Lyrics: 1. KT Tunstall (2004-2007)

Als ich 14 oder 15 war, las ich mit großer Begeisterung das Buch “Die Luftgitarre” von Roel Bentz van den Berg. Es setzte sich aus Kolumnen zusammen, die er ursprünglich im NCR Handelsblad veröffentlicht hatte und die sich alle mit einem einzigen Song und seinem Interpreten oder Schreiber auseinandersetzen, die versuchten ihn mit Worten zu erreichen, sein Wesen darzustellen, die Impressionen der Melodie in Sprache geschehen zu lassen und auch die ein oder andere Tiefeninspektion der Texte vorzunehmen. Zu erkennen, wie wahrhaftig die einfachen Wellen der Popmusik sind, die tagtäglich und über lange Jahre an unser Ohr dringen. Wie kleine Portraits waren diese Texte Ablichtungen von den Ideen der Stücke.

Ich kann nicht hoffen ebenso geniale Texte zu schreiben, wie van den Berg sie zu “Boogie Chill”, Neil Youngs Meisterwerk “Cortez, the Killer” oder zu Melissa Etheridges “Similiar Features” schrieb oder zu meiner geliebten “Thunder Road”. So wird es lediglich mein Ehrgeiz sein, einige meiner Lieblingssongs und -texte in kurzem Rahmen sprachlich zu erschließen, meine Eindrücke zu vermitteln und hoffentlich zu erreichen, dass sich neue (lyrische wie weltliche) Perspektiven und neue Hörabenteuer daraus ergeben. (Viele meiner Ausführungen möchte ich dabei allein als Meditationen zu den Themen der Songs und nicht als Anleitungen zum Hören derselben oder als Festlegung verstanden wissen.)

Beginnen möchte ich mit einer Frau, die in einem ihrer Songs schreibt:

I’ve was trying far too hard
To be what I thought I should be
I was playing wild cards and
Seeing things that weren’t in front of me

schon diese, wie daher gesagten, Zeilen, wirken wie die Spur eines großen Gedichts. Doch ein Popsong hat eine eigene Ebene zu bieten, deren Zauber ebenso erfüllend ist wie ein Gedicht, aber auf andere Weise wirkt: mit Untiefen aus Betonung, Klang und Intensität, gespeist aus dem seltsamen Dialog zwischen Text und Melodie, die sich beide gegenseitig eine kenntliche Wahrhaftigkeit verleihen können. Schon in der nächsten Doppelzeile, die den vier oberen folgt, erleben wir so eine wahrhaftige Begegnung, vollführt als eine den oberen Zeilen geradezu entgegengesetzte Alliteration, die aber dennoch die Wahrheit über alle 6 Zeilen offenlegt

Like a little tiger, play fighting,
I was hurting myself, again and again

und mit ihrer geradezu grazilen und doch ungeheuer menschlich-verletzlichen Betonung dieser beiden kleinen Zeilen, herzereißend und doch authentisch, leitet die schottische Singer-Songwriterin KT Tunstall wunderbar zum Thema ihres Songs über und singt es voller Inbrunst (und mit lächelnder Ironie?) heraus:

Because I’m hope-less.

Everybody says it’s just another decay of the soul
But I know I’m a hopeless follower of anything to take me
Away from this hole in the ground
I found it’s hopeless clinging to a feeling
Like a fish on a line, so blinded by the lately
Hopeless, no more saying that there’s no more time.

Versiert und doch emotional; schön und doch kantig. Man könnte noch viel über die Stimme dieser Sängerin schreiben und doch eigentlich gar nichts, weil zumindest mir dabei entweder die Worte ausgehen würden oder der Atem, was sich in endlosen Definitionsallegorhythmen niederschlagen würde. Vielleicht lässt es sich andeuten, wenn man sagt, dass es selten eine Stimme gab, die so gut zum vollen, saitengeschlagenen Sound eines Clear-Gitarrentons passte und das sie gleichzeitig hell und voll ist, entschlossen und doch mit der Möglichkeit weich zu sein, zurückhaltend fast.

Kaum jemand legt so viel Wert auf die vielfältige Betonung und Artikulation, die sublime Botschaft, die schon im Aussprechen der Worte, in den Pausen, in dem Herunterdrehen der Klangvielfalt in Kombination mit einer bestimmen Zeile, liegen kann. Tunstalls Songs sind eingängig, aber auf eine wunderbar selbstständige Weise, die ganz natürlich unterstützt wird von der sehr bestimmten, rhythmisch ausgerichteten Stärke ihrer Musik und nicht von Kraftakten, welche ihre Refrains in ekstatische Höhen heben und mit ihrer Beschallung den Rest des Songs zum dudelnden Beiwerk machen. Würde man eine sexuelle Alliteration vorziehen, könnte man sagen: Tunstalls Songs jagen nicht zum so und so vielten Orgasmus, sie finden ihre Lust dagegen im Begehen des sexuellen Aktes, rastlos, immer weiter –  vollendet allein in der Feinheiten Darstellung, nicht in einem Ziel.

Songs. Dieses Wort war für mich immer ein Begriff, dessen Vorstellung (gleich der Vorstellung von Mario Vargas Llosa zum Thema Romane) nicht einfach alle je veröffentlichten Lieder einschloss, sondern nur auf Musikstücke anwendbar war, die eine wirkliche Seele hatten, eine erzählerische Note, die ergreifend, lyrisch und nachdenklich stimmte und die bestimmend waren für die Ideen, die man von bestimmten Dingen entwickelte oder die man darin bestätigt fand oder erst dort erkannte. Oder, ganz einfach: Ein Song ist für mich die Weiterentwicklung von der Idee des Gedichtes mit den Möglichkeiten der Popmusik. Es gibt auch noch viele Songschreiber – trotzdem ist nur etwa die Hälfte von dem, was sich Hit nennen darf, wirklich ein gelungener Song.

Then she opened up a book of poems
And handed it to me
Written by an Italian poet
From the thirteenth century
And every one of them words rang true
And glowed like burning coal
Pouring off of every page
Like it was written in my soul 

                from me to you
Tangled up in blue

Meine erste Begegnung mit der Musik von KT Tunstall war eine Coverversion von Bob Dylans “Tangled up in Blue”; und ähnlich wie Billy Joels Version von “The times they are a changin'” (enthalten auf dem Live-Album aus Leningrad) war das Zusammenspiel aus den wunderbaren Lyriken Dylans und der frischen Interpretation, auch hier eine wunderbare Kombination. Gerade die Inbrunst und Nachdrücklichkeit mit der Tunstall diese Ode des Verlorenseins ohne Exil vortrug, blieben mir im Gedächtnis und machten das Lied für mich zu einem Evergreen, den man sich immer wieder mit einer Art zwischen Staunen und Schwelgen anhört.

Songs in denen man sich zu Hause fühlt, die einem nahe gehen, handeln paradoxerweise nicht selten von der Zerrissenheit einer Situation, von der Sehnsucht, in der man sich selbst gerade befindet oder deren Stimme man zumindest sehr gut nachvollziehen kann; sie sprechen von Orten, an denen wir selbst einmal feststeckten, etwas verloren haben oder etwas finden wollten. Und auch wenn dies eigentlich Orte sind, an denen wir uns nicht (noch mal) aufhalten wollen, liegt in ihnen wohl, wie die Popmusik beweist, eine ganz eigene Chance auf Verstehen und Nähe, die die Erfüllung nicht bieten kann.

Then the fire fades away
But most of everyday
Is full of tired excuses
But it’s too hard to say
I wish it were simple
But we give up easily
You’re close enough to see that
You’re…. the other side of the world
to me

Auf ihrem ersten Album “Eye to the telescope” findet sich als erster Track der Song “The other side of the world”. Wie alles, was mit 24 Buchstaben geschrieben wurde, ist diese Formulierung für den Verstand erstmal ein bloßer Hinweis, dessen mögliche Deutung sich (zu nächst) darin erschöpft, das hier wohl eine einfache, nach Sehnsucht heischende, Beschreibung der räumlichen Entfernung gemacht wird. Es ist die Kunst der Lyrik, in einer solchen Wendung noch eine andere, zugleich kompliziertere und einfachere Deutung, zu finden – mit einer einfachen sprachlichen Idee das Wesen der Dinge zu erweitern, zu vertiefen, zu verdichten; und, vor allem, neu erfahren zu können: “You’re close enough to see/ that you’re the other side of the world/ to me.” Denn es sind solche “neuen” Formulierungen, die es der Sprache (und den Ideen von Gemeinschaft, Liebe und Humanität, die sie transportiert) ermöglichen, immer wieder auf offene Ohren zu stoßen und die Wirklichkeit abzubilden wie wir sie wahrnehmen und nicht nur wie sind alltäglicher Sprache normalerweise gerinnt. Deswegen ist Lyrik wichtig, deswegen ist Musik wichtig; beide vermitteln und sprechen von Dingen, die sonst in Schweigen gehüllt sind. Bei KT Tunstall tun sie es zusammen, in einem unnachahmlichen Gleichklang, mit einer Gleichberechtigung auf Augenhöhe. Mit Nachdruck, aber trotzdem nicht befremdlich, sondern echt.

Well my heart knows me better than I know myself
So I’m gonna let it do all the talking.

Mal sanft, mal beschwingt – zwischen diesen beiden Zügen spielt sich die musikalische Welt von Tunstall ab – mit vielen, vielen Abstufungen und Nuancen. Die nicht ganz losgelöste, kreisförmige Rastlosigkeit ihrer Rythmen – gut zu sehen In ihrem Lied “Suddenly I See”, bei auch Sanfheit und Beschwingtheit sehr gut verschmelzen – zieht einen immer wieder in ihren Bann. Viele ihrer Coverversionen, immer unterstützt von einem klaren Groove/Takt und einer starken Akkustikgitarre (unter anderem von “I want you back” von Jackson Five oder “Walk like an egyptian” von den Bangles) sind besser als das Original oder laden zumindest zum Mitsingen ein.

See the look on my face

from staying to long in warm place

Der Anfang des Liedes “Saving my face” von ihrem zweiten Album “Drastic Fantastic” beginnt mit einer ziemlich einfachen Aufforderung. Nur eine kaum angeschlagene Gitarre multipliziert diese Worte mit ihrem einsilbigen Klang. Doch das Stück wächst, wächst sehr schnell, schon bald heißt es:

I’m all out of love, all out of faith
I would give everything just for a taste
Everything’s here, all out of place
Losing my memory, saving my face
Saving my face, saving my face
Saving my face

Auch diese, als letzte von mir hier aufgeführte Komponente, gehört zu Tunstalls Werk: das Losbrechen der Dinge, die unbedingt gesagt werden wollen, gesagt werden müssen; aus denen so viel Schaden entstand, weil sie ungesagt blieben, bis jetzt. Eine Stimme, die sich bahnbricht – in ihren Geschichten und Rhythmen ist sie ein wiederkehrendes Muster. Befreiungsschläge? Man tut ihrer Musik Unrecht, wenn man sie allein für diesen Gesichtspunkt beanspruchen würde. Aber es ist schon ein wichtiger Teil des Wesens, das ihre Texte antreibt. Deswegen ist sie letztlich für mich eine Dichterin, weil ihre Worte den Glauben in sich tragen, dass sie gehört werden müssen, verstanden werden müssen, gesagt werden müssen – und dass der richtige Sound sie begleiten muss.

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