Der Scheideweg zwischen christlicher und hellenistischer Welt – oder: Was Kepler noch nicht wusste… – Zum Film “Agora – Die Säulen des Himmels”


“Philosophie ist die Kunst, den Dingen auf den Grund zu gehen, die keinen Grund haben.” Dahár

Es ist eine interessante Epoche, die in diesem Film beleuchtet wird: Seit 60 Jahren ist das Christentum offiziell Staatsreligion, die Teilung des römischen Imperiums in einen östlichen und einen westlichen Teil stet kurz bevor und die Schwierigkeiten, sowohl der politischen, als auch der religiösen Verhältnisse spitzen sich zu. Es ist eine Zeit des Umbruchs, des Konflikts zwischen griechisch-hellenistischer Wissenschaft und Philosophie und der neuen christlichen Glaubenswelt, die ihre schnelle Ausbreitung eisern vor allem auf ihre Dogmas stützt.

In dieser Zeit ist Alexandria bereits mehr als 300 Jahre lang in römischem Besitz. Hier lebt die Philosophin Hypatia. Obwohl sie eine Frau ist, darf sie unterrichten und ihre Meinung ist geachtet und gefragt; vielen ihrer Schüler steht nach ihrer Ausbildung ein großer Karriereweg offen. In der Bibliothek von Alexandria lehrt sie sie das ptolemäische Weltbild und die konischen Formen (Kreis, Ellipse, Parabel und Hyperbel); ihre Forschung gilt vor allem der kosmischen Gesamtheit, den Bewegungen der Himmelskörper, dem Zusammenspiel der Erscheinungen und der Kraft, die alles zusammenhält – sind es wirklich Kreisbewegungen, auf denen die Planeten ihre Bahnen um die Erde ziehen? Ziehen sie überhaupt um die Erde?

Während Hypatia diesen Fragen und ihrer Liebe zur Philosophie ihr Leben widmet, muss sie bald schon miterleben, wie der Rest von Alexandria sich bald einem Kräftemessen der Glaubenswelten hingibt und die Seelen der Menschen sich mehr zu strengen Fronten verhärten; für Hypatia, die an die Vernunft und die Diplomatie glaubt, bricht sie dabei Stück für Stück auseinander…

Der Film steckt vielerlei zusammen – was an sich als Gewinn und nicht als Verlust zu betrachten ist, weil er sich so nicht auf eine Darstellung (oder ein Thema) versteift, sondern hier und da das herauskehrt, was interessant und glaubwürdig um dadurch die beiden Hauptstränge, die Geschichte der Hypatia und die Christianisierung einer hellenistischen Stadt, den Umsturz einer langen Tradition, darzustellen. Auch wenn er stets bei einer begrenzten Anzahl handelnder Personen bleibt, schafft er es doch einen kaleidoskopartigen Blick in das Wesen dieses wichtigen Momentes der Geschichte zu ermöglichen und dabei nicht die Ausreizung der Figuren zu vernachlässigen und Themen wie Sklaverei, Liebe oder Geisteswelt komplett zu unterschlagen (aber auch nicht übermäßig das Thema überlagern zu lassen).

Wer philosophisch und historisch interessiert ist, wird hier einen umfassenden Film erleben, der durch seine gut ausbalancierte Handlung und seine Ausstattung besticht. Wie ein guter historischer Roman, vereint er faszinierende historische Aspekte mit menschlichen Figuren, die sie erleben.

Zusätzlich: Ich denke, dass dieser Film keine direkte (anti-christliche) Aussage hat, wie viele es ihm oft anlasten wollen. Wenn man tatsächliche Ereignisse verfilmt und dabei eine Geschichte erzählt, folgt alles einem inneren Faden, der grundsätzlich ist (weil an die Geschichte geknüpft) und nicht einer Meinung nachgebildet. Der Zuschauer muss immer selbst entscheiden, welche Schlüsse er aus der Geschichte zieht – das ist der Vorteil der Kunst, die im Gegensatz zur Meinung, eine Ausdeutung offen lässt. Kunst verbreitet im besten Falle nicht – sie vermittelt.

Link zum Film: http://www.amazon.de/Agora-S%C3%A4ulen-Himmels-Rachel-Weisz/dp/B003BY0S8G/ref=cm_cr_pr_pb_i

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.

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