Zu Amelie Nothomb und zu ihrem Buch “Quecksilber”

Amelie Nothomb, schreibwütig, diabolisch, ironisch, gehört zu den spektakulärsten Schriftstellern der 90er Jahre und des neuen Jahrtausends. Ihre zahlreichen, meist kurzen Bücher, teilen sich in zwei verschiedene Werkgruppen auf, die ihr vielfältiges Ceuvre im Kern bestimmen.

Das erste sind die autobiographischen Bücher, darunter das bekannte Buch Mit Staunen und Zittern, sowie das geniale Buch Biographie des Hungers und ähnliche. Sie stützen sich oft auf Nothombs Erlebnisse in Japan oder drehen sich um ihre Kindheit als Diplomatenkind und Weltreisende.

Was an diesen Büchern auffällt ist die Virtuosität der Bezüge (literarische, blumige, manchmal auch exzentrische Vergleiche; Metaphern und Bilder, die ihre eigene spontane Schönheit und Genialität besitzen), eine überbordende Dynamik mit Esprit und das unterschwellige Gefühl, eine reale Geschichte durch einen Schleier von kindlichem bis phantastischem Hang geschildert zu bekommen; eine zwischen Naivität und Genialität pendelnde Art, die Dinge in Sprache anzubringen und sich vorzustellen; vielleicht einfach im Bestreben, das Besondere im Leben selbst zu sehen.

Die Fröhlichkeit und Leichtigkeit dieser Bücher, ihre pointenhaltige Gewandtheit und ihr Tempo, schaffen es,  Knappheit und Kürze der Bände aufzuheben und quasi ins Gegenteil zu verkehren, ja sogar folgerichtig erscheinen zu lassen, als wäre alles aus dem mythischen Stoff der Erinnerung selbst gewebt, der sich nicht in eine grauere, bescheidenere Version der Schilderung ummünzen lässt.

All diese Eigenschaften der autobiographischen Werke teilweise in einem großen Gegensatz zu dem zweiten Bereich ihres Werks, den rein fiktionalen Texten und Geschichten. Deren düsteren Szenarien, die Dialoglastigkeit und ein geradezu halsbrecherischer Hang zu provozieren, zu verdrehen und zu plakatieren, lassen selbst bei einer intensiven Lektüre eine merkwürdige Ungewissheit zurück. Die meisten dieser Bücher sind experimentelle, fast schon nicht mehr realistische, parabelartige Erzählungen von Menschen in außergewöhnlichen Lebens- und Existenzsituationen; oft spielt Reflexion und Außenseitertum eine Rolle, das Bewahren von Schönheit, Unschuld oder Kindheit, das Aussperren der Welt. Oft aber auch die Reflektion der menschlichen Hybris (und auch seiner Antihybris).
Bei den meisten dieser fiktionalen Werke fällt auf, dass ihre Plots zwar einer gewissen Faszination nicht entbehren und ihre Idee einiges an Potential birgt, sie aber meist weder vollends ausgereizt werden(als Ausnahme darf hier der Erstling Die Reinheit des Mörders gelten) noch in ihren fiktionalen Rahmen wirklich überzeugend sind (wenn man sie nicht als bloßes Spiel in Prosa, wie eine Art Märchen oder Geschichtchen, betrachtet). Man spürt, dass hier eine Autorin mit großem Sprachgefühl und Stil (denn das ist Amelie Nothomb ohne Frage) mit scheinbar drastischen Plots versucht ihre Schwächen in punkto Ausdauer, Langmut und Ausarbeitung einer definitiven und ausgefeilten Sotry zu kaschieren.

Nimmt man ihr das Übel? (Ich) Nicht wirklich, denn bei all dem kommen zwar keine wirklich guten Romane, aber interessante Gedankenspiele heraus, von denen einige vielleicht irgendwann sogar einen wegweisenden Status erhalten könnten. In Quecksilber zum Beispiel geht es zentral um den Konflikt zwischen Liebe und Anstand/Moral und um die Frage wie die beiden sich gegenseitig schaden oder beeinflussen. Zwar ist die Geschichte an sich nicht besonders ergiebig – die ihr innewohnende Problematik aber schon. Was macht Liebe aus? Ihre Grenzen oder ihre Bedingungslosigkeit? Ihr Ruf, ihr Name oder ihre Auswirkungen? Welche Seite hat in der Liebe welches Recht? Auch wenn diese Fragen in einer etwas simplen Story aufgezogen werden – so präzise und unbequem hat selten jemand die Fragen zu dieser – in der Literatur meist einseitig positionierten – Thematik gestellt, wie Amelie Nothomb in Quecksilber.

Kurz zum Inhalt:
Seit 5 Jahren wird Hazel von dem knapp 50 Jahre älteren ehemaligem Weltmeer-Kapitän Loncours auf einer winzigen Insel vor der frz. Küste behütet festgehalten. Im Haus gibt es keine Spiegel und auch keine Möglichkeit durch Wasser, Metall oder ähnliches eine Art der Spiegelung zu erzeugen. Denn Hazels Gesicht wurde bei einem Bombenangriff, bei dem auch ihre Eltern starben, grob entstellt und das Mädchen, das seine Hässlichkeit vor dem Rest der Welt verbergen will, hat sich bereits, geradezu dankbar, in ihr trauriges Dasein ergeben. Doch eines Tages wird sie krank und der Kapitän lässt schnell, da er seine “Ziehtochter” über alles und auf jede erdenkliche Weise liebt, eine Krankenschwester vom nahen Festland kommen. Francoise, die sich zu dem Job bereiterklärt, tritt als neuer Faktor in Hazels Leben – doch selbst Francoise ist sich nicht ganz sicher: Wird sie als Retterin empfangen, oder ist sie teil eines fragwürdigen Spiels, dass sich an diesem externen Platz der Welt völlig ungeniert abspielt…

Ich halte das Buch für lesenwert, allein schon aufgrund des gedanklichen Anreizes und der schnellen, unkomplizierten Lektüre; wer allerdings einen guten und kurzen Roman sucht, dem sei eher empfohlen nicht zu diesem Werk zu greifen, auch wenn es dem Augenschein nach ein Roman sein soll. Denn eigentlich ist es, um es noch mal zu betonen, ein Experiment, ein Spiel und wegen der vielen Dialoge sogar eigentlich mehr ein (Theater)Stück, denn eine Geschichte.

Ich empfehle des Weiteren noch einmal die autobiographischen Bücher, also die beiden oben genannten, aber auch Metaphysik der Röhren und Der japanische Verlobte. Deren verführerische und schöne Sprachartistik und Freudigkeit hat zumindest mir so manchen Lesegenuss beschert.

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen.

One thought on “Zu Amelie Nothomb und zu ihrem Buch “Quecksilber”

  1. Pingback: “Die Kunst des Hungers” und Amelie Nothomb | Lyrik –

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