“Vielleicht lieber Morgen” – der seltene Glücksfall eines wunderbar echten Buches

 “Sind wir nicht alle ein bisschen verliebt in das Leben?” (John Steinbeck)

Man muss nichts von Literatur verstehen um manche Bücher zu lieben. Und gerade diese Bücher erfüllen uns im Nachhinein mit einem Zauberbann; mit der durch sie einsetzenden Erinnerung beginn etwas in unserem Leben kurzzeitig noch einmal, mit ihrer unglaublichen Nähe zu uns an irgendeiner unbekannte Stelle, die nur sie berühren und stimulieren können. Ohne Frage ist “Vielleicht lieber Morgen” von Stephen Chbosky (der erst vor kurzem sein Buch selbst verfilmt hat) so ein Buch. Ein Buch, das beinahe jeder von uns in mancher stillen, aufgewühlten Stunde seiner Jugend, selber im Herzen schon geschrieben hat.

“Aber ich schätze, ich mache mir eine Menge Sorgen. Ich seh mir die Leute an, die Händchen halten und frage mich, was da so alles dahinter steckt. Auf Schulpartys sitze ich im Hintergrund, wippe mit dem Fuß und überlege, wie viele Paare wohl zu -ihrem Lied- tanzen. Ich sehe die Mädchen im Flur die Jacken von den Jungs tragen und denke in diesem Zusammenhang über das Besitzen nach. Und ich frage mich, ob die Leute wirklich glücklich sind. Ich hoffe, sie sind es. Ich kann es wirklich nur hoffen.”

Charlie ist 15 und lebt eigentlich in sehr normalen Verhältnissen. Seine Mutter liebt ihn und ist bodenständig, sein Vater ist ein eher in sich zurückgezogener, einfacher Mensch, der aber stark sein kann, wenn es sein muss. Sein älterer Bruder geht schon aufs College, seine ältere Schwester geht ihm oft auf die Nerven. Seine Familie weist, wie die meisten, einige schwarze Flecken auf der weißen Weste und ein paar tote Winkel auf, es gibt einige Probleme und Umbrüche, aber eigentlich ist alles in Ordnung.
In der Schule ist Charlie eher ein Außenseiter (im Original heißt dieses Buch “The Perks of Being a Wallflower“), obwohl er begabt ist und von seinem Englischlehrer sogar außerhalb des Unterrichts Bücher bekommt, über die er nach der Lektüre Aufsätze schreiben soll.
Zwei Todesfälle haben sein Leben gezeichnet: Der seiner Tante Helen vor ein paar Jahren und der seines Freundes Michael, der erst vor kurzem durch Freitod starb. Doch diese Geister der gerade erst abgeschlossenen Vergangenheit, sind nicht so akut wie die Achterbahn von Pubertät, Freundschaft, Leben und Liebe, die ihm in diesem Jahr bevorsteht. Gefangen zwischen Adoleszenz und gerade erst ausklingender Kindheit, beschreibt und verarbeitet Charlie sein Lebensgefühl und seine Erlebnisse in Briefen an einen unbekannten Freund. Und der Leser liest mit…

“Ich ging zu dem Hügel, wo wir früher immer Schlitten gefahren sind. Es waren viele kleine Kinder da. Ich guckte ihnen eine Weile zu. Wie sie mit den Schlitten über Hindernisse flogen und Rennen fuhren. Und ich musste daran denken, dass all die Kleinen irgendwann erwachsen sein würden. Und all die Kleinen tun irgendwann Dinge, die wir auch tun. Und alle werden irgendwann jemanden küssen. Aber im Moment reicht ihnen Schlittenfahren. Ich fände es schön, wenn Schlittenfahren immer genug sein könnte, aber so ist das eben nicht.”

Chbosky hält sich wenig an literarische Stilmittel und Schematisches kann man in seinem Buch beinahe nirgends finden. Stattdessen erzählt er frei und mit einem Hang zur Abschweifung, mit Neuansätzen und mal mit mehr, mal mit weniger Gedankenschwere – es entsteht so ein sehr variables, authentisches Bild.. Die ganze Geschichte und jedes Detail wirken unaufgesetzt, vom Normalen bis zum Besonderen und auch die Chancen der Briefromanperspektive nutzt Chbosky sehr gut und bringt einen dazu, sich als (Brief-)Leser auch etwas zu dem zu denken, was Charlie schreibt; man fühlt sich doch öfters wie in einen tatsächlichen Dialog versetzt – allerdings eher in einen Dialog zwischen dem eigenen jugendlichen Ich und Charlie, ein Dialog, der mehr Resümee und Nostalgie ist, aber nicht ohne Spannung und Bewegtheit .
Es ist, bei all dem, augenscheinlich kein spektakuläres Buch. Das Spektakuläre liegt wohl behütet in den Zwischentönen und der unglaublichen Erlebnisnähe, die einige von Charlies Beobachtungen und Geschichten für einen selber haben; manche Szene wirkt fast wie ein Sinnbild jugendlicher Erfahrung.

Es fällt mir schwer darüber hinaus meine Empfindungen zu dem Buch aufzuschreiben, weil vieles von dem, was man mit diesem Buch erlebt, einem ganz allein gehört, was als Kompliment zu verstehen ist. Ich hoffe, dass noch viele Leute dieses Buch lesen, einfach weil es etwas an sich hat, das “wichtig” ist, echt und tiefenwirksam. Als wäre es eine Jacke, die man anzieht und schon streift man wieder durch Teile seiner eigenen Jugend – viele Gefühle, ähnliche Situationen, Freunde, Geschichten, Legenden begegnen einem, zu denen man sofort die eigenen Pedanten parat hat. Und das baut wiederum eine Verbindung auf, ein leises Gefühl: Dass vielleicht alle Menschen irgendwo doch einander verstehen und spüren können und ähnliche Zusammenhänge uns alle bestimmen und begreifen – und sei es nur durch das, was uns alle irgendwann mal streift, bildet, umhaut: die nahste und stürmischste Zeit des Lebens.

Man lese dieses Buch. Ich schwöre, in einigen Momenten ist man darin unendlich…

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen schon auf Amazon.de erschienen.

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