“Zwei Frauen” – ein Roman über das Drama der Liebe


Vor nun beinahe drei Jahren ist Harry Mulisch, einer der großen Schriftsteller Hollands, gestorben. Hinterlassen hat er ein sehr vielschichtiges, fast schon klassisches Werk, in dem er sich mit sehr vielen Themen – mit sehr vielen “Plots” – beschäftigt hat. Schon sein Erstling war, perspektivisch und erzählerisch, eine gewagte Arbeit: in Archibald Strohalm erzählt er die Geschichte aus der Sicht eines Mannes, der allmählich den Sinn für Realität verliert.

In seinen weiteren Erzählungen und Romanen ist Mulisch seinem Credo treu geblieben, ungewöhnliche Bücher schreiben und darin einfache, aber ungewöhnliche Schicksale zu bevorzugen. Ungewöhnlich jedoch nicht im Sinne von exzentrisch oder außergewöhnlich. Mehr liegt dieses -ungewöhnlich- in der Art begründet wie Mulisch seine Konzepte verfolgt, wie er nie ausweichend abschweift oder partielle Erklärungen einschiebt, wie alles in seinen Sätzen eine stete Nähe zu seinen Protagonisten und seiner Geschichte hält. Wie gesagt: ein fast schon klassischer, sehr unmoderner Zug. Dies verbunden mit den wiederum nicht unbedingt besonderen Geschichten, die er erzählt, Geschichten, wie sie wirklich nur als Fiktion zum Leben entstehen können – dieses Zusammenspiel, es hat einfach etwas ganz eigenes, erzählerisch wertvolles.

Was seine Romane immer wieder zusammenhält, ist seine wunderbar unverschnittene Sprache, die oftmals, wenn es ums Beschreiben geht, genau die richtigen Vorstellungsmuskeln trifft: “…plötzlich überkam mich die Müdigkeit, wie ein gelandeter Fallschirmspringer, der unter seinem Schirm begraben wird.”

Sein Roman “Zwei Frauen” (entstanden 1975) ist eine Liebesgeschichte – eine klassische Liebesgeschichte, die Mulisch aber zugleich mit dem noch klassischeren griechischen Drama verknüpft. Dies beides prallt am Ende des Buches aufeinander und mag einige Leser, die das Buch bis dahin gut fanden, ein wenig abstoßen oder etwas zu abrupt entlassen; denn obgleich es folgerichtig ist und absolut konsequent, hat es etwas formalistisch. Es erscheint beinahe zu einfach. Doch ist zu einfach nicht genau das, was passieren muss?

Inhaltlich geht es zwar um eine sexuelle Beziehung zwischen zwei Frauen, aber das Sexuelle und die damit verbundenen Möglichkeiten für Erotikpassagen spart Mulisch aus, soweit es keinen Bezug zur Handlung oder zu gesellschaftlichen Folgen hat. Somit ist dieser Roman kein Roman der Tabus brechen, Reize ausrollen oder das Drama zweier homosexueller Frauen in den Mittelpunkt stellen soll. Nun ist es für die Geschichte auch nicht unwichtig, dass es zwei Frauen sind, die sich lieben, aber es ist nur die Bühne und das Stilmittel, die Idee und nicht der Plot.

Der Plot selbst ist ebenso schlicht, wie grandios erzählt, jedoch auch schwierig zusammenzufassen. Es ist ja so, dass man eine Geschichte zusammenfassen kann, eine kleine Beschreibung geben kann und bei der späteren Lektüre ist das Buch selbst dann quasi eine Variante zu der “Umstandbeschreibungen”. Aber hier, bei diesem Buch, ist die Kluft zwischen dem, was man über die Geschichte zusammenfassend sagen könnte und der Form, in dem dieses Buch diese Geschichte erzählt, einfach zu groß, um auf diese Weise dem Leser das Buch nahezubringen. Es geht um zwei Frauen, es geht um Liebe, es geht um eine Dreierkonstellation und es geht um die Idee der gleichgeschlechtlichen Liebe. Soweit kann man es sagen. Der Rest ist vor allem Form und Sprache, eine einfache Geschichte, vollkommen erzählt.

Ich kann kaum glauben, dass noch niemandem aufgefallen ist, wie vollkommen Mulischs Roman geraten ist (wieder ein klassischer Zug), wie man sich von einzelnen Beschreibungen und Kapiteln hinreißen lassen kann und wie rund der Roman am Ende wirkt. Klar, es ist kein Roman, der bei einem am Ende noch viele Stränge und Fetzten in der Hand zurücklässt, nichts, wovon man sagen kann, man hätte viel von ihm erhalten. Aber es ist ein Roman, der einen wirklich in seinen Bann zieht, der auf der ersten Seite beginnt und auf der letzten endet. Eine abgeschlossene Form, wie ein plastisches Kunstwerk.

Darin eine Liebesgeschichte, die wohl hauptsächlich wegen der angenehmen Sprache so gut zu lesen ist. Aber auch der Rest, die ganze, begrenzte Materie der Geschichte und der Hauptperson ist so filigran und durchkomponiert, dass es einfach großartig ist, dieser Komposition zu folgen. Kein Stutzen, kein plötzliches, zu weites Driften in die eine oder andere Richtung. Jeder kleine Erzählabschnitt hat seinen Platz und seine Richtigkeit auf diesen 200 Seiten. Und ich nehme lieber diese zweihundert wunderbaren Seiten, als alle 400 auf denen das Thema ausgequetscht, aber niemals diese unnachahmliche Präzision erreichen würde. Das ganze Buch ist voller kleinster Genussmomente, voller Passagen, die so einfach und authentisch und darstellend daherkommen und einen fesseln, wie es die ganze Geschichte letztendlich tut.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen

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