Köhlmanns Roman: “Madalyn”

“Ihre Hand spürte in seiner ihre eigene Wärme”.

Die erste Liebe türmt sich wie ein Koloss vor uns auf, wie etwas Unerklimm- und später wie etwas Unabsteigbares, wie etwas Riesengroßes, Mächtig-Schauderns und genauso Schönes. Zum ersten Mal haben wir ein bewusstes, unprofanes Bedürfnis nach Zukunft, nach dem nächsten Kuss, dem nächsten Treffen und gleichsam scheint diese erste Liebe auch der Ursprung unserer ersten bewussten Angst vor uns selbst zu sein. Hadern und Hoffen, untrennbar ineinander verwoben – selbst Jahre oder ein Leben später kann man sich noch, einer Ahnung gleich, daran erinnern.

Wer bei diesem Rückblick dennoch Hilfe bräuchte, für den wäre Madalyn von Michael Köhlmeier genau das richtige Buch. In diesem kurzen Roman geht es nämlich genau darum: Um eine erste Liebe, um Glück und Verhängnis dieser magischen Zeit und um die Veränderungen, Erfahrungen und Probleme, die das alles mit sich bringt. Einzigartig ist dabei die auf den ersten Blick etwas bemühte, aber dennoch auf eine seltsame Weise natürliche und authentische Struktur des Buches. Köhlmeier hat hier viel riskiert, indem er zwei Personen erzählen und ihre Sicht und Gefühle mit einfließen lässt, wobei es sich aber nicht (wie üblich) um die beiden Liebenden handelt, sondern einerseits um das Mädchen, das die erste Liebe erfährt und auf der anderen Seite um einen älteren Schriftsteller, zu dem das Mädchen seit einem Fahrradunfall in ihrem 5 Lebensjahr eine besondere Vertrauensbeziehung hat. Ihm erzählt Madalyn ihre Geschichte und zieht ihn damit natürlich auch in die Geschichte hinein; der Mann der immer nur Beobachter war und nur ein wenig Vertrauter sein wollte, ist auf einmal Madalyns wichtigster Ansprechpartner…

“Sie war zufrieden mit sich selbst. Schöne Sachen waren ihre eingefallen, die sich angehört hatten wie aus einem Traum, wo man manchmal ja auch nicht weiß, was das jetzt mit einem selbst zu tun hat, weil man sich selbst so etwas Schönes kaum zugetraut hätte.”

So geht es Madalyn, nachdem sie zum ersten Mal mit Moritz gesprochen hat. Moritz, der ihren Namen einzigartig findet, Moritz, Moritz, Moritz. Moritz und das Gefühl “noch nie so gern gelebt zu haben” – beides plötzlich untrennbar verbunden. Doch kein Mensch und auch keine zwei Menschen zusammen, sind eine Insel. Da sind ihre Eltern, mit denen alles nicht so leicht ist. Da ist das Alter, Moritz ist schon sechzehn und eben: ein Junge…. Da ist die Schwierigkeit dieses Gefühlschaos auch nur ansatzweise zu überblicken und jedes Wort und jede Geste des anderen fühlen sich wie etwas Endgültiges an, das so gut tut oder so sehr schmerzt.

Wie es ein guter kurzer Roman nun einmal tut, streift Köhlmeiers Werk vieles und konzentriert sich auf weniges, nämlich auf das, was bei seinen Protagonisten je nach Situation im Mittelpunkt steht. Madalyn ist einer dieser Romane, den man in jeder Sekunde der Lektüre immer wieder neu erfährt, die sich mit jedem Kapitel stark entwickeln. Mit einer erzählerisch ganz nah am Geschehen bleibenden Sprache erschafft Köhlmeier ohne übergeordneten Erzähler eine sehr authentische Schilderung beinahe jedes Zustandes, durch den seine Figuren gehen – und dennoch bleibt man, aufgrund der Tiefe, die die Figuren dabei in ihren Stimmungen erreichen, ein klarer Beobachter.

Ein gutes Gespür für sein Thema – das kann man dem Buch auf jeden Fall zusprechen, auch wenn da noch mehr ist, was Köhlmeier am Rande anreißt oder als Teilstück in den Roman einbaut. Als Autor eine Geschichte so anzulegen, das ihr Raum mal weit, mal eng, ihr Tempo mal schnell, mal langsam, ihr Ausblick mal lang, mal knapp ist, verlangt eine guten Stil, den Köhlmeier eindeutig besitzt; weshalb man ihm auch das eine oder andere zu lang gewordene Gefühlsstaccato verzeiht.

Zusammengefasst würde ich “Madalyn” als eine sehr gut Schilderung von erster Liebe und ihren Aktionen und Reaktionen bezeichnen, sehr intensiv und nicht unbedingt in eine große Erzählung gekleidet, sondern direkt und ohne viele Nebensächlichkeiten. Wem bei einem Roman vor allem wichtig ist, dass er seine Thematik sehr gut nachzuempfinden kann, wer einen Roman durch die Figuren “spüren” will, ist hier an der richtigen Stelle. Mir persönlich ist der Roman während der Lektüre sehr nah gekommen, jetzt am Ende ist er plötzlich wieder sehr weit weg. Aber es ist keine Ferne des Bedauerns, eher eine Ferne der Sehnsucht, zu der ja immer etwas Bedauern gehört…

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen.

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