Liebe 160 – “Mein Herz morst deinen Namen”. Ein SMS-Lyrikbuch über die Liebe

“Mein Handy funktioniert mit
Herzschlag-Energie;
seit ich dich kenne, versagt es nie!”
(Monika, 15)

Vorweg ist zu sagen, dass dieses Buch (wie andere Rezensenten bereits richtig feststellten) kein reines Sammelsurium netter SMS-Texte ist, die man an Freunde/Freundinnen versenden kann, wenn man ihnen einen kleine Liebesbotschaft zukommen lassen will (auch wenn durchaus ein paar sehr süße, nette Texte dieser Art enthalten sind). Das Buch geht “über” Liebe und Freundschaft und nicht “an” und das schließt sowohl die Kehrseite der erfüllten Liebe, als auch verschiedene modus operandi ein, von der Lautsprache bis zum schwülstigen, himmelherzschreienden Vers.

“zum mond und zurück
ist ein ganz schönes stück,
doch mess ich mein glück,
kannst du das rechnen lassen,
denn jeder Astronaut
würde beim Anblick
der Zahl erblassen.”
(Sophie, 19)

“Als ich noch klein wahr, sagte meine Mutter:
Eines Tages, wenn du groß bist,
wirst du erfahren, was wahre Liebe ist.
Leider vergaß sie mir zu sagen, wie weh es tut”
(Krasniqi, 19)

Dabei geht es zugegebenermaßen regelmäßig auch sehr schlicht zu und es wäre sicherlich übertrieben, wenn man dem Buch eine vollendet adäquate Highness in Sachen Ästhetik und Ausdruck zuschreiben würde. Aber um solche Elitärrereien geht es ja gar nicht. Die Liebe ist, selbst wenn man ihr nicht die allerhöchsten Bedeutungen von Erlösung und Vervollkommnung zugesteht, doch immer noch ein Gefühl, das faszinierenderweise fast auf jeder Ebene der sprachlichen Qualität zu erreichen ist. Ihr Ausdruck ist wandelbarer als viele andere Gefühle, die eine spezielle Art der Herangehensweise erfordern, wenn wir sie durch das Gedicht erfassen wollen. Die Liebe jedoch, sie kennt auch schlichte, wahre Zeilen:

“ein leben ohne lachen ist leer,
ein leben ohne liebe ist schwer,
aber ein leben ohne dich
ist kein leben mehr”
(Michael, 19)

“Nicht zu wissen, was man denken soll,
ist nicht so schlimm, wie nicht zu wissen,
was der andere denkt,
an den man ständig denkt”
(Frit, 21)

Zum anderen waren die Botschaften über Liebe in diesem Band ja beschränkt, auf 160 Zeilen und in diesem Rahmen mussten die Dichter (zumeist jugendliche oder knapp über 20jährige) operieren. Dafür ist so manches Ergebnis dann schon beeindruckend.

“emotion (uralt/unendlich)
himmelhochjauchzend, zu Tode betrübt,
such einsame Herzen
zwecks zusammenführung.
risikobereitschaft erforderlich,
wird evtl. belohnt.”
(Simone, 20)

und manchmal geradezu weise:

“hand in hand gehen wir einen weg
und entscheiden uns an jeder kreuzung
füreinander –
wo haben wir begonnen, wo werden wir enden?”
(Karin, 21)

10 Jahre ist das Buch jetzt alt und die SMS hat immer noch ihre eigene Kultur, SMS-Sprüche sind weiterhin “inn”. Jedoch ist gerade wenn es um Liebe geht, natürlich auch die emotionale Komponente der SMS interessant. Viele dieser Nachrichten mögen einfache Dichtungen sein oder große Worte, kleines Gebet – aber ihnen allen ist vermutlich jene Geschichte gemein: sie wurde eines Nachts, um 2.00 Uhr morgens zum Beispiel, nach einem wunderschönen oder niederschmetternden Abend versandt und in dem Moment konnte sie, mit ihrer simplen, blinkenden, aus kleinen Vierecken zusammengesetzten Buchstaben-Botschaft die ganze eigene Gefühlswelt umfassen, mit Zittern und Hoffen, als gäbe es nichts darüber hinaus. Auch so muss man sie lesen.

“Wenn das Meer die Tinte wäre
und der Himmel das Papier,
würde es nicht ausreichen,
um aufzuschreiben,
welche Gefühle ich für Dich habe.”

Mir hat das Buch, im Großen und Ganzen, trotz einiger Plattitüden und schwitzerdeutscher Unverständlichkeiten, gut gefallen. Besonders schön waren auch die letzten beiden Kapitel, in denen neben den Einsendungen zu dem Wettbewerb, durch den das Buch entstanden ist, auch einige Netz-Klassiker und einige kurze Gedichte von klassischen Autoren versammelt wurden. Z.B. Theodor Fontane:

“Erst unter Kuss und Spiel und Scherzen
Erkennst du ganz, was Leben heißt;
O lerne denken mit dem Herzen,
Und lerne fühlen mit dem Geist.”

“Liebe – die zarteste Versuchung,
seit es dich gibt.”
(Corinne, 21)

Wenn man bedenkt, dass der Spielraum beschränkt und die Emotion oft auf kurze Distanz, quasi ins Handy hinein, verarbeitet werden muss, ist die Sammlung Liebe 160 ein sehr vielschichtiges und nettes kleines Portrait eines Momentes, in dem Kunst und Berührung zusammenfanden. Vielleicht keine hohe Kunst, aber eine, die von mir zu dir geht, die etwas mehr über das Zwischenmenschliche erzählt, als über das Wesentliche – aber brauchen wir nicht gerade manchmal eine solche Kunst?

“Eines Tages sagte die Liebe zur Freundschaft:
-Wieso existierst du, wenn es mich gibt?-
-Ich bringe ein Lächeln,
wo du eine Träne zurückgelassen hast.-”
(Martin, 18)

Man kann in diesen Versen Virtuosität sehen und einen scheuen Glanz, man muss sich vielleicht nur einiger Dinge bewusst werden, die ich angesprochen habe. So verbleibe ich mit der Hoffnung, dass sich manche doch von diesem Buch für eine halbe Stunde beschäftigen lassen und vielleicht lockt es zumindest das ein oder andere Lächeln hervor – wie z.B. dieses Gedicht über das Magische des -EINEN- Kusses:

“Gestern ging ich nach Hause,
stieg die Tür hinauf,
schloss die Treppe ab, öffnete Licht;
und das alles nur, weil du mir
einen Kuss gegeben hast.”

und das ein oder andere Gedicht findet vielleicht den Weg ins Kuriositätenkabinett der Geschichten, Anekdoten und Sprüche, die wir uns erzählen oder die wir gerne verwenden.

“Eines Tages wirst du mich fragen,
wer mir wichtiger ist, du oder mein Leben.
Ich werde sagen: Mein Leben.
Und du wirst gehen, ohne zu wissen,
dass du mein Leben bist.”

“Wenn du eine Blume in der Wüste wärst,
würde ich immer vor dir knien und weinen,
damit du nicht verdurstest!”

“Liebe ist wie das Licht einer Kerze
in einem dunklen Tunnel.
Es zeigt dir zwar den Weg,
nur es sagt nicht,
was dich am Ende erwartet.”
(Isabelle, 39)

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