Monthly Archives: November 2013

Zu Tzveta Sofronievas Band in der Edition Hanser: “Landschaften, Ufer”


“Im Meer bei Ithaka, in der Kühle der Wellen,
wo das durchsichtige Wasser jedes Geheimnis offenbart,
wie Blätterteig gefaltete, krustige Felsen,
eine Bibliothek von Epen,
ich esse sie mit den Augen.”

Gedichte (mit Ausnahme von Prosagedichten) sind erst einmal schlicht Texte, die mit abgestimmten und nicht von der Seite vorgegebenen Umbrüchen versehen sind – der Gegensatz zum Fließtext – um eine besondere Dynamik der Betonung und Erfahrung im Lesererlebnis zu ermöglichen. Jede Zeile trägt so genau das Gewicht, welches ihr zugedacht wurde; die Wirkung des ganzen Gedichts bezieht sich zum Teil aus der Art, wie man diese einzelnen Teile aufeinander abstimmt, wie sehr man die Botschaft aufsplittert und wie sehr sie dennoch mit jedem neuen Schritt zusammenwächst. Daraus resultierend ergibt sich erst die Magie und Schönheit von Lyrik; eine Art von unerschöpflicher Mitteilungskraft, mit Epiphanien der Sprache und Annäherungen an die bloßgelegten Stellen unserer Empfindungen.

Gedichte dagegen zu einem Spiel zu machen, einem Spiel aus Sinn und Eigenvorstellungen, Mythos und Systemen, ist eine heikle Sache. Nicht, weil sie künstlerisch nicht wertvoll ist. Sondern weil es die Lyrik in ihrem Erfahrungsraum einschränkt. Sie wird auf eine eher definierte Sprache und auf die Vorstellung ihrer/s Autors/in zurückgeworfen. Sie ist Ausdruck einer einzelnen Ansicht und nicht ein Hinüberlangen zum anderen, keine Suche nach der Gemeinsamkeit, sondern eine Enklave der persönlichen Ideen.

“Der Schnee läuft mir entgegen, stellt Fragen,
begegnet meinem Schweigen.
Der Atem des Schnees ist flüssiger Ich-Stoff
im Labor des Winters.
Die Kälte erwartet mich: Stich-Stoff
durchdringt Haut und Augen.”

Natürlich sollte man diesen Gedichtband nicht über diesen einen Kamm scheren. Schon das Zitat über diesem Abschnitt zeigt, dass Tzveta Sofronieva, geboren in Sofia in Bulgarien, wohnhaft in Berlin (sie schrieb diese Gedichte alle auf Deutsch oder hat sie zumindest selbst übertragen), eine allgemeine Idee sprachlich erschließen kann uns sie auch bildhaft-sinnlich zu verdichten weiß. Die Gefühle sind noch erkenntlich: das Wandern durch den starken, geradezu endlosen Schneefall; die Kälte, das Ich, zusammen, fest untern den Klamotten, mit festem Kern – und doch werden darin auch neue Ideen des Erlebnisses geschildert – oder besser: angewandt; das Gefühl hat sich in der Sprache gehalten und erweitert sich nun von diesem Punkt aus.

Es wäre also falsch zu behaupten, es gäbe diese Momente nicht. Ebenso wie ein paar persönliche Gedichte, welche mit einer einfach geführten Beschwingtheit – fast möchte man sagen Heiterkeit, wäre nicht alles leicht aus dem Licht gewandt und etwas undurchsichtig – daherkommen und ein paar individuell gelungene Momentaufnahmen, Ideen und Bilder enthalten, die letztlich den Band stellenweise zu einer gelungenen und erstaunlichen Erfahrung machen.

“Keiner weiß heute genau, wer wer ist
und ob SMS oder SOS notwendig sind.”

Auf der anderen Seite sind da auch noch die anderen Dichtungen: fast episch, mythologisch, tautologisch und gespickt mit vereinzelten Zitaten, die von altgriesch. Originalstellen bis zu Zeilen von Billy Joel (das es dabei kein Zitatverzeichnis gibt, hat mich sehr geärgert) eine große Bandbreite enthalten.

Diese Gedichte erscheinen wie riesige Parabeln – oft sind sie in Zyklen angeordnet und spielen mit Motiven aus der griech. Mythologie, aber auch mit Thematiken von Hemingway, Joseph Brodsky und Rilke. Wiederum sind diese Texte auch nicht direkt hermetisch oder Nonsens – sie entziehen sich lediglich meinem (vielleicht zu geringen) Verständnishorizont und wirken wie eine Neuerschaffung sprachlicher Perspektiven.

Es ist natürlich eine interessante Frage: Muss man Gedichte verstehen? Gedichte, diese ichstärkste Form der Literatur – hat sie auf diesem Gebiet Narrenfreiheit? Muss es vielleicht sogar eine Literaturgattung geben, in welcher das Eigene schlicht den Vorzug vor der passabelsten Wirkung hat, vor allen Zipfeln und Bannern an Verständnis?
Oder müssen Dichter auch komplex und abgewandt dichten, um gedruckt zu werden, um als neu zu gelten und fleißig interpretiert zu werden? Ist es letztlich nur eine Blende, in der Angst vor zu großer Konkurrenz bei zu leicht sichtbarer Intention? Ja… was ist überhaupt mit der Intention in solchen Dichtungen?
Diese Fragen habe ich mir wieder mal gestellt. Ich will nicht so vermessen sein, sie beantworten zu wollen, noch diesen Gedichtband hier zum Thema eines Widerstreits zu machen – ich räume auch ein, dass ich mich nicht mehr als ein paar Stunden mit ihm beschäftigt habe.
Aber ich frage mich doch, inwieweit persönliche Mythologie und weltliche Erschließung zusammenarbeiten können: bei Dichtern wie Nico Bleutge und Silke Scheuermann gelingt es ja schon irgendwie.

Man hat am Ende das Gefühl: die Autorin hat einmal alles durchprobiert. Ist ja auch gut so: “Wer nur das tut, was er kann, wird ewig nur das eine können”, hat Denis Diderot einst gesagt. Und Dichtung lebt von Vielfalt, von neuen Ideen und Herangehensweisen, von allem, was man selbst am Gedicht, und vor allem an der Form, leisten kann. Das Gefährliche bei einer solchen Breite ist lediglich, dass das Ganze nur als Abglanz auftritt – das überhaupt wenig zurück bleibt.

Höchstwahrscheinlich ist dies ein Band, in den man sich lange vertiefen muss. Eine zentrale Kombinatorik ist manchen Gedichten eigen, nur wenige sind wirklich missglückt. Wer sich gerne einfach ein paar Gedichte durchlesen will, dem würde ich abraten, aber wert tut das heute schon noch. Wer sich mit Dichtung beschäftigen will, wem sie Erfahrung und intellektuelle Herausforderung sind und wer darin auch neue Form der Vermittlung finden will, dem kann man jedoch kaum ein besseres Werk als dieses an Herz legen. Wie immer ist dies meine Sicht, die sich auch aufgrund meiner bisherigen Lektüre-Erfahrungen, auf eine spezielle Art verlagert haben könnte. Also möchte ich schließen mit ein paar Versen, die wirklich universell wunderbar sind und mein Urteil wieder ganz nichtig machen könnten:

“Im Fenster vorn rechts in meinem Abteil
spiegelt sich das linke hintere Bild.
Ich sehe im Kommenden das Entrinnende
völlig überlagert, und es ist als ob das Licht
dieses Spiel mag, unabhängig davon, wo
die Sonne steht und wohin der Zug reist.”

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“Sommer vor den Mauern” von Nora Bossong


“Die Vögel in den Bäumen ich nenne sie Krähen
jemand sagt Drosseln sagt Spatzen unfassbar
wie weit man bisweilen mit Worten reicht.”

2012 ging der begehrte Peter-Huchel-Preis für Lyrik an die deutsche Dichterin Nora Bossong für ihren Gedichtband “Sommer vor den Mauern”. Dass der Band, als zweiter Gedichtband der Autorin, bereits in der Hanser Lyrik Edition erschien, war schon etwas Besonderes – der Preis, könnte man sagen, zeichnete ihn nun endgültig aus.
Der argentinischen Dichter und Essayist Jorge Luis Borges sagte einmal: “Die Europäer meinen, dass ein Buch, das einen Preis bekommen hat, gut sein muss. Der Argentinier gibt zu, dass es, trotz des Preises, nicht unbedingt schlecht sein muss.” Ein Zitat, dass auch die Europäer bedenken sollten.

Zu Anfang der Lektüre erscheinen die Gedichte Bossongs überraschend unscheinbar. Natürlich geht es nicht darum, immer sprachliches Konfetti zu werfen, sondern es tatsächlich lieber genau im richtigen Moment zu tun. Trotzdem: die Art, die Richtung, in welche sich die Texte formal bewegen, hat etwas Unverstelltes und ihre leicht gedämmte Filigranarbeit ist nicht das Problem. Nur geraten leider viele Gedichte (vor allem die in den ersten zwei Abschnitten) dank unscharfer Relationen und sprachlicher Bodenturnübungen, allzu leicht zu reinen Beobachtungscocktails – auch wenn sie noch so hehren Themen gewidmet sind. Möglicherweise hat diese Art der Darstellung eine Bezugstiefe, die mir entgangen ist und ich will nicht endgültig urteilen, aber die Wirkung bleibt bescheiden.

“Wache ich auf in diesem
Botanikerlicht, die Bilder
wachsen dichter um mich.
Ich habe mich ihnen ausgesetzt,
nur wer erklärt mir, wie was
und woran zu bestimmen ist?”

Wenig unwillkürliche Transparenz schafft Raum für tiefer gehende Ideen, für ein Geschehen unterhalb der funkelnden Hülle des Gedichts, ist aber auch keine Garantie für Tiefe.

Insgesamt kann man, sachlich, über den Gedichtband sagen, dass er sehr thematisch ausgelegt ist. Die Kapitel (Acht an der Zahl) reihen bestimmte Gruppen von Gedichten, die z.B. alle in Amerika entstanden sind. Ein Abschnitt, den ich für den gelungensten halte, beschäftigt sich mit den jüngsten 10 Päpsten (den amtierenden natürlich ausgeschlossen); in lyrischen Situationsaufnahmen, angefüllt mit historischen Einzelheiten und Eigenwilligkeiten der 10 Pontifexe, schafft Nora Bossang auf sehr elegante Weise eine Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und -metaphorik, mit teilweise eigenwilligen Darstellungen. Diese Gedichte sind ehrlich, auch in ihren Bezügen (hinten im Band nachgewiesen) – und trotz der thematischen Grenzen ist die Freiheit in den Ausformungen und die sprachliche Auslegung so exakt und virtuos manifestiert, dass man wirklich eine Spur von Vollendung darin spürt.

“Auf einer Brücke stritten Kinder
um einen Schuhkarton, graue Pappe,
aus dessen Innerem ein Klirren drang,
als spielte die Dreieinigkeit mit ihren zarten Engeln
kegeln.”

Dagegen haben viele andere Gedichte diese, halbhaltlose, Suche in sich, zwischen Thema und Ausdruck. Auch dabei gelingen großartige Abbildungen, die innerlich eine nicht zu fassende Frequenz der Realität andeuten und bebildern und was durchscheint hat etwas ganz und gar Untransformiertes, Nahes. Aber zu oft scheint der reine Reiz der Texte in der Gedichtwerdung bestimmter Tatsachen, Orte oder Wesenheiten zu liegen und nicht in ihrem lyrischen Potential, das manchmal auch noch bewusst unterdrückt zu werden scheint, um die elitären Gewänder nicht zu verlieren. Dabei zeigt sich, wie ich finde, im Textausschnitt mit den Engeln, dass gerade eine kleine, kompromisslose Überwindung beeindruckend sein kann. Einfach, weil Gedichte auch etwas brauchen, was sie dimensional macht. Und da ist eigentlich nichts besser, als eine kleine sprachliche Erhöhung (die natürlich nicht plump einen Großteil oder das ganze Gedicht ausmachen sollte!)

“Beim Öffnen des Fensters
ein Windstoß aus Laub und vereister
Verkündigung, schnippe sie fort
aus diesem Gehege.[…]
Die Ewigkeit der Vororte.
Morgens wieder Sonnenaufgang, unwirklich,
einzustufen in die Kirchenfensterreihe,
rötliches Inkarnat. Wunsch, in die Höhe
zu fallen.”

Ich zweifle nicht an Nora Bossongs Talent und nach mehrmaligem Lesen ist mir natürlich auch der ein oder andere unbewusste Fehler meinerseits aufgefallen. Einige Gedichte sind einfach in sich selbst irgendwie bestechend, zum Beispiel das Gedicht über Mussolini und seine Geliebte, die von Partisanen tot an einer Tankstelle kopfüber zusammen aufgehängt wurden; es beschreibt diese Szenerie und unseren heutigen Blick darauf und endet dann mit dem furchtbar genialen Satz: “und wir, zwei dahergelaufene Zeugen,/ wissen wir denn, was Liebe war.”

Eine großartige, den Rahmen einer Erklärung sprengende, sprachliche Geste, unwillkürlich und genau zwischen allen Gesetzen der Ansicht, allein in der Wirklichkeit dieser Betrachtung liegend. Und es gibt natürlich noch mehr davon, vieles was Nora Bossong als große Lyrikerin auszeichnet. Und vielleicht ist letztlich jeder Vorbehalt ein Vorbehalt aus der Neigung heraus, kritisch zu sein, statt zu akzeptieren, dass man sich vielleicht die Idee jedes Gedichtes nicht ganz erschließen kann. So möchte ich denn am Ende sagen, dass ich Nora Bossong durchaus zutraue, dass in jedem ihrer Gedichte ein zu erfahrender Zusammenhang liegt. Und auch wenn ihre Betrachtungen allgemein etwas Verfremdetes haben, liegt gerade in dieser Verfremdung, wenn man aufpasst, ein ungeahnter Zusammenschluss verschiedener Formen von konzentrischer Wirklichkeit.

Zu den gesammelten Gedichten von Andreas Altmann: “Art der Betrachtung”, aus 20 Jahren


“um den sandsee schwimmen küstenspiegel.
die scherbenblätter wurzelloser bäume treiben
im steinfeld, das am ufer in den boden wächst.
der wind drängt leichtes licht durch ihre schatten.
festgeflogen hängen laute möwen in der luft.
die baumruinen zeichnen sich im himmel,
der das land berührt. an ihnen fließt die luft
in strömen.”

Wenn wir alte Wege entlanggehen, wenn uns irgendetwas erinnern lässt, wenn wir Geschichten aus unserer Kindheit oder von davor anhören, wenn wir Orte wieder sehen, meinen wir dort etwas verloren zu haben, können unseren Blick und unser Wesen nicht davon losreißen, weil wir meinen, auch etwas wieder finden zu können…

Die Gedichte des 1963 geborenen Dichters Andreas Altmann leben nicht selten in diesen Momenten, Sekunden, Nervenenden der Welt, wo sie sich von ihrer Verpflichtung den Raum mit der Zeit zu wandeln freizumachen scheint und ihre ganze Willkürlichkeit sich in etwas urzuständiges, klares verwandelt, das nicht mehr weiter wächst, sondern bloß älter wird, wie der Mensch.

“was bleiben wird, ist nie vergessen”

Gedichte mögen erfassen, aber sie können auch bei etwas verbleiben. Ihr Weg führt sie über Wörter und in die Dinge hinein, aber sie können den letzten Schritt auch lassen, wie auch mancher Ort das letzte uns vorenthält, wie auch eine Wahrheit uns das letzte letztendlich vorenthält. Wenn trotzdem die Schönheit und der Moment des Gedichtes nicht mehr zu leugnen sind, hat man sehr gute Gedichte vor sich. Andreas Altmann hat einige geschrieben.

“zeit ist ein verlassenes wort.
wir bewegen uns in ihr. sie schlägt uns
in bildern.”

Der Band ist nicht chronologisch, sondern thematisch sortiert. Es finden sich Gedichte aus 20 Jahren, die man unter den Überschriften: “Geschichten/ Dörfer/ Wege/ Schnee/ Liebe/ Räume/ Tod/ Bänder/ Grenzen und Spiegel” vorfindet. Unter den einzelnen Überschriften sind die versammelten Gedichte oft etwas ähnlich und möglicherweise wäre eine chronologische Abfolge doch besser gewesen. So ist es vielleicht zu empfehlen, das ganze wie ein Lesebuch querfeldein zu lesen.

“die nächtlichen worte des regens ziehen sich über
die straßen der vorstadt. und spiegeln ihr schweigen.”

Was Sprache eigentlich für die Dinge bedeutet, merkt man oft erst in Gedichten. Nicht nur, dass man sie damit erfassen kann – auch was sie zwischen einem selbst und den Dingen wirklich bedeutet, führt Andreas Altmann uns mit filigraner Geduld und Ruhe vor. Wo die Beziehungen der Dinge zu uns eine seltsam eindrückliche Note hat, setzt er an und führt uns noch tiefer hinein, manchmal bloß bis zur illuminierten Freiheit der Vorstellung, aber manchmal auch bis zu einem stillen, vergangenen Ort, in dem die Resonanzen des Lebens ihre Bedeutung und ihre Wirklichkeit erahnen können.

“im schnee erschienen die worte klarer,
als ließen sie farben in der stimme zurück […]
die augen
tränten im wind, konnten nur sehen, was sie blind machte”

Viele Wesenheiten – viel, was man durch Altmanns Verse erkennen, bewundern und erfahren kann. Gedichte sind es, die man nicht bloß einer schnellen Aufmerksamkeit unterziehen sollte – man muss schon ein-zwei Schritte in ihnen gehen. Doch es sind Wanderungen, die uns mehr betreffen als wir vielleicht anfangs und gegen Ende ahnen – wie bei so vielen Dingen, die das Leben beinhaltet.

“das meer schäumt an den spitzen. du hast ein herz
aus steinen in den sand gelegt, das in ihm schlägt”

Mir persönlich haben die Gedichte gut gefallen und die kleinen Tropfen ihrer Berührung haben großes Potential, wenn sie auf die innere Wasserfläche eines aufmerksamen Betrachters fallen. Ich hatte von Anfang an das Gefühl wenig mehr über sie sagen zu können und vielleicht habe ich auch nur Unwesentliches gesagt. Dann kann ich nur mit einem letzen Versuch schließen: Gedichte werden während des Lesens zu einer ewigen Geschichte zwischen dem Leser und dem Gefühl einer erweiternden Wirklichkeit, die sich auf ganz viele Spiegel und Bilder in den Weiten von Kunst und Welt verteilt, bis sie im einzelnen nur noch ein kleiner Moment ist. Die Geschichten die wir Andreas Altmann verdanken sind weder groß noch prachtvoll gerahmt – aber sie sind natürlich und in ihnen ist der Blick eines einzelnen, der es schafft etwas für einige andere zu vollbringen.

“fenster sortieren den wind
leere felder erröten am abend”

“ein zitternder
wind gleitet an jungen blättern ab”

Link zum Buch

Einzigartige Schatzinsel… kleine Erwähnung von Stevensons Roman


Es beginnt mit einer Geschichte. Alles beginnt mit einer Geschichte, ja, vielleicht begann das ganze Universum mit einer Geschichte und vielleicht haben wir uns deshalb einen Gott als Erzähler erdacht und vielleicht hat diese Erfindung schon allein deswegen ihre Berechtigung. Von allen Erfindungen der Menschheit ist die erzählte Geschichte wohl am erstaunlichsten –  zumindest ist es die einzige Erfindung, welche in sich Zeiten und Räume bergen kann, die sonst nicht existieren; und Geschehnisse, Möglichkeiten, unmögliche Wesen und erdachte Zukunft, etc, etc. Von dem einen kleinen Punkt ausgehend, der nur sagt, dass Geschichten möglich sind, hat der Mensch riesige Konstrukte und kleine Märchen, große Sammlungen und einzelne Visionen geschaffen. Und doch ist jede Geschichte wieder etwas Besonderes, Einzigartiges in sich.

Vielleicht wäre “Die Schatzinsel” eine der vielen erzählten Geschichten geblieben, die man sich ausdenkt, wenn man Kinder unterhalten und Spannung erzeugen will. Aber Robert Louis Stevenson war ein Schriftsteller und für ihn begann mit einer von ihm gemalten Karte und der daraus hervorgehenden Geschichte die Idee eines Romans, der, für Kinder und Jugendliche gleichermaßen geeignet, zu einem Sinnbild für Abenteuergeschichten, ambivalente Schurken und Helden und einen nie endenden Spannungsbogen werden sollte.

Was ist die Schatzinsel? Nur eine Geschichte oder tatsächlich ein Roman? Ist sie dazu geeignet, von Erwachsenen UND von Jugendlichen gelesen zu werden oder spricht sie doch mehr ein junges Publikum an?

Es ist schon oft betont worden, dass Jim Hawkins zu den Charakteren in der Weltliteratur gehört, mit denen man sich am einfachsten (wohlgemerkt nicht unbedingt am besten) identifizieren kann. Daher fühlen sich Kinder und Heranwachsende, die sich gerne in Identität eines Helden auf abenteuerlicher Reise hineinversetzen, um an besagter Spannung und Fiktion auch emotionalen Anteil zu haben, eher angesprochen als Erwachsene. Von der Struktur her ist die Schatzinsel aber tatsächlich für jede Altersklasse geeignet. Es gibt keine Liebesgeschichten, was das Buch erfrischen unproblematisch macht, dafür aber jede Menge Wendungen und Unklarheiten, die den Leser bei der Stange halten und das Schicksal jeder einzelnen vorgestellten Person zu etwas wichtigem machen. Es gibt kaum zentrale Schwerpunkte und die Erzählung richtet ihre Dynamik nach der jeweils vorherrschenden Lage, mal im Geschehen, dann wieder bloß beschreibend. Ohne sich je ganz festzulegen, bleibt nur eins immer präsent: die Nähe zur Erzählung selbst.

Warum die Schatzinsel lesen? Weil es eine gute Geschichte ist, rundherum. Und, wem das nicht genügt, den kann man vielleicht noch mit einer Andeutung dieses ganz bestimmten Gefühls umstimmen: diese Freude, einen Klassiker der Weltliteratur in der Hand zu halten und zu spüren, wie die Prosa einen führt. Wie eine der zentralsten Geschichten der Menschheit in einem selbst Gestalt annimmt, mit diesem und jenem Detail, und das auf so unaufdringliche und doch nachdrückliche Weise, dass man fast von Verzauberung sprechen möchte.

Ich würde nicht sagen, dass die Schatzinsel ein Meisterwerk ist. Aber man kann fast nichts anders, als ihrer Spannung, ihren Figuren und ihrer Art eine echte Sympathie entgegenzubringen. Sie nimmt sich Freiheiten und vermeidet hier und da stilistische Finessen und doch hat sie in ihrer Gänze ohne Schaden über 100 Jahre Literaturabenteuer überlebt, kein Werk hat ihr schmales Terrain angekratzt oder für überholt erklären können. Weiterhin kann man in ihr diese ganz eigene Art der klassischen Geschichte finden, wie man sie sich wehmütig als Kindheitserinnerung wünscht; als Erinnerung an Abende der Glückseligkeit inmitten einer abenteuerlichen Erzählung, deren Lebensgefühl so viel mit dem Glück am Leben zu sein, Geschichten zu hören, zu tun hatte…

“Vakante Glut” von André du Bouchet


“Die Luft, die sich der Fernen bemächtigt, lässt uns lebend hinter sich.”

“Der Berg
wie ein Spalt im Atem
der Leib des Gletschers.”

Französische Poeten der Moderne haben die Eigenart, elementare Dichter zu sein. Ihnen liegt selten das realistisch Imaginierte und noch seltener das thematisch Fixierte; vielmehr speist sich ihre ganze Kraft, das ganze Wesen ihrer Dichtung aus dem Element ihrer Sprache, aus einer Art Metakraft, die Worte und ihre Ideen in einem Raum mit unendlichen Reihen ausgräbt und auftürmt. Diese lange Tradition begann schon ansatzweise mit Rimbaud und gipfelte teilweise in ihm und etwas später, geradezu symbolisch, in Apollinaire und seinem schon sprichwörtlichen Gedichtband Alkohol; natürlich sind auch Namen wie Verlaine und Seghour auf eine gewisse Art dieser Kategorie zuzuordnen; jeder von ihnen hatte seinen eigenen Rahmen, in dem die Idee dieser Tradition fortgeführt wurde. Sie ist bis heute ungebrochen, Sprachkadenzen weiterhin sehr gebräuchlich. André du Bouchet, gefeierter Übersetzer der Werke Paul Celans ins Französische, ist auf seine Weise ein später Wahrer der Idee.

“Am Anfang der kalten und weißen Brust, in der mein
Satz sich unterbringt, über der Mauer, im wild-
wachsenden Licht.”

Obwohl der Gedichtband “Vakante Glut” in 7 Teile unterteilt ist und diese wiederum in viele Einzelgedichte, hat man nicht das Gefühl, dass das Gedicht, das auf der ersten Seite anfängt, jemals gänzlich aufhört. Eigentlich ist der ganze Band ein einziges, sich immer wieder auf sich zurückbesinnendes Gedicht. Es mag zwar manchmal, wie eine Flagge, in die eine oder die andere Richtung wehen, aber der Mast bleibt derselbe und wenn kein starker Wind weht, legt und lehnt sie sich wieder dagegen zurück, um wieder davon auszu(g/w)ehen.

“…der Lufthauch
der dem Feld entsteigt
das Licht
der Zügel.”

Mit wenigen zentralen Worten steht und fällt das Buch; der Rest ist Wind, Dekorationsmaterial. Auch sind die Lyrismen sehr großzügig gedruckt, die Sätze immer etwas zersplittert und über die Seite verteilt und manchmal nehmen sie gar nur den oberen Rand einer Seite ein. Da es auch noch ein zweisprachiger Band ist, also nur eine Seite jeweils Deutsch, hätte der Inhalt auch auf wesentlich weniger Seiten Platz gefunden; was mich nicht stört, da es für mich die Atmosphäre des Bandes unterstreicht.

Diese Atmosphäre ist eine Symbiose aus dem Weiß der Seite und dem Schwarz der Buchstaben, der Symbiose aus Feuer und Eiseskälte, aus Wind und einer festen Mauer, aus Luft am Tag und Atem in der Nacht. Diese Worte und Wendungen und noch einige andere Schlagworte wie Feld, Stein, Berg, Himmel, Glut, Straße sind die Variablen in denen du Bouchets Lyrik ihre Spiegel und Ausfahrten findet. Es liegt noch einiges dazwischen, aber es sind diese wiederkehrenden Wörter, die seine Dichtung ausmachen – und man hat irgendwie das Gefühl, als würde die ganze Dichtung nur dazu dienen, diesen paar Wörtern auf den Grund zu kommen.

“Wenn die Nacht einfällt, ist die unnütze Straße mit schwarzen Ländern bedeckt, die sich vermehren.”

Wie dieser Satz zeigt entbehren du Bouchets Seiten jedoch nicht ein paar großartiger Innovationen und Formulierungen. Das ganze, den Band umfassende Gedicht ist sicherlich ein großes poetisches Räderwerk, mit dem man sich lange beschäftigen kann, aber es sind einzelne, meist ganz am Rand liegende Räder diese Komplexes, fast unnütz für das große Ganze, die wirklich tief gehen und ein Bild entstehen lassen. Für diese paar einzelnen Zeilen lohnt es sich schon, den Band zu lesen.

“Da ist noch Karosserie des Schaums, der aufklirrt als entspränge er mit zerbrochnen Nägeln in der Erde verkanterten Baum, dieser Kopf, der auftaucht und sich in die Ordnung fügt, und die Stille, die uns fordert wie ein großes Feld.
Der Heuschober des anderen Sommers funkelt.”

Sehr schade und bedauerlich ist es, dass dem Werk keine einzige Anmerkung, auch keine Erläuterung des Übersetzers Celan oder überhaupt irgendeine Art von Beitext mitgegeben wurde – vielleicht aus dem nicht ganz falschen Gedanken heraus, dass man ein Werk dieses Stils am besten selber Stück für Stück entschlüsseln möchte, bis man den Stein wie einen Kloß im Hals und die Kälte wie ein Mark in den Knochen spüren kann. Aber, so ganz wortlos diesen Dichter und seinen Band hinzustellen und den Leser so zu entlassen – es bleibt das Gefühl einer viel zu oberflächlichen Beschäftigung. Denn was der letzte Satz des Bandes sagt, ist nur zu wahr und bestimmt den ganzen Band rückblickend; vielleicht muss man ihn deswegen einfach noch mal von vorne lesen und noch mal und noch mal:

“Nichts stillt den Durst meines Schrittes.”

Kurz zu Swen Friedels Gedichten in “Draußen ist die Sonne”


“Rauch wühlt sich in das Tageslicht,
durch Baumgeäst, Fassaden hinauf,
warf wabbernde Schatten in Fenster
auf Teppiche, Buchseiten, Betten, Teller,
verdunkelte mit stechendem Geruch
den Nachmittag dieser Nebenstraße,
ließ in Stille Unglück ahnen.”

Am Beginn von Swen Friedels Gedichten steht oft ein Moment, in dem die Zeit sich dehnt oder gar stehen bleibt. Egal ob es Portraits, Betrachtungen oder klein-sortierte Geschichten sind, fast immer beginnen sie mit einem Bild, das durch Gedanken, Eindrücke, verlangsamt wird. Eine andere Rezensentin hat dafür eine sehr gelungene, präzise Wendung gefunden und ihre Aussage, dass viele der Gedichte (auch vom Entstehen in der Vorstellung des Lesers her) Gemälden von Hopper ähneln, kann man nur unterschreiben.

Manche seiner Gedichte haben aber auch noch eine andere Dimension. Da wäre z.B. das Gedicht “Schwimmer am Morgen”, das mit einer geradezu übermetaphorischen Geste beginnt:

“Der abgeschnittene Fingernagel Mond
und die Sumpfdottersonne gegenüber
umschleichen den alten, alten Mann am See,
wie er der Sommerlast auf Zeit entschlüpft.”

und dann, im weiteren Verlauf, in eine geradezu empfindungsreiche Nähe abgleitet, die den Abstand zum Anfang gleichsam verdeutlicht und verschwinden lässt. Auch das sind Friedels Gedichte: Räume, die in sekundenschnelle die Distanzen verändern, die Dimensionen verstellen. Im Leben, das spürt man nur allzu oft, sind Distanzen oft schwer zu greifen – im Sein, im Raum, sind sie exakt festzulegen. Zwischen diesen beiden Vorstellungen bewegen sich Gedichte, als ein Ventil für beide Ideen – hier können sie zusammenkommen oder sich deutlich voneinander abheben. Und erzeugen Bilder und Bilderfolgen, welche die Tiefe einer Erinnerung und die Klarheit eines Augenblicks haben.

“sie legt ihre Hand an die Scheibe, behutsam,
als wäre das, was war, nur hinter Glas,
als wäre das, was war, noch nah.”

In ihrer sehr ruhigen und doch nicht selten kräftig-lyrischen Art, sind diese Texte gleichsam unkompliziert und stets mehr, als es zu Anfang den Anschein hat. Schlechte Gedichte haben immer einen Punkt, an dem es nicht mehr weitergeht – gute Gedichte erreichen diesen Punkt niemals. Und in dem Sinne gleichen sie der Schönheit, aber auch der Wahrheit (oder: sollten ihr gleichen), wenn diese simple Feststellung erlaubt ist. Denn auch diese beiden, erreichen ihre wahre Größe niemals, auch wenn sie sie uns jedes Mal als Möglichkeit vor Augen führen.

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Eine Film-Noir-Szenerie in den flüchtigen Scheinwerfern von Gedichten – Albert Ostermaiers “Polar”


“sie hat keine miene verzogen
die reglosigkeit ihrer leicht
geöffneten geschwungenen lippen
als müsste jedes wort seine flügel
zwischen ihnen ausbreiten und
warte nur auf einen hauch
aus ihren lungen”

Albert Ostermaier gehört zu den wichtigsten und produktivsten deutschen Dichtern. Dabei hebt er sich mit seinen meist großformatigen Bänden auf äußert sympathische Weise von vielem anderen ab und auch thematisch sind seine Verdichtungen und Schwerpunkte oft eine willkommene Abwechslung.
In diesem Band z.B.: geht es gezielt um das frz. Kino der 60er und frühen 70er Jahre; Alain Delon, Louis Malle, Jean-Paul Bellmondo und ihre Krimis, Thriller, die Geschichten von Aussteigern und Verlorenen in der Spät- und Hochzeit des Film Noir. Eine Filmart, für die die Franzosen das zugleich gefühlsintensive und gefühlskalte (also perfekt geeignete) Wort “polar” prägten.

“ein vages gelände brachland
der festgefahrene schnee
die zugefrorenen spuren
die multiplizierte einsamkeit
der hochhausetagen die kälte
des betons gegen die kältes des
windes”

Was machen diese sprödklaren Filme mit uns? Wenn Ostermaier über Alain Delon in Der eiskalte Engel schreibt “die/ glühbirne vergeudet sich an die/ kälte seiner augen”, was entsteht da in uns?… Es ist die Essenz des Film Noir, diese halbfiktive, durch die Lammelen der Jalousie hereinfallende, unter die Haut fahrende Nacht, gemischt mit Laternenlicht und kleinen Zigarettenglühpunkten, wie ohne Ton, aber mit Gefühl, in dem Nieseln und der schwarzen Asphaltregenschwärze.

Dieses Gefühl versucht Ostermaier in seinen fließenden Gedichten, ohne Punkt und Komma, einzufangen, zu inhalieren und uns den Geschmack und das Verlorene dieser Augenblicke wieder erleben zu lassen. Als Überschriften und Anstöße zu seinen 43 auf und ab schwankenden, wie ein Filmband über den Projektor ablaufenden Nachspürungen in Lyrikform, dienen 43 Filmtitel, in denen die Männer hart und kalt und die Frauen blass und noch stummer als ihre Blicke sind.

“die beiden männer wer sind sie
vielleicht in einem moment berühren
sie sich an ihren rändern und
das bild der nacht entwickelt sich
in ihrer dunkelkammer am ufer
des flusses vor dem ersten klaren
licht des morgens der es auslöschen
wird und in das leere album des tages
kleben mit einer träne auf dem
rücken des papiers”

“die
nacht ist eingebrochen in die
zuversicht der schwerelosen
stunden des nachmittags der
mond liegt wie eine mündung
auf die wand aus schwärze
gestützt die vögel schlafen in
ihren käfigen vor den fenstern
und verlieren unter ihren flügeln
die erinnerung an das fliegen”

Ostermaier ist ein beeindruckendes Experiment mit Sprache und Wahrnehmung geglückt. Es sind nur Momente, aber in diesen Momenten, wenn man 5-6 Zeilen lang durch das Geschehen fließt, wie ein Wassertropfen entlang des Eiszapfens, dann kann man nur von großer Dichtung sprechen, eine Dichtung, die ihrer Diktion gerecht wird und erreicht, was sie erreichen wollte. Man liest nicht nur vom Film Noir – man spürt die Idee des Film Noir, wie ein Gefühl von pladderndem Regen, fehlender Farbe in einem doch so ausdrucksstarken Bild.

“seine taschen sind leer
sein kopf voller bilder und drinks
ihre tränen wie eine laufmasche
im gesicht ihrer augen”

“dein bauchnabel ist das loch
in meinem herzen sonst liefe es
über ins leere und bliebe dort stehn
wie ein träumer den sein traum
vergessen hat”

“was
willst du glückliche liebe gibt
es nicht sie keimt aus den
leichenknöcheln und blüht in
der erinnerung des verlorenen du
trägst sie wie ein gift in dir das
nicht wirkt”

Ich kann diesen Band nur jedem Empfehlen der Dichtung gerne als “Erleben” betrachtet und der sich auch ungezügelt in das halbverschlossene Auge einer solchen Dichtung begeben kann. Die große Kunst eines Gedichts bleibt es letztendlich, die Grenzen wegzuräumen, zwischen sich und dem Leser und seinem Thema, sodass alles ineinander fließt und als eine neu Art von Vorstellung gerinnt. In “Polar” gelingt das zwar nur in einem Auf und Ab, aber auch das ist eine einzigartige, eindringliche Erfahrung. Chapeau, Herr Ostermaier!

“bis
die tür aufsprang und alles zu ihm
kam als träumte er noch immer
zusammengekrümmt wie ein embryo
auf seiner schlafcouch leichenblass
wie das mädchen im türrahmen das
vor ihm stand und zu glühen schien
im gegenlicht des treppenhauses
bis sie fiel”

P.S.: Außer den Gedichten sind auch noch zu jedem der vier Teile vier schwarz-weiß Fotos doppelseitig abgedruckt, die Szenen aus Filmen zeigen oder Kinokarten etc.

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