Zu Frank Schmitters: “die markisen rollen den nachmittag aus”

“in nebelhaft dieser morgen vor dem küchenfenster
nur ein moped trägt sein licht um die ecke
während das wasser buckel wirft

und die teebeutel tanzen lässt
wie kaulquappen und dir fällt dein traum ein
der letzten nacht

von deinem vater und großvater und du
stecknadelkopfklein:
alter macht die träume jung”

In der deutschen Gedichtlandschaft tummeln sich die unterschiedlichsten Ansichten darüber, was wert ist in einem Gedicht vorzukommen. Da werden bizarre und ungreifbare Denkmuster schriftlich fixiert und auf der anderen Seite schlichte Alltagsprotokolle abquittiert; und wenn es sich nicht in diesem Rahmen abspielt ist manchmal gar die Sprache allein Träger des tunnelblickhaften Spiels mit Worten.

Dass gute Gedichte aber nicht nur Sprachkanäle, sondern auch Geschichten und bildliche Annäherungen an die Wirklichkeit sind, lässt sich schwerlich bestreiten, denn wenn es Leser zu Gedichten hinzieht, dann meist wegen der Formulierungen, Wörter und aufkommenden Sprachmuster, die Lesen zu etwas beinahe Räumlichen machen, die Bilder und Stimmungen ausfahren, in denen man ein-zwei Sekunden lang mit beiden Augen, beiden Beinen stehen und umherwandern kann.

“meine augen
holen sich eine zigarettenlänge weite am Horizont”

Die Gedichte Frank Schmitters könnte man irgendwo zwischen den Ansprüchen des Gedichts und denen des Lebens verorten; und gerade weil sie zwischen diesen beiden Stühlen stehen, sind sie mitunter sehr eindrucksvoll und dann wieder beinahe der Feststellung anheimfallend.

Es gibt ja einen Unterschied zwischen dem Schreiben von etwas, das jeder nachvollziehen kann, aber erst begreift, wenn er es am Ende der Zeile in Händen hält und dem bloßen Hineingehen in Alltagswendungen, die man in ein rundes Sprachgebilde falten und es dann ein Gedicht nennen kann.
Schmitter gelingt dieser Balanceakt meist ziemlich gut (auch wenn der Verdacht der Banalität über manchen Formulierungen kreist) und es scheint auch seine Hauptintention gewesen zu sein, eine Brücke zwischen Erlebtem und Erzählendem zu schlagen und wo wichtige Momente in Gedichte zu fassen. Seine Lyrik ist oft das Innehalten in Momenten, Ausschnitte aus dem Ablauf eines Lebens, zwischen Liebe, Reisen, Ich-Sein und Erinnerungen. Dabei ist die Herangehensweise oft ähnlich und unterscheiden tun sich die Texte sprachlich und stimmungstechnisch häufig nur durch die feingeschnittenen Nuancen der Thematiken. Die meisten Bilder sind ebenfalls sehr einfach gehalten und verlassen sich auf die Stimmungsringe, die sie werfen, bis aus all diesen Stimmungen eine Art Kreis wird, der die Situation vollendet und dem Leser als nahezu handfeste Erfahrung dienen kann.

“gegen mitternacht gingen wir hinaus
du und ich
mit dem leuchtturmlicht einer taschenlampe
bis an den see
wo die tentakeln des ersten Eises
die boote umkrallten

die ruderblätter im rumpf
überwintern wange an wange”
-Aus einem Gedicht über einen Weihnachtsabend-

Auch wenn man die scheinbar belanglose, oft statisch wirkende Staffelung seiner Textzeilen bemängeln kann, wiegt seine die Lebensnähe seiner Verse vieles davon wieder auf; so ist gerade die Mehrzahl seiner Liebesgedichte sehr gelungen, ohne wirklich schön oder lyrisch zu sein, sondern vielmehr zärtlich echt, was ein wichtiges Merkmal von sprachlicher Filigranität in Gedichten ist.

Wo Schmitter sich traut, gelingen ihm Gedichte, in denen die Sprachbilder sehr schön in die Zwischenzeilen eintragen, was er sagen will. Der wirkliche Glanz eines Gedichts kann nicht in seine formale oder wortwörtliche Perfektion gelegt werden, sondern liegt allein in dem Gelingen der Vermittlung von dem, was man sagen und zeigen will – im Widerschein auf dem inneren, erinnernden Gesicht des Lesers.

“während
der fensterrahmen die späte sonne ins Auge fast”

“Klein ist der Alltag, groß ist die Welt.” Zwischen diesen beiden Erkenntnissen Somerset Maughams bewegen sich die meisten Gedichte, die heute geschrieben werden – dabei die erste nutzend und um die zweite wissend. Die Dichter erfinden nicht die Welt, sondern die Welt erfindet und des Poeten Sprache empfindet nach, fasst, erfährt und kleidet. Frank Schmitters Gedichte sind Formeln des Eindrucks von einigen lebensechten Begebenheiten, einige Sehnsuchtsversuche, einiger Fassungen von Verständnis, die in dieser unserer Welt geschehen. Ihre große Stärke ist ihre Unausweichlichkeit und schlichte Konsequenz, die dennoch einige kleine Wunder aus Sprache bereithält. Einige seiner Formulierungen und Bilder wachsen einem ans Herz, so etwa die der Schusswunde, wenn die Frau mit einem Türzuschlagen aus der Wohnung geht. Und wegen solcher Dinge muss man ihn letztendlich einen guten Dichter nennen. Vielleicht keiner für die Nachwelt, aber doch ein Dichter, den zu lesen sich lohnt.

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