Monthly Archives: September 2013

Kleine, kurze Sentenz zu Camus “Der glückliche Tod”


Über Camus zweiten Romanversuch wird in seiner Monographie gesagt, er habe ihn “wohlweislich nicht publiziert”.

Gewiss ist die eigentliche Überlegung in diesem Buch von Camus bereits überholt worden – sie enthält also keine von Camus bewusst getragene Philosophie mehr. Doch es bleibt eine wunderbare und von Symbolen und Schönheit schon fast überladene Geschichte.
Dem Anspruch, der Verbindung von Philosophie und Romanform (Wie Camus selbst sagte: “Man denkt in Bildern. Wenn du ein Philosoph sein willst, schreibe Romane“.) war Camus in diesem Buch für sein eigenes Verständnis noch nicht nahe genug gekommen – doch sein lebendiger Stil und sein Hang zur Natur- und Daseinsfreude ist auch auf diesen Seiten schon sehr ausgebildet.

Der Inhalt ist eine Art Odyssee menschlicher Glückssuche, wie sie wohl speziell in Camus damaligem Alter (zumindest innerlich) vorkommt. Sie macht den Anschein eines nicht von vorn bis hinten geplanten Projekts, sondern hat mehr etwas von einem, nach Art einer Reise niedergeschriebenen, inneren Nachbildung eines Bildes von Camus selbst. Das revoltieren und lieben, die negativen Gedanken und die Probleme der Moral, die Schönheit von Algeriens Landschaft, der Stumpfsinn des Vorkriegseuropas und die erste von mehreren schweren Tuberkuloseerkrankungen und mit ihr die Angst vorm Tod, dem zu schnellen Leben und der Zukunft – das alles ist zu einer Geschichte zusammengebaut in den Text mit eingeflossen, auch wenn es zu vielen Stücken der Handlung, die oftmals das einzig Fiktionale des Buches ist, sicherlich kein reale Entsprechung gibt.

Später nutzte Camus dieses erste Projekt als “Steinbruch” für seinen Roman “Der Fremde” (Er übernahm einige kleinere Ideen und ein-zwei Orte, aber auch kurze Abschnitte des Textes – trotzdem ist “Der glückliche Tod” vollkommen eigenständig in der Handlung und nicht als der “Rohbau” von “Der Fremde” zu verstehen)

“Der glückliche Tod” ist ein Frühwerk, eine geschrieben Meditation über die eigenen in sich vorherrschenden Themen und die Möglichkeit, sie auf dem Papier zu verflechten und sogar auszuleben.
Es sind die Buchstaben und Sätze, die noch auf der Waage zwischen “Mittel zum Zweck” und “reinem Ausdrucks” stehen.

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*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

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Über “Das Schloss” und den Erzähler Franz Kafka


An Kafka, Kafka, Kafka scheiden sich die Geister. So viel Zuspruch wie er hat noch keiner über sich ergehen lassen müssen, so viel unterschwellige Ignoranz wie ihm, wird ihm wie kaum einem anderen deutschen Literaten entgegengebracht. Es ist sicherlich, im Fall von Kafka, eine Frage von Erwartung und Erfüllung, wie sie überall in der Literatur, bei Kafka aber im besonders hohen Maße, eine Rolle spielt. Denn Kafka ist einer der wenigen Literaten, die kaum bis gar keine Erwartung des Lesers erfüllen oder überhaupt darauf eingehen. Ganz im Gegenteil: seine Prosa ist die reinste innere Konsequenz, scheint allein die Schlussfolgerung ihrer selbst zu sein. Scheint, wohlgemerkt. Vertieft man sich in Kafka, bemerkt man nämlich sehr schnell, dass diese erzählerische Folgerung sich an sehr realen Systemen und Ideen festmacht, dass sie Symptome des Realen ausweitet zur inneren Konsequenz der Handlung. Daraus ergibt sich eine paradoxe Wirkung, wie sie Kafka seit jeher ausmacht: Er ist ein Realist, aber einer, dessen Realismus (der ja “eigentlich” die am leichtesten verständliche Form der Fiktion ist) ganz schwer als solcher zu erreichen ist. Natürlich ist Kafka in allem auch ein bemerkenswerter Erfinder von Fiktion – dennoch ist er im Kern ein Realist, ohne die damit einhergehende Realitätsnähe.

Der Landvermesser K. kommt zu einem Dorf, das zu Füßen eines Schlosses liegt, angeblich ist er dorthin berufen worden. Doch schon kurz nach der Ankunft ist K. gefangen in dem wirren Netz aus grotesken Vorschriften und scheinbar unfähigen Beamten, einer undurchschaubaren Bürokratie, in deren Sog er droht – auch wegen der unverrückbaren anonymen Ablehnung und nicht vorhandenen Beachtung der herrschenden Klasse im Schloss – in seine ganz eigene Bedeutungslosigkeit zu versinken. Bestrebt, mit aller Entschlossenheit seine Existenz zu rechtfertigen, versucht K. im Dorf Verbündete zu finden, stößt aber auch hier nur auf ein diffuse Dogmatik von verstrickten Beziehungen, unerklärlichen Handlungen und widersprüchlichen Meinungen. All sein Aufbegehren und seine Versuche werden sofort wieder durch einen neuen Rahmen, eine neue Wendung begrenzt. Sein Ziel, der Einlass oder zumindest die Verbindung zum Schloss rückt für ihn in immer weitere Ferne, als wäre er jemand, der auf den Horizont zu rennt, während die Sonne unaufhaltsam immer tiefer sinkt, ohne dass der Horizont je näher kommt, ohne dass die Sonne je ganz verschwindet.

Kafka scheint auf den ersten Blick in seinen Büchern groteske, düstere und doch phantastisch anmutende Welten zu erschaffen, die in ihrer Widersprüchlichkeit und ihren Ausmaßen kaum einen Bezug zur Realität erkennen lassen. Verzeichnete Alpträume nannte Borges diese Art der Darstellung und den Schreibstil, der sich durch nichts, außer durch sich selbst, beherrschen lässt und sich durch nichts, außer durch sich selbst auszeichnet. Safranski dagegen hat in seinem Buch Wieviel Wahrheit braucht der Mensch? die klaren Strukturen dargestellt, die Kafka, unter der Oberfläche der Handlung, meisterhaft in seinen Büchern platziert hat.

Jedoch, Kafka ist, weitab dieser beiden Theorien, ein großer und tiefblickender Erzähler, der die Welt ausgeleuchtet hat und vielleicht nur an der Vermittlung seiner Ideen gescheitert ist; auch weil sein Feinsinn ganz in seiner Sprache liegt und man sich dieser Sprache erst öffnen muss, wie einem abstrakten Bild, um ihre Schönheit und mannigfaltige Bewegung zu erkennen.

Es mangelt nicht an philosophisch-interpretativen Ansätzen zu “Das Schloss“.

K., der Landvermesser, dringt am Anfang des Buches in einen Mikrokosmos ein, dem sich jeder neuen Ankömmling unterordnen muss – das ganze also eine Metapher auf das Leben selbst, der Künstler K., das Individuum K. als der Versuch, anders zu sein, über das Leben der anderen hinauskommen oder einfach genauso leben zu können, wie die anderen – also das ganze Werk eine Metapher als Aufruf zur Erkenntnis, dass eine Anpassung unmöglich ist?

Nähme man das Schloss auf der anderen Seite zum Beispiel als Symbol für die Wahrheit, wird wiederum eine Dimension von Kafkas Schaffen deutlicht. Wer hat sich nicht schon mal nach der Wahrheit gesehnt, hat versucht sie zu erreichen und ist doch an der gesammelten Fülle der Informationen und Verstrickungen gescheitert, die die Wahrheit umgibt, die Wahrheit, die vielleicht gar selbst nicht wahr ist; das Schloss, dass vielleicht gar nicht erstrebenswert ist.
Auch noch viele andere, existenzialistische oder religiöse Deutungen sind möglich. Hier könnte  K. ein kluger, sogar sehr intelligenter Redner und Mensch mit guten Ambitionen sein. Doch das Leben tut sich sinnlos vor ihm auf, überall wo er sich bemüht rechtschaffen, bescheiden und ehrlich zu sein, sich breitschlägt zu argumentieren, wird er abgeblockt und als lächerlich hingestellt, immer wenn er versucht es allen recht zu machen, wird er hier im Stich gelassen und dort schuldlos beschuldigt.

Vielleicht sind Kafkas Bücher tatsächlich einfach sehr fein justierte Modelle, auf die man sehr viele Ansätze legen und sie alle bestätigt finden kann. Ausdeutbare Dinge also, wie Träume, wie Gemälde, in denen der eine Erinnerung, der andere eine gerade aufkommende Angst, der nächste wieder eine schöne Idee von Wirklichkeit oder Vorstellungskraft sieht.

Kafka hat einen ausdruckstarken Ton der deutschen Sprache geprägt und es geschafft in seinen Werken symbolische Manifestationen zu schaffen, die uns nach der Lektüre unser Leben lang begleiten. Man kann natürlich auch sehr profan und richtig sagen, dass seine Bücher, wenn man sie richtig entschlüsselt, ein treffendes Bild des Menschen in einer modernen, völlig unübersichtlichen, bürokratischen Welt zeigen. Egal wie man ihn deutet, Kafka zwingt einen geradezu, über die Wörter hinaussehen. Wer dazu nicht bereit ist, bleibt zurück, wird Kafka am Liebsten an die Wand werfen wollen… Oder? Nun, ich muss sagen, ich lese Kafkas Prosa (wenn auch nicht die Romane) immer wieder gern, einfach weil sie so unbestimmt daherkommt, als würde ich nie wissen, was mich erwartet. Ich weiß nicht, ob es anderen auch so geht. Aber ich denke, man kann auch alle Theorien verdammen und einfach Kafka lesen. Zu Anfang würde ich immer die Aphorismen und kurzen Prosastücke, sowie den Prozeß empfehlen. An das Schloss sollte man sich vielleicht eher zum Schluss wagen. Aber und hier befinden wir uns eindeutig auf kafkaeskem Boden, vielleicht ist das wiederum der ganz falsche Ansatz…

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

Eine kleine Hommage an Thomas Manns vollkommene Erzählung “Tonio Kröger”


“Siehe sie an, die guten Schüler und die von solider Mittelmäßigkeit. Sie finden die Lehrer nicht komisch, sie machen keine Verse und denken nur Dinge, die man eben denkt und die man laut aussprechen kann. Wie ordentlich und einverstanden mit allem und jedermann sie sich fühlen müssen! Das muss gut sein… Was aber ist mit mir, und wie wird dies alles ablaufen?”

                                                                         –

Tonio Kröger spürt schon in frühster Jugend, dass er anders ist. Während andere Reiten, liest er den Don Carlos; während das Mädchen, dass er bewundert und liebt, ihn nicht einmal bemerkt, beachtet ihn nur ein scheues Mauerblümchen. Er will eine Berufung und spürt seinen Willen zur Kunst, doch sehnt er sich mehr und immer danach, dass all das von ihm abfallen möge. Die Sehnsucht, dass er nicht erkalte mit seinem Blick an der Betrachtung, sondern sich wärmen könne mit seinem Körper am Leben.

“Wie würdevoll und unberührbar Herrn Knaaks Augen blickten! Sie sahen nicht in die Dinge hinein, bis dorthin, wo sie kompliziert und traurig werden; sie wussten nichts, als das sie braun und schön seien.”

Es gibt eine Anekdote, nach der einst ein junger Mann nach der Lesung zu Thomas Mann kam und sagte: “Das Wesentliche, was sie geschrieben haben, ist der Tonio Kröger – wissen sie das?!” Und Thomas Mann soll nur genickt haben.

Der Tonio Kröger gehört für mich zu den wunderbarsten Erzählungen, die je geschrieben wurden. So einfach, erzählend schön und stimmig wurde selten über das Wesen des Künstlers und über das seelische Verlangen des Menschen geschrieben – und den Zwiespalt, der wir alle sind. Es finden sich so viele wahre Sätze in diesem kleinen Buch (“Die Kunst ist kein Beruf, sondern ein Fluch”), so viele schöne Stellen, so viele einfache, plastische Atmosphären. Das kleine Stück, das ich Tonio Kröger schon einige Male begleitet hab, ist mir immer wieder neu und doch stets unvergessen.


Denn spätestens wenn Tonio bemerkt, “dass die Kenntnis der Seele allein unfehlbar trübsinnig machen würde, wenn nicht die Vergnügungen des Ausdrucks uns wach und munter hielten”, muss jeder wahre Künstler doch eigentlich anfangen, mit Tränen in den Augen oder lächelnden Lippen zu nicken.
Und wenn er wunderbar offen preisgiebt: “Ich liebe das Leben […] das Leben, wie es als ewiger Gegensatz dem Geiste und der Kunst gegenübersteht”, kann man lange darüber nachsinnen.

Der ewige Zwist zwischen Künstlertum, und der Liebe zum Leben und dem, was man nicht erklären kann, weil es einfach da ist, ein Teil vom Leben an sich – nie ist dies so schön und fein dargestellt worden, wie in dieser Novelle, die mit einem der wunderbarsten Schlusstakte der deutschen Literatur endet.
Dies Buch ist wundervoll. “Sehnsucht ist darin und schwermütiger Neid und ein klein wenig Verachtung und eine ganz keusche Seligkeit.”

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*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

Nachdrückliche Hommage an das Werk des Musikers und Erzählers Billy Joel, in zwei Teilen.


I. Teil – Greates Hits I & II

Es ist diese Stunde in der Nacht, wenn alles möglich ist… die blaue Stunde um drei Uhr morgens, wenn die Welt sich nur noch um sich selbst zu drehen scheint und um nichts anderes mehr. Die richtige Zeit für Selbstreflexion wie William Blake gesagt haben soll.

Aber auch eine gute Stunde für (die Berührung der) Musik, wie es auch eine lange Autofahrt oder eine frühere Abendstunde wäre – der Dialog zwischen Popmusik und Zuhörer kann letztendlich überall und dann immer unwillkürlich stattfinden, das macht sie so einzigartig und der Lyrik manchmal verwandter als man gemeinhin annimmt. Doch in dieser späten Stunde scheint die Begegnung mit ihr beinahe unverstellt, face to face abzulaufen.

“Saturday night and you’re still hangin’ around
Tired of living in your    one horse town
you’d like to find a little hole in the ground,
for awhile..

So you go to the village in your tie dyed jeans
And you stare at the junkies and the closet queens
It’s like some pornographic magazine
And you smile”

Englische Songtexte sind oftmals etwas Wunderbares und geradezu Magisches, wenn man sie als dergleichen zu schätzen weiß. Sie enträtseln sich niemals sofort, stattdessen erklimmen sie unser Bewusstsein in seltsamen Stufen, angefangen bei der bloßen Gesangsuntermalung, über diese und jene herausgehörte Zeile und jener missverstandenen, über den schon nebulös begriffenen Kontext, der sich herausbildet und der am Ende, wenn man den Text zur Hand nimmt, noch einmal ganz anders ausgerichtet sein kann.

Bei den Songtexten von Bob Dylan fühle ich mich oft wie auf einem Wanderweg der Zeilen, um mich herum das Chaos der Welt; bei Springsteen ist es die wiegende Sehnsucht und gleichzeitig die unterschwellige Symphonie des Lebens, der Dreck unter den Fingernägeln, die dünnen, mächtigen Texte, zusammen mit dem beinahe unnahbaren Sound; bei vielen anderen Songs sprechen mich vor allem die inhärenten kleinen Wahrheiten, Ironien und allgemein die besonders gelungenen Wendungen an.
Bei Billy Joel ist es die tiefe, unspektakuläre Nostalgie und Kraft, die in fast jedem seiner Songs, auch in fetzigeren wie “Only the good die young” oder “We didn’t start the fire” steckt (zumindest, wenn man sie im Licht des Gesamtwerkes betrachtet), die mich seine Songs immer und immer wieder hören lässt, manchmal nur um mich wieder und wieder in diese ganz speziellen Glanzmomente des Versuchs, des Scheiterns und des Trosts zu begeben, von denen er singt; so wie etwa die musikalisch unglaublich rasante Schilderung der Ehe einer Abschlussballkönigin und ihres Königs, die dann wie jede andere verläuft, in “Scenes from an Italian Restaurant“.

“Brenda and Eddie were the
Popular steadies
And the king and the queen
Of the prom
Riding around with the car top down
and the radio on
Nobody looked any finer
Or was more of a hit at the Parkway Diner
We never knew we could want more Than that

out of life
Surely Brenda and Eddie would always know how to survive.”

Der Glaube, geboren aus dem Augenblick, in dem man ins Leben aufbricht; dieser Glaube, dass gerade sie es immer schaffen würden und wie dieser Glaube dann aussieht nach einigen Jahren, wie die Nostalgie aufsteht, wenn man sich die Geschichten erzählt und den Glauben nochmal heraufbeschwört, als etwas jetzt Unmögliches (“They lived for a while/ in a Very nice style/ But it’s always the same in the end/ They got a divorce/ as a matter of course/ And they parted the closest/ Of friends/ Then the king and the queen/ went Back to the green/ But you can never go back there again.”) – ich kann es nicht besser sagen, als dass es einen wirklich packt. Diese “you can never go back there again”, ist musikalisch selten so versiert (außer vielleicht noch von Neil Young in einem wesentlich größeren Kontext) aufbereit worden wie in einigen Songs von Billy Joel. Ebenso die wunderbare Schönheit die in der Vergänglichkeit liegt.

“So come on Virginia, show me a sign.
Send up a signal, I’ll throw you the line.
The stained-glass curtain you’re hiding behind
never lets in the sun.
Darlin’, only the good die young.
[…]
They say there’s a heaven for those who will wait.
Some say it’s better, but I say it ain’t.
I’d rather laugh with the sinners than cry with the saints,
the sinners are much more fun.

You know that only the good die young.”

(Aus dem Song “Only the good die young”)

Joels musikalisches Lebenswerk, das immerhin seit 1993 keine neuen Alben (nur ein paar wenige Singles) mehr umfasst, kann eigentlich nicht in Worte gefasst werden. Dieser Wanderer zwischen Klassik und Pop, dessen Songs immer wieder andere Seiten des variablen Genres Rock’n’Roll ansprachen, es mit Jazz, Soul, World und Klassik mischten – er ist in der Tat einer der vielseitigsten Rock-Musiker des 20. Jahrhunderts und hat bei dieser Auszeichnung doch nie sein positive Entertainerimage verloren.

Da ist das Furiose in seinem Werk und das Stille – Songs wie “She’s Always a woman” sind fast besser als jedes Gedicht und “Only the good die young” kann mit seiner Handlung und der dazu passenden unbändigen Euphorie einen ganzen Teenagerfilm ersetzen. Und da ist diese ganz besondere große Kraft in seiner Musik, z.B. in “Captain Jack”, diesem Abgesang auf das Leben schlechthin, die (wie bei jeder guten Popmusik) von Zeit zu Zeit beim Anhören hervortritt, in die Stille, um sie mehr als auszufüllen, um sie tatsächlich zu überwiegen, auszublenden, einzuschenken.

“She can kill with a smile
She can wound with her eyes
She can ruin your faith with her casual lies
[…]
And she’ll promise you more
Than the Garden of Eden
Then she’ll carelessly cut you
And laugh while you’re bleedin’
But she’ll bring out the best
And the worst you can be
Blame it all on yourself
Cause she’s always a woman to me”

Es ist wahrlich wirklich unmöglich gerade die musikalische Seite von Billy Joels Werk gebührend in einem Text zu besprechen, hervorzuheben, ohne sich nachher in Einflussheranziehungen und Bezeichnungen von Musikrichtungen zu verirren. Am besten traf Joel es wohl selbst als er sang: “Everybody’s talkin’ ’bout the new sound/ Funny, but it’s still rock and roll to me.” Rock’n’Roll, im Kern (und in der ursprünglichen Bedeutung des Begriffes, kombiniert mit Elementen von Klassik) ist er das Gebiet, auf dem Billy Joel brilliert; ein Rock’n’Roll, der mit dem Klavier Auf- und Untergeht, Rock’n’Roll als Entertainment, als ein Sound, der sich immer aufschwingt, egal in welcher Form – und, nicht zuletzt: Rock’n’Roll, als der Erzähler von den Mondscheinseiten des Lebens.

“There are people who have lost
every trace of human kindness
There are many who have fallen
there are some who still survive
[…]
Who’s standing now and who’s standing tomorrow
You’ve got to be hard
As hard as the rock in that old rock’n’roll
But that’s only part, you know in your heart
It’s all about soul”
(Aus dem Song “All about soul” von der Greatest Hits III)

II. Teil – Greates Hits III

“In the middle of the night
I go walking in my sleep
From the mountains of faith
To a river so deep
I must be looking for something
Something sacred I lost
But the river is wide
And it’s too hard to cross

And even though I know the river is wide
I walk down every evening and I stand on the shore
And try to cross to the opposite side
So I can finally find out what I’ve been looking for”
(River of Dreams)

Seit “River of Dreams” (1993) also seit mittlerweile 20 Jahren, hat Billy Joel keine Studioalben mehr veröffentlicht. Diese letzte Album liefert zusammen mit dem genialen Storm Front (1989) und dem ebenfalls guten The Bridge (1986) den Hauptanteil der Songs dieser dritten und wohl letzten Greatest Hits Sammlung, zuzüglich einiger Singles, die seither entstanden sind.

In dieser letzten Periode seines Schaffens gelang es Joel noch weiter zum Popstar zu avancieren und trotzdem hier und da seinen sehr verschiedenen musikalischen Einflüssen und thematischen Ausformungen treu zu bleiben. Dessen ungeachtet überwiegen vor allem die leiseren und ruhigere Töne, ohne dass die instrumentale Brillanz darunter leiden würde.

“Harry Truman, Doris Day, Red China, Johnny Ray
South Pacific, Walter Winchell, Joe DiMaggio

Joe McCarthy, Richard Nixon, Studebaker, Television
North Korea, South Korea, Marilyn Monroe

Rosenbergs, H Bomb, Sugar Ray, Panmunjom
Brando, The King And I, and The Catcher In The Rye

Eisenhower, Vaccine, England’s got a new queen
Maciano, Liberace, Santayana goodbye

We didn’t start the fire
It was always burning
Since the world’s been turning
We didn’t start the fire
No we didn’t light it
But we tried to fight it”

(We didn’t start the fire)

Nicht nur Joels rasante Aufarbeitung der amerikanischen Geschichte zwischen 1949-89, die vielen als großer Hit des Jahres 1989 bekannt ist, hat einen Supertext; auch in seinen letzten Singer-Songwriter Jahren schrieb Joel fast nur filigrane Texte, die er mit einer meist hypnotischen, das Thema auch tonal umreißenden/wiedergebenden Musik verband. Besonders deutlich wird das in Stücken wie dem düster-rhythmisch-opulenten “Downeaster Alexa”, wo es um die Fischer von Long Island geht, eine aussterbende Zunft und in dessen Musik man förmlich das Auf und Ab, Hin und Her der Wellen spüren kann – das Boot, den Windpfiff, die Segel, die Gezeiten. Bei Endzeilen wie “There ain’t much future for a man who works the sea/ But there ain’t no islands left for islanders like me” läuft einem dann ein echter Schauder über den Rücken, als wäre man im Auge des Orkans.

“This is the time to remember
‘Cause it will not last forever
These are the days to hold on to
‘Cause we won’t, although we’ll want to
This is the time,
But time is gonna change
You’ve given me the best of you

But now I need the rest of you”
(This is the Time)

Das Elegische und der Drang sind die größten Komponenten, die musikalisch hervorstechen, zusammen mit einer allseits gekonnten Symbiose aus Rock- und Klassikelementen. Die Universalität von Joels Stimme und Aufbereitung ist dabei wie immer unvergleichlich. Eigentlich ist es ein weiter Weg von dem Leonhard Cohen Cover von “Light as a breeze”, einem Song so voller Poesie, Blues und behäbiger, sparsamer Kraft bis zu dem stürmisch, klanggepuschten Sound von “I go to Extremes” – doch Joel schafft es, dass sie alle über Genregrenzen hinweg etwas gemeinsam haben, dass kein Stück aus der Sammlung heraus fällt und stattdessen jedes seine eigene Berechtigung hat, weil Musik, Text und Thema sich gegenseitig zu bedingen scheinen; anders gesagt: man hört irgendwann auf seine Songs in Genres einzuteilen und nach Klangfarben und Richtungen seine Vorlieben zu bestimmen und hört stattdessen jeden Song in der Sprache, die ihm mitgegeben ist, die er spricht, damit man ihn spüren kann.

Eine der intensivsten und dabei zugleich schlichtesten Erfahrungen ist dabei das Lied “And so it goes”, welches wohl jeder Liebende einmal auf einem Schild in die Höhe halten könnte, mit der Endzeile:

“So I would choose to be with you
That’s if the choice were mine to make
But you can make decisions too
And you can have this heart to break”

Es gibt tausend Gründe, gute Musik zu hören. Oft ist eine CD dabei ein berauschendes, erhebendes Erlebnis, aber selten ist es ein so durchgehend positives, vielfältiges Erleben, wie man es Stück für Stück bei diesem dritten Greatest Hits Album erfahren kann. Vom ryhthmusgetragenen “Keeping the faith” über das mitreißende “Matter of Trust”, welches ebenso wie “This is the time” von wesentlichen und mächtigen Erfahrungen in der Liebe spricht, über das unglaublich bewegende Stück einer Geschichte zwischen dem Aufwachsen in USA und Russland in “Leningrad”, dem Knaller “We didn’t start the fire”, dem beschwingten “I go to extremes”, dem Gedicht “And so it goes”, den beiden sehr großflächigen Stücken “Downeaster Alexa” und “All about soul” bis zum “River of dreams”, der irgendwie den Kreis mit “Keeping the faith schließt” und den drei Coverversionen von Dylan, Cohen und King ist es eine reichhaltige, bewegende und teilweise sehr lyrische Geschichte, die Joel für uns bereithält. Die Geschichte einer Werkauswahl, die ihresgleichen sucht.

Ja, bei Billy Joel kann ich sagen: Es ist eine Musik, durch die ich gelebt habe.

“And you’re weak and you’re harmless
and you’re sleeping in your harness
and the wind going wild
in the trees,
and it ain’t exactly prison
but you’ll never be forgiven
for whatever you’ve done
with the keys.

O baby I waited
so long for your kiss
for something to happen,
oh something like this.”

(Light as a breeze)

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

“Tanzstunden – Mein Jahr mit Salinger”, von Joyce Maynard


“Er [Salinger] schüttelt den Kopf. “Eines Tages, Joyce”, sagt er zu mir, “wirst du eine Geschichte erzählen wollen, und zwar nur aus dem einen Grund, weil sie dir wichtiger ist als alles andere. Du wirst damit aufhönre, das zu tun, was andere dir sagen. Du wirst nicht mehr nach anderen schielen und versuchen, es allen recht zu machen, du wirst einfach schreiben, was richtig und wahr ist. Ehrlichkeit beim Schreiben macht die Leute immer nervös, und sie werden alles Erdenkliche tun, um dir das Leben zur Hölle zu machen. Eines Tages in ferner Zukunft wirst du dich nicht mehr darum kümmern, ob andere mit dir zufrieden sind oder was sie über dich zu sagen haben. Dann wirst du endlich das leisten, wozu du fähig bist.”

Rar gesät ist das Material über J.D. Salinger und es wäre noch zu überdenken, ob dieses Buch, abseits seiner übrigen Qualitäten, dazu gezählt werden sollte. Neben dem eigenen Werk, das relativ wenig über Salinger auszusagen scheint (zumindest, wenn es um Fakten geht) sind es vor allem die Briefe, anhand derer man Salingers Wesen und seine Biographie noch am ehesten nachvollziehen könnte. So versuchte es Ian Hamilton in Auf der Suche nach J. D. Salinger. Auch die bisher umfangreichste Biographie J. D. Salinger: A Life und viele andere Dokumentsammlungen zu diesem Schriftsteller stützen sich teilweise auf diese Komponente (außerdem ist der Band Letters to J. D. Salinger zu erwähnen).

Lediglich zwei Menschen haben umfangreich Näheres, Persönliches über Salinger niedergeschrieben. Einmal seine Tochter in ihren Kindheitserinnerungen Dream Catcher: A Memoir und die Schriftstellerin Joyce Maynard, im mittleren Teil dieses Buches.

Auch ihre Begegnung mit Salinger begann mit einem Brief. Einem Brief unter hundert anderen, welche sie nach einem Artikel im New York Times Magazine bekam. Wie schon tausende Leser seiner Romane zuvor, wird die gerade mal 18jährige Joyce, die als Wunderkind gehandelt wird, von Salingers Worten, der Stimme in den Briefen, gefangen genommen. Bald wird aus dieser Anziehung eine bedeutende Gravitation in ihrem Leben: Schon nach einigen gewechselten Briefen kommt es zu einem Treffen. Und eine ungewöhnliche Liebesgeschichte bahnt sich an… doch wer ist Salinger? Ein Mann Genie, ein Mann fürs Leben? Oder ein Misanthrop?

Erstmal ist ganz klar zu sagen, dass dies nicht nur ein Buch über das Jahr mit Salinger ist. Maynard hat Salinger genau den richtigen Platz darin zugeordnet – den einer Person, die in ihrem Leben eine zeitlang eine wichtige Rolle spielte. Es sind also Memoiren, die ein besonderes Augenmerk auf die Zeit mit Salinger legen, als einem der Fixpunkte der eignen Biographie, statt fachlich und analytisch die Person des Schriftstellers deuten oder erklären zu wollen. Das schadet dem Buch kein bisschen, auch wenn so der Titelzusatz eher unpassend wirkt.

Gut wird das Buch vor allem dadurch, dass Maynard auch abseits ihrer Salinger-Odyssee einiges erlebt hat und auch über den Rest ihres Lebens – vor, während und nach Salinger – mit unvulgärer Offenheit, mit Mut zur schonungslosen, wirklichkeitsnahen, aber nicht überzogen Darstellung und einem guten Gefühl für die Entwicklungen, die wir alle durchmachen, schreibt. Auch jemandem, der kein großes Interesse an Salinger hat, würde ich raten das Buch zu lesen, da es fast wie ein guter Roman ist und zumindest einige sehr interessante Punkte zu den Themen Lebensträume und -ängste, Vorstellungen, Ideale etc. einzubringen hat und dabei das Zeitraffer, den Lauf der Jahre und vieles andere sehr gut darstellt.

Andersherum (wenn man sich allein für Salinger interessiert) wird es schon schwieriger. Ich glaube, jemandem der unbedingt etwas über Salinger lesen/erfahren will, würde ich jedes der oben aufgeführten Bücher eher empfehlen als dieses. Nicht weil die Darstellung von Salinger mir hier zu persönlich oder unbequem wäre. Nein, vielmehr, weil 1. diese Erinnerungen aus einer Zeit stammen als Salinger bereits über 50 war, seit langer Zeit nichts mehr veröffentlicht hatte und sein Exil in Cornish bereits schon eine lange Weile währte, was den Eindruck, den Maynard von ihm wiedergibt, unabgeschlossen lässt und 2. die Darstellung in diesem Buch viel über den Mensch Salinger aussagt, aber kaum etwas über den Autor aussagen kann. Die alles ist wenig bis gar nicht kritisch gemeint – ich finde dieses Buch so gelungen, wie es ist. Aber für alle, die das Buch aus sehr bestimmen Gründen lesen, möchte ich nur einmal diese Einschätzung abgegeben haben.

Viele haben schon versucht über Salingers Werk zu schreiben und bis heute ist wenig dabei herausgekommen. Es gibt zwar Salinger: The Classic Critical and Personal Portrait und tausende Eindrücke zu seinem Werk in Kolumnen, Rezensionen, Essays, aber Erfahren muss man seine Bücher bis heute immer noch selbst; so deutlich, wie das Werk keines anderen amerik. Schriftstellers. Was eben auch daran liegen mag, dass der lebensbezügliche Einschlag, das biographische Hintergrundleuchten, bei seinen Werken nicht auftritt und sie ganz für sich gelesen werden können, was beispielsweise bei Hemingway fast schon nicht mehr möglich ist; zumindest beeinflusst es bei ihm oft die Meinung über das Gelesene.
Am besten, würde ich sagen, hat noch Philip Djian in In der Kreide über Salingers Schreiben und dessen Magie geschrieben. Mit The Private War of J. D. Salinger kommt im September ein neues Buch über ihn heraus. Und angeblich sollen ja noch 3-40 abgeschlossene Prosa-Manuskripte in seinem Safe gelegen haben. Ob die jemals das Angesicht von Salingers treuer Leserschaft erblicken, steht weiterhin in den Sternen – aber die Hoffnung bleibt. Mit diesem Buch wird man die Wartezeit darauf nicht verkürzen können – nichtsdestotrotz ist es ein gutes, ein lesenwertes Buch.

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*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

David Wagners kleines, sehnsuchts-philosophisches Werk “Vier Äpfel”.


“Als ich mich umdrehe, sehe ich die Frau mit der braunen Strumpfhose nun vor dem Kartoffelpüree, und mir fällt auf, dass kaum eine der Personen, die hier Kunden heißen und, so wie ich, einen Einkaufswagen schieben, einmal aufschaut. Alle wirken sehr konzentriert und bewegen sich doch wie Schlafwandler, manchmal sieht das aus, als steckten sie selbst schon in den Kühlschränken, in die sie die Dinge, die sie kaufen, später stopfen werden.”

Ein Roman der Innerlichkeit, ein Monolog, der sein Thema konsequent in nachvollziehbaren Zusammenhängen umsetzt, eine Hommage an die Dinge, die einem passieren, obwohl oft so wenig passiert, zumindest weniger als erhofft, erdacht – und nicht zuletzt eine an Beobachtungs- und Sprachkunst sehr reiche Schilderung von Supermarktkultur. Das alles ist David Wagners Buch “Vier Äpfel” und natürlich wie immer noch ein bisschen mehr.

“und die Zukunft reicht nur bis – zum Mindesthaltbarkeitsdatum”

Manche Bücher sind ein großes Lesevergnügen, manche sind echte Erlebnisse, andere sind große Geschichten. Aber es gibt auch jene Bücher, die, für sich betrachtet, zuerst einmal Phänomene sind. Sie kommen eigen daher, unwillkürlich und sind sehr redselig, sehr genau (was ihr Thema angeht; abseits davon scheinen sie kaum zu existieren). Sie fangen einen ganz bestimmten Aspekt menschlicher Wahrnehmung, Gewohnheit, Erfahrung und Gewissheit ein. Würde man all diese Bücher sammeln und verbinden, ergebe sich eine Art Bibliothek der Wesenheiten, von Perecs Ein Mann der schläft bis zu Saint-Exuperys Nachtflug. Es sind diese kleinen Bücher, die uns oft einen wesentlichen Teil unserer Lebenswelt für einige Seiten gänzlich näherzubringen verstehen, diese einzelnen Elmente, die in unserem Dasein mit vielen zusammen eine wichtige Rolle spielen.

“Ich vermute, die Gänge sind mit einem unmerklichen, knapp unterhalb der Wahrnehmungsgrenze liegenden Gefälle angelegt worden, das mich ganz langsam, wie ein Floß auf einem mäandernden Fluss, Richtung Kasse gleiten lässt, der Wagen schwimmt vor mir her, und ich treibe an den Spielsachen vorbei, an Bauklötzen und Stofftieren und Puppenköpfen, die sich schminken und frisieren lassen, an Barbie-Pferden, deren Ohren und Schweif bei Berührung aufleuchten, und Baggern mit aufgemalten Gesichtern.”

So bringt uns auch Wagners Prosa wie ein leichtes Gefälle, ein Lauschen auf den Wasserfall der Gedanken, mal laut und mal leise, hier im Vordergrund, dann wieder im Hintergrund, durch das Buch, durch den Supermarkt. Uns wird die kulinarische Vielfalt, aber vor allem das unvergleichliche, ja geradezu ideele, inspirative Ambiente dieses Ortes vor Augen geführt und Schritt für Schritt öffnet das Buch sich den Phänomenen und Bagatellen der Gänge, Produkte, Schilder und des sterilen, tiefen Glanzes der Atmosphäre. Doch dem ganzen wird noch die Komponente des Vexierbildes hinzugefügt, denn da ist L., die Frau, das Mädchen, die Liebe, die überall ihre Erinnerungsspinnenweben hinterlassen hat, in Formulierungen, in Eingebungen zu diesem und jenem – ihre Vorlieben sind die Assoziationen, ihr Fehlen ein Beweis, dass wir alle etwas brauchen und dass es Orte wie den Supermarkt gibt, wo wir es angeblich finden.

Wagners Prosa ist sehr auf eine leichte Direktheit und doch auch auf eine gewisse Sorgfalt bedacht. Kindheitserinnerungen und L., die geheimnisvolle Frau, verbindet er geradezu unwiderruflich mit seinen Betrachtungen zu Obst, Waschmittel und Plüschtieren und kommt so zu philosophischen Trampelpfaden wie diesen:

“Kaufen heißt also eigentlich verzichten – beispielsweise auf all die Pullover, die ich beim Kauf desjenigen, den ich heute trage, ebenfalls hätte kaufen können. Als ich ihn in dem Geschäft, in dem ich ihn mir ausgesucht hatte, bezahlte, habe ich alle anderen Möglichkeiten gegen diesen einen dunkelblauen Pullover eingetauscht, dabei hätte ich, ich erinnere mich, gern auch den dunkelbraunen genommen.”

All diese Philosophie ist gleichsam Sinn und doch nur Sinn auf Abruf. Es ist das, was als Wahrnehmungsfluss unser aller Dasein in puncto Supermarkt begleitet und was Wagner nur in Wörter gießt. Und L., diese Frau, die einfach immer wieder erscheint, auch wenn der Leser (und der Autor) gerade meint sie hinter sich gelassen zu haben: sie ist das Boot auf diesem Fluß, das, worum es im Leben geht und doch das, was unabhängig vom eigenen Leben einen Bestand hat – es ist nicht der Fluß, es ist nicht der Fluß, weil es, weil alles, fließt.

“Komme ich aus diesem Supermarkt nie wieder heraus? Muss ich hier vielleicht für immer Runden drehen? Ist das mein Schicksal? Bin ich dazu verdammt, immer wieder einzukaufen, die Einkäufe nach Hause zu tragen, in den Kühlschrank zu räumen und einen Teil dort zu vergessen, bis sie schlecht geworden sind?”

Die Angst, dass in dem Viel (zu Viel) des Supermarktes auch ein “zu wenig” liegen kann, dass in der Philosophie, ja sogar in der eigenen Biographie, ein Rückstand ist, den man nicht ohne etwas Besonderes, eine Frau, Liebe, Glück, aufholen kann, gehört zu den Gefühlen, die ganz selbstverständlich zu uns gehören. Wagner hat dieser Emotion in diesem Buch eine großartige Bühne geboten. Also: Sehr empfehlenswert!

“Und der Tod, so kommt’s mir vor, schiebt seinen Einkaufswagen neben mir. Und legt die Leben, die er nimmt, hinein. Und an der Kasse muss er nicht bezahlen.”
[…]
“Ich schalte Nahaufnahme hinter Nahaufnahme, um nur ja nie ein Panorama zu sehen.”

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*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

“Das Brandopfer” von Albrecht Goes


“Niemand trägt sein Laster im Gesicht, immer nur das, was man ihm angetan.”                 Franz Werfel

“Geschehenes beschwören: aber zu welchem Ende? Nicht, damit der Hass dauere. Nur ein Zeichen gilt es aufzurichten im Gehorsam gegen das Zeichen der Ewigen, das lautet: -Bis hierher und nicht weiter.-”
Anfang des Erzähltextes

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Es hat in Deutschland viele eindrucksvolle Erzähler gegeben, die ihre Prosa weder den aktuellen Hypes der Sprache angepasst, noch sonderliche Modifizierungen an ihr vorgenommen haben und auch mit ihrem Stil nicht unter ihresgleichen zu dominieren versuchten – Erzähler, Romanciers und Novellisten, deren Texte in jeder Zeile schlicht sprechen und die doch im Ganzen eine Art von Vollkommenheit erreichen. Die große Stärke ihrer Werke, liegt oft in ihrer natürlichen, nachvollziehbaren Tiefe.

Albrecht Goes, geboren 1908, gestorben im Jahr 2000, gehörte zu den unscheinbarsten Vertretern dieser Tradition. Er war protestantischer Theologe und ansonsten schriftstellerisch vor allem durch seine Gedichte und die Erzählung “Unruhige Nacht” bekannt.

Ebenso wie jene ist auch “Das Brandopfer” eine Erzählung aus der Zeit des 2. Weltkriegs; diesmal allerdings spielt sie in Deutschland. (Unruhige Nacht spielt unter Soldaten in der Ukraine, und es geht um die Nacht vor einer Hinrichtung.)
Beim Lesen und Folgen der Geschichte bemerkt man, wenn man es nicht weiß, gar nicht, dass ein Theologe sie geschrieben hat – erst im Rückblick mag es einem sehr klar erscheinen, wenn man hört, dass sie auch unter den Gesichtspunkten der religiösen Verständigung und Versöhnung verfasst wurde.

Der Text ist in einfacher, unverfänglicher Sprache geschrieben. Es ist eine Fiktion; aber genauso wie bei Stefan Zweigs sensationeller “Schachnovelle” ist auch hier die Darstellung des nationalsozialistischen Deutschlands, aufgrund des ganz eigenen Blickwinkels, weder unauthentisch, noch spielt es eine wirkliche Rolle wieviel an den Geschehnissen wahr und wieviel sehr gut erfunden ist, weil sie einfach versucht ein glaubwürdiges, menschliches Beispiel mit einem wichtigen, nicht wegzuredenden historischen Kontext zu verbinden.

                                                                      –

Gleichwohl wird die Handlung der Erzählung wie eine Erinnerung/ ein realistisches Bekenntnis aufgezogen. Frau Walker, die Frau eines Fleischers und Vermieterin des Erzählers, eines Professors, ist eine nette und etwas undurchschaubare Person von einem gewissen Zauber. Die Brandnarben in ihrem Gesicht und ihr wacher, leicht fragiler Verstand erregen die Neugier des Mieters, denn er vermutet, vor allem hinter den Narben, eine wichtige Geschichte. Die alte Frau ist bereit zu berichten, nur dann und wann legt sich Pausen ein oder zögert.

“Solange sie schwieg, hörte man die Uhr, die verrinnende Zeit. Zeit: Gnade und Gericht. Schon Gericht. Noch Gnade.”

Frau Walker und ihr Mann betrieben in den ersten Jahren der Hitlerzeit und dann auch im Krieg eine Metzgerei. Die Regierung ordnet 1938 an, dass ihr Laden zwischen 5 und 7 am Freitag den jüdischen Teil der Bevölkerung bedienen soll. So wird die walkerische Metzgerei zum Brennpunkt der neuen Ordnung. Da die Juden sich ansonsten nicht mehr versammeln dürfen, werden dieser Ort und diese Gelegenheit, welche wegen der Sabbatregeln absichtlich auf diese Zeit gelegt wurde, zum Fixpunkt für den Rest der jüdischen Gemeinde. Frau Walker beobachtet, passiv, doch langsam knüpft sie ein zartes Vertrauensband zu ihren besonderen Kunden. Oft kommen SS-Trupps herein und schikanieren diese. Doch mit der Zeit geschieht auch noch Schlimmeres… und dann…

“Wenn das mit dem Kinderwagen nicht dazugekommen wäre, hätte ich’s wohl nicht getan…”

Der Rest der Geschichte sei hier ausgespart. Nur soviel: Es gibt noch eine Verknüpfung zu einer anderen Lebens- und Kriegsgeschichte und natürlich noch ein paar kleinere Stücke innerhalb der Rahmenhandlung. Die ganze Konstruktion der Erzählung ist sehr darauf bedacht, nicht einseitig oder komprimiert zu wirken oder auf etwas Bestimmtes hinauszuwollen und dies gelingt ihr auch vorzüglich. Daher besitzt sie eine ganz eigene innere Schlüssigkeit und Stimmigkeit, eine konsequente Wahrheit in ihrem Verlauf und ihrer Diktion, ihrer Art und ihrer Atmosphäre.

Mich hat sie, nicht allein deswegen, tief berührt. Es gibt einige Stellen in ihr, die fast zum Weinen sind. Und es gibt welche, die spannend sind. Und es gibt welche, die beeindruckend sind.

Auch ohne viel sprachliche Virtuosität kann man hier doch von einer sprachlich wahrhaft gekonnten und schönen Erzählung sprechen; sie weist mehrere Formulierungen auf, die mir so klar und mündig noch nicht begegnet sind und deren Brillanz sich ihrer kleinen, bodenständigen Art nicht zu schämen braucht. Denn so zerbrechen sie nicht die Gesamtheit der Erzählung, sondern sind darin aufzufinden wie etwas aus dem Leben resultierendes.

“Lieber Herr Doktor, Sie sagen nicht: die Frau Walker phantasiert. Ich phantasiere nicht, ich sehe nur. Ich sehe sie vor meiner Auslage stehen, ihrer acht und zehn und zwölf. Frauen und Kinder und Greise, dir jüngeren Männer sind ganz selten geworden, ich lerne ihre Namen, und aus ihren Gesichtern lese ich; ob ich das richtige lese, weiß ich nicht, aber wer lange liest, lernt ja wohl lesen.”

Mitten drin spricht Goes einmal von dem “namenlosen Ernst, mit dem fremdes Leben an eigenes Leben sich lehnt”. Dieser Ernst, er liegt in dieser Geschichte, über allem, und die Geschichte selbst liegt ein wenig (ganz, ganz wenig) in allem, was im Dritten Reich an Verbrechen gegenüber der Menschlichkeit geschehen ist. Sehr ambivalent, präsent und doch vage, dringt das Grauen in die Welt der Metzgerei ein und gerade deshalb bekommt man einen Eindruck von der fatalen Hilflosigkeit, in der sich manch einfacher Mensch damals und noch heute dem Grauen gegenüber wiederfand.

Erich Fried schrieb: “Wenn handeln nicht hilft/ was soll man dann denken?/ Was soll man sprechen?/ Was soll man lassen? Nur eines nicht:/ sollst nicht vergessen.”
Ich halte diese Novelle für eines der wichtigsten Dokumente, dass uns beides lehrt, was im Umgang mit der Vergangenheit wichtig ist: Sie nicht zu vergessen – und stattdessen Menschlichkeit aus ihr zu lernen.

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*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen