Mario Vargas Llosa und “Tante Julia und der Kunstschreiber”

Mario Vargas Llosa ist ein Chamäleon. Fast in jedem seiner mittlerweile 16 Romane hat er sich neue thematische und stiltechnische Ursprünge gesucht und neue Belange und Ideen an seine Prosa angelegt – eine Qualität, die nur ein ausgewählter Kreis aus Romanciers für sich beanspruchen kann. Was viele seiner Romane trotzdem verbindet ist der Witz, der in unterschiedlichen Formen, manchmal offensichtlich, manchmal zärtlich, manchmal grotesk, sich in seinen Werken eine Bahn bricht und die Virtuosität, mit der sich in einem Buch auf mehreren sprachlichen Ebenen bewegt.

Tante Julia und der Kunstschreiber entstand als erster Roman einer Periode, nachdem sich Llosa von den Prinzipen des “totalen” Romans (bestes Beispiel für diese Formulierung ist der sich selbst verschlingende Romankoloss Gespräch in der »Kathedrale«) teilweise losgesagt hatte. Deswegen ist er zwar formal wie seine Vorgänger sehr ausgeklügelt, sprachlich jedoch zugänglicher und begnügt sich damit, nicht kosmisch, sondern lediglich vielfältig zu sein.

In dem Rahmenteil der Geschichte erzählt Llosa aus einer biographischen Episode seines Lebens. Damals, mit 18, arbeitet er beim Rundfunk und ist für die stündlichen Kurz-Nachrichten zuständig. In diese Zeit fällt auch sein beginnender Wunsch, Schriftsteller zu werden und die Begegnung mit seiner ersten großen Liebe, die allerdings ein wenig problematisch ist. Keine dieser Schilderungen kommt mit einer Prägung des Erinnerten daher, sonder wird mit der Unverstelltheit einer realistischen Fiktion erzählt.
Der andere Teil des Buches besteht aus Hörspielserien (quasi Radioseifenopern – ein Produkt, welches tatsächlich in den Mittel- und Südamerikanischen Ländern viel verbreiteter war als z. B. in den USA und erst dorthin importiert wurde), die der neue Hausautor des Senders, ein pedantischer Schreibwütiger, verfasst, wobei er meist mehrere gleichzeitig für verschiedene Wochentage produziert. Allerdings verliert er bald schon den Überblick über Personen und Handlungsstränge, was zu höchst verwirrenden und amüsanten Verwicklungen und Paradoxien für die Hörer-(und Leserschaft) führt…

“Tante Julia und der Kunstschreiber” lebt davon, dass sich beide Haupt-Handlungsstränge immer wieder ablösen, man also abwechselnd wieder einen Teil aus der Episode der Liebesgeschichte, dann eine Hörspielserie liest. Man will bei beiden unbedingt wissen, wie es weitergeht.

Wer gerne Romane liest, weil ihn die Möglichkeiten dieser Form genauso fasziniert wie eine gute, interessante Geschichte, bei dem dürfte dieses Buch besonderen Anklang finden. Wer dagegen beim Roman nach dem Motto: “Keine Experimente!” lebt und eher eine geradlinige Erzählstruktur bevorzugt, wird diesen Roman möglicherweise als mühsam empfinden. Mir hat er sehr gefallen – er ist wirklich eines dieser Bücher, die man in sehr dankbarer Erinnerung behält.

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen.

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