Kurze Bewunderung zu Harry Mulischs “Die Säulen des Herkules”

“Der Zufall steckt nicht nur in allem, was passiert, sondern auch in dem, was nicht passiert.”

In letzter Zeit habe ich mich zum ersten Mal mit den Romanen des Schriftstellers Harry Mulischs beschäftigt und wurde positiv überrascht – was mich aber keineswegs auf das ungeheure und erstaunliche Können und Wissen auf dem Gebiet des Essays vorbereitete, dass er in diesem Werk auf gerade mal 230 Seiten zelebriert.

“Die Säulen des Herkules” fassen essayistische Texte & Reden (oder Essays die später Reden wurden) aus der Zeit zwischen 1982 und 1995 – also überwiegend die Zeit, in der Mulisch intensiv an seinem großen Buch Die Entdeckung des Himmels arbeitete. Die Texte enthalten auch einige Antworten auf das theoretische Fundament dieses großen Werkes oder zumindest auf die spirituellen, philosophischen und wissenschaftlichen Einflüsse, die Mulisch dazu bewegten, ein so radikales und gleichsam einzigartiges Kunstwerk zu erschaffen. Aber sie gehen auch noch weit darüber hinaus, hinein in die phantastischen Dimensionen der universellen Möglichkeiten

Meine schönsten Erfahrungen auf dem Gebiet der essayistischen Literatur gipfelten bislang in zwei Namen: Joseph Brodsky und Jorge Luis Borges, dessen Inquisitionen ich wohl öfter empfohlen habe, als jedes andere Werk. Ich dachte nicht, dass ich diesem Duo noch einen Namen hinzufügen könnte – und doch haben mich Mulischs Ausführungen zur Mathematik, (Quanten-)Physik, Literatur, Mythologie und Historie (gipfelnd in der Synchronisation und Verschmelzung vieler dieser Elemente) so fasziniert,  meine Vorstellungen innovativ modifiziert, wie sonst nur Borges es vermochte und dabei so bezaubert, wie nur Brodskys schöne Sprache es sonst immer getan hat.

Wer die Faszination als ein Wesensmerkmal der Literatur und der essayistischen Erläuterung ansieht, wer die komplexe, vielfarbige, scheinbar unbegrenzte Ausführung schätzt und wer gerne in fast jeder Zeile etwas Neues, Spannendes oder Wissenswertes kennenlernen und erfahren will, dem empfehle ich diese Essays uneingeschränkt. Sie sind kleine Tore zu den verschiedensten Ambivalenzen und Bedeutungen. Und wer von Borges schon einmal Essays gelesen hat und wem sie gefallen haben, der wird in Mulisch einen würdigen Nachfolger von jener Kunst finden, die Borges so beeindruckend beherrschte: Die Welt und ihre Wunder in ein wunderbar reiches Licht zu rücken.

“Ich schreibe meine Bücher, weil es sie genauso geben muss, wie es Sperber gibt, oder Löwenzahn: Als Zeichen ihrer selbst. Was andere damit machen ist mir eigentlich völlig gleichgültig. Lob oder Tadel berühren mich natürlich, aber sie reichen nicht in das Gebiet, wo mein Werk seinen Ursprung findet.”

Als letztes wäre zu betonen, dass es in diesem Werk nicht nur und nicht mal überwiegend um Literatur geht. Es geht um Geschichte und Geschichtsverständnis, Weltsicht Wissenschaftlich + Weltsicht Mythisch; es geht um philosophische und physikalische Phänomene, Psychologie und Weltentstehungstheorien und wie man all das interpretieren und möglicherweise auch zusammenfügen kann. Mulisch ist also nicht bloß Problemfinder, sondern er versucht hier auch fundamentale Zusammenhänge zu erschließen und zu erläutern. Das reicht von Anne Frank über Freud bis zur Entstehung des Universums und dem Phänomen des Lichts. Also nichts für zwischendurch und auch nichts rein Bibliophiles. Vielmehr etwas Universelles.

Link zum Buch

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