“Was die Seele braucht” – In Erinnerung an Erhart Kästner


-“Ich erinnere mich als wäre es gestern gewesen, wie der alte Herr mir den Eintakter “Finsternisse” diktierte. Unter so vielen dergleichen Stunden sind mir diese in der Erinnerung stehen geblieben wie Inseln, die in der salzigen Lösung anderer vergessener glänzen.”-
Kästners Erinnerungen an das Diktat des Stückes durch Gerhard Hauptmann, desse Sekräter er eine zeitlang war

Erhard Kästner, Literat, Kritiker und Intellektueller, gehört zu den heute eher vergessenen Dichtern und Denkern. In Sachen Literatur hat er natürlich auch wenig vorzuweisen, gerade mal 6 oder 7 Bücher. Warum sollte man ihn trotzdem als einen der wenigen nennen, die noch wichtig sind? Weil er über Literatur schreiben konnte, wie kaum ein zweiter.

-“Wahrheiten müssen nicht nur ihr Wahres enthalten, sondern auch einen anderen Stoff, ein Phlogiston, das dieses wahre zu verbrennen vermag, also Feuer. Also Belebendes, also Verwandlungskraft. Das ist der Grund, weshalb wir lebendigen Wahrheiten seltener in der akademischen Sphäre begegnen als in der freien Literatur, seltener bei den Gelehrten, als bei den Weltleuten.”-

Vornehmlich in den Jahren nach dem Krieg hat Kästner sich viel mit der aufkommenden Literatur aus Deutschland und dem Ausland auseinandergesetzt. Später hat er sich für Paul Celan, Günter Eich und Ingeborg Bachmann stark gemacht, hat Uwe Johnson unterstützt und viel über die späteren Werke Ernst Jüngers und Gerhard Nebel geschrieben.
Das kleine Büchlein “Was die Seele braucht“  umfasst natürlich nur einen sehr geringen Teil des kästnerischen Rezensentenwerkes. Trotzdem scheint es, als sei entweder das beste ausgewählt worden oder man hätte gar nicht falsch auswählen können.
Camus, Sartre, Thomas Mann, Kafka und andere, damals aktuelle, doch oft nicht weniger interessante (und vor allem faszinierend beschriebene und dargestellte) Autoren und Bücher finden sich gemischt hier vor.

-“Für Kästner ausschlaggebend war nicht allein der Rang eines Buches als Kunstleistung, sondern, ob es glückte, sich anhand seiner ein Stück Welt zu eigen zu machen. Denn der “mundus abstrusus”, die Erfahrung, dass die Welt immerzu wegrutscht, entgleitet, dass immerwährend Entzug ist und dass es nicht mehr gelingt, sich auf der Welt zu Hause zu fühlen, galt ihm als Grunderfahrung der Moderne. Die Aufgabe der Kunst sah er darin, solche Verlust wettzumachen, Welt zu bewahren oder gar Verlorenes zurückzugewinnen.”-
Karin Niezschke im Nachwort

Analysiert Kästner, pauschalsiert er? Ein eindeutiges Nein. Kästners Rezension sind sozusagen “Kunstessays”, also in sich selbst eine Art von literarischer Arbeit, die sich mit dem Buch, seinen Themen und dem Künstler gleichermaßen auseinandersetzen, statt sie nur zu loben oder zu kritisieren. Stilistisch und sprachlich immer sehr gewogen und schön, schafft er es so, uns für die Bücher wahrhaft zu begeistern, ohne dass wir schon eine konkrete Vorstellung von dem Inhalt haben. Er schreibt (in den besten Rezensionen) sozusagen seine eigene subjektive Geschichte zu dem Buch, eine Meditation zu seinen Themen, was sowohl inspirierend als auch angenehm ist. Scharfsinn paart sich darin mit Weisheit.

-“Am Ausgang dieses Jahrhunderts, dessen Leidenschaft Wissensdurst war, steht riesengroße Melancholie. So heißt es denn, die griechische Frage von der Existenz her aufs neue zu stellen.”-

Ich würde jedem empfehlen dieses Büchlein zu lesen. Es ist wahrhaftig Seelenfutter, es ist ein kunstvolles und nachdenkliches Lesevergnügen. Und es finden sich viele wichtige Ideen und Botschaften darin, so diese hier, eine Abschlussbemerkung Kästners zum Buch von Gheorghiu (25 Uhr), einer scheinbar äußerst destruktiven Dystopie, eine Stelle, die mich Wort für Wort beeindruckt hat:

“Und hier möchte ich sagen: mir scheint dieser Pessimismus ziemlich flach. In der Reihe der Güter, die Europa verteidigen muss, pflegt man die persönliche Freiheit, den Felsen des römischen Rechts und das Gebot der Achtung vor jedem geborenen Leben zu nennen. Aber es gehört zu diesen Gütern die Hoffnung auch. Es gehört dazu der Glaube an eine mögliche Rettung. Das Wort Luthers: “und wenn ich wüsste, dass morgen Weltuntergang wäre, ich würde dennoch am heutigen Tage Apfelbäume pflanzen!” erscheint mir wie ein in den Himmel ragender Gipfel über Verzweiflungsstätten, in denen mit hunderttausend anderen Gheorghiu wohnt. […] Nie hat man ein Recht, in scheinbar verzweifelter Lage zu sagen: zu spät. Auch das gehört zur Achtung vor jedem Leben.”

Link zum Buch

*diese Rezension ist in Teilen bereits auf Amazon.de erschienen.

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