“Die amerikanische Nacht” – der Roman des Jahres

Die meisten Romane beginnen schlicht und behutsam, wie ein neuer Tag oder ein Regenschauer; unspektakulär breiten sie ihr Umfeld aus und führen in die Figuren und Ebenen der Handlung ein. Doch schon der Anfang, der Prolog, von Marisha Pessls “Die amerikanische Nacht” ist wie die erste Einstellung eines mit Sog angereicherten Films – ein stummer, tiefer Paukenschlag – eine Reise quer durch Worte, Schatten und Nacht: Jemand spricht aus dem Off zu uns, eine Stimme, die uns etwas mitteilen will und uns direkt in ihren Bann zieht.

“Was auch immer Sie von Cordoba halten, egal wie besessen Sie von seinem Werk sind oder wie gleichgültig es Ihnen ist – man muss sich gegen ihn zur Wehr setzen. Er ist ein Abgrund, ein schwarzes Loch, eine unbestimmte Gefahr, der erbarmungslose Ausbruch des Unbekannten in unserer überbelichteten Welt.”

Darin: der erste Funken des Themas: Cordoba, die vielleicht gewagteste und gelungenste Erfindung diese Romanjahres, perfekt zwischen Fiktion und Realität angesiedelt, in Szene gesetzt durch ins Buch eingefügte Artikel, Blogeinträge, Anekdoten – und den Sog der Geschichte selbst. Eine Geschichte über Gewalt, Fiktionen, Lügen, Hexerei und Teufel, Wahn und Kunst; eine Geschichte auf der Suche, der Spur nach der Wahrheit und im Bann einer hypnotischen Idee von Leben als einem wandelbaren Blick auf die Wirklichkeit…

Konkret geht es in dem Buch um einen Selbstmord, der einen Journalisten dazu bringt, sich wieder mit dem Thema zu beschäftigen, dass ihn einst eine Viertelmillionen Dollar, seine Reputation und sein Ansehen kostet: Cordoba, zu dem er einst einen anonymen Tipp bekam, bevor der Tippgeber sich dann plötzlich in Luft auflöste. Zusammen mit zwei Zufallsbekanntschaften begibt er sich nun erneut auf die Suche nach dem Greifbaren im Phänomen Cordoba, dem Kult um ihn und all den Hinweisen, die darauf zu deuten scheinen, dass seine Kunst vielleicht eine schreckliche, bizarre Wurzel in seinem Leben hat und in seiner Umgebung unheimliche und übernatürliche Ereignisse geschehen…

Wer ist Cordoba? Ein Regisseur der Nacht und der menschlichen Abgründe, ein zurückgezogen lebendes Genie, das in seinem Werk über die Dunkelheit in uns allen meditiert; über diese Spule der Finsternis, die in uns abläuft und -läuft, die in uns ist, wie eine mit unheimlichen Melodien gefüllte CD in einem lange vergessenen Discman, den man sich eines Tages aufsetzt und von der Musik wie von einer berauschenden Erhebung, einem Schwimmen in traumtiefen Gewässern getroffen wird. Und bei der man sich fragt, ob sie eine reale Macht hat, auch, wenn man die Kopfhörer wieder abnimmt. (Wie) Verändert alles, was wir erleben, unser (Er)Leben?

“Denn jeder von uns hat eine Kiste, eine dunkle Kammer, in der er das verwahrt, was sein Herz durchbohrt. Sie enthält das, wofür wir alles tun würden, das, nachdem wir trachten, für das wir alles um uns herum verletzen würden. Und wenn wir sie öffnen könnte, würde uns das befreien?. Nein. Denn das wirklich ausbruchsichere Gefängnis mit dem nicht zu öffnenden Schloss ist unser eigener Kopf.”

So weit zum düsteren Umhang und Inhalt dieses Romans, der geschickt subtile Spannung mit Ästhetik, vielen Ideen und einem ständigen Neubewerten der Perspektiven verbindet. Es ist eine Geschichte wie ein Abenteuer und doch ist auch eine lange, sich herauskristallisierende Botschaft über die Realität der Träume und die Träume der Realität, und das, was dahinter ist, wartet, unerreichbar, weil die Träume der Weg dahin, dieses Ding aber nicht das Ziel ist.

Ich habe mich, nach einer atemberaubenden Lektüre der 790 Seiten, schwer damit getan, das Buch aus den Händen zu legen. Das liegt zum einen an der wirklichen brillanten Erfindung, die Pessl ins Zentrum ihres Romans gestellt hat: dieses Symbol eines Künstler, in dessen Widerschein all die Fragen nach authentischer und vollendeter Kunst, in Verknüpfung mit Leben, Ethik und Wirklichkeitssinn, mit Sein und Darstellung, zu Tage treten und in der sich die allgemeine Verzerrung des Wirklichen durch Fiktion, Internet, Meinungen und Mythos so anschaulich zeigt, wie es nur selten umfassend gelingt, wenn man es nicht durch das vielschichtige Erleben einer gut erzählten Geschichte aufbereitet.

Wirklich gut erzählt, denn Marisha Pessl ist zugleich eine wunderbare Stilistin, die Spannung, Ruhe und Nähe, aber auch ein Aufleuchten vollendeter Bildschönheit im Vergleich, erreichen kann. Eine kleine Kostprobe:

“Der Morgen schien den Himmel müde mit einem Schwamm abzuwaschen, er tauchte die Straßenschilder und Frontscheiben in ein trübes Badewasserlicht, während der Rhythmus des Highways unter den Reifen pochte.”

Immer wieder hat sie einen impressionistischen Blick für die Umgebung, die Stimmung, und man fühlt sich im ganzen Buch jederzeit wie in einer gelungenen Kulisse, in der nie zu wenige und nie zu viele Details anwesend sind, in der die Lesevorstellung eine Anregung, einen Rahmen, aber keinen Käfig hat; manchmal erzählt sie ganz unverfänglich dahin – und dann ist es wieder so, als würde das Buch plötzlich unserem Herzschlag lauschen und ihn Stück für Stück mit neuen Impulsen füttern. Man würde nicht von einem hochgestochenen oder kunstvollen Werk reden, aber von einem sehr sprachbewussten Roman, der in jeder Szene genau weiß, was er will und was er kann, was er sagt und was besser ausdeutbar bleibt; wo also wir selbst entscheiden müssen welches Erleben der Augenblick in uns nachvollzieht.
Pessl hat ihren Roman und auch ihre Hauptfiguren etwas zwischen die Stühle gestellt. Bolano, Auster, Kafka – ein paar Namen fallen einem am Rande als Verwandtschaft zu diesem und jenem Augenblick, dieser oder jener Struktur ein, wenn man ihr Buch durchwandert. In seiner Konsequenz und seinen vielen Ebenen ist das Buch jedoch eine sehr eigenständige Schöpfung, auf gewisse Weise einfach und doch sehr innovativ in der Wirkung. Das Gespinst aus Figuren, Ansichten und Entdeckungen, hat dabei immer etwas von einer Balance aus Schein und Suggestion, in welchem sich sehr selten ein Moment ergibt, den man ganz real nennen kann, was wohl auch daran liegen mag, das der Roman aus einer Ich-Erzähler-Perspektive erzählt wird und alle anderen, auch die beiden anderen Hauptfiguren, nie ganz die Fülle eines durchschaubaren Charakters erreichen. Über das ganze Buch ist diese Stimmung der Nacht und ihrer fließenden Grenzen gelegt, als hätten wir den eindringlichen, somatischen Prolog, mit seinem fesselnden Eindruck, nie verlassen.

Bei all dem ist das Buch keine letzte Konsequenz, auch wenn man es atemlos liest und für die paar Stunden, in denen man dieses Buch liest, existiert auch wenig anderes. Aber es ist mehr wie ein guter, düstrer, eindringlicher Film, als ein Roman, der vorhat, sich am Ende selbst zu erfassen. Er bleibt ein ausdeutbares Spiel mit vielen, vielen Möglichkeiten – und es ist dieses Spiel der Möglichkeiten, das ihn so großartig macht und ihn uns immer wieder neu betrachten, einschätzen lässt. Man ist gefangen in der Lektüre (beinahe im wahrsten Sinne des Wortes) wie einem Labyrinth – doch es geht nicht darum, den Ausgang zu finden, sondern zu erkennen, das manche Phänomene, vielleicht sogar das Leben selbst, eben ein Labyrinth sind.

Das Leben hält uns immer wieder einen ganz anderen Herzschlag hin. Wir gehen durch Zeiten, Stimmungen und Tage und wir verändern uns und die Welt verändert sich. Immer wieder können wir Erfahrungen machen, außergewöhnliche Erfahrungen. Zu diesen gehört Marisha Pessl Roman “Die amerikanische Nacht”. Für mich ist es das Buch des Jahres.

Link zum Buch

*Diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen.

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