Liebe im Krieg – Remarques Roman “Zeit zu leben, Zeit zu sterben”

“Wo die Verzweiflung Wurzeln schlägt, ist auch der größte Wunsch nach Hoffnung.” (Franz Werfel)

Erich Maria Remarque zählt bis heute im In- und Ausland zu den bekanntesten deutschen Autoren. Er war einer wichtigsten (und wenigen) deutschen Pazifisten – einer seiner Lieblingssprüche war: „Man hat dem Menschen gesagt: Du darfst nicht töten. Man hat ihm aber auch gesagt: Du musst gut zielen, damit du triffst.“ Aufgewachsen in einer Zeit der Kriege und gesellschaftlichen Verwerfungen, hat Remarque in seinen Romanen immer wieder die Geschichten der Menschen erzählt, die die Abgründe ihrer Zeit zu spüren bekamen. (In „Im Westen nichts Neues“ ein Soldat im ersten Weltkrieg;  in „Die Nacht von Lissabon“ das Schicksal derjenigen, die auf der Flucht vor den Nazis nach Amerika wollten; hier das Schicksal eines gewöhnlichen Soldat im zweiten Weltkrieg, der von der Front für Urlaub nach Hause kommt.)

Nur allzu oft hat Remarque dabei seine Erzählungen mit einer Geschichte der großen Liebe verbunden (Sein Roman „Der Kameraden“ gehört nach wie vor zu den ungewöhnlichsten und doch besten Liebesromanen aller Zeiten), allerdings stets glaubhaft und sacht, sodass viele seiner Romane die Liebe sehr gut in ihre Atmosphäre und ihre Wirkung einbeziehen können, ohne dabei irgendeine Philosophie über sie zu brechen. Für Remarque gehörte die Liebe zum Leben dazu, auch in den größten Ausnahmezuständen – und wenn er das schildert ist man bereits ihm zu glauben.

Der junge Soldat Ernst Gräber hat keine wirkliche Hoffnung mehr, jemals seinen schon zweimal verschobenen Urlaub zu bekommen. Während er in einem russischen Dorf sitzt, Partisanen erschießen muss und wankelmütige Gespräche mit seinen Kameraden führt, die sich meistens um Leichen und Russen drehen, denkt er, obwohl betäubt vom Krieg, intensiv über seine Erlebnisse nach.
Dann wird er doch abberufen: 3 Wochen Heimaturlaub.

Er kommt mit großen, bald ernüchterten Erwartungen in ein zerstörtes Werden (Name der Stadt), in eine Stadt aus Ruinen, voller Schutt, Dunkelheit und Angst. Die Suche nach seinen Eltern bleibt erfolglos, ihr Schicksal ungewiss; dafür lernt er Elisabeth kennen. Ihr Vater ist im KZ und sie wohnt mit einer Funktionärin der Nazis unter einem Dach. Aus einer zarten Annäherung wird schließlich eine Freundschaft, dann eine Zweckgemeinschaft. Die beiden heiraten, damit Elisabeth Geld vom Staat bekommt.
Auch einige andere Personen lernt Gräber kennen und mit ihnen den Mikrokosmos der Schuttwelt: Einen SS-Funktionär, der ihn mit Essen überhäuft, ein verrückter Luftschutzwart und einen Lehrer, der für der Untergrund arbeitet – um nur einige zu nennen.
Sein Urlaub ist fast um, als Elisabeth und er sich in einander verlieben. Die beiden schaffen sich eine Idylle und finden Glück im Gegenüber. Doch Ernst muss wieder an die Front, die sich inzwischen der deutschen Grenze um 120 Kilometer genähert hat…

Obwohl der größte Teil des Romans in der zerstörten Stadt Werden spielt, ist der Teil der an der Front spielt um einiges belebter, spannender und näher am Geschehen dran, was nicht heißt, dass der Rest schlecht ist – im Gegenteil. Er ist eben seicht, mit vielen Darstellungen des einfachen Glückes und mit vielen philosophischen Ausflügen, mit vielen Innenansichten des Protagonisten und der anderen handelnden Figuren. Remarque zeichnet das Leben, welches in den Trümmern der Stadt weiter besteht, so genau, als hätte er es noch am selben Tag gesehen und sogleich niedergeschrieben; er erfasst den Mikrokosmos und die neue Definition von Leben, die darin existiert. Einige Wiederholungen sind dabei unvermeidlich: immer wieder Luftangriffe, das Trinken von Alkohol, das Reden über das Ende des Urlaubs, das Reden über die Liebe, das Leben und das Glück, das einem erscheint wie eine Art Fremder, der irgendwann aus der Stadt gegangen ist und vielleicht nie mehr wieder kommt.

In vielen Dialogen stellt Remarque die Beziehung zwischen Ernst und Elisabeth dar. Er schafft es dabei, das Thema Schuld ziemlich flach und unterschwellig zu halten und geht eher auf grundlegende Dinge ein. Die Dialoge sind teilweise wirkliche Meisterleistungen:

“Ich habe viel über sie nachgedacht Gräber. Und ich habe auch über das nachgedacht, was sie mir neulich gesagt haben. Es gibt keine Antwort darauf.” Pohlmann stockte und sagte dann leise: “Nur eine. Man muss glauben. Glauben. Was bleibt uns sonst? ”

“Woran?”

“An Gott. Und an das Gute im Menschen.”
“Haben sie nie daran gezweifelt?” fragte Gräber.
“Doch”, erwiderte der alte Mann. “Oft. Wie könnte ich sonst glauben?”

Insgesamt wirkt der der Roman trotz, oder gerade wegen dieser Fülle, auch etwas langatmig, aber man kann immer wieder in ihm versinken. Ein bisschen eintönig sind auch die kunstvollen Metaphern und Beschreibungen der Umwelt, doch wenn man auf den Roman zurückblickt, spürt man, dass sie ein nachhaltiges Bild hinterlassen haben. Alles in allem, bleibt Remarque ein Mann, der über den Krieg und seine Welt schreiben kann, ohne sich zu sehr in irgendeine Vision oder Erfahrung zu versteigen, statt einfach zu erzählen. Und ein Mann der über die Liebe schreiben kann, ohne sie zu kitschig oder pompöse auszuschmücken. Gerade letzteres, macht ihn zu einem wirklich lesenswerten Schriftsteller.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Zeit-leben-sterben-Roman/dp/3462027263/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1378794238&sr=8-1&keywords=remarque+zeit+zu+leben

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.

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