Der totale Roman – zu André Gides “Die Falschmünzer”

“Nichts, was sich der Seele bietet, ist eindeutig, und vieldeutig bietet sich die Seele dar.”
Blaise Pascal

“Mensch sein, heißt Mensch WERDEN.”
André Gide

Romanen ist die Möglichkeit eingegeben, in den Räumen menschlichen Lebens jede Art von Erleben und Erfahren durchzuspielen, dabei zutage zu fördern, zu verdichten, zu reflektieren und zu versinnbildlichen – zusammengegossen durch Stil und gerührt durch das Erzählen. Jeder einzelne Roman bewältigt eine Fülle und Einheit von Offenbarungen, die er selbst in Gang gesetzt hat. Ein Roman ist nicht einfach eine Erzählung – er ist auch ein Ausschnitt des Blickes, denn das gesamte Bewusstsein der Menschheit je auf seine Umgebung, seine Existenz, sein Schicksal, seine Möglichkeiten geworfen hat.

“Die Falschmünzer” sind ein beeindruckendes Beispiel dafür; ein beinahe schlichtes, aber auf vollkommene Art und Weise arrangiertes Kaleidoskop menschlicher Typen, Sehnsüchte und Ansichten, durch welches das Licht einiger weniger Ereignisse fällt und vielfältig gebrochen wird; während der Erzählung wird des Öfteren die Perspektive gewechselt, Tagebucheinträge und Briefe spielen eine ebenso wichtige Rolle wie Gespräche und innere Analysen der Figuren. Es wird Theorie gemacht, es werden Überlegungen eingeflochten.

Dennoch wird alles, was bestimmend wirken könnte, dosiert und nicht überreizt. Man merkt es dem Roman auf jeder Seite an, dass er erforschen und nicht klarstellen will, dass seine Figuren ins Lebendige hineingeschrieben sein sollen und nicht nur Stoffbahnen sind, die zu einer guten Erzählung geschneidert werden können; denn dieser Stoff, so legt uns Gide mit viel Sensibilität und Gespür für menschliche Stimmungen, Missverständnisse, Ängste und Schwächen dar, aus dem wir sind, ist seinem Muster und seiner Art unterworfen, nicht aber einer Verwendung – diese Verwendung, von außen prophezeit, begünstigt, befohlen, ist die Krux, die wirkliche Aufgabe, die schwierigste.

Und so gilt: Errare humanum est, irren ist menschlich, und Gide zeigt uns seine Figuren nicht nur zerrissen in ihren Vorstellungen, Obsessionen und Absichten, sondern auch wankelmütig und stets von neuen Entwicklungen und neuen Stimmungen aufgenommen und umgetrieben. Diese Dynamik macht den Roman so lesenswert und nahezu alterslos.

Und noch mehr: es macht Gides Buch zum totalen Roman. Jede Variation zieht uns auf neue Weise ins Geschehen und fügt sich doch ein als weiterer kreisender Ring um den Kern, der immer wieder anvisiert wird: was treibt uns Menschen um, vorder- und hintergründig, was lassen wir außer Acht, was wird uns (plötzlich, aber als hieße das schon ewig) klar, was lernen wir zu verstehen, was bleibt uns zu entscheiden und warum sind so viel Entscheidungen unbewusst.

(„Haben sie noch nicht bemerkt“, kommentierte Hildebrant, „dass die entscheidenden Handlungen in unserem Leben, ich meine: jene, die geeignet sind, über unsere ganze Zukunft zu entscheiden, sehr oft unbedachte Handlungen sind?“
„Das glaube ich gerne“, erwiderte Audibert. „Es ist als stiege man in einen Zug, ohne nachzudenken und ohne sich gefragt zu haben, wohin er fährt. Ja, in den meisten Fällen begreift man erst, dass der Zug losgefahren ist, wenn es zum Aussteigen schon zu spät ist.“ (Seite 321))

Ich will “Die Falschmünzer” nicht zu hoch in den Himmel heben. Auch sie haben potenzielle Schwächen, wie etwa denn allzu glatten Ton, den Rahmen des Stils, der trotz seiner vielen Feinheiten und Stufungen eine gewisse Strenge in sich trägt und letztlich die Entscheidung, das Hauptaugenmerk schwer auf den Situations- und Figurenfacetten ruhen zu lassen und nur mit knapper Präzision die Handlung anzusprechen.

Aber eigentlich sind das alles keine Makel, denn man merkt, dass es Gide, dem wunderbaren Humanisten und Individualisten, bis in die kleinsten Spitzen seiner Erzählhaltung um das Wesentliche seiner Kunst, seiner Mitteilung geht. Er will uns immer wieder in den Figuren fixieren, in ihren Gefühls- und Entscheidungswelten, ihrer Ungeklärtheit. Er will nicht nur erzählen, er will uns konfrontieren, aus uns soll ein Teil dessen werden, was verhandelt wird, was eine Rolle spielt, in seinem Buch und im menschlichen Leben. So finden wir in vieles hinein und von dort in unser eigenes Leben zurück und haben einen vagen Moment der Begegnung (oder Wiederbegegnung) erlebt. Wir wurden aufgebrochen vom Kaleidoskop und fügen uns wieder zusammen. Und bleiben zurück mit einem Eindruck von all den Farben, die wir in uns gesehen haben. Und schließen den Deckel eines Romans, eines reichen Buches.

Zu Vladimir Vertliebs Roman “Das besondere Gedächtnis der Rosa Masur”

Es ist eine Geschichte von der Schwierigkeit der jüdischen Existenz und ein Blick auf und in das große Land Russland und seine zerrissene Geschichte im 20. Jahrhundert. Es ist die Geschichte einer Frau, die überlebt, was kaum zu überleben war: Verfolgungen, Kriege, Entbehrungen und Verluste. Es ist eine Geschichte schwerer Zeiten, mühseligen Lebens, ununterbrochenen Überlebens und sehr sehr zager Hoffnungen. Es ist aber noch mehr als das, es ist ein gelungener Roman.

Ich misstraue allgemein der Idee, dass ein Buch, das eine längere Erzählung beinhaltet, automatisch ein Roman sei. Zu einem Roman gehört etwas mehr; eine aufdeckende, aufschlüsselnde Gesamtwirkung, eine übergreifende Stimmigkeit; eine Art sich im Ganzen als etwas zu ergeben, das eine transzendente und nicht nur narrative Dimension hat.

Trotzdem schätze ich gelungene Erzählungen, zumal wenn sie unser Verständnis über Zustände, Zusammenhänge, Fakten und Ideen erweitern können und spannende und/oder epische Züge aufweisen, kurzum: eine gute Geschichte um ein interessantes Thema erzählen. Vladimir Verliebs Buch über Rosa Masur ist eine Mischung aus dem, was ich an Erzählungen schätze und von Romanen erwarte.

Es wäre nicht ganz falsch, aber letztlich zu einfach, wenn man diesen Roman eine Lebensgeschichte nennen würde. Zu einfach, weil es vermuten ließe, dass alle in diesem Buch aufgearbeiteten und anklingenden Konflikte nur etwas mit der Protagonistin zu tun haben. Aber Vertlieb hat wahrhaftig einen Roman geschrieben, was auch bedeutet, dass sich Konfliktfäden durch ihn ziehen, dich nicht am Anfang des Buches anfangen und nicht auf seiner letzten Seite verschwinden. Sie tauchen in der Geschichte auf, werden Teil der Romanwelt, sind aber eigentlich Konflikte, die uns ebenso etwas angehen wie die Figuren in der Geschichte. Der Roman wird hier zum Beispiel des Lebens, dem Spiegel seiner Zeit, zum Gedächtnis der Gesellschaft.

Der Blick, den Verlieb uns auf das 20. Jahrhundert und die russische Gesellschaft eröffnet, ist zweischneidig. Zum einen hat er dem Historischen zugestanden, sehr viel Raum und Umgebung für die Erzählung zu beanspruchen. Die Sorgen der jeweiligen historischen Situation sind die Sorgen der jeweiligen Menschen, miteingeschlossen die Protagonistin. Das will ich nicht geringschätzen, denn es gibt den anderen Passagen eine größere Prägnanz und Kontur und dem ganzen Buch eine große Glaubwürdigkeit – kein Mensch kann immer aus der Masse hervorragen und Einzigartiges erleben; den meisten Menschen ist dies ja wahrlich nur dann und wann vergönnt. Trotzdem drückt diese Gewichtung eine gewisse Haltung aus, die ich nicht problematisch finde, die einen aber das Buch streckenweise schlicht konsumieren lässt.

Interessanter ist es, wenn sich Rosa auf ihre eigenen Pfade begibt. Vertlieb hat seiner Figur eine sehr ausbalancierte Persönlichkeit eingehaucht und hat den Mut sie ins Ausweglose zu steuern, eines der großen Charakteristika des Jahrhunderts und des menschlichen Daseins schlechthin. Wie sie damit umgeht, welche Geschichten sich an diesen Punkten entwickeln: das sind die großen Glanzlichter dieses Buches. Sie geben ihm eine ungeheuer greifbare Dimension, Tiefe und Anschaulichkeit. Sie machen das Schicksal der Figur individuell und doch stellvertretend.

Rosa Masur ist ein Buch, das schneller endet, als man gedacht hätte. Es liest sich sehr flüssig, trotzdem weiß der Autor die Sprache feinzujustieren, wenn es drauf ankommt. Es ist eine große Erzählung und letztendlich ein gelungener Roman.

Zu Lily Kings Roman “Euphoria”

Die wenigen klassischen Motive in den Erzählungen des Abendlandes: Tod & Sex (unumgänglich an das Moralische gebunden, gerne mit einem Schuldmotiv verknüpft), die Spannung zwischen Fremdem und Eigenem (Lebenseinstellung & Bewältigungsarten), das Wissen und die Unwissenheit, der Kampf (oder eher: die Gewalt), Gut und Böse, Vertrauen und Verrat (Anziehung und Enttäuschung) und schließlich das Gefühl, die Vernunft und das Selbst als eine Dreieinigkeit aller Figuren. Alle diese Motive sind natürlich eng miteinander verwoben, überschneiden sich häufig um neue Facetten zu bilden und das Ganze ließe sich weiter herunterbrechen oder auch noch breiter einteilen.

Die mögliche Umgebung, der Raum für diese zentralen Motive, ist nicht mehr und nicht weniger als das Universum, mit allem was in seiner Breite existiert(e) und zusätzlich allem, was man sich in/zu ihm ausdenken kann. Jede Umgebung in einem Roman (ob historisch oder geographisch oder beides) ist bestimmt durch einige Aspekte, die untermalend wirken können oder zu wesentlichen Konfliktpunkten in der Handlung werden. Jeder Roman muss in die Motive und die Umgebung die er wählt, seine Figuren weben, und daraus entstehen lassen, was wir Erzählung, Geschichte nennen; doch ist der Roman noch etwas mehr als die Summe seiner Teile, nicht bloß Geschichte, hinter der Motive stehen und nicht nur Motive, die in einer Geschichte lebendig werden. Der Roman ist die Komposition, in der sowohl die Motive als auch die Geschichte nie ein Monopol innerhalb der Leseerfahrung erlangen können und dürfen; das Ganze ist an die Dualität dieser Elemente gebunden, die (ähnlich wie im Leben die Dualität von Handlung (Entscheidung) und Geschehen) nie komplett aufgeschlüsselt oder aufgelöst werden kann.

In „Euphoria“ breitet Lily King ein Drama um eine Dreierkonstellation, nebst der Charaktererforschung (von Menschen und Ethnien), aus, gekleidet in ein halbhistorisches Gewand (welches manchmal gut, manchmal etwas zu bemüht unterstrichen wird, indem mal kurz, am Rande, einige Ereignisse des jeweiligen Jahres erwähnt werden). Die Geschichte spielt fast die ganze Zeit (von Rückblicken abgesehen) auf der südpazifischen Insel Neuguinea, eine Kulisse, die nicht überstrapaziert wird und die Handlung sehr gut umgibt. Alle drei Hauptpersonen sind Ethnologen und hierhergekommen um die Völker am Fluss Sepik zu erforschen, die zu dieser Zeit (30er Jahre des 20. Jahrhunderts) bis auf wenige Kontakte noch recht abgeschieden von der Zivilisation leben. Das Buch wird aus der Perspektive des dritten Forschers, der zu den anderen beiden (einem Ehepaar) dazu stößt, erzählt; dann und wann gibt es kleinere Kapitel mit Tagebucheinträgen der Frau.

Der lange Exkurs über Motive zu Anfang dieser Rezension rührt daher, dass ich finde, dass King in dem Roman ihre Motive nicht gut ausbalanciert hat. Man sollte in der Kunst immer auf das Gelungene eingehen und auch auf dieser Seite gibt es bei Lily King viel zu finden: gut recherchierte und aufgemachte Umgebung, faszinierendes Setting, vielfältige Konfliktpotenziale und Themen. Doch trotzdem wirken andere, widerkehrende Elemente, wie etwa der Kindeswunsch, die Rituale der Eingeborenen, die Spannung zwischen den Eheleuten, der Mutterkomplex, die toten Brüder, die Kriege, das Schreiben, sowie das Mysterium, welches die Arbeit des Ethnologen umgibt, noch nicht ganz ausgereift, nicht ganz wie aus Fleisch und Blut. Nun könnte man argumentieren, dass es nur realistisch ist, dass vieles (zumal man die Geschichte nur durch die Augen einer Figur sieht) unklar und entlegen, unabgeschlossen und verschwommen bleibt und eine allzu runde Darstellung dem Roman die Nähe zum Leben nehmen würden und daher nicht jedes Motiv ausgeführt werden muss, sondern unter der Oberfläche bedacht werden kann.

Dennoch entstand bei mir nach der Lektüre (das Buch ließ sich sehr zügig dahinlesen) ein unguter Nachgeschmack. Irgendwie war das Ganze zu einfach, vom konfliktbeschwörenden Anfang bis zum von Schuld aufgeladenen Ende. Vieles von der Geschichte war während des Lesens widerstandslos in mich hineingeglitten, aber am Ende blieb wenig übrig, von den Figuren, den Völkern, dem Hintergrund und Vordergrund der Erzählung. Ich hatte das ungute Gefühl einen Roman konsumiert zu haben, der so geschrieben war, dass er keinen Moment langweilig, schwierig oder zu fixiert wirkte, dabei aber aus den Augen verlor, wie er hätte anecken, seine Figuren vertiefen und seine Perspektive hätte wandeln oder neu ansetzen können.

Die Perspektive, auch so ein Problem. Es ist eine sehr legitime und interessante Entscheidung die Geschichte aus der Sicht einer Person zu erzählen; es ergeben sich Möglichkeiten für Zwischentöne, Interpretationen des Lesers, die von den Betrachtungen des Protagonisten abweichen, einfach, weil er dessen Perspektive reflektiert und noch anderes. In “Euphoria” wirkt diese Entscheidung allerdings manchmal etwas unglücklich, um nicht zu sagen hinderlich. Es fehlt an Reibungsflächen, da der gewählte Protagonist oft zaudert und in seiner meist beobachtenden Position wie ein vielwissender Erzähler wirken kann, bevor einem wieder seine beschränkte Perspektive bewusst wird, meist dann, wenn etwas interessantes aufkommen könnte. Anders gesagt: die Möglichkeiten dieser Perspektive wären viel größer gewesen als in der Umsetzung geschehen.

Viel, was ich in dieser Rezension angesprochen habe, mag Geschmackssache sein. Alles in allem ist “Euphoria” ein gut geschriebener und faszinierender Roman; was ihm meiner Meinung nach fehlt ist ein Funke, ein Ausbrechen, eine Potenzierung seiner Anlagen. Es ist ein solides Buch, dass sich immer wieder erdet und nichts riskiert, dass den Mut zu mehr Länge, Material und Epik hätte aufbringen müssen. Für eine Novelle oder Erzählung ist es zu sehr ein Roman; für einen Roman ein Schwimmen in einem flachen, zu kleinen Gewässer. Man kann das Buch gut konsumieren; festsetzen wird es sich aber kaum.

Zu Thomas Bernhards “Wittgensteins Neffe”

“denn machen wir uns nichts vor, die Köpfe, die uns die meiste Zeit erreichbar sind, sind uninteressant, wir haben nicht viel mehr davon als wenn wir mit ausgewachsenen Erdäpfeln zusammen wären, die auf wehleidigen Körpern in mehr oder weniger geschmacklosen Kleidern ein kümmerliches, leider gar nicht erbarmungswürdiges Dasein fristen.”

(Seite 46)

Freundschaft beginnt mit dem Interesse, der Sympathie und findet ihre Vollendung in einem Wohlgefühl, einer Vertrautheit und dem Wunsch, sich so oft wie möglich austauschen zu können. Freundschaften sind kein Amboss auf dem wir unsere Gedanken und unser Rüstzeug für das Leben schmieden, aber sie sind Oasen für uns Menschen, die wir stets dazu gezwungen sind, unterwegs zu sein.

Manche Menschen suchen in der Freundschaft die Bestätigung, andere den Austausch, die Inspiration. Freunde können uns darüber trösten wer wir sind oder es uns erst wirklich vor Augen fühlen, im schönsten Fall: beides zugleich. Für Thomas Bernhard war Paul Wittgenstein so ein Freund; ein Freund, in dem er sich selbst und sein Leiden erkannte, aber mit dem er auch die Liebe zur Musik und der Philosophie, die Abscheu vor der Heuchelei und manch anderen wertvollen Moment teilte.

Natürlich kann ein Thomas Bernhard keinen Liebesbrief schreiben, wie andere ihn schreiben würden, denkt man sich. Er wird nicht mit Rührung kommen, nicht mit Schwüren und Schwulst, vielleicht am ehesten noch mit Superlativen.

Was Thomas Bernhard unter anderem sehr stark auszeichnet ist sein Unverständnis. Und darunter möchte ich nicht Ignoranz verstanden sehen, oder Vorurteil oder schlichte und stupide Härte. Nein, ich rede von einem Unverständnis, welches direkt auf die Akzeptanz abzielt, die die “normalen” Menschen um viele Dinge aufgebaut haben. Konventionen, Institutionen, Trägheiten, etc. Ein Thomas Bernhard zeigt wenig Verständnis.

Auch dieses Buch ist kein Buch des Verständnisses. Aber es enthält viel davon. Neben all den Tiraden, Relativierungen und Offenheiten, ist es Thomas Bernhard hier gelungen uns einen Menschen, Paul Wittgenstein, bei all dem, was gegen ihn sprechen mag, durch die Augen eines Freundes zu zeigen; der Stil und das Objektiv, durch welches wir die Erzählung aufnehmen, enthält diese besondere, nicht nachsichtige, aber zugeneigte Tönung der Freundschaft.

Ich lese aus vielen Gründen gerne Thomas Bernhard und es wäre albern zu behaupten, dass dieses Buch eine große Ausnahme in seinem Werk darstellt. Warum ich trotzdem nicht umhin komme, es großartig zu nennen? Letzten Endes, neben Eindringlichkeit, Stil und Darstellung, besitzt dieses Buch eine ungeheure Menschlichkeit. Egal wie sehr man in Thomas Bernhard einen Misanthropen, Vernichter oder apathischen Geist sehen will – in diesem Buch spürt man dann und wann zur Gänze, dass sein Schreiben, sein Artikulieren und seine Erregung von dem Thema der Menschlichkeit nie ganz abweichen. Womit ich ihn nicht zum Heiligen oder Gutmenschen machen will, eben gerade nicht. Aber der Konfrontationskurs, auf dem Bernhard sich befindet, nicht nur mit der Gesellschaft oder der Existenz, sondern hier auch mit sich selbst, mit dem Freund Paul Wittgenstein: er offenbart meiner Meinung nach eine große menschliche Dimension.

Gerade weil es ein Buch ist, das alle anderen Verwandtschaften außer der geistigen leugnet. Gerade weil es ein Buch ist, das ehrlich mit seinem Objekt und seinen Emotionen sein will, ohne Tragik und perdue.

Wittgenstein Neffe ist ein großartiges Buch. Ich kann nur jedem empfehlen, sich in seinen Bann zu begeben, meine Meinung zu widerlegen oder eine Spur davon wiederzufinden. Beides wäre mir mehr als willkommen.

Zu Charles Simmons wunderbarem Roman “Salzwasser”

Geschichten lesen, Romane lesen, gibt es da einen Unterschied? Ich behaupte ja, denn für mich ist ein Roman mehr als eine Geschichte: um sein Erzählen windet sich mit der Zeit eine immer dichter werdende Ahnung der Verwerfungen, die Figuren und Menschsein, Taten und Gefühle, Leben und Denken durchziehen. Der Roman ist das Gegenteil einer Parabel, einer Geschichte mit Moral, oder vielmehr deren Zerrspiegel. Es gibt innerhalb des Romans keine übergreifende moralische Gewissheit. Es gibt Stellen an denen man eine Moral ansetzen könnte, es gibt ein moralisches Pendel, das mal hierhin, mal dorthin ausschwingt, aber festmachen lässt es sich nicht, es bleibt in Schwingung.

Diese Unbestimmtheit macht den Roman aus und setzt ihn sehr nah an die Wirklichkeit. Wo die Moral herrscht ist die Botschaft schon beschlossen, die Geschichte ein Vollzug, eine Übung in Anschaulichkeit, gleich der schlichten malerischen Metapher. Im Roman bleibt die Botschaft eine komplexe widersprüchliche Wesenheit, geädert und durchdrungen von Bewusstsein, Ungewissheit, Emotionen, Konstrukten. Der Roman ist deutlich bei dem was er dir an die Hand gibt, aber er es gibt keinen magnetischen Mittelpunkt, zu dem es seine Themen hinzieht; stattdessen gibt es viele magnetische Strömungen, die jeden Roman durchziehen.

In diesem Sinne muss man bei Charles Simmons Buch Salzwasser wahrhaftig von einem Roman sprechen, auch wenn er, in Form, Ton und Setting wie eine Novelle daherkommt. Er bleibt begrenzt auf einen kurzen Zeitraum und eine ebenso überschaubare Umgebung, es gibt einige wenige zentrale Entwicklungen, Anfang und Ende schließen einen Bogen.

“Im Sommer 1963 verliebte ich mich, und mein Vater ertrank.”

Schon im ersten, kühnen Satz, lässt sich erahnen, was dieses Buch zu einer besonderen Leseerfahrung machen wird. Hier klingt vieles an, was das Geschehen von Seite zu Seite durchziehen wird: Spannung, Ambivalenz, Zusammenhänge, gleichsam angedeutet und doch voller Gefälle, dazu Knappheit und Eindrücklichkeit in einem heruntergeschraubten, vollen Stil ineinandergeglegt. Diese feine, undurchsichtige Offenheit liegt in dem Buch und schickt einen mehr als einmal mit ihrer Nähe und szenischen Wucht in die Seile. Beim ersten Mal habe ich Salzwasser in einem Zug gelesen und ich kann mir nicht vorstellen, dass es anders konsumierbar ist, so sehr packt es einen, obwohl es nichts Reißerisches hat und die Spannungsbögen mehr wie Linien auf einem Herzschlagmonitor, dann und wann ausschlagen, dann wieder wie unmerklich werden (wobei der nächste Ausschlag trotzdem erwartet wird.)

Für mich wird es ewig eine Kunst bleiben über die erste Liebe zu schreiben. Nicht, weil ich die Liebe generell, mit irgendeiner Theorie untermauert, über alles stellen möchte oder sie verherrlicht sehen will, sondern weil die erste Liebe eine der elementarsten Erfahrung des Menschseins ist. Es lassen sich ungewöhnliche Umstände für diese Erfahrung finden, doch ich bin immer wieder verblüfft, wen ich wieder mal eine vermeintlich “gewöhnliche” Geschichte über die erste Liebe lese und feststelle, dass ich sie ungeheuer außergewöhnlich finde, sowohl in der Art wie sie geschildert wird, aber auch in ihrem Setting. Nicht jede Geschichte über erste Liebe ist gut, aber es gibt einige wirklich grandiose, von Madalyn über Das also ist mein Leben bis zu Schilderungen in Romanen von Philp Roth, John Irving oder Angelika Klüssendorf, Thomas Mann oder Carmen Laforet.

Es ist natürlich nicht nur eine Liebesgeschichte und sie mit dieser fixierten Erwartung zu lesen, nimmt ihr eigentlich die Wucht, die im Puls ihres Mikroskosmes steckt. Oder, um es anders zu sagen: Salzwasser zählt in seiner Schlichtheit zu den ganz und gar unter die Haut gehenden Romanen. Schilderung, Arrangement, Perspektive, Erzählfluss, alles in diesem Buch legt sich ganz nah an die Lesewahrnehmung, exzerpiert sich nicht selbst, glänzt kaum, liegt vor einem wie ein Strand, an dem die Wellen brechen, auslaufen, zurückgezogen werden und für kurze Zeit Flächen auf dem Sand einfärben; über allem die Sonne, so heiß, die Flächen trocknend, oder dunkle Wolken, mit ihrem Regen selbst alles färbend.

Poesie.Meditationen

Seit gestern kann man die neuste Kolumne meiner Poesie.Meditationen auf dasgedichtblog.de lesen:

http://www.dasgedichtblog.de/category/kritik/poesie-meditationen/

Diese neuste Kolumbe beschäftigt sich mit Ted Hughes und Sylvia Plath, der Liebe, den Birthday-Letters, Beziehungen u.a.

Auch alle drei alten Kolumnen kann man dort weiterhin lesen.