“Der schwedische Reiter” – einer der kleinen, beeindruckenden Romane von Leo Perutz


“Aber der Herr mag wissen, dass der Hase nirgends flinker ist als dort, wo man ihn jagt.”

Noch zu wenig Stimmen haben Lob gespendet für das kleine und wunderbare Gemälde, dass Leo Perutz mit diesem Roman geschaffen hat; denn so wie ein einziges Bild steht mir dieser Roman nach dem Lesen vor Augen; ein bedeutsames, eindringliches, klares Gemälde voller kleiner Aspekte und gelungener Motive, mit dem geheimnisvoll-schönepischen Titel: Der schwedische Reiter.

“Ihr habt gesehen wie so rasch sich dreht das Rad des Glücks.”

Leo Perutz gehört für mich zu den faszinierendsten und besten Romanciers deutscher Sprache; ich kann seine Bücher oft lesen und sie werden mir nicht langweilig. Sehr trefflich finde ich daher, was Daniel Kehlmann auf der Rückseite dieser Edition schrieb: “Perutz ist der größte magische Realist unserer Sprache.” Das fängt eigentlich genau das ein, was Perutz ist, von seinem ersten, furiosen Roman Die dritte Kugel an, über sein Meisterwerk “Von Neun bis Neun”, bis zu seinem letzten Geniestückchen “Der Judas des Leonardo” – nämlich ein Autor, der nicht nur spannende Geschichten in die Umgebung großer, historischer Umfelder einzuweben weiß, sondern dies auch noch mit einer Leichtigkeit von Sprache und Stil verbindet, dass man seine Bücher meist in einem Ruck durchlesen will und sei es nur, weil es sich so angenehm anfühlt ständig im Fluss seiner Geschichte zu sein.

“Der Erzähler experimentiert mit Wirklichkeiten”, so sagte es Vargas Llosa einmal. Perutz hat dies schon 40 Jahre vor dieser Aussage zu seiner Technik und seinem Stil gemacht. Viele seiner Romane betten das Schicksal einer oder mehrerer historisch nicht verbürgter Personen (oder wenn sie doch verbürgt sind, dann begehen diese Personen neben verbürgten, auch nicht verbürgte, Taten) in historische Abläufe ein. In Die dritte Kugel sind es z.B. ein paar Deutsche, die unabhängig von den Spaniern zur selben Zeit in die neue Welt reisen und sich dann beim Krieg mit den Azteken auf die Seite der Ureinwohner schlagen und gegen Cortez und die Spanier kämpfen; in Turlupin wird die frz. Revolution fast um 125 Jahre vorverlegt, was ein Mann dann doch verhindert; in “Der schwedische Reiter” nun ist die Geschichte von Liebe, Verrat, Schicksal und Abenteuer an die Klippe des “Großen Nordischen Krieges” zwischen Schweden, Polen-Sachsen und Russland gebaut.

“Es ist die Geschichte zweier Männer. Sie trafen einander an einem bitterkalten Wintertag zu Beginn des Jahres 1701 in eines Bauern Scheune und schlossen Freundschaft miteinander.”

Einmal sollte man Perutz lesen, weil es ein Vergnügen ist, wie schnörkellos, komprimiert und authentisch er erzählen kann – und zum anderen kann man ihn guten Gewissens allen empfehlen, die gute Geschichten lieben. Mag sein, dass man es ihm dann und wann übel nehmen könnt, dass er alte Sprichwörter, Gedichte und Lieder einflicht und allgemein die Sprache gern dem historischen Setting angleicht – oder dass praktisch keine einzige intensive Szene aus seinem Erzählfluss hinaus sticht, das er wenig bis gar nicht psychologisiert, dafür seinen Leser immer wieder mit Wendungen und Ideen überrascht. Den Sog seiner Geschichten, den kann man ihm nicht absprechen. Sie mögen sich bescheiden kleiden, wachsen aber jedes Mal auf wunderbare Weise als Ganzes über sich hinaus. Und selbst demjenigen, der sonst keine historischen Roman mag (wie auch ich) werden Perutz kleine Romane vermutlich eine große Freude bereiten. Jedes seiner Bücher bietet Unterhaltung während der gesamten Lesedauer.

“-Warum kommst du den nicht wenn es Tag ist?-
-Weil mein Pferd bei Tag den Weg gar langsam trabt; bei Nacht aber, da fliegt es durch die Luft in Windeseil’, in einer Stunde fünfhundert Meil’.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen.

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