Philip Roths Debüt: “Portnoys Beschwerden”


Portnoy’s Complaint – so heißt dieser Roman, mit dem Philip Roth 1969 zum Bestseller (und zum anerkannten großen Romancier) wurde, in der Originalausgabe. Allerdings passt die deutsche Übersetzung perfekt, denn sowohl in Englisch, als auch auf Deutsch, ist das Attributwort Complaint/Beschwerde mehrdeutig. Es kann Beschwerde im Sinne von Klage bedeuten, aber auch Beschwerde im Sinne von Krankheit oder Leiden.

Alexander Portnoy, wie Roth aufgewachsen in Newark im jüdischen Viertel, ist ein 33jähriger Neurotiker voller Selbstzweifel und Seelenballast – und er ist der festen Überzeugung, dass man ihn bloß dazu gemacht hat. Seine überfürsorglichen Eltern sind Schuld, die ihm das Leben von vorneherein als extrasaubere Sache prophezeit haben, dass er dann mit dem Erwachen seiner Sexualität aber von einer ganz anderen Seite kennenlernen musste, die sich nicht vereinbaren ließ mit der kleinen Gefügigkeit seiner Erziehung und Kindheit. Seine moralische Integrität und Selbstbefindlichkeit schwinden in dem Zwist aus Anerzogenem und Triebhaften, sein Gewissen und sein Geschlecht stehen im dauerhaften Wettstreit. Das ist der Sprengstoff – seines Charakters, und letztendlich des ganzen Buches: fragile sexuelle Realität kontra ebenso fragiler, anerzogener jüdischer Mentalität, zusammengeführt zu einer ständigen Zerreisprobe, gespannt noch durch die menschlich bedingte Sehnsucht. Elterliche Erwartungen und Sex werden zum Sinnbild zweier verschiedener, doch gleichsam in ihrer Problematik schon fast wieder ähnlicher, unvereinbarer Welten, ohne Möglichkeit der Erfüllung oder Verbindung.

Der Aufbau des Buches ist etwas aberwitzig und wirkt zu Anfang etwas unstrukturiert – und doch: es ist sehr gut zu lesen (nicht so perfekt, wie im Vergleich zu anderen Roth-Romanen, aber doch sehr flüssig). Das liegt wohl vor allem an der gut getimten Abstimmung zwischen dem Erzählflusses und den Abschweifungen und Reflexion und dem sich langsam übergreifend aufbauenden Bildes der Romanfigur, die einen mal mit ihren aggressiven Beichten verschreckt und einem dann wieder mit den Momenten durchblitzender Menschlichkeit und Sehnucht näherkommt. Klug werden dem Leser mal die zentralen Problematiken der Figur in Form von Anklagen und Analysen aufgedrängt, dann entdeckt er sie wieder selbst in den einfachen Schilderungen aus seinem Leben – so gesehen ein Meisterwerk der Symbiose zweier erzählerischer Bestrebungen.

Viele mögen das rasante Buch, dass weniger von einem Roman, denn von einem Monolog hat (oder zumindest eine Synthese aus beidem ist), als bloße Satire oder als Analyse lesen (und man kann es auch, gut und problemlos, so lesen). Aber für mich ist es vielmehr eine der besten Aufarbeitung und Auseinandersetzung mit dem sexuellen Konfliktpotential, die weit über die bloße Essayistik vieler Betrachtungen hinausgeht und weit über den bloßen Präzedenzfall des Protagonisten. Portnoy ist ein suchender, der die Glorie im Hang des Menschen zur sexuellen Überhöhung sieht. Doch immer wieder, eigentlich ständig, zeigen sich Risse in diesem Glauben, von denen er weiß, dass sie die Bestätigung eines tieferen Unglücks sind – ein Unglück, das ihm gleichzeitig Angst wegen seiner scheinbar nur scheinbaren und doch immer stärkeren Unausweichlichkeit macht. Letztlich zweifeln seine tiefsten Gewissheiten nicht an der Sexualität an sich, aber an ihrem abgeleiteten, beschworenen Symbolplatz in den Beziehungen zwischen Menschen. Denn Sexualität, dass kann man aus diesem Buch lernen, ist kein Verbindungsaufbau – kann es nicht sein – sondern nur die Verbindung selbst, die möglicherweise etwas mit aufzubauen weiß.

Portnoys Beschwerden ist ein Schlüsselroman – und gerade deshalb kein Allerweltsbuch, es wird immer etwas schwierig sein, aber auch immer brandaktuell, längerfristig von Bedeutung. Vielleicht ist es nicht das beste Buch, das je über Sex geschrieben wurde. Aber es ist zumindest das beste, das auf solch erheiternd-vielschichtige Weise darüber geschrieben wurde; das Buch, welches haarklein mit dem spielt, wofür Sex oft gehalten wird. Mit einem Urteil aufräumen will das Buch dabei allerdings nicht, auch nicht sich eins erlauben. Aber es will die Urteile reflektieren. Und das gelingt, wenn der Leser es will, sehr gut.

Link zum Buch

*Diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen

2 thoughts on “Philip Roths Debüt: “Portnoys Beschwerden”

  1. Marcel

    Hallo Timo,

    das ist eine sehr gelungene Rezension, welche den Kern dieses Werks sehr prägnant erfasst!

    Gruß
    Marcel

    Reply

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