Das vergebliche Herz… Kleine Rezension zu Goethes Werther


“Ach so gewiss ist’s, dass unser Herz allein sein Glück macht.”

Ein anderer Rezensent sprach von diesem Buch als einem “Freund fürs Leben” und hat mir damit die Worte aus Mund und Herz genommen. Denn obgleich es (wie so oft bei Klassikern) beim Werther sicherlich in jedem von uns eine Vorstellung und sogar grundsätzliche Kenntnis über die “Story” gibt, ist der Werther ein reicheres und tieferes Buch, als je eine Studie aus zweiter Hand beleuchten könnte. Es hat eine ganz eigenwillige Tragik, als wären darin Drama und Empfindung ineinandergerauscht, um dann umeinander herumzuirren.

Die Geschichte, die Goethe in Briefen und am Ende mit kurzen Passagen des freien Erzählens aufrollt, ist in der Tat eine simple und doch hält sie zwei ewig reizende Themen bereit: unerwiderte Liebe und eine sensible, intelligente, sehnsüchtige Hauptfigur, ein Mensch “so gut wie die Sonne und meist so traurig wie der Regen”(Thomas Hardy) . Wie auch schon ein anderer Rezensent sagte, ist die Idee der Briefform eine wahre Meisterleistung Goethes (wenngleich er sie nicht erfand, hat er doch erkannt, dass sie den besten Rahmen für seine Geschichte bildet); durch diesen Kunstgriff kommt die Sehnsucht nach Transzendenz, nach Mitteilung, beinahe überbordend zum Ausdruck und doch ebenso die tiefe, umsichtige Erkenntnis, dass das Unsagbare ewig dem Einfühlen jedes Einzelnen überlassen bleibt:

“[…] die Flüsse strömten unter mir, und Wald und Gebirge erklang; und ich sah sie wirken und schaffen ineinander in den Tiefen der Erde, alle die unergründlichen Kräfte; […] Vom unzugänglichen Gebirge über die Einöde, die kein Fuß betrat, bis ans Ende des unbekannten Ozeans weht der Wind weht der Geist des Ewigschaffenden, und freut sich jedes Staubes, der ihn vernimmt und lebt. […]”

Nun ist der Werther nicht nur ein schönes, sondern auch ein wirklich anrührendes und beinahe wandelndes Werk. Während man es liest vollzieht sich vor dem Auge eine Art freudigtrauriger Kurve. Denn obgleich Werther ein intelligenter und liebender, sehnsüchtiger Mensch ist, findet sich schon zu Anfang in den Tiefen des Romans eine vollendete Vergeblichkeit (- die sich übrigens durch Goethes ganzes belletristisches Werk, vom Faust bis zum Wilhelm Meister ziehen wird, mal schwächer, mal stärker ausgeprägt). Werther führt sie in aller unnostalgischen Klarheit in sein Herz:

“Ich kehre in mich selbst zurück und finde die Welt. Wieder mehr in Ahnung und dunkler Begier als in Darstellung und lebendiger Kraft.”

“Musste denn das so sein, dass das, was des Menschen Glückseligkeit macht, wieder die Quelle seines Elends würde?”

“Dass ihr Menschen, rief ich aus, um von einer Sache zu reden, gleich sprechen müsst: das ist töricht, das ist klug, das ist gut, das ist bös! Und was will das heißen? Habt ihr deswegen die inneren Verhältnisse einer Handlung erforscht? Wisst ihr mit Bestimmtheit die Ursachen zu entwickelnn, warum sie geschah, warum sie geschehen musste? Hättet ihr das, ihr würdet nicht so eilfertig mit euren Urteilen sein.”

Man könnte, wenn man die letzte Seite umschlägt, meinen, dass eine umfassende, beiderseitige Dankbarkeit in der Luft liegt, wenn man dieses Buch schließt. Das Buch ist dankbar und man selbst ist dankbar. Ganz natürlich fühlt sich das Buch in den Händen an…

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google photo

You are commenting using your Google account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

Connecting to %s