Zu Björn Kuhligks “Großes Kino”

“Der Weg nahm die Route, und oben
stand der Mond, eine Form, die aussah
als wäre jemand dagegengelaufen

einer drückte aufs Pedal und
überholte und spulte andere Musik
in den Augen lief die Landschaft ab”

Deutsche Lyrik der Gegenwart – ein unsicheres Terrain, voller Spezifikationen, Wortklauberei und Insiderdivisen. Lyrik hat die Aufgabe, die Wirklichkeit nicht nur zu repräsentieren, sondern sie aufzufinden, zu definieren, zu lieben, sie zu verdeutlichen, und soweit in die Wirklichkeit hineinzugehen, wie nur die Sprache es kann. Genau so weit. Die Wirklichkeit abzubilden aus einem sprachlichen Winkel, zu dem es sonst keinen Zugang gibt, den wir aber sofort annehmen können, weil sich darin das Ich und die Welt übereinander schieben, weil sie sich darin einig sind.

In der Moderne hat die Lyrik nun schon weite Wege in die Wirklichkeit hinein getan. So weit, dass der Ausgangspunkt oft kaum mehr zu greifen ist oder nur noch flüchtig, ansatzweise. Oft liegt ihr Gehalt nun zwischen Sprache und Wirklichkeit, als etwas, dass man von beiden Seiten aus aufheben kann – oder dass sich gegenseitig aufhebt. Björn Kuhligk ist von diesem Phänomen nicht ausgenommen, auch wenn er keine wirklich experimentelle Lyrik betreibt. Er schreibt formal sehr einfache Gedichte; doch auch in seinen Versen sitzt so etwas wie sprachliche Blendung.

“am Mittag ist das Meer eine sanfte Plane,
die Sonne brettert runter, die Möwen stehn
getroffen auf den Molen, in den Gärten
sind die Bäume windgewachsen”

Manche Bilder sind wiederum einfach toll. Aber auch hier muss man sagen, dass dieses Bilder malen bei Kuhligk immer lakonisch, abgewandt wirkt, als würde es nicht zählen. Was zählt dann?, fragt man sich, hält Ausschau, aber da ist nicht mehr viel. Wenn ich von “sprachlicher Blendung” spreche, dann meine ich die oft auftretenden Sentenzen, bei denen man keinen Fuß in die Tür bekommt, wo es so wirkt, als würde die Sprache einfach vorbeilaufen, grußlos, wortlos; als gäbe es nichts zu sagen und wenn man hinsieht, kann man doch nicht sehen, was da stehen soll, was das heißen soll.

Die einfache, sich nicht durch Füllmaterial behauptende Lebenswirklichkeit? Nein, dafür ist Kuhligk dann doch wieder zu sehr Ästhet und hier und da in das haptische formulieren vernarrt.

Man kann natürlich sagen, dass die Abgewandheit das Konzept ist. Das vermittelt zumindest der vorherrschende Ton innerhalb der Gedichte – ein Ton der schlicht sagt: was sonst? Das ist die Wirklichkeit, abgebildet – was sonst?

“Und morgens steht sie nackt
am Fenster, etwas Banales
etwas Göttliches, und sieht
die Gegenwart, wie die sich
unten auf der Straße bemüht
[…]
am liebsten beendet sie ihre Sätze
mit: >>kannst du mir folgen?<<
sie lacht nicht oft, doch manchmal
lächelt sie versteckt, am schönsten
redet sie, wenns regnet”

Wollte man den Band kurz zusammenfassen, würde man von kommentarlosen Gedichten sprechen; Gedichten, die alle für sich stehen, aufgangslos, aber mit guten Abgängen. Hier und da mal eine Regung in die eine oder andere Richtung, aber es bleibt ein eher stoisches Erlebnis, mit kleinen Emotionen, die sich hier und da zeigen. Dafür einige wirklich gelungene Bilder und Darstellungen. Gerade die Portraits in Teil 1 und die Ansichten in Teil 4.

“Während des Freitagsgebets
die kopftuchgebückten Frauen
auf den Feldern, von den Minaretten
fallen die Worte wie Ringe um die Häuser”

In den anderen Teilen streckt sich das Lesen etwas. Manchmal bekommt man den Sinn eines Gedichtes, (mal abgesehen von der Tatsache, dass es Sprache mit einem nebulösen Umstand zusammenführt) nicht zu Gesicht. Insgesamt ein Gedichtband ohne wirkliche Höhepunkte, filigran, ambitioniert, aber nicht groß, erst recht kein großes Kino. Gedichte – was sonst?

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