Auswahl aus Johann Jakob Sprengs Deutschem Wörterbuch


Also, Hand aufs Herz (nicht direkt drauf natürlich, lieber auf die Haut darüber) verehrte Leser*innen, wissen Sie was fucken bedeutet? Sie glauben vielleicht es zu wissen und sind dann basserstaunt, wenn Sie erfahren, dass es „diebischer Weise zu sich stecken“ bedeutet. Oder zumindest bedeutet hat.

Sprache ist und war schon immer ein sich ständig veränderndes Konzept, voller regionaler Modifikationen und Eigenheiten. Immer wieder werden zweckmäßige und hippe Begriffe Teil des Wortschatzes – und andere Worte verschwinden oder fristen ein abseitiges Dasein in eher obskuren Publikationen und Kreisen.

Nun gibt es aber zum Glück Aufzeichnungen, die gesamte Literatur der Vergangenheit ist im Prinzip auch eine Fundgrube verschwundener, aus der Mode gekommener Begriffe und Redensarten. Und es gibt Sammler, die diese Fundgrube bereits erschlossen haben oder dies zumindest versuchten.

Johann Jakob Sprengs Wörterbuch, im Original ein Monstrum von über 100.000 Artikeln, stellt sich in dieser Auswahl schon als maßgebliches Werk eines solchen Erschließers da und zugleich eine wunderbare Reise in die verschiedenen Kosmen der deutschen Sprache, vom Schweizer Tiefland bis an die Nordsee, vom vergessenen Kompositum bis zur sehr schrägen Mundartvariante.

So lernt man, dass ein Rasenkux ein unerbautes Feld ist, ein Commentichen nicht etwa ein niedlicher Kommentar, sondern eine Senf-Schüssel, eine Stammblütsche keine Wurst, sondern das untere Ende eines gestutzten Baumes und yselen zufrieren bedeutet.

Es gibt natürlich auch viele weniger aufregende Begriffe (dass ein „Schriftdieb“ ein Plagiator ist, versteht sich nicht nur von selbst, es ist auch nicht unbedingt ein bereicherndes oder schönes Wort), aber dennoch macht es Spaß in dem Buch zu blättern und auch immer wieder die von Sprenger mit einem Stern versehenen (besonders wertvollen) Worte zu bestaunen.

Alles in allem: ein tolles Buch, das in keiner Bibliothek fehlen sollte, zumindest in keiner von Wörterbuchfreund*innen.

Eine intensive, kluge, tolle Lektüre


Es kommt vor, dass schon die ersten Absätze eines Buches eine freudige, bange Erwartung in mir entfachen: ist dies etwa eines der Bücher, dessen Inhalt ich nicht bloß nachvollziehen kann, vielleicht sogar durchdringen, sondern das mich und meine Gefühle, Erlebnisse, Gedanken auf direktem Wege zu ergründen weiß, das in den Kern meiner eigenen Sehnsüchte, Erfahrungen und Fragen vorstößt?

Nicht oft tritt diese Erwartung auf und noch viel seltener trifft sie zu. Aber man kann von ihr nicht lassen, denn welche Lektüren wären kostbarer als jene, die einem so nahegehen (oder -gingen)? Zumindest ich erwische mich dabei, dass ich solche Bücher mit einer ganz besonderen Zärtlichkeit umhege, auch Jahre später noch.

Vor zwei, drei Jahren dachte ich, ich wäre wieder auf ein solches Buch gestoßen: als ich die ersten Seiten von Erich Wolgang Skwaras „Die heimlichen Könige“ las. Doch stellte sich bald heraus, dass das Buch, obgleich es sicher kein schlechtes ist, die Intensität, mit der es einsetzte, nicht durchhalten konnte und alsbald in Wiederholungen verfiel, sich verzettelte. Aber seitdem trug ich ein Gefühl mit mir herum, dass die ersten Seiten beschworen hatten und die Erwartung, irgendwo könnte ich es ausgedrückt finden. Und mit einem Mal kommt Daniela Engists „Lichte Horizonte“ daher und serviert mir das Gefühl, nein: haut es mir um die Ohren, legt es mir heiß auf die Haut.

Es ist die Krux intensiver Lektüren, dass ihre Beschreibung große Begriffe zu verlangen scheint, die für die Leser*innen, die bisher nicht diese Erfahrung gemacht haben (oder vielleicht auch nicht machen werden – nicht jede*n haut jedes Buch aus den Socken), schlicht wie Geheischtes, Abstrahiertes, Ominöses wirken. Ich werde mich also bemühen, nicht allzu hoch zu greifen, bitte aber um Nachsicht.

Eigentlich ist der Plot von Engist Buch ziemlich unspektakulär: Eine (Mitte-Ende) vierzigjährige Frau, seit 20 Jahren verheiratet, Mutter zweier Kinder und seit kurzem auch Romanautorin, hat bei einem Festival einen französisch-deutschen Chansonnier kennengelernt, mit dem sie jetzt auch über E-Mail in Kontakt steht („Gut gegen Nordwind“ lässt nicht grüßen, keine Sorge). Vor dem Hintergrund des intensiven, erotisch untermalten Austausches mit ihm, lässt sie ihr ganzes Liebesleben noch einmal Revue passieren, spürt ihren eigenen Sehnsüchten von damals und heute nach, erforscht die Illusionen und Wirklichkeiten ihres Begehrens, die Geschichte ihrer verpassten Chancen und ambivalenten Entscheidungen.

So weit so gut, aber derlei verspricht noch nicht unbedingt eine anregende, intensive Lektüre. Das „Lichte Horizonte“ aber genau das ist, eine in jeder Hinsicht anregende und immer wieder intensive Lektüre, verdankt das Buch einer Kombination aus der Intelligenz der Autorin und ihrer Bereitschaft, dahin zu gehen, wo sich Kitsch und Kunst, Gefühlsgewalt und bloßes Flirren, verständlicher Schmerz und undeutlicher Jammer auf engem Raum tummeln und man sehr behutsam und doch entschlossen vorgehen muss, um das eine vom anderen zu trennen.

Engist findet genau den richtigen Ton – besser gesagt die richtigen Töne, sie variiert ihren Stil gekonnt – um sich in diesem Raum zu bewegen. Mit unverschämter Leichtigkeit erforscht sie die Welten der schön-schmerzlichen Vergangenheit, kombiniert die Weisheit von Lektüren mit dem schmalen Stich der hartnäckig(en,) übersehenen Fragen und führt uns vor, wie Umstände ein Leben kreieren, warum aber die Essenz dieses Lebens immer jene dünne Haut aus Wünschen, Empfindungen und Gedanken bleibt, an der alles Faktische und Wirkliche letztlich nur anbrandet wie das Wasser an den Klippen, die nicht nachgeben, bis sie eines Tages hinabstürzen.

Noch etliche weitere Vorzüge könnte man nennen, z.B. wie geschickt Engist die intime und schonungslose Stimmung des Werkes aufrechterhält, indem sie mit dem autobiographischen Gehalt des Buches spielt. Wie sie überhaupt die Spannung und Intensität des Buches durch eine gute Balance aus Erinnerungs- und Handlungspassagen erschafft, durch Verdichten im einen und Ausführen im anderen Moment. Weitere Vorzüge werden die Leser*innen selbst auffinden müssen.

Am Ende bleiben viele Fragen (mindestens so viele wie die Anzahl der Steine, die man am Strand sammelt), viele zitierwürdige Passagen, mit denen man ein eigenes Zitatenbuch starten könnte – und, nicht zuletzt, viel vom Buch auf die Leser*innen übertragene Sehnsucht, Nostalgie, sowie der Wunsch sein Leben (neu) zu gestalten. „Lichte Horizonte“ ist ein Buch, das zur Einkehr anstiftet und zugleich hungrig macht auf das Lebendige, Erfüllende, Haltlose. Kurzum: ein richtig gutes Buch, zumindest für jene, die nicht nur unterhalten, sondern auch erschüttert und inspiriert werden wollen. Die es mögen, wenn ein Buch Wellen schlägt in einem. Und unter die Haut geht.

Zu “Die Ungetrösteten” von Kazuo Ishiguro


98c5a1e0f44a487aef5f31e97ed15ac0e042f388-00-00 Man sollte das Leben leben und nicht versuchen, es zu verstehen. Wer geneigt ist diesem Satz zuzustimmen, dem*der ist von der Lektüre der Romane von Kazuo Ishiguro eher abzuraten, insbesondere von einer Lektüre der „Ungeströsteten“.

„Die Unerhörten“, das wäre auch ein guter Titel für dieses Buch gewesen, auch wenn es den Originaltitel „The Unconsoled“ nicht ganz korrekt wiedergeben würde. Aber es geht in diesem Buch um die Unvereinbarkeit von Leben und Anspruch, Leben und Vorstellung, Leben und Sehnsucht, Leben und Traum. Und wie ließe sich diese Diskrepanz besser ausdrücken als mit dem Wort unerhört, in dem sowohl der Furor, das Klaffende dieser Diskrepanz steckt, als auch die schlichte Feststellung, dass es niemanden gibt, an den wir uns mit diesem Furor, diesen Sehnsüchten, dieser Ungerechtigkeit wenden können. Das menschliche Leben bleibt unerhört, in zweierlei Hinsicht.

Das Unerhörte, das war auch die Domäne eines anderen Autors, den man nicht jedem*r zur Lektüre empfehlen kann und der bei Ishiguros Buch eindeutig Pate stand: Franz Kafka. Ishiguro hat aber gar nicht erst versucht diesen Meister des Satzes und Stils zu kopieren oder gar zu potenzieren (außerhalb der deutschen Sprache ist dies wohl auch nur schwer möglich), vielmehr hat die Motive seiner Werke geschickt aufgefächert.
So ist vieles in „Die Ungetrösteten“ nicht mit jener genuinen Bedrohlichkeit aufgeladen, die in den meisten von Kafkas Werken, vor allem in den Romanen, so unabwendbar präsent ist (wie etwa bei Julio Cortázar. Obgleich es auch in den Ungeströteten immer wieder kurze Momente gibt, in denen sich eine Situation kafkalike zu verdichten droht). Ishiguro konzentriert sich weniger auf die Vergeblichkeit der Umstände und vielmehr auf die Vergeblichkeit des Individuums – und überführt damit auf gewisse Weise die Thematiken von Kafkas Werk in die Nachkriegsmoderne.

Denn wo es bei Kafka die Bürokratie, die unkörperhaften Autoritäten waren, von denen das Chaos ausgeht, liegt bei Ishiguro die Wurzel des Chaos eben im Individuum selbst und seinen Beziehungen zu anderen Individuen, nicht in den Fragen nach dem Platz im System, sondern den Fragen nach dem guten Leben, den richtigen Prioritäten, den Wegen, für die wir uns, völlig unabhängig von irgendeiner Autorität, entscheiden.
„Die Ungetrösteten“ spielen viele Aspekte dieser Problematik des Individuums und seiner Haltlosigkeit im Angesicht seiner Möglichkeiten und Verpflichtungen durch – mitunter langatmig, ermüdend, dies sei eingestanden. Aber letztlich lässt sich manches Thema nur mit dieser ausufernden Tendenz erschließen. Oder anders gesagt: Man kann nicht immer einfach nur eine Geschichte erzählen, manchmal muss ein Schicksal zugespitzt werden, muss ein Text über die Grenzen der anschaulichen Darstellung hinaus ins Erschöpfende sich strecken, um den Kern einer Erkenntnis wirklich offenlegen, berühren zu können.

Ishiguro gelingt es eine ganze Palette unterschiedlicher Dilemmata und Lebensbrüche in seine Erzählung zu weben, während sein Protagonist wie in einem endlosen (Alp-)Traum, kopflos und doch immer voller Absichten, Ideen und Hoffnungen, durch die Kulissen dieser Dilemmata stolpert, zum Teil Protagonist, zum Teil nur Anlass für die anderen Figuren, ihre Zweifel, Traumata und Ängste offenzulegen. Wie bei Kafka ist die Lektüre dieser Havarie nicht durchgehend unterhaltsam (obgleich es herrliche und erschütternde Momente gibt), zumindest nicht, wenn man nicht mitbedenkt, worauf die einzelnen Darstellungen abzielen: Life in a nutshell. Alle sind auf der Suche nach der Perle und verstehen nicht, dass sie sie nie finden können, weil sie überall ist und nirgendwo, zu groß um aufgelesen, besessen zu werden und ständig sieht man sich in ihr gespiegelt.

Ich hoffe nun kann jede*r selbst entscheiden, ob er das Abenteuer dieses Buches wagen will. Belohnt wird man vielleicht nur mit der Erkenntnis, dass man selbst auf die eine oder andere Art und Weise ein*e Ungeströtete*r ist. Wie viel das Wert ist, wer kann das sagen. Eine intensive Erkenntnis ist es aber nichtsdestotrotz.

Unter der Sonne


Klara und die Sonne+ Gleich vorweg muss ich zugeben, dass ich ein großer Bewunderer der Romane und Geschichten von Kazuo Ishiguro bin. Ich habe alle seine Bücher gelesen und jedes davon hat mich auf eine neue und doch vertraute Weise bewegt und fasziniert. Es sind Bücher, in denen das Menschliche auf so eigenwillige, sanfte und doch intensive Art zelebriert wird, die manchen Leser*innen zu unaufgeregt, zu offen erscheinen mag, die ich aber für eine großartige Synthese aus Kunstfertigkeit und Einfühlungsvermögen halte.

Ishiguros neuer Roman knüpft in mancherlei Hinsicht an seine älteren Werke, bswp. “The artist of the floating world” oder “The remains of the day”, an. So wird die ganze Geschichte aus der Ich-Perspektive geschildert und die Leser*innen bekommen nur die Informationen, die auch die Erzählerperson hat (wobei sie durchaus deren Sinn anders deuten, sie für sich selbst erschließen können).

Die Erzählerin Klara ist allerdings selbst kein Mensch, sie ist ein Roboter, eine modellierte Gefährtin für Heranwachsende. Ihre Geschichte setzt in dem Verkaufsshop ein, in dem sie zum Kauf angeboten wird, und ihre Welt umfasst zunächst nur diesen Raum und den Ausblick, der sich vom Schaufenster aus bietet. Von hier erschließt sie sich durch Beobachtungen und Überlegungen die Welt menschlicher Interaktionen. Im Zentrum ihres Kosmos steht jedoch die Sonne, die sie aufgrund ihrer lebensspendenden Energie für die personifizierte Güte hält, eine gottgleiche Figur. Sie wird in dem eigentlichen Plot eine wichtige Rolle spielen.

Dieser Plot beginnt als Clara von einem 14jährigen Mädchen auserwählt und nach einigem Hin und Her zu ihrer Gefährtin wird. Sie zieht in das Haus der Familie und schon bald deutet sich an, dass sie nicht nur als normale Unterhalterin gedacht ist und das mit ihrem Schützling etwas nicht stimmt …

Langsam breitet sich das zentrale Szenario des Buches aus, leichtfüßig kommt es daher, doch in seinen Winkeln und Schluchten, in seinem Kern, werden die großen Fragen verhandelt: Was können wir einander geben? Was ist ein gutes Leben? Wozu müssen wir bereit sein? Wie weit dürfen wir gehen, um Schmerz abzuwenden? Man könnte auch auf die von Immanuel Kant formulierten Fragen zurückgreifen: Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen? Was ist der Mensch? Die Geschichte von Klara und der Sonne streift alle diese Fragen, ohne sie jedoch direkt zu stellen. Aber sie werden stellen sich in den entsprechenden Momenten dann doch mit aller Deutlichkeit und man fragt sich, wie man ihre Anwesenheit bisher übersehen konnte.

Etwas, dass ich an Ishiguros Romanen besonders schätze: seine Figuren sind nie Helden, seinem Stoff fehlt jeder Zug zum Epischen. Seine Geschichten erschließen nie ganze Welten, sie geben vielmehr einen einmaligen Einblick und zeigen den Menschen in den Umständen, ohne die Umstände groß auszuführen. Für manche Leser*innen mag das frustrierend sein oder es mag etwas fehlen – ich sehe gerade in dieser Beschränkung die Magie von Ishiguros Prosa begründet. Denn dieser Beschränkung sind wir zeitlebens ausgesetzt, auch wir sind in unserem Körper gefangen, unserem Geist, und können nur versuchen zu verstehen, was in anderen Menschen vorgeht und unsere Handlungen in Relation zu denen von anderen stellen, können versuchen irgendwie hinauszugreifen, mit Worten, Gesten, etc.

Dieses zentrale Dilemma vergegenwärtigt Ishiguro in all seinen Romanen, oftmals bildet es die Struktur. Er selbst hat in seiner Nobelpreisrede gesagt, dass es für ihn in Geschichten darum ginge, dass eine Person zu einer anderen Person sage: So fühle ich. Fühlst du genauso? Kannst du verstehen, wie ich fühle?

Natürlich entstehen so nur Romane mit leisen Tönen, eben keine epischen Fresken, sondern kleine Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte. Wer glaubt, sich für das erzählerische Äquivalent zu diesen Kunstformen nicht begeistern zu können, dem ist von Ishiguro eher abzuraten (vielleicht sag denen Ian McEwans “Maschinen wie wir”, ähnliches Thema, andere Aufbereitung, eher zu). Allen anderen empfehle ich nachdrücklich, diesen Roman zu lesen, sich auf seine eigenwillige Erforschung des menschlichen Daseins und seiner Verquickungen mit Fragen der Ethik, des Glaubens und vielen anderen, einzulassen.

Ein Meisterwerk langsam anschwellender Ungeheuerlichkeit


Der Schrei der Eule

Am 19. Januar dieses Jahres hätte die große Erzählerin Patricia Highsmith ihren 100. Geburtstag gefeiert. Sehr zu meiner Freude hat der Diogenes Verlag anlässlich dieses runden Jubeljahres einige Roman ihrer Stammautorin neu aufgelegt, darunter auch meinen persönlichen Favoriten “Der Schrei der Eule”.

Es ist schwierig, über Lieblingsromane zu reden, zu schreiben. Allzu oft neigt man (zumindest ich) aus Begeisterung dazu, die Vorzüge des Romans zu überzeichen und provoziert damit Widerspruch und Enttäuschungen. Ich werde also versuchen, das Buch und seine Vorzüge etwas sachlicher, als ich eigentlich will, zu beschreiben.

Gleich die erste Szene ist schon ungeheuerlich und eigentümlich beruhigend, ein Sinnbild für die Atmosphäre des ganzen Buches: Ein Mann beobachtet durchs Fenster eine junge Frau bei ihren Abendverrichtungen in der Küche. Schnell ist klar, dass der Mann die Frau nicht kennt, aber nicht die Absicht hat, ihr etwas anzutun. Auch sexuelle Motive hat er nicht, er will sie nicht nackt sehen oder sich ihr in irgendeiner Weise nähern. Ihr unkompliziertes, allem Anschein nach frohes Dasein beruhigt ihn einfach; es geht ihm besser, wenn er ihr zusieht und sich vorstellt, wie glücklich sie ist in ihrem Haus, mit ihrem Freund, mit ihrem Leben.

Robert, der Mann, ist schon öfter bei dem Haus gewesen, seitdem er einmal per Zufall aus der Ferne auf die Frau aufmerksam wurde. Jetzt zieht es ihn regelmäßig hin, auch wenn er sich jedes Mal schwört, dass es das letzte Mal ist. Die Frau und ihr Freund haben schon den Verdacht, dass manchmal jemand ums Haus schleicht, aber bisher ist er immer davongekommen. Dann, eines Abends, entdeckt sie ihn doch, reagiert aber völlig anders, als er erwartet hat …

Manche würden Highsmit Werke als pyschologische Romane, manche vielleicht sogar als Thriller bezeichnen, aber ihre besten Bücher sind vor allem eines: mustergültige Tragödien, nach antikem Vorbild. Ein paar kleine Vorzeichen und dann ein einziger Augenblick, ein Initialmoment, und schon ist etwas ins Rollen geraten, dass die Leser*innen über hunderte von Seiten in Atem hält. Die Schicksalhaftigkeit die den Wendungen und Zuspitzungen des Plots dabei anhaftet, hat gleichsam etwas Absolutes und etwas Ungeheuerliches – eine Kombination, in welcher der Ambivalenz des freien Willens, seiner Getriebenheit und Machtlosigkeit wunderbar Ausdruck verliehen wird.

Highsmith gelingt es immer wieder greifbare und doch nicht bis ins letzte durchschaubare Charaktere zu zeichnen, die einen mit ihren Entscheidungen und Denkmustern in den Wahnsinn treiben und zu denen man doch ein enges Band knüpft, um deren Entscheidungen man bangt und von deren Schicksal man sich schwer distanzieren kann. Tom Ripley ist der bekannteste dieser Charaktere, aber in “Der Schrei der Eule” warten auch mindestens drei von ähnlichem Kaliber.

Dabei ist der Roman eigentlich sehr unscheinbar, in vielen Bereichen, und läuft so langsam an, dass man glauben könnte, es werde zum Schluss vielleicht eine Eskalation geben, einen Turn, einen Kniff und das sei der ganze Plan. Stattdessen nimmt der Roman plötzlich nach einem Viertel des Textes Fahrt auf und auf einmal weiß man gar nicht mehr, wie es dazu kommen konnte, dass die Situation so zugespitzt ist und man fast genauso angespannt auf jede neue Entwicklung wartet, wie die Hauptfiguren.

In “Der Schrei der Eule” kann man einer großen Ungeheuerlichkeit beiwohnen, die mit einer ganz kleinen Ungeheuerlichkeit beginnt. Vielleicht nicht anders beginnen kann. Es beginnt mit einer Unschuld im Gewande eines Verbrechens und endet mit Verbrechen im Gewande der Unschuld. Es geht um die Einsamkeit des Menschen im Angesicht des Todes und um die fatalen Ideen, die sich der Mensch zurechtlegt, um die Einsamkeit zu überwinden. In jedem Fall: für mich ein Meisterwerk. So, jetzt ist der Überschwang doch durchgebrochen.

 

Eine gut geschilderte Hauptfigur in einem nicht ganz ausgereiften Roman


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Die 15jährige Paola fühlt sich in ihrer Haut nicht sehr wohl: sie findet sie ist zu groß, zu unansehnlich, monströs geradezu; ein Erlebnis in der Schule hat sie vor kurzem noch mehr davon überzeugt, dass sie mit ihrer Statur und ihrem Wesen nirgendwo hineinpasst. Am liebsten verbringt sie Zeit mit ihrem körperlich beeinträchtigten Bruder Richie, mit dem sie das soziale Wohnviertel durchstreift, das an ihr eigenes gut betuchtes Viertel angrenzt. Paolas Familie ist nämlich reich – ihr Großvater hat viele Gebäude in der Stadt gebaut, unter anderem auch das soziale Wohnviertel.  

Eines Tages ergibt sich dort eine Begegnung und ihr eigener Bruder freundet sich mit dem jüngeren Bruder eines Klassenkameraden an, die beiden beginnen Schach gegeneinander zu spielen. Auch zwischen ihr und dem Klassenkameraden bahnt sich eine neue, verwirrende Vertrautheit an, doch Paola will nach den letzten Erlebnissen in der Schule niemandem mehr vertrauen, auch wenn sie spürt, dass im Wohnviertel und der Gestalt Antonios ein ganz neues Leben auf sie wartet …

Gleich vorweg muss man sagen, dass Raffaella Romagnolo in ihrem Buch einen ungewöhnlichen Drahtseilakt wagt. „Dieses ganze Leben“ ist über weite Strecken ein Coming-of-Age-Jugendroman, in dem manche Beziehungen ein bisschen zu non-ambivalent dargestellt sind. Womit ich meine: die Charaktere zeigen wenig Entwicklung und Variation in ihrem Verhalten, sie bleiben ihrer Ausrichtung verhaftet. Manche Konflikte werden während der Handlung intensiviert, andere nur im passenden Moment mal aufgerufen, aber gar nicht wirklich thematisiert.

In manch anderen Punkten ist das Buch aber ambitionierter. So schildert die Autorin mitunter bewundernswert anschaulich das Innenleben der Protagonistin und man hat am Ende das Gefühl, das zwar vieles unbefriedigend offen/unverhandelt bleibt, aber die Entwicklung Paolas durchaus sehr stimmig und gelungen ist.

Der Knackpunkt ist halt, dass dadurch viele andere Figuren und Handlungselement zum Ornament verkommen. Man hat das Gefühl, alle Elemente der Story schlagen sich vor allem in Paola nieder und sind abseits davon oft relativ eindimensional. Jetzt kann man argumentieren, dass das doch das Verhältnis einer Teenagerin zur Welt gut wiedergibt: was sich nicht direkt auf sie bezieht (und sie erzählt ja die Geschichte) ist nun mal Beiwerk.

Das mag sein und ich glaube, dass es Leute gibt, die mit dieser Leseerfahrung dann auch zurecht sehr zufrieden sind. Mich hat es ziemlich genervt (auch das passt aber eigentlich zum Teenager-Tunnelblick), wie sehr die anderen Charaktere streckenweise ernstgenommen werden, aber trotzdem nie aus ihren Rollen ausbrechen, sondern immer schön der Definition der Protagonistin verhaftet bleiben, so als würde sie letztendlich alles durchschauen und immer Bescheid wissen.

„Dieses ganze Leben“ ist ein teilweise starker, teilweise aber auch ziemlich luftiger Roman. Als Geschichte schön und teilweise schlimm, als Roman zu wenig ausgearbeitet.  

Eine Machtstudie, auch im 21. Jhd. noch immer aktuell


Der Tyran

Der Tyrann, das ist eine sehr klassische Figur, zu finden vor allem in Geschichten über die Antike – das letzte Mal, dass jemand einen modernen Herrscher im großen Stil einen “Tyrannen” nannte, war wohl 1865, als John Wilkes Booth Abraham Lincoln ermordete und im Anschluss die lateinische Wendung “Sic semper tyrannis” (“so ergeht es den Tyrannen”, angeblich von Brutus zu Caesars Ermordung geprägt) ausrief. 

Heute sprechen wir von Autokraten, Diktatoren, Alleinherrschern, etc. – der Tyrann ist eher zum Sinnbild häuslicher Herrschaft und Unterdrückung geworden, ein Synonym für Patriarch (wobei ein Diktator oft auch ein Patriarch ist). Das Wort scheint nicht mehr genug Kraft zu besitzen, um den modernen Formen von Allmachtsphantasien im Zeitalter von Überwachungsstaaten, Massenvernichtungswaffen, etc. gerecht zu werden.

Doch Stephen Greenblatt brachte den Tyrann (inspiriert, wie er im Nachwort schildert, durch die Wahl Donald Trumps) wieder aufs Tapet und zwar anhand der Tyrannendarstellungen des nicht ganz unbekannten Dichters und Dramatikers William Shakespeare. Angereichert mit vielen Passagen aus seinen Stücken erstellt Greenblatt ein Psychogramm des Durchschnittstyrannen, seiner Strategien und Wünsche, seiner Unzulänglichkeiten und Fehler.

Er beginnt mit Shakespeares frühem Stück-Zyklus, der sogenannten York-Tetralogie mit “Heinrich VI.” (in drei Teilen) und “Richard III.”, in welcher der Dramatiker den Aufstieg des Tyrannen Richard Plantagenet vor dem Hintergrund der Rosenkriege beschreibt. Das Motiv des unansehnlichen Richard, der Grund warum er nach Macht strebt und dabei vor nichts zurückschreckt, ist (so stellt Shakespeare es dar) seine mangelnde Selbstliebe, die er durch äußere Erfolge und Macht zu kompensieren versucht. Er glaubt nicht, dass Nähe oder Zuneigung anderer für ihn vorgesehen sind, also lebt er ohne sie und genießt stattdessen kleinere und größere Grausamkeiten. Dies führt natürlich dazu, dass er am Ende zwar ganz oben, aber auch ganz allein dasteht.

Von diesem Tyrannen mit Minderwertigkeitskomplex geht es dann zum Tyrannen wider Willen. MacBeth strebt nicht aus sich heraus nach der Krone, vielmehr sind es eine Kombination aus Gelegenheit, den Einflüsterungen seiner Frau, sowie die Prophezeiung dreier Hexen (er werde eines Tages über Schottland herrschen), die ihn zum Königsmörder und Ursupator machen. Kaum auf dem Thron ist sein einziger Wunsch, irgendwie die innere Sicherheit wiederzugewinnen, die ihm durch das Handeln gegen seine Ideale und Bedenken abhandengekommen ist. Er versucht diese innere Sicherheit durch äußere Sicherheit zu erreichen, also indem er seine Macht absichert. Dabei muss er aber immer weiter Grenzen überschreiten und Brücken abbrechen, bis er schließlich nur noch instinktiv und paranoid handelt, dem Wahnsinn verfällt.

Schließlich ist da König Lear, der alte weiße Mann-Tyrann. Er ist es gewohnt, dass man alles für recht hält und umsetzt, das er befiehlt. Die Meinungen anderer sind ihm egal und auch in seiner Senilität und offenbaren Unfähigkeit wird er von nur wenigen seiner Berater wirklich offen kritisiert. Sie tragen seine fatalen Entscheidungen mit, obwohl sie das Reich zugrunde richten.

Greenblatt beschäftigt sich auch noch mit den Dramen “Julius Caesar”, “Das Wintermärchen” und “Coriolanus”, aber ich möchte nicht zu viel vorwegnehmen. Es gelingt ihm auf jeden Fall, ein sehr umfassendes Portrait der verschiedenen Tyrannenausführungen von Shakespeare herauszuarbeiten. Aus diesen verschiedenen Ansätzen und Ausführungen extrahiert er dann die Kernmerkmale tyrannischer Herrschaft: wie sie überhaupt eintreten kann, warum sie gestützt und befördert wird (oft aufgrund von Eigeninteressen, bei denen die Interessenten die Dimensionen des Tyrannencharakters unterschätzen) und warum sie so fatal ist (letzteres ist vielleicht offensichtlich, die ersten beiden Punkte aber eigentlich auch).

Vieles davon hat Hand und Fuß, vieles lässt sich leicht auch auf Personen und Situationen der heutigen Zeit übertragen. Greenblatt zeigt, dass Shakespeare ein Meister der Typisierung war, der oft die Gefahren seiner eigenen Zeit durch Schilderungen weit zurückliegender Ereignisse umreißen wollte – und dabei Figuren und Plots schuf, die sogar noch die Gefahren und Charaktere unserer Zeit ganz gut abbilden, nicht in jeder Facette, aber von der Idee her.

Insofern ist das Buch tatsächlich eine gelungene Machtstudie für das 21. Jahrhundert, auch wenn es auf 400 Jahre alten Stücken beruht. Wer von Shakespeare (und Greenblatt) begeistert oder einfach nur in mancher Hinsicht belehrt werden will, der sollte das Buch auf jeden Fall lesen.

 

 

Ein Set von 20 Poesie-Postkarten, schön illustriert


Postkartenbuch-Gedichte

Die Autor*innen:

Wilhelm Busch (2x), Gustav Falke, Erich Mühsam, Eduard Mörike (2x), Gottfried August Bürger, Franz Grillparzer, Rose Ausländer, Ernst von Wildenbruch, Hilde Domin, Heinrich Heine, Heinrich Zille, Christian Morgenstern (2x), Joseph von Eichendorff, Joachim Ringelnatz (2x), Kurt Schwitters und das bekannte “Dû bist mîn, ich bin dîn” eines anonymen Minnedichters.

Die Auswahl ist eigentlich schön, das Geschlechterungleichgewicht (18:2) fällt allerdings negativ auf – und das, obgleich es durchaus tolle kurze Gedichte von Autorinnen wie bspw. Mascha Kaléko, Emmy Hennings, Else Lakser-Schüler, Marie von Ebner-Eschenbach und v.a. gibt.

Davon abgesehen ist die Durchmischung wie gesagt gut: es gibt Anrührendes und Witziges, Charmantes und Weises, manchen Klassiker und ein paar unbekanntere Verse. Die Postkarten lassen sich größtenteils gut und sauber vom Heftrahmen lösen und das Papier hat eine schöne, stabile Dicke; auch die Oberflächen der Karten fühlen sich schön an. Die durchgehende Farbgestaltung in Gelb und Blautönen empfinde ich als gelungen.

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Ein Buch über das Leben, was es ist, wie man es führt


Maschinen wie ich

Man nennt sie Uchronien, oder, einfacher, Was-wäre-wenn-Geschichten. Was wäre geschehen, wenn Antonius die Schlacht bei Actium gewonnen hätte? Was wäre geschehen, wenn Wilhelm der Eroberer bei Hastings verloren hätte? Was wäre geschehen, wenn die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen hätten? – dies drei Beispiele für Fragestellungen, mit denen sich sogar die Geschichtswissenschaft beschäftigt (wenn auch meist nur, um ex negativo darauf hinzuweisen, warum die faktischen Ereignisse die Weltgeschichte auf eine bestimmte Art beeinflusst haben). Johannes Dillinger hat ein interessantes Buch über Uchronien in Geschichtswissenschaft, Film und Literatur verfasst, das ich jeder Person, die das Thema interessiert/fasziniert, empfehlen kann.

Allerdings findet Dillinger nur wenige der von ihm angeführten literarischen Werke wirklich bemerkenswert. Und in der Tat ist die Uchronie dort eher selten anzutreffen (sie ist auch abzugrenzen von Utopien und Dystopien, die in der Zukunft und nicht in alternativen Zeitlinien spielen und von Filmen und Büchern, die trotz einer Abänderung der Vergangenheit keinen Fokus auf die historischen Entwicklungen abseits ihres Plots legen). Meist sind dann auch nicht gut durchdacht und die historische Plausibilität wird im Verlauf oft zugunsten der Handlung vernachlässigt.

Dennoch gibt es ein paar spannende Beispiele, am bekanntesten sind wohl Robert Harris „Vaterland“ und „The man in the high castle“ von Philip K. Dick, wobei letzteres keine Uchronie im strengen Sinne ist. Dieter Kühns Grotesken in „Ich war Hitlers Schutzengel“ wären vielleicht noch zu nennen, viele weitere Titel kann man dem Buch von Dillinger entnehmen. Das erschien 2015 und enthält daher nichts zu Ian McEwans neustem Roman „Maschinen wie ich“. Allerdings bin ich der festen Überzeugung, dass Dillinger auch an diesem etwas auszusetzen gehabt hätte – aber ich glaube, er hätte auch anerkennen müssen, dass McEwan in mancherlei Hinsicht eine wunderbare Uchronie verfasst hat.

Einer der Gründe, warum meiner Meinung nach „Maschinen wie ich“ eine tolle Uchronie (und ein tolles Buch) ist: McEwan übertreibt es nicht. Sein England der frühen 80er Jahre ist kein wahnwitziger Ort, in dem die historische Kurskorrektur zu einem epischen Konflikt oder einer anderen Ausnahmesituation geführt hat. Eigentlich scheint sogar alles recht gewöhnlich, sieht man von der Tatsache ab, dass der Protagonist Charles Friend sich schon auf den ersten Seiten einen humanoiden Roboter mit künstlicher Intelligenz zulegt.

Der Mensch erschafft bei McEwan also schon Maschinen nach seinem Ebenbild (sogar unterteilt in Geschlechter, die einen heißen Adam, die anderen Eve). Möglich ist das, weil der Pionier der Computerwissenschaft, Alan Turing, sich nicht 1954 infolge einer quälenden Hormonbehandlung (dieser „chemischen Kastration“ musste er sich aufgrund einer Verurteilung seiner Homosexualität als Straftat unterziehen) umbrachte, sondern stattdessen auf vielen Feldern (Quantenmechanik, Logik, Computerintelligenz) weitarbeitete und ihm mit einigen Kolleg*innen weitreichende Durchbrüche auf diesen Feldern gelangen. Er machte diese Informationen öffentlich zugänglich, damit alle von ihnen profitieren konnten. Und so führten seine Entdeckungen auch zu der ersten Konstruktion von künstlicher Intelligenz.

Auf der anderen Seite aber sind die neusten Errungenschaften auch der Militärdiktatur in Argentinien zugänglich, die nun, mit spezieller Raketentechnik im Rücken, keinen Grund sieht, die Falkland Inseln nicht ihrem Herrschaftsbereich einzuverleiben. Maggie Thatcher will das (wie auch in realen Historie) verhindern und entsendet die britische Flotte, was in der Folge zu turbulenten politischen Verwicklungen führt …

Während die Geschichte der britischen Politik und Gesellschaft die Story immer begleitet (und genau in dem Maße bedingt, wie es Politik in westlichen Gesellschaften meistens tut, wenn man zur Mittelschicht gehört: es ist Gesprächsthema und hin und wieder auch wichtig, aber nicht permanent) liegt der Fokus eindeutig auf den Verwicklungen, die sich für den Protagonisten Charles aus dem Kauf seines neuen Androidenbegleiters ergeben. Denn der schaltet sich sehr bald in das Leben seines neuen „Besitzers“ ein, stellt die Ehrlichkeit von dessen neuer Freundin Miranda infrage und entwickelt eine Persönlichkeit, nebst einem Interesse für Kultur und Moral. Alles kein Bein(oder Mittelhand)bruch, denkt man, aber langsam und still wird Adam zum Freund, aber auch zum Nebenbuhler, zum Gewissen und zum nervigen Mitbewohner, zum Geldverdiener und zum Katalysator verschiedenster Entwicklungen …

McEwan ist ein großartiges Buch gelungen. Selbst wenn man den uchronischen Aspekt weglässt, ist es tolles Werk über Moral, Kunst, Gefühle, kurz: über das Menschsein. Wie McEwan das beschreibt, anhand der Dreieckskonstellation von Adam, Charles und Miranda darstellt, auf allen Ebenen, ist hohe Romankunst. Es gibt in diesem Buch alles: Spannung, Intensivität, Witz und Schönheit. Und bei all dem zeigt McEwan immer wieder, dass er ein Händchen für Charaktere hat. Er spielt sie nicht gegeneinander aus, um einen billigen Punkt zu machen, sondern führt uns mitten in ihre Zwiste und Versuchungen, Ideen und Ängste.

Es wird viel verhandelt in „Maschinen wie ich“, von den hohen Fragen was Leben bedeutet und wie man es erkennt, wie man es richtig führt, bis zu Fragen, warum man Rache will und wie das Zeitgeschehen uns gleichsam angeht und nicht angeht. Alles in allem: ein Buch, in dem man sich sehr mit seinem Menschsein konfrontiert sieht. Ich wüsste nicht, was man von Kunst mehr verlangen könnte.

In einer unsicheren Welt …


9783442770571

Die Welt ist unsicherer geworden. Nein, das stimmt eigentlich nicht, eigentlich ist sie sicherer geworden, zumindest für die meisten Menschen in Europa, vor allem in Westeuropa. Und doch erlebt gerade dieses Westeuropa, 70 Jahre nach dem letzten verheerenden Krieg, den eine populistische Partei anzettelte, eine neue Welle von Populismus, Antisemitismus und Extremismus.

Diese Übel wurden nicht, wie manche anmerken und propagieren (Propa(ganda)-gieren im wahrsten Sinne des Wortes), eingeschleppt. Sie haben ihren Ursprung in einem Gefühl der Machtlosigkeit, das trotz allem Wohlstand und aller Sicherheit in unseren Gesellschaften Einzug gehalten hat. Zwar leben wir in Europa in einer sicheren Welt, dank der medialen Omnipräsenz wissen wir aber, dass diese sichere Welt bereits wenige Zentimeter hinter unseren Grenzen enden kann. Und was im Moment noch draußen vor der Tür ist, kann plötzlich auch drinnen im Raum sein.

Wir leben also tatsächlich in einem “Königreich der Angst”. Noch nie konnte die Menschheit vor so vielen Dingen gleichzeitig Angst haben und noch nie konnte diese Angst gleichsam so signifikant und gleichsam irrational sein. Wir wissen Bescheid über das, was überall auf der Welt passiert und kennen auch die Gründe, warum es passiert – und warum auch wir davon betroffen sind/sein werden. Und doch sind die wenigsten Menschen in der Lage, etwas zu ändern oder sie zögern oder sie verdrängen schlicht, dass etwas getan werden müsste.

Tief drin kann der Mensch auf Angst nur auf zweierlei Weisen reagieren: Flucht oder Angriff. Resignation oder Wut. Und so nehmen einerseits die Schuldzuweisungen zu, andererseits die Ignoranz – die sich auch beide noch bedingen. Wie kann dieser Teufelskreis bezwungen werden?

Martha Nussbaum zeigt in ihrem großartigen Buch, wie die Mechanismen der Angst unser Denken und Handeln, unsere Politik und unser Weltbild durchdringen. Und sie zeigt auch auf, wie wir unseren Fokus verschieben und unser Denken und Fühlen neu ausrichten können. Jede/r sollte dieses Buch lesen!