Kern der Dinge – das Fruchtfleisch zeigt uns das Gedicht.

“Im Gelände draußen, nicht weit von der Ansiedlung,
liegt seit Monaten eine vergessene Zeitung voller Ereignisse.
Sie altert Nächte und Tage hindurch in Regen und Sonne,
dabei, eine Pflanze zu werden, ein Kohlkopf, dabei, mit dem Boden
eins zu werden.
So wie eine Erinnerung sich langsam zu dir selbst verwandelt.”

“Zwei Wahrheiten nähern sich einander. Eine kommt von innen, eine
kommt von außen,
und wo sie sich treffen, hat man eine Chance, sich selbst zu sehen.”

Sich selbst zu sehen und auch das Andere (welches in der heutigen Zeit entweder ignoriert oder aber als anonym, unübersichtlich, etc. abgestempelt wird). Ein Gedicht bietet dabei selbstredend keine Gewissheit; es zeigt vielmehr, dass Ungewissheit die Regel ist, selbst wenn es irgendwo Gewissheit geben sollte. Und dass auch in der Ungewissheit eine Möglichkeit steckt, mit der Welt umzugehen.. In diesem Zusammenhang gilt immer noch, was Erich Fried einst schrieb: “Wer/ von einem Gedicht/ seine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.
Wer/ von einem Gedicht/ keine Rettung erwartet/ der sollte lieber/ lernen/ Gedichte zu lesen.

Tranströmers Gedichte halten noch vieles bereit, weit mehr, als eine Annäherung wie diese offenbaren oder ausdeuten kann. Da sind noch jene zunächst rätselhaft anmutenden konzentrierten Verswahrheiten, klein wie Schlüssel, passend zu nur allzu bekannten Türen, die wir auch mit dem eigenen Blick öffnen könnten – aber die Sprache kann hier helfen, sich überhaupt der Schlüssel zu erinnern. Manchmal braucht es eine Girlande von Worten, um in der Finsternis von Reden und Gegenreden die wage Erkenntnis zu berühren, die sich als Stimmung erhebt zwischen Gedicht und Leser, als geschähe es zwischen dem Wunsch und der Erfüllung …

“Und über die Toten zu schreiben,
ist auch ein Spiel, das schwer ist
von dem, was einst kommt.”

“Jesus hielt eine Münze hoch
mit Tiberius im Profil,
ein Profil ohne Liebe,
die Macht im Umlauf.”

Am Ende eines wunderbaren Gedichtes über Vermeer heißt es bei Tranströmer wie folgt:

“Es ist wie ein Gebet zur Leere.
Und die Leere kehrt uns ihr Gesicht zu
und flüstert:
>>Ich bin nicht leer. Ich bin offen.<<”

Ich glaube, dies ist eine gute Beschreibung für die Erfüllung, die Chance eines Gedichts. Und das Bemerkenswerte ist letztendlich, dass auch man selbst sich manche innere Leere als etwas Offenes erschließen kann, wenn man sehr aufmerksam liest, wenn man die Fußspuren der Dinge zwischen den Falten der Landkarte bemerkt.

“Es gibt Tage, da ist die Ostsee ein stilles endloses Dach.
Da träumte naiv von Einem, der auf das Dach gekrochen kommt und
versucht, die Flaggenschnüre zu entwirren,
versucht, den Fetzen
hochzukriegen –

die Fahne, die vom Wind so zerrieben und von den Schornsteinen so
verräuchert und von der Sonne so gebleicht ist, dass sie allen gehören
kann.”

“Und das Haus spürt sein Sternbild aus Nägeln,
welche die Wände zusammenhalten.”

Zu dieser Edition:

Im Wesentlichen ist das Buch eine Zusammenführung der bei Hanser erschienenen Bände Sämtliche Gedichte(bis 1996), Das große Rätsel (Haikus & Gedichte 1996-2004) und dem autobiographischen Prosaband Die Erinnerungen sehen mich ergänzt um die Rede zur Verleihung des Pilot-Preises. Letztere ist ein sehr interessantes Dokument und erzählt auch von Tranströmers eigenen Vorstellungen über Poetik, während “Die Erinnerungen sehen mich” sich ausschließlich mit seinem Heranwachsen und der Schulzeit beschäftigt, auf eine feine und knappe Art, unter wenigen Stichpunkten sortiert und prosapoetisch inspiriert.

Die Übersetzungen liegen weiterhin in der sehr überzeugenden, geradezu meisterhaften Übersetzung von Hanns Grössel vor (meisterhaft von der Wirkung her; über die weiteren Qualitäten darf ich mir, als jemand, der kein Wort Schwedisch kann, natürlich kein Urteil erlauben). Sehr schade ist, dass die Anmerkungen zu den Gedichten bis 1996 einfach aus dem Band “Sämtliche Gedichte” übernommen wurden; hier hätten bestimmt noch ein paar Einträge mehr dazukommen können. Es belastet zwar das Leseerlebnis in keinster Weise, hätte aber die Edition als solche wirklich komplettiert. Das Nachwort von Hans Jürgen Balmes ist ebenfalls gelungen, auch wenn ich mir vielleicht noch ein paar Worte von Michael Krüger oder von dem (leider 2012 verstorbenen) Hanns Grössel gewünscht hätte, vielleicht auch etwas zu den Übersetzungen.

Dennoch gebührt dieser, in ihrem Großformat ansehnlichen Edition auch ein Lob, ebenso wie dem S. Fischer Verlag, der mit dieser Ausgabe zu einem weiteren Literaturnobelpreisträger aus der Sparte Lyrik (neben Joseph Brodsky und Seamus Heaney) eine umfassende Sammlung von Gedichten zugänglich macht (auch wenn hier der Hanser Verlag die Vorarbeit leistete).

Abschließen möchte ich diese Rezension mit zwei Haikus, die Textform, in der Tranströmer in seinen letzten erschienen Gedichten hervortrat, und zwei Sätzen aus seinen Prosatexten, die hoffentlich auch die Eleganz und Tiefe, die er in dieser Gattung zuwege bringt, illustrieren können. Ganz zum Schluss bleibt mir nur, dieses Buch noch einmal nachdrücklich zu empfehlen, als ein beeindruckendes Erlebnis, als ein ungemein einnehmendes Beispiel großer Dichtkunst. Lesen bedeutet hier Glanz und Erkennen, auf derselben Stufe; bedeutet Sinne, die sich in alle Dinge begeben und doch auf dem Gefühl Vorstellung ruhen, wie eine schöne Erinnerung tief im Gedächtnis liegt und doch am meisten in jenem Moment enthalten ist, in dem sie hervorbricht.

“Anwesenheit von Gott.
Im Tunnel des Vogelgesangs
wird ein verschlossenes Tor geöffnet.”

“Horch, das Rauschen von Regen.
Ich flüstere ein Geheimnis
um hineinzukommen.”

“Man fühlt sich immer jünger, als man ist. In mir trage ich meine früheren Gesichter, wie ein Baum seine Jahresringe. Die Summe daraus ist das, was >>ich<< ist. Der Spiegel sieht nur mein letztes Gesicht, ich spüre alle meine früheren.”
(Aus: Die Erinnerungen sehen mich)

“Mein Examen habe ich an der Universität des Vergessens gemacht und habe genauso leere Hände wie das Hemd auf der Wäscheleine.”
(Aus dem kurzen poetischen Prosatext “Madrigal“)

“Ich schaute zum Himmel und auf den Boden und geradeaus
und schreibe seither einen langen Brief an die Toten
auf einer Maschine, die kein Farbband hat, nur einen Horizontstreifen,
sodass die Worte vergebens schlagen und nichts haftet.”

Gedicht – Zum Tod von Tomas Tranströmer

Zum Tod von Tomas Tranströmer

Er schrieb dünne Partituren
für eine ganze Landschaft an Sinnen
in einem Weltgeschehen aus Bildern.

Ein um Pfand erleichtertes Licht
hinter allen Blenden,
das sie umstürzt, scheint dazwischen.

Es berührt uns, obwohl wir dunkel sind,
nicht sehen wo es uns zuknüpft
oder auf.

Bleiben beide unbestimmt.
(Sind uns aber ähnlich.)

Wirklichkeiten entstrauchelte er, lieh ihnen Stimme,
und hauchte dünne Linien ihnen ein
deren Muster als Naht entlang der Seele diente.

Mancher Vers wusste kaum wohin er führte;
keinerlei Bestimmung ewig zu sein,
sondern als Eindruck zu strömen; strömend

war da doch ein Anteil Ewigkeit.
Ein Anteil, der fragt nach den Dingen.
Poesie lädt immer zum Zweifeln ein,

aber vor allem zum Träumen. Sie kann,
sie darf,
sie will,
sie wird
dich faszinieren.

Denn da ist keine Stelle, die nicht etwas sieht. Nichts
ist leer,
alles
ist offen.

Sieh hin. Ein Wunder gibt es,
das stets geschieht.
Von ihm oft eingefangen, aufgeschrieben,

eingeladen, sich in die Worte zu verlieben,
damit jeder es durch Sprache sehen kann.
Nur Dank, nur Liebe
für diese Art von Poesie,
selbst in der Trauer.

Zu den gesammelten Gedichten von Cees Nooteboom im ersten Band der Werkausgabe

Aus Schwarzem Gold fliegen Vögel auf
und entbinden ihre Flügel.
Das immer blinder gemalte Auge sieht es
und schreibt.”

Der holländische Schriftsteller Cees Nooteboom ist vor allem für seine Reiseberichte und Novellen bekannt; und er hat mit „Allerseelen“ und „Rituale“ auch zwei bedeutende Romane geschrieben. Dass in dem feinfühligen, versierten Erzähler auch ein Dichter steckt und dass dieser Dichter beweist der erste Band der Werkausgabe, in dem nahezu das ganze lyrische Schaffen von Nooteboom versammelt ist (ausgenommen der neuste Gedichtband „Licht überall“ und weitere Ausnahmen, siehe unten)

“Wir kennen die poetische Poesie, die gemeinen Gefahren
von Mondsucht und Singstimme. Bloß balsamierte Luft,
es sei denn, man macht daraus Steine, die glänzen und schmerzen.”

Nootebooms lyrisches Werk geht bis zu seinen Anfängen zurück. 1956, ein Jahr nach seinem Prosadebüt Philip und die anderen, entstand ein schmaler Gedichtband, der leider ebenso wie die Gedichte nach 2003 (welche im letzten Band der Werkausgabe “Poesie und Prosa 2005-2007″ gepackt wurden) hier nicht enthalten ist; 1959 folgten dann die “Kalten Gedichte”, die, ebenso wie das vier Jahre darauf folgende “Schwarze Gedicht”, noch sehr expressionistisch sind; kantige und wie abgewaschene Regungen und Bilderwelten, die aber schon eine gewisse Stärke im Ausdruck haben.

“Der weg zerfällt am verweinten gebirge.
nun stirbt die goldene sonne in ihrem gefolge
das rot färbt alle Bäume.”

“doch der Wind reitet vorbei auf kopfscheuen pferden
der mond wählt einen ängstlichen Weg in die Wolken
nur ab und zu fallen silberne Splitter herunter”

Im weiteren Verlauf lässt sich eine Verbindung zum lyrischen Werk von Jorges Luis Borges ziehen, mit dem Nooteboom eine demütige, geradezu erlesen-feine Sprache teilt, die sich wie aufs Verwalten verlegt; besonders stark habe ich mich bei dem auch als Einzelband veröffentlichten Werk “Das Gesicht des Auges” an diese Art erinnert gefühlt.

Von Borges trennt ihn wiederum seine nicht intelligibeln, sondern existenziellen dichterischen Themen. Bei Nooteboom geht es nämlich oft auch um das Schreiben selbst, oder um das Lesen und dazwischen um die Möglichkeiten von Erkennen, Einfangen und Ausdrücken; das verknüpft er gerne mit einem anderen Thema von ihm: mit Relativität und Zeit, zwei Themen, die auch Borges oft beschäftigten.

“Ich lese deine Gedichte in Broome,
auf der anderen Seite der Welt.
Nicht Besonderes. Es gibt nur eine
und die ist rund.”

“Ich, der ich gelernt habe,
dass die Zukunft ein Motor ist,
der noch nie gelaufen ist,
dass alle Sprachen dasselbe verschweigen
und all meine einmaligen Träume
im Kino zu sehen sind.”

Doch bei all dem, was ich bereits gesagt habe und was man leicht an den Beispielen erkennen kann, ist Nooteboom zusätzlich noch ein Dichter mit zwei Gesichtern. Seine klareren und poetischen Werke waren für ihn kein Grund auch andere, kryptisch-hermetischere Lyriken zu schreiben; Gedichte in denen fast in jeder Zeile zwei Wörter aufeinander losgelassen werden, in denen Kontraste dominieren, in denen der Sinn ein Zauberwürfel in Form eines Prismas ist.

“Doch drüben, wo der Tod ist, an Land,
liest der Wind in der Zeitung der Zeit,
dort reden Tote in ihren weiten Schemen
von Ewigkeit und Einsamkeit.”

“Die besten Dichter haben uns einige gute Gedichte hinterlassen, haben ein paar Zeilen zum Beweis der Poesie vorzuweisen und sind niemals darauf verfallenen eine zweidimensionale Zeile zu verfassen.” Wenn dieser Satz von Ezra Pound stimmt, dann ist Nooteboom ein großer Dichter. Für mich auch deswegen, weil er poetisch ist, aber sich dennoch nie ganz in einer einzelnen Poesie niedergelassen hat; man liest stürmische Zeilen, bekommt aber vom Autor ein Schiff, mit dem man darauf fahren kann; man bekommt Weisheiten serviert, man wird aber auch leicht abgewandt in welche eingefädelt. In diesem Sinne ist eigentlich jede Etappe dieser gesammelten Gedichte lesenswert.

“So wie die Lilie einschläft
in ihrem Hotel, die Nacht vor Kriegsbeginn,
während unten der Portier
die Rechnungen schreibt.

So werden Jahre Zeit.”

3 Blätter zur Dichtung von Guillaume Apollinaire

I – Alkohol

“Heftiger Absinth, das schönste Ungeheuer das nach Lorbeer schmeckt ist voller Trauer.”

“Nun durchstreifst du Paris ganz allein in der Menge
Herden muhender Autobusse rollen an dir vorbei
Die Angst um Liebe schnürt dir die Kehle zu
Als ob du nie mehr geliebt werden solltest
Wenn du in früheren Zeiten lebtest gingst du ins Kloster
Ihr schämt euch, wenn ihr euch dabei ertappt ein Gebet zu sprechen
Du findest dich lächerlich und dein Gelächter prasselt wie Höllenfeuer
Die Funken deines Gelächters vergolden den Grund deines Lebens
Es ist ein Bild, dass in einem düstern Museum hängt
Und manchmal gehts du hin, es von nahem zu sehn”

Mehr ein Mythos als ein Buch, ein reich verziertes, riesiges Tor, dass nicht zum Eintreten, sondern zum Betrachten gedacht ist: die Sammlung „Alkohol“ von Guillaume Apollinaire, erschienen 1913, heute als der erste große Gedichtband des Jahrhunderts gefeiert.

Sie bleibt ein Mythos noch während man liest – und das ist das Einzigartige an Apollinaires Dichtung: ihr Verve, ihre Unabhaltbarkeit, ihr Brechen und Bersten, das auch noch Flügel bekommt. Dichtung, die ganz und gar Essenz und Willkür ist, Wortkragen, fest umgeschlagen; seine Verse sind wandelnde Fugen der Welt, ein Hohn und doch ein Segnen, jede Zeile wie ein Schluck. Dem zollt auch die Form ihren Anteil, man findet kein einziges Satzzeichen – neue Sätze sind, oft mitten im Vers beginnend, im Deutschen allerhöchstens noch an großen Wortanfängen ablesbar; als würden die Gedichte leben und sich schier nicht beschränken, gleich der Welt, die sich gerade, um Apollinaire herum, rasend verändert, während neue Strömungen der Literatur zusammenfließen und explosiv sind.

“Milchstraße lichte Schwester drüben
Der weißen Bäche Kanaans
der weißen Körper die sich lieben
Uns tote Schwimmer lässt dein Glanz
Zu immer neuen Nebeln stieben

Ich denke ein paar Jahre zurück
Es war April bei Morgenhelle
Des Jahres Liebesaugenblick
Da sang aus voller Manneskehle
Ich meine Liebe und mein Glück.”

Die Melancholie, sagt man, ist der größte Freund des Trinkers; Gold und Rot sind die wichtigsten Farben. Diese Gedichte sind beides, melancholisch und wie aus Gold und Rot (gegossen über Spiegel, Fotos, Fassaden) auf denen sich der Glanz vieler verschiedener Farben spiegelt. Sicher: Oft braucht es ein-zwei Anläufe eines dieser Gedichte zu lesen und manchmal kann man auch nicht anders, als sie einfach zu “trinken”. Man merkt schon, dass mich die riesige Metapher, der Mythos dieses Buches überrannt hat; aber es ist schwer, dies nicht geschehen zu lassen – zu viel Nacht, Wein, Reben, Gewalt und Flair ist in diesem Band zusammengeflossen. Er kann zärtlich sein, beobachtend, flanierend, tödlich und traurig, prunkvoll und still.

“Der Mai der schöne Mai schmückt die Ruinen mild
Mit Efeu Heckenrosen und wildem Weine
In Uferweiden spielt und wühlt der Wind vom Rheine
In Rebenblüten nackt und plauderhaftem Schilf”

Es soll jemand anderem überlassen bleiben, oder jedem selbst, diese Gedichte zu deuten, ihre religiösen Motive und unterschwelligen Sehnsüchte zu analysieren. Ich habe es gar nicht erst versucht; die leicht polierte Schönheit und abgeschreckte Kühnheit mancher Verse reicht mir.
Auf jeden Fall sind die Alcools ein Abenteuer für sich. Ein dichterischer Auswuchs, der einen prachtvollen Baum abgibt; es lohnt, seine Früchte zu kosten.

II – Wintern im Ehemals, Apollinaire

“Ich kenn Leute von allen Allüren
So schlecht wie ihr Schicksal sind sie nicht
Wie welke Blätter sich rühren
Zuckt ihnen im Aug halberloschenes Licht
Ihre Herzen gehen wie die Türen.”

Als die Zeitschrift “Das Gedicht” 1999 die 100 bedeutendsten internationalen Dichter kürte, landete der Mann, der die Begriffe Surrealismus und Symbolismus geprägt hatte, auf dem zweiten Platz. Sicherlich, so nah an die Sonne hätte ich Apollinaire nun nicht gesetzt. Aber ohne Zweifel ist er einer der bedeutendsten Dichter und auf jeden Fall einer der wichtigsten Erneuerer der Poesie.

“Lange blickt er hin auf die Küsten blasser und blasser
Am Horizont von Spielzeugschiffen bewacht
Und es schien als habe ein ganz kleiner Strauß auf dem Wasser
Der ziellos dahintrieb das Wasser zum Blühen gebracht”

Nach den Alcools hat Apollinaire nur noch Bildgedichte veröffentlicht und ein paar nachgelassene Gedichte gibt es auch noch. Sein schmales Werk ist eigentlich ein großes, schwül-gebrochenes Gedicht an das Leben und die unmögliche Erhöhung, ihren Versuch; eine große Sonate, wenn man so will, allerdings eine, die einen schon beim ersten Ton in eine Art Rausch versetzt. Dem entspringt dann wiederum ab und zu eine große Zärtlich- und Verletzlichkeit. Ihn zu lesen ist, als würde man einem Sturm lauschen: Manchmal ohrenbetäubend, dann wieder nur ein taubes Tosen, dann ein Abflauen, mit kleinen Böen und dann alles zusammen. Und dann vielleicht etwas Stille.

“Am Ufer eines Sees
ließ man zum Vergnügen
Flache Steinchen
Übers Wasser springen das kaum tanzte”

III – Unterm Point Mirabeau oder “Die Schattenkerze ist vom warmen Golde prächtig.”

“Unter Point Mirabeau fließt die Seine dahin
Unsere Liebe auch
Ist Erinnern Gewinn
Aus traurigem Sinn wird fröhlicher Sinn

Komm Dunkel Stunde eile
Die Tage gehn ich verweile”

Guillaume Apollinaire, der eine Vorliebe für alle Arten des Schönen und des Morbiden hatte, war ein polemischer und auch ein engagierter Dichter, aber mehr als das alles, war er schlicht ein Dichter, angefüllt von dieser Idee selbst. Seine teils surrealen, dann wieder mythischen, dann wieder barocken und schließlich romantischen Dichtungen gehorchen nur der eigenen, vollkommen Essenz und Ausrichtung. Sie sind Gesänge, die durch Katakomben irren, Bittverlesungen in ausgebrannten Kapellen, Klaviere in einem Sarg, Fahnenstangenaufraffungswörter.

“Die Schafe ziehn dahin im Schnee
Wollflocken zwischen Silberflocken
Soldaten ziehn und wann den je
Gehört mein Herz mir wieder stockend
Und wechselhaft und weiß ich je

Weiß ich wohin es geht dein Haar
Kraus wie das Meer bei frischem Wetter
Weiß ich wohin es geht dein Haar
Und deine Hände Herbstes Blätter
Der voll von unsern Schwüren war

Hin schritt ich an des Flusses Seite
Ein altes Buch in Händen noch
Gleich ist die Seine meinem Leide
Sie strömen unversieglich beide
Wie lang ist diese Woche doch”

Jedes Wort ist ein letzter Tropfen und der Geschmack ist gleichsam dicht und verführerisch, aber auch etwas fahl, etwas bitter. Wahrscheinlich sind es ein paar der unmittelbarsten Dichtungen, die es gibt.

“Schicksale, nimmer zu durchschauen
In Wüsten von Geschichte schwer
Könige in des Wahnsinns Klauen
Ein frostdurchbebtes Sternenheer
In euren Betten falsche Frauen”

Die Gedichtauswahl von Ludwig Greve “Sie lacht und andere Gedichte”

“Die dunkle Stunde
macht das Unscheinbare gewaltig;
es schöpft Atem.”

Kaum ein Ton ist in der Literaturkritik ein größeres Wagnis, als das Anstimmen der Lobeshymne. Und das noch nicht einmal, weil in unserem Zeitalter der Superlative jedes Lob und jedes freundliche Worte scheinbar und ambivalent bleibt, der Skepsis leichte Beute und der Reflexion ein willkommenes Versuchstier, sondern vor allem, weil ein Verriss aus dem subjektiven Missfallen schöpfen kann, unverhohlen oder nicht; ein Lob dagegen, das ja meist auch eine Empfehlung sein soll, muss versuchen, das subjektive Vergnügen so zu erweitern und darzustellen, dass auch ein anderer potenzieller Leser für die Anziehung/Wirkung des Werkes empfänglich wird; man versucht also, eine allgemeine Ahnung von der Schönheit/Wirkung/Bedeutung/Transzendenz des Werkes zu konstruieren, hervorzurufen, zu beschwören, zu vertiefen.

“Birnbaum, Apfelbaum, immer noch streift ihr
unserer Augen Joch
mit spielenden Blättern, die feucht und gewölbt
wie Zungen die Sonne schmecken,
wir aber haben die Stirn,
dem Heer Gedanken blindlings zu folgen –
zerstreut es in eure Fülle!”

Ludwig Greve, geb. 1924, gest. durch Ertrinken 1991, ist einer dieser unpolitischen, urteilsfreien, langsam ins Vergessen wandernden Dichter, von denen es in der deutschen Literaturlandschaft zugegebenermaßen nicht viele, aber doch einige gibt. Ja, man kann sogar, mit vorsichtigen und keineswegs eine feste Deutung bringenden Fingern, eine dünne Tradition ausmachen, die sich um Namen wie Peter Huchel, Marie Luise Kaschnitz, um Karl Krolow und Sarah Kirsch und bis in heutige Tage um Johannes Kühn windet. Es ist eine stille Tradition, eine Tradition der leichten Wiedergabe, der Naturerscheinungen und lebensländlichen Eingängigkeit, gekrönt von minimalpoetischen, aber sehr intensiven, nahen Dimensionen.

“Auf einmal gerinnt die Welle
und schwillt aus dem grauen Meer ein Hai,
der schiefen Maules mich anfällt –
aber vorm Ufer langsam sich bäumend,
wirft sie schaumige Mähne, neigt
den Körper dann wie zur Tränke
und auf der Wölbung des nassen Rückens
funkelt ihr Reiter, Tag.”

Doch wäre es eine verhängnisvolle Vereinfachung, würde ich Greve nur als einen Lyriker dieser Tradition und ihrer unscheinbaren Existenzialität ausstellen; denn Greve war auch Jude und viele seiner Gedichte haben auch das zeitweilige Exil und die Auseinandersetzung mit den Lebensschatten seiner Vergangenheit (u.a. starben seine jüngere Schwester und sein Vater während der Flucht in Italien) zum Thema. In diesen Gedichten geht Greve nie auf Konfrontationskurs, sein Ton wirkt wie immer berufend unaufgeregt, mit einer Leichtigkeit nach der Ode, dem Schema jeder Zeile greifend, egal wie schwer das Thema ist. Doch jede Zeile wiegt dann trotzdem schwer, nicht in Sachen Gemüt, sondern rein physisch. Als wären die Zeilen Balken auf Balken ein Bau, in dessen Inneren ein Stück Erfahrung zusammengeballt wird, dass Stück für Stück, in Luftzügen, aufleuchtenden Bildern und dumpfen bis hellen Tönen, aus den Lücken zwischen den Brettern erscheint.

“Verlor vor ihnen, die sie erinnern,
Zeit das Erobererrecht?
Sie fügt sich zur Oberfläche,
auf der die Vertriebenen einander bewohnen.”

Zum Einstieg eignet sich der Sammelband “Sie lacht und andere Gedichte” sehr gut. Er enthält Gedichte aus allen Perioden und außerdem hält er eine gute Balance zwischen den Daseinsgedichten Greves und den Gedichten, die auch Dokumente sind. Abgerundet wird das Ganze durch eine Rede, die er 1979 vor Studenten gehalten hat, mit dem Titel “Warum schreibe ich anders”, in dem er wunderbar profan und doch mit vielen kleinen, erhellenden Gedanken, seinen Werdegang als Dichter beschreibt, die Arbeit mit seinem persönlichen Erleben verknüpft und auch ein paar Ideen zu seiner Poetik, völlig undogmatisch, preisgibt.

“Sonntags führen die Straßen zu nichts;
die große Maschine, von Haaröl glänzend,
läuft leer und die Pause füllt Sonne –
der Bodensatz zwischen den Häusern ergrünt.”

“Aber die Trümmer sind noch Schatten: nicht
erleuchtet, blinzle ich ins Licht.”

Neben dieser Rede schätze ich persönlich vor allem Greves Gabe bei der Abwandlung von Beobachtung in Erlebnis, was bei Naturmomenten, und -schauspielen, aber auch ganz allgemein bei Betrachtungen, Momentaufnahmen, die ein Ding einen Tick tiefer erschließen und in ein poetisches, dem Erlebnis geweihtes Objekt verwandeln, großartige Eindrücke hervorruft. Es ist eine Eindrücklichkeit, die über die bloße Ausschmückung hinausgeht und zu einem Moment von Erkenntnis führt; man erkennt die Schönheit des Gegenstandes und seinen Mangel an Selbstverständlichkeit, den wir ihm so blindäugig immer wieder aufladen. Das funktioniert bei Schultern

“Die Schultern, gewölbt, den Stolz zu beirren,
sind kühl wie Steine, die lange im Wasser lagen,
doch, hebst du den Arm, dein eigen.”

… Bäumen …

“Die Bäume, nackt wie Liebende,
breiten die Arme;
Verlassene, die im Wind der Fülle
die Treue halten; doch wachsen
die Städte schneller.”

der sogar beim Schnee:

“Noch ist Tag, sein Hauch bewölkt
den kalten Spiegel, er ruft sein Bild aus der Tiefe
und lautlos antwortet Schnee,
rieseln Flocken, geistern im Rauch,
wie schöner Tage Asche,
doch am Lebendigen, wenn sie es schwärmend berühren,
erlischt die winzige Helle.”

Ich kann Ludwig Greve nur jedem ans Herz legen der ein reifes, dichtes und doch ohne viel poetisches Kalkül gewachsenes Werk lesen will. Er wird die Versenkung finden, aber auch die Aufklarung und wird sich immer zwischen diesen beiden Aspekten bewegen, der Dunkelheit und dem, was zu Tage tritt, immer wieder, nicht von der Hand zu weisen; zwischen Worten, ganz nah an Schmerz und Dokumentation, aber auch fern, in eine, Blick liegend, der sich nicht enthält, aber auch nicht näher herangeht, einfach schaut. Es ist ein Werk, dass wenig Raum für Fragen lässt, für Antworten, aber viel für die Enterhaken von Bildern und auch viel für Unauslotbarkeit, dazwischen schwingt es hin und her.

“Aller Erinnerung
sind jetzt die Gärten gewachsen.”

“Ich weiß, das Leben/ ist ein ständiges Lebewohl.” Zu späten Gedichten von Jaroslav Seifert

“Noch heute – und das ist viele Jahre her -,
wenn ich die Augen schließe
und gegen die dünne Dunkelheit meiner Lider blicke,
erscheinen mir die lächelnden Gesichter
derer, die ich einst geliebt.
Sie sind jedoch schon blaß
wie das Licht der Sterne an einem Winternachmittag,
wenn die Dämmerung anbricht.”

Trotz einer langen literarischen Tradition hat die tschechische Poesie bisher nur einen Nobelpreisträger hervorgebracht, der auch gleichzeitig der einzige tschechische Nobelpreisträger für Literatur überhaupt ist: Den Dichter Jaroslav Seifert, letzter einer großen Dichtergeneration, die sich in den Jahren zwischen den Kriegen mit neuen poetischen Vorstellungen hervortat, geboren 1901, gestorben 1986. Sein Werk lässt sich in viele, sich teilweise sehr voneinander abhebende Perioden aufteilen, wobei die Bandbreite von experimenteller bis zu – wie in diesem Band präsentierter – sehr schlichter Lyrik reicht.

“Auf die Stadt fielen Rußflocken
und in den Straßen zog der Rauch,
dem Herbstnebel ähnlich,
doch bis an die Zähne bewaffnet.”

Krieg und Gedichte und die Liebe – drei Themen die Seifert gegen Ende seines Lebens (dieser Band hier ist die Übertragung eines Originalbandes der 1983 herauskam) sehr beschäftigten, natürlich weil sie ihn alle auch sehr geprägt hatten. Der Krieg ist in den paar Gedichten, in denen er seine eigenen Erlebnisse beschreibt eher unterschwellig anwesend, als eine Drohung, als ein Widerstand. Die Liebe dagegen ist eine stets sehr zärtlich angespielte Melodie, die Seifert zurückhaltend und schön zu variieren weiß.

“Wie oft habe ich die Hände ausgebreitet,
um wenigstens die Luft zu umarmen,
durch die sie soeben gegangen war,
als sie ihr süßes Lächeln
ins Nebenzimmer trug.”

“Die allergeheimsten Träume,
die den Schlafenden in der Dunkelheit umfangen,
hatten die Farbe deiner Augen.
Sie waren blau.”

Das letzte große Thema, das Dichten und die Herkunft der Dichtung, nimmt eine ganz besondere Rolle in dieser Sammlunge in. 3 der besten Texte handeln von dem Moment, in dem der Dichter von der Eingebung getroffen wird, in dem das Unwillkürliche plötzlich zu Worten sich masert. Schön ist, dass Seifert keine zu hohen Sphären betritt, sondern glasklar und leicht einnehmend, aber auch schlicht und wehmütig von diesen Erinnerungen berichtet. Einmal beschreibt er, wie ihm auf einer Bank einige zauberhafte, großartige Verse einfielen. Er rannte nach Hause. Doch dort kamen sie ihm dann nicht mehr in den Sinn. Und das Gedicht schließt mit den Worten:

“Und die Verse jenes zauberhaften Morgens
suche ich bis heute.”

Erinnerungen. Am Ende eines Lebens geht es viel darum, was noch geblieben ist, was man nicht ausradieren kann, vielleicht sogar um manches, das mit den Jahren immer klarer oder in seinen Konturen immer glatter geworden ist. So ist dieser Band rückwärtsgerichtet. Prag und die Jugend, der Krieg und das Dasein im Jahrhundert, werden alle durch das Schilfrohr der letzten Lebensjahre, als ein geradezu namhaftes und doch verschwiegenes Abenteuer betrachtet, eine Zeit, so lang und so groß, und doch so klein.

“Meine leichtsinnigen Schritte in den Gassen,
meine rosigen Abenteuer
und Liebschaften und alles andere
sind bestreut mit leichter Asche,
wenn die Zeit verbrennt.”

“Aus unserem sorglosen Leben
flogen die Nächte davon
wie verwelkte Rosenblätter
und fielen in die dunklen Pforten der Vergangenheit
von wo sie zurückkehrten
als durchsichtige Erinnerungen.”

Jaroslav Seifert ist ein wundervoller Dichter, ein unproblematischer und völlig klarer Erzähler, der seine ruhige Sprache perfekt mit einem Klang umgeben kann. Wenig in diesen Versen wirkt herausragend, aber auf diese Weise gelingt dem ganzen Gedicht der Sprung in die Vorstellung des Lesers, als Handreichung des Dichters selbst, als Aufzeichnung einer einhelligen Empfindung. Wer die Lyrik als eine unwillkürliche Kunst schätzt, die eine Aufnahme des Lebens in dich tragen, der sollte Jaroslav Seifert unbedingt lesen.

“Schon jahrelang schlägt mir an der Wand
eine alte Uhr
und blickt zurück auf die Zeit
meines Lebens,
die so schwindelerregend dahineilt.”