Wo Ferne auch Nähe ist… – Mit ungetrübtem Blick die Wahrheit sehen. Etwas zu “Prinzessin Mononoke”


“Märchen und Fabeln sind nur eine andere Art der Welt ihr Gesicht zurückzugeben.” Samuel Taylor Coleridge

So oft ich diesen Film gesehen habe, so viele widersprüchliche Schlüsse ich über die Jahre daraus gezogen habe – immer war es erneut ein beeindruckendes Erlebnis. Vermutlich lässt sich bei fantasievollen Geschichten, die das Potenzial einer anderen Welt voll ausreizen und noch im kleinsten Teil eine ganz eigene Idee tragen, kein letztendlicher Schluss ziehen und auch keine Beurteilung oder Interpretation abgeben, da diese Filme eine Art Faszination in sich selbst sind.

Aber es liegt mir doch viel daran den ganz eigenen Zauber der Filme von Hayao Miyazaki (zu denen auch das frühe, fast genauso eigenständig phantasievolle und ebenso geniale Juwel „Nausicaä aus dem Tal der Winde“ gehört und natürlich das bekannte Werk „Chihiros Reise ins Zauberland“ gehören) noch einmal zu unterstreichen und einfach zu sagen: Man muss diesen Film gesehen haben!

Auch sollte sich übrigens keiner abschrecken lassen, der sonst nicht auf Zeichentrickfilme steht oder mit diesem Medium bisher nichts anfangen konnte. Denn das Format bestimmt (oder beeinträchtigt) in diesem Fall nicht die Erfahrungsmöglichkeiten des Films und wird auch nicht genutzt um im klassischen Anime-Stil Übertreibungen und Slapstickereien Vorschub zu leisten. Stattdessen erlangt der Film in dieser Eigenschaft eine neue Möglichkeit: Die Dinge mit unverstelltem Blick zu sehen.

Wie den Film, die Geschichte beschreiben, auf ihren Zauber hinweisen, ohne eine bloße Nacherzählung zu beginnen; wie das Wesen, den Kern bestimmen?

Man könnte es sich in etwa so vorstellen: Prinzessin Mononoke ist wie ein Buch, eine Sage, in einen Film transformiert. Der größte Teil der Handlung spielt sich nicht in der Visualität der Bilder auf dem Schirm, sondern im Zuge der Faszination ab, die Welt und Handlung in sich tragen; um in einem Film während der Zeit in der man ihn sich anschaut zu leben, bedarf es oft zu großen Teilen einer Synthese aus Vorstellung und Anregung, einer Verbindung aus dem was da ist und dem, was auch noch darin ist, obwohl es nicht direkt vorkommt.

Wenn es einen Film gibt, der diese Synthese nahezu perfekt in sich trägt, dann ist es „Prinzessin Mononoke. Denn es ist ein Film, der über sich hinauswächst, wie es nur wenige schaffen, der mehr als seine eigene Geschichte, mehr als sein eigener Ausdruck und eben auch mehr als sein eigenen Format ist.

Wie ein Film uns letztlich begegnet ist doch eigentlich nur wichtig im Bezug auf die Geschichte, die er uns erzählt und die Welt, die er mit dieser einen, repräsentativen Geschichte zu erschließen vermag. Und die Geschichte und die Welt die Miyazaki erschaffen hat, ist ein so gekonntes Zusammenspiel aus Mystik und Fantasie, eine Idee von Philosophie, Natur und auch von Menschlichkeit, die eine bedeutsame und unverbrauchte Schönheit innehat.

Man kann in diesem Film sicherlich vielerlei interpretieren, wenn man es auch nicht muss, um ihn wunderbar zu finden. Es sei aber darauf hingewiesen, dass er auch “intellektuelle” oder “tiefere” Ansprüche befriedigen kann; gerade wenn man ihn, wie ich, öfter sieht, wächst er doch noch mit jedem Mal. Und immer wieder hat er etwas unsagbar Episches, Anderes. Ein Gefühl von der Freiheit der Geschichten und doch immanent eine Botschaft von der Weisheit, der Einsicht, die Geschichten uns bedeuten können.

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.

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