Zu “Abschied und Wiederkehr”, der Ausgabe der gesammelte Gedichte von Zuckmayer

“Wie der Marienstein verwittert am Feldrand steht,
Bleibt manche Nacht in Wettern und Zeiten bestehen,
Und wie der Uferwind durchs trockne Röhricht geht,
Werden viele Nächte kühl und raschelnd verwehen.”

Carl Zuckmayer, geb. 1896, gest. 1977, ist vor allem für seine Dramen (und auch die daraus entstandenen Verfilmungen) bekannt geworden – zwei seiner Stücke gehören nach wie vor zu den besten literarisch-fiktionalen (Bühnen-)Auseinandersetzung mit der deutschen Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Der Hauptmann von Köpenick und Des Teufels General (wobei auch die anderen Nachkriegsstücke nicht zu verachten sind).
Zuckmayers Lebenspanne umfasste mit Kaiserreich, Ersten Weltkrieg, Weimarer Republik, der Naziherrschaft, dem Exil (er ging 1938 nach Amerika) und den ersten Jahrzehnten der Bundesrepublik viele wichtigste Stationen der deutschen Geschichte und er kannte viele Persönlichkeiten aus den kulturellen Umfeldern jeder Zeitepoche von Weimar an, weswegen auch seine Biographie Als wär’s ein Stück von mir zu den umfassend interessantesten Memoiren gehört, die ich gelesen habe – neben Zeitkurven von Arthur Miller und Der Menschen Hörigkeit von Somerset Maugham, empfehle ich sie stets immer als solche weiter.

“Und im Mai stand das braune Dorf in schäumendem Weiß
Von Obst und Flieder und Wolken von Schlehdornsträuchern
Und das Meer ward ein tiefer Smaragd und orgelte leis,
Und es quoll aus den Wäldern der Ruchopfer ewiges Räuschern.”

Zuckmayer schrieb auch einige Erzählungen und essayistische Prosa, die eher von geringerer Bedeutung sind; doch von allen Werken aus seiner Feder ist das gesammelte Gedichtwerk sicherlich die unausgegorenste Mischung. Lieder & Verse aus seinen Stücken, Kriegsgedichte, Heimatgedichte, Geburtstagswünsche und tiefsinnige Poesie wurden (wenn auch halbwegs nach Thematiken und Motiven geordnet) in einem Band zusammengepackt, was oft unterschiedliche qualitative, aber auch formal sich widersprechende Gedichte nebeneinanderstellt. Teilweise ist das kein schöner Anblick.

“Ein Mensch beim Essen ist ein gut Gesicht,
Wenn er nicht denkt und nur die Kiefer mahlen,
Die Zähn malmen und die Blicke strahlen
Von einem sonderbaren Urweltlicht.”

Auch wenn der Reim und teilweise sogar klassische Strukturformen (Sonette, Lieder) das ganze Gedichtwerk größtenteils ausmachen, kann man bei der Lektüre kaum von einem klassischen Eindruck reden. Verschroben, eigen und ein wenig widerspenstig, ein wenig ungeschliffen kommen diese Gedichte daher und auch wenn sie formal sortiert sind, wirken sie, wie gesagt, reichlich unsortiert und orientierungslos. Man erwartet quasi auf jeder Seite mit Spannung, ob das nächste Gedicht eine interessante Auseinandersetzung, gediegen oder schön ist, oder ob man wieder eine etwas wirre, manchmal spirituell oder quermystisch anmutende, Zeile schlucken muss.
Das wirklich bedauerliche ist, dass wahrscheinlich keins der Gedichte wirklich schlecht ist – aber sie wirken so, da man sie im Umfeld völlig anders geprägter Verse liest und sich gar nicht auf sie einlassen kann.

“Des Nachts aus Schwärzen schnaubte
Der Hirsche Sucht und Qual,
Der Sturm den Wald entlaubte,
Der Nebel rinnt ins Tal.
Raureif die Fichten staubte –
Die Tage werden schmal.”

Natur und Krieg und Lebensglück sind die am häufigsten vorherrschen Themen, die sich herausgreifen lassen.
Die Natur hat meist etwas heimat- oder zumindest selbstverbundenes; viel geht es auch um Jahreszeiten und natürliche Stimmungen und ihre Mythologien.
Lebensglück hat wiederum in dem einen Gedicht etwas von Rausch und Gesang, in den anderen (meist besseren) Gedichten etwas von einer urtümlichen Gemütlichkeit; es sind dies die Gedichte, die mir persönlich am besten gefallen haben. Darin ist alles vereint: kleine Philosophie mit unverstellter Harmonie, in meist schlichten, aber gelungenen Reimen und Verknüpfungen. Gedichte in denen man sich wohlfühlt, fast schon geborgen, egal wie lang sie gehen – sie strahlen Wohlgefühl oder Ruhe aus.

“Rauche mit Andacht. Rauche mit Genuss.
Das Rauchen ist kein hastiges Beginnen.
Man rauche, weil man will, nicht weil man muss.
Du darfst dich, rauchend, auf dich selbst besinnen.

Du selbst. Ich selbst. Und um uns herum die Erde.
Und über uns, in uns, Unendlichkeit.
Was raucht, verbrennt, damit es ewig werde.
Du schaust der Wolke nach, und riechst die Zeit.”

Doch leider sind solche Gedichte eher die Ausnahme. Zu oft ist Zuckmayers Dichtung unentschlossen zwischen Expressivität und Botschaft, Stimmungsersinnung und Kritik, Pathos und Schlichtheit.

Die Kriegsgedichte haben wiederum ihren eigenen Wert und ihre unverstellte Art ist zumindest authentisch und in der Anschaulichkeit wertvoll. Überhaupt ist Zuckmayer gerade dann gut, wenn man das Gefühl hat, dass er ganz aus dem eigenen Gemüt spricht, ohne überflüssig aufgebauschte Lyrismen oder angewandte Übersteigerung und Überladung. Dann gelingen ihm schon fast brechtsche Verse wie diese:

“Die Welt, wird man sagen, war damals schon dumm.
Und ohne methodische Leitung.
Man schlug sich um Rohstoffe und Märkte herum,
Man brachte einander zu Tausenden um,
Und keiner wusste so richtig, warum –
Das erfuhr man dann erst aus der Zeitung.”

Insgesamt steht dieses dichterische Werk sehr zusammengestoppelt da und auch wenn es das ein oder andere überragende Gedicht, die ein oder andere sehr gelungene Strophe gibt, fehlt es doch vielfach an echter Substanz und an einer über die Worte hinausgehenden Idee, sowie einem echten Dialog zwischen Leser und Autor. Viele der Gedichte werden eine direkte Übertragung von Empfindungen und Erinnerungen gewesen sein und waren so für Zuckmayer selbst gewiss sehr wertvoll, geradezu heilig, wurden aber mehr für den Eigenbedarf geschrieben (wie bei Joyce die Spottgedichte).
Wie gesagt: Nicht immer. Manchmal ist seine eigene Art natürlich trotzdem sehr tiefsinnig und manchmal wirkt selbst eine recht eigene Geste auf ihre Art schön, wie diese Anfangszeilen in einem Gedicht an den Mond:

“Du weiße Lotos über dunkelroten
Gewässern, die aus stummen Ufern treten
Dich aufschaukeln und Dich anzubeten –
Du Schwan der Toten”

Wer sich die guten Gedichte heraussucht und seine Neugier vor jedem neuen Gedicht bewahrt wird ein gute Erfahrung machen; wer am Ende eine Bilanz ziehen will, wohl eher eine schlechte. Sicherlich kein großer Wurf, aber auch am Ende kein geringer.

“Doch laufen die Wasser auch ruhlos zum Meer –
Das Quellchen Ursprung läuft nimmer sich leer. ”

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