Ein wichtiger Film, ein guter Film – Zu “Silver Linings”


“In the middle of the world, at the edge of nowhere” Thomas Hardy

Vorweg: Ich möchte hier vor allem meine Eindrücke über den Film wiedergeben und habe daher auf eine Nacherzählung der Handlung verzichtet.

Ich habe schon einige intensive und gute Filme über Depressionen und/oder psychische Krankheiten gesehen; zwei waren bisher für mich am wichtigsten oder besser gesagt: stachen heraus: Helen und Prozac Nation. Beide Filme kann ich nur empfehlen, wobei man sie natürlich nicht mit diesem Werk vergleichen kann, da “Helen” ein französischer und “Prozac” ein Independet-Film ist. Diesbezüglich war ich denn auch von Anfang an schon sehr gespannt, wie ein Hollywood-Film diese Dinge aufbereiten würde. Mit It’s Kind of a Funny Story gab es immerhin schon mal einen Versuch, der nicht besonders ernst, aber auch nicht schlecht war.

Bei einem Film kommt es ja nicht allein auf die zentrale, ausrichtende Thematik an, sondern auch auf die Herangehensweise. Steht man in dem Film mitten im Thema oder wirft man einen Blick von Außen darauf`? – der Winkel bestimmt die Form und die Wirkung. Ein Film hat den Vorteil, dass er potentiell mehrere Sichten kombinieren kann (einem Buch gelingt das nur umständlich und es wirkt dann oft unkonsequent, weil in einem Buch die Sichtweisen nacheinander abgehandelt werden müsste – im Film geht es, auf gewisse Weise, zur gleichen Zeit). Wenn man Silver Linings allein von der Herangehensweise, von Optik und dem Setting beurteilten sollte, ist der Film eher unspektakulär und sehr Hollywood-like. Doch darum geht es – wie alle, die diesem Film, wie ich, mit immer größerem Genuss, mit Freude und Betroffenheit, gefolgt sind – nicht.

Es geht nicht um artifiziell herausgearbeitete Abgründe; es geht nicht um martialische Tiefe (auch solcherlei ist filmisch beeindruckend, aber man kann einem Film nicht vorwerfen, dass er seinen Weg auf andere Weise sucht). Es geht (wie so oft – und doch niemals oft genug) um das Menschliche, den menschlichen Aspekt. Krankheiten, Neurosen, Fehler, ethnische Unterschiede – sie alle scheinen nur allzu oft über den Menschen zu stehen, die mit ihnen zu leben haben und sie somit scheinbar mehr zu definieren, als ihr eigentliches Selbst es tut; zumindest wenn man als Unbeteiligter von Außen darauf blickt. Ein Verdienst des Kinos ist es auch, diesem Missstand immer wieder entgegenzuwirken und mit Geschichten zu zeigen, dass kein Mensch über seine “Mängel” oder Besonderheiten oder Einschränkungen definiert werden kann. “Mensch sein, das heißt so vieles und doch soll es im Anspruche nur eines heißen” schrieb Jean Paul vor mehr als 200 Jahren und noch immer haben wir Probleme damit, zu begreifen, dass die Taktik des einen Anspruchs nicht funktioniert. Menschen sind sehr unterschiedlich und wir können sie nicht bloß über das Maß definieren, in welchem sie sich von uns unterscheiden.

Dass Mensch sein vieles bedeutet, heißt auch, dass es uns nicht immer direkt betreffen kann, was ein Film sagt. Doch wir können auch lernen, dass ein genaues Betreffen nicht immer wichtig ist. Wichtig ist, dass die Aspekte in uns etwas Nachvollziehen; dass die Stimmungen uns berühren, dass die Geschichte uns ein Thema und seine Aspekte eröffnet, denen zu öffnen uns selbst nicht in den Sinn gekommen wäre. Simpel, diese Idee, wie es die Welle auch ist – und doch schmeißt sie jeden Tag den ganzen Ozean an den Strand und zieht ihn wieder hinaus.

Ein Film muss seinen eigenen Weg gehen, jenseits von Kategorien, und gerade das gelingt Silver Linings, seinen Darstellern und seinen Szenen, sehr gut und mit beeindruckender Leichtigkeit (nicht Seichtheit – Leichtigkeit!) oder anders gesagt: mit Bravour. Neben Jennifer Lawrence, deren Spiel wirklich aus dem Innersten zu kommen scheint und das kaum eine Abstufung erfährt, hat mich auch Robert De Niro wieder mal beeindruckt, was ich nach so vielen Auftritten nicht gedacht hätte. Überhaupt sind alle Darsteller herrlich unverbraucht – auch das trägt zur Atmosphäre bei. Am Ende bin ich mir nicht ganz gewiss darüber geworden, WAS den Film letztlich von der zweiten in die erste Liga hebt. Vielleicht weil der Film, neben Unterhaltung und Witz und Auf und Ab, auch Hoffnung gibt, dass etwas genau zur richtigen Zeit passieren kann, frei nach Art des Zitats “An arrow can only be shot by pulling it backward. So when life is dragging you back with difficulties, it means that it’s going to launch you into something great.” Denn: “Sometimes, the only way to stay sane is to go a little crazy.”

Link zum Film: http://www.amazon.de/Silver-Linings-Jennifer-Lawrence/dp/B00AY9UQN8/ref=cm_cr_pr_pb_t

*Diese Rezension ist bereits teilweise auf Amazon.de erschienen.

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