Etwas zu Flauberts: “Madame Bovary”


Wann immer das Gespräch auf große, durchkomponierte Romane kommt, wann immer man über den modernen Roman und seine Geschichte redet, gibt es einige Werke, um die man nicht herumzukommen scheint. Madame Bovary von Gustave Flaubert ist so ein Roman, ja, er wird sogar einvernehmlich in literarischen Kreisen als “erster” moderner Roman bezeichnet, sein Aufbau wird gerühmt, Flauberts Sprache und Psychologie gepriesen.

In der Tat kann man in verschiedenen Werken von Milan Kundera bis zu Mario Vargas Llosa diesen Roman behandelt finden – dort wird er natürlich auseinander genommen, eingefügt in einen Zusammenhang, sozusagen “instrumentalisiert”. Jeder, der wie ich vor der Lektüre des Romans zahlreiche Schriften über ihn gelesen hat, sieht ihn natürlich mit “anders definierten Augen”, wie André Gide sagen würde.

Neben der Größe und Auslegungsbreite des Buchs im Feuilleton und der Essayistik, schwingt immer wieder die Kraft der verruchten Aura mit, die diesem Roman von allen Seiten angetragen wird. Doch ähnlich wie Lady Chatterley ist auch “Madame Bovary” natürlich kein wirklich erotischer Roman, sondern eine psychologisch-menschliche Konflikt- und Lebensgeschichte, die tatsächlich in dieser Form nicht unbedingt das erste Mal (siehe z.B.: Balzac “Das Haus zur »Ballspielenden Katze«”), aber auf jeden Fall das erste Mal in so eindringlicher Klarheit, Tiefe und Nähe beschrieben wurde.

Die Handlung soll hier nicht genau unter die Lupe genommen werden, sie ist hinlänglich wohl bekannt und wenn nicht ist sie umso mehr und besser überraschend zu genießen; der Dreh und Angelpunkt sind sowieso die Charaktere, die so zweideutig sind, (ja geradezu eigensinnig) dass sie dem Ideal der Romanfigur, einer richtigen Person mit ambivalentem Selbst- und Weltverständnis und allerlei plötzlichen Regungen trotz eines festen Charakters, sehr nahe kommen. Flaubert mischt sich, so bemerkt man, so selten wie möglich als Erzähler wertend ein und dann auch nur wenn es um seine Hauptperson Emma Bovary geht, der noch am meisten definierten Person im ganzen Buch; ihre Figur schreitet wie durchleuchtet durch die Welt.

Mit stilistischer Bravour und Eleganz, weiß Flaubert immer genau wo er (physisch und blicktechnisch) als Erzähler zu stehen hat, um die beste Einstellung zu bekommen; so ist er zwar den größten Teil der Zeit bei Emma, in ihr, um sie, als wäre sie ein altes Ich (Flaubert meinte immer wieder: “Emma Bovary – das bin ich!”) um doch wieder (und eigentlich immer) allwissend über allem zu schweben und seine Blicke auch hier- und dorthin zu werfen, wo gerade etwas Interessantes einzufügen ist. Nebenbei finden sich natürlich unvergessliche Szenen und Beschreibungen in diesem Buch; eine der berühmtesten hat mir der Überschrift und einer sehr langen Kutschenfahrt zu tun.

Flaubert schrieb 5 Jahre an seinem Werk; lange haderte er mit den Sätzen und versuchte die (wir würden sagen ultimativen) Worte zu finden, die alles genau und möglichst poetisch, aber nicht schwülstig, beschreiben würden – man kann mit großer Sicherheit sagen, dass “Madame Bovary” den Roman auf alle Zeiten beeinflusst hat und ihn vielleicht auch dort hin gebracht hat, wo er heute ist. Vielleicht war es die konsequente Weiterentwicklung der Balzacschen Realistik, die wiederum eine Weiterentwicklung von Sternes (Leben und Meinungen von Tristram Shandy Gentleman) und Rabelais (Gargantua und Pantagruel) Romanabschweifungen war, die wiederum vom Urroman, dem Don Quijote des Cervantes herrühren; ja, vielleicht ist die Formstärke doch die größte Stärke der Literatur… zweifelsfrei ist eins: Flauberts 5 jährige Arbeit haben sich in dieser Prosa niedergeschlagen und gleichsam einen Spiegel UND ein Fenster geschaffen, dass Lesegenuss und Reflexion im gleichen Maße vereint.

Zur Übersetzung: Meine Übersetzung ist die von Maria Dessauer aus der Insel Verlag Zusammenstellung Romane und Erzählungen und hat mir persönlich hervorragend gefallen; sie ist flüssig, gekonnt, nicht übertrieben ältlich, nicht übertrieben modern und fängt die Sonnenstrahlen der Flaubertschen Prosa ein.

*diese Rezension ist teilweise bereits auf Amazon.de erschienen.

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