Bittersweet Life… Die Depressionen in meinem Kopf… – Über den Film “Prozac Nation”


“Some people, they like to go out dancing
And other peoples, they have to work, Just watch me now!
And there’s even some evil mothers
Well they’re gonna tell you that everything is just dirt
Y’know that, women, never really faint
And that villains always blink their eyes, woo!
And that, y’know, children are the only ones who blush!
And that, life is just to die!
And, everyone who ever had a heart
They wouldn’t turn around and break it
And anyone who ever played a part
Oh wouldn’t turn around and hate it!”
Aus -Sweet Jane- von Lou Reed

Es gibt so Filme, die einen ganz speziell bewegen, weil sie einem die Möglichkeit geben, die eigene Vergangenheit aufzuarbeiten, Dinge zu verstehen und sich, vor allem, verstanden zu fühlen. So mancher Film geht ganz bewusst und bemüht in die Tiefe, versucht sie ganz bewusst visuell oder stimmungsmäßig zu erreichen und manch anderer Film IST auf seine Weise einfach tiefgehend, wenn jemand in der Geschichte seine eigene Tiefe findet. Für mich war Prozac Nation ein Film letzterer Art.

Im deutschen Fernsehen wird der Film ab und zu ausgestrahlt, dann allerdings unter dem Titel “Sex, Pillen und Lou Reed”. Der Kommentar dazu ist dann meistens, dass dieser Titel verwirrend sei und dem Film nicht gerecht werde. Nun, ich denke, dass beide Titel dem Film gleichermaßen gerecht und nicht gerecht werden.
“Prozac Nation – Mein Leben mit der Psychopille” stimmt in sofern, da dies der Titel des Buches ist (geschrieben von Elizabeth Wurtzel), das hier als Vorlage diente; aber er passt auch überhaupt nicht, denn der Inhalt wird damit in keinster Weise richtig angedeutet, da der Film die Geschichte der Krankheit und kaum den Teil der Heilung beschreibt.
“Sex, Pillen und Lou Reed” ist so gesehen der bessere Titel, da er den oberflächlichen Dunst der Geschichte beschreibt, in dem die Protagonistin sich selbst einkettet, aber er ist auch schlecht, weil er falsche Erwartungen weckt, dahingehend, wie der Film gesehen werden sollte.

Jeder kennt wohl das philosophische Problem der Absurdität des Lebens, welches wohl kein anderer Denker so treffend formuliert hat wie Albert Camus in seinem Essayband „Der Mythos des Sisyphos“ und welches er in seinen Romanen „Der Fremde“ und „Die Pest“ dargestellt hat. Dies Absurde, das entsteht wenn man im Leben nach Sinn und nach Antrieben sucht: manchen drückt diese Sinnlosigkeit nur ab und zu im Schuh – und manche drückt sie vehement in die Knie und sprengt ihnen den Kopf. Man kann das Depression nennen; oder auch einfach Angst.

Dieser Film beschäftigt sich mit dieser Angst, mit den Schwierigkeiten, die sich ergeben, wenn man seinen Stimmungen ausgeliefert ist – “Wieviel von unserem Glück hängt davon ab, das wir uns einfach glücklich fühlen” hat Tucholsky einmal geschrieben und in der Tat können nur wenige, die es nicht erlebt haben, die Komplexität der Situation nachvollziehen, gleichsam Leben zu wollen und doch außer diesem Willen gar nichts zu haben, was ihn unterstützt, weil alle Gefühle nur so dahinplätschern und sich in den Katakomben der Gedanken und Sehnsüchte verlieren. Also folgt man den haltlosesten Sehnsüchten, um irgendwas zu haben. “I hate it when people tell me to just be happy. So you think i chose to just be depressed?

“Wenn andere Leute sich schneiden, dann machen sie halt ein Pflaster drauf – ich blute weiter. […] Irgendwie muss man doch funktionieren.”
Lizzies Suche nach dem Absoluten im Schreiben, in der Liebe, der Poesie, der Musik – es ist eine Suche, die seit jeher die verschiedensten Menschen angetreten haben. Das Gefühl, dass da mehr in einem und in der Welt sein müsste, das alles immer auf einer Höhe bleiben müsst, der Höchsten – ist das ein Trugschluss, eine Sucht, eine Obsession; ohne Ziel oder Halt? Eine Sucht ist es auf jeden Fall, aber eine, die keine andere Droge kennt als die eigenen Gefühle und Vorstellungen.

Prozac Nation ist die Geschichte einer Frau, die talentiert ist, die wunderbar über Lou Reed und Bruce Springsteen schreiben kann (vor allem über Springsteen) nach Havard kommt und schon mit 19 für den Rolling Stone schreibt und die trotz all dem weder mit sich noch mit ihren Mitmenschen zufrieden ist. Sie verlangt viel von ihnen (- zu viel?). Sie verlangt viel vom Leben und von sich; sie will ein Genie sein – um jeden Preis?
Auf jeden Fall erleidet sie mit ihrem Leben Schiffbruch und betäubt den Schmerzüberschuss mit Obsessionen und radikalen Gefühlswallungen und versucht immer wieder sich mit ganzem Herz in etwas hineinzustürzen, dass sie erfüllen und heilen kann. Dank Christina Ricci ist diese Figur gleichzeitig zerrissen, lebendig und todkrank; eine beeindruckende schauspielerische Leistung. Und ein beeindruckender, gefühlsechter Film, ein Film wie ein Song von Lou Reed, der einem dunkel und hell im Ohr herumflüstert.

Link zum Film: http://www.amazon.de/Prozac-Nation-Mein-Leben-Psychopille/dp/B002ZE4C8K/ref=sr_1_1?s=dvd&ie=UTF8&qid=1378796513&sr=1-1&keywords=Prozac+Nation#

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.

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