Über “Der Verfolger” von Julio Cortázar


Auf die lockere Frage, was er denn von dem großen chilenischen Dichter und nun gekrönten Nobelpreisträger Pablo Neruda halte, sagte ein amerikanischer Professor: “Sch*** auf Neruda. Der größte Schriftsteller der Südamerikaner heißt Julio Cortazar!”

Auch wenn ich dem großen Chilenen Neruda eine große Sympathie und nicht wenig Respekt entgegenbringe, würde auch ich mich vor die Wahl gestellt, wenn auch nicht dermaßen rüde, für Cortazar entscheiden. Es hat wohl in der Geschichte viele großartige Künstler der Sprache gegeben, doch nur wenige sind so stark zwischen großartiger Unterhaltung und subtilen Geistestiefen gewandelt, wie dieser argentinische Schriftsteller. Von seinen furiosen und magischen Erzählungen, über solche kleinen Wunderstücke wie die Rede des Bären – ein liebevolles Meisterwerk – bis zu seinen Sprachspielen und einzigartigen Romanirrungen Rayuela oder 62/Modellbaukasten hat er Literatur geschaffen, die “zu erstaunen, zu fesseln, zu vertiefen” weiß, wie Octavio Paz zu diesem Buch ganz besonders anmerkte.

Mit “Der Verfolger” begibt sich Cortazar auf eine menschlich-psychologische Ebene und zugleich ist das ganze Buch eine seltenschöne Hommage an den Ausnahmemusiker Charlie Parker.

Der Ich-Erzähler, ein Musikkritiker und Freund Parkers in Paris, schildert einen Teil der Zeit, die er mit Charlie Parker, hier alias Johnny Carter, in Paris verbringt, die sich als die letzter Abschnitt dessen Lebens herausstellen wird, bevor er kurz darauf in New York stirbt.
Wir erleben Johnny als einen sehr sensiblen Mensch, der scheinbar immens wenig mit seiner Umgebung anzufangen weiß und der, möglicherweise durch starke Drogenexzesse, eine kontinuierliche geistige Konzentration scheinbar nicht mehr aufrecht erhalten kann. Doch es ist schwer in Julio Cortazars Roman die Wahrheit festzustellen. Wie kein anderer versteht er es gekonnt bei den Schilderungen die subjektiven Verstrickungen des Erzählers hervorzuheben und diesen nicht über den Tellerrand blicken zu lassen, während der Leser gerade dadurch doch eine Ahnung von den größeren Zusammenhängen bekommt – und nimmt die wohl beabsichtigte Unsicherheit, Unwägbarkeit, die um die Figur des Saxophonisten entsteht, gerne in Kauf.

In der Tat ist es immer sehr faszinierend, was Johnny seinem Freund Bruno erzählt und die Grenze zwischen Wahnsinn und Übersinn ist nicht wirklich auszumachen:
“Das mit der Zeit ist so kompliziert, es überfällt mich überall. Langsam wird mir klar, dass die Zeit nicht so was wie ein Sack ist, der sich füllt. Ich will damit sagen, dass in den Sack, auch wenn der Inhalt sich ändert, nicht mehr hineingeht als eine bestimmte Menge, und damit aus. Siehst du meinen Koffer, Bruno? Da passen zwei Paar Schuhe und zwei Anzüge hinein. Gut, jetzt stell dir vor, du machst ihn leer, und dann tust du wieder die zwei Anzüge und die zwei Paar Schuhe hinein, und dann merkst du, dass nur ein Paar Schuhe und ein Anzug hineinpassen. Aber das ist noch nicht das Schönste daran. Das Schönste daran ist, wenn du merkst, dass du einen ganzen Laden in den Koffer packen kannst, Hunderte und Hunderte von Anzügen, so wie ich manchmal, wenn ich spiele, die Musik in die Zeit packe.”

Dieses Erlebnisphänomen kennt wohl jeder, der einmal selbst Musik gemacht hat, oder einfach an einer Mauer stand und auf den Bus gewartet hat: Die Gedanken und die Töne schweifen und plötzlich kommt der Bus und obwohl nur eine Minute vergangen ist, hat man vielerlei Ungenaues gedacht und wieder erlebt, fokussiert und verworfen, angedacht und überdacht, etc.

Und trotz seiner Magie und solcher Gedankengänge, oder -flüge, ist Johnny ein Genie, das sich selbst zerstört und immer wieder versucht das Allerhöchste in seiner Musik zu beschwören, sich nicht mit weniger zufrieden gibt, als eine Tür in eine kleine Unendlichkeit aufzustoßen und damit stets scheitert und ohne Kraft immer wieder versinkt in Drogen und Verzweiflung.

Jeder kann dieses Buch anders lesen, kann der Sicht des Erzählers folgen, oder diese auch kritisieren. Viele noch lebendige Gedanken stecken in diesem Buch. Wie immer bei Cortázar.

Link zum Buch: http://www.amazon.de/Verfolger–Bibliothek-Band-21/dp/3937793208/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1379082639&sr=1-1&keywords=der+verfolger+cortazar

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

1 thought on “Über “Der Verfolger” von Julio Cortázar

  1. Angelina

    Danke für die gelungene Rezension! Wenn ich mir die restlichen im Netz rumschwirrenden Beurteilungen ansehe, scheint mir so, als würden die meisten Leser dieses Buch schlicht nicht verstehen. Viele reduzieren es einfach auf seine autobiographische Grundlage oder die Jazzszene der 50 er Jahre. Dabei steckt in dem Buch so viel kluge Philosophie und Psychologie. Ich verehre es!

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