Zwei neue Posts auf fixpoetry!

Die neue Bella Triste, schöner den je, besprochen von mir auf fixpoetry!

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Außerdem ein Interview mit der wunderbaren Dichterin Monika Vasik:

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(alle bisherigen Interviews können unten im Verzeichenis der AutorInnennamen gefunden werden)

 

Zu Meret Oppenheims “Husch, husch, der schönste Vokal entleert sich”

„Ein merkwürdiger Erdteil
In weiße Tücher gewickelt
Rollt die gewundene Treppe
Eines Hauses hinunter
Man rollt ihn (Zeremonie)“

Was ist ein surrealistisches Gedicht? Am Anfang wird ein Erdteil in weiße Tücher gewickelt (unschuldig? ein Gespenst?) und wie ein Teppich (willkommen sein? Ausbreiten?) die gewundene Treppe eines Hauses hinuntergerollt.

Die Behauptungsstruktur, die jedes Gedicht natürlicherweise hat, und die es ihm unter anderem ermöglicht, mit Metaphern ungewöhnliche Bildbeweise zu führen – in einem surrealistischen Gedicht wird sie auf eine gewisse Weise zur heftigsten Erfüllung und zur Selbstzerstörung getrieben. Man kann einen Erdteil nicht die Treppe hinunterrollen – diese Dimensionen werden der Wirklichkeit nie gelingen, sie gelingen nur dem Gedicht. Somit verliert dieser Text sofort die intime Glaubwürdigkeit, die erst einmal jedes Gedicht besitzt, das von etwas spricht, das uns auch angehen könnte.

Allerdings, wie schon im ersten Abschnitt angedeutet: die Bezüge, die die von der Realität getrennte Behauptungsstruktur nun aufbaut, können sehr vielfältig auf die Wirklichkeit zurückverweisen, gerade weil sie an keine konkreten Bewegungsabläufe und Verbindungen mehr angewiesen ist, stattdessen eigene Verbindungen anbringen und ihren Begriffen eine Weite und Suggestivität geben kann.

„Von Beeren nährt man sich
Mit dem Schuh verehrt man sich
Husch, Husch, der schönste Vokal entleert sich.“

Der schönste Vokal entleert sich. Noch das sinnigste Gedichte, die schönste Wendung, der trefflichste Vers, sie entkommen nicht ihrem Dasein auf dem Papier. Das Widersinnige in Meret Oppenheims Gedichten ist nicht das Sinnlose, sondern die Suche nach einer in den Winkeln der Assoziation – nebst Kontemplation, nebst Verschriftlichung – sich bahnbrechenden Bestimmtheit, Wahrheit, Wirklichkeit. Die Formulierungen erscheinen waghalsig, ja, sogar entleert vielleicht, aber ihnen fehlt die wichtigste Eigenschaft zum entleert sein, denn man befragt doch jedes Bild.

„Für dich – wider dich
Wirf alle Steine hinter dich
Und lass die Wände los.“

Satz für Satz zur Aussage, fast. Man kommt den Gedichten nicht bei, man entkommt ihnen gleichzeitig nicht. Ihrer fragwürdigen Banalität, ihrer eindringlichen Einfachheit. Dem Wissen, dass sie Erzeugnisse sind, hinter denen alles stehen kann, das Fassungslose wie das Aufrichtige.

„Ein Springbrunnen braungoldener Federn
Die Pilze lösen sich vom Boden und schweben
Von der warmen Luft getragen
Bis an die Wolken.“

Außer Gedichten enthält das Buch noch einige wenige Bilder (Fotos, Gemälde), sowie einige zusätzliche Materialien, darunter ein sehr luzider und stark motivisch arbeitender Entwurf zu einem Drehbuch über Kaspar Hauser. Die Wunderlichkeit dieser Existenz und gleichzeitig das Fatale dieser Existenz, beides wird eingefangen und auf die zwei Seiten einer Münze geprägt, die sich im Text dreht und dreht.

Dann noch ein wunderbarer Text über Bettine Brentano, ein Gesprächsprotokoll, in dem auch einige von Oppenheims eigenen Bekenntnissen und Ideen einfließen. Das Nachwort hat mir persönlich nicht so viel gegeben, ja ich fürchte sogar, es verbaut einem vielleicht Perspektiven, aber wer von der Motivation der Künstlerin geleitet werden will, ist trotzdem gut beraten es zu lesen.