Zu Stefan Zweigs gesammelten Gedichten in “Silberne Saiten”

“Treten möcht’ ich durch die offene Pforte
Und im Dämmer einer Liebste Worte
Flüstern, bis Gewährung ihre Wangen rötet,

Dort, wo hinter goldumglänzten Gittern,
Rote Rosen vor Erwartung zittern
vor dem Herbst, der sie in seinen Armen tötet…”

Stefan Zweig, Novellist, Essayist und Historiker, veröffentlichte bereits im Alter von 19 Jahren seinen ersten Gedichtband, der auch prompt freundlich durchgewinkt wurde. Der Titel dieses ersten Werkes entstammte einer Zeile aus einem Roman, den schon Rilke mit besonderer Intensität rühmte: “Silberne Saiten”, entnommen aus dem Buch Niels Lyhne, welches Rilkes als sein Lieblingsbuch (nach der Bibel) bezeichnete.

“Ist denn wirklich Traum das Leben,
Sinnen süßer als das Schaun?”

Rilke und Hofmannsthal waren die Vorbilder dieser ersten 50 Gedichte. Sie sind überwiegend schön, sehnsuchtsvoll, leidenschaftlich, in klassischen Reimen, blumig, kreisend. “Mehr Traum, weniger Leben, aber deswegen nicht weniger Schönheit”, schrieb Zweigs Freund Emile Vernhaegen in einem Brief. Dieser Meinung kann ich mich anschließen.
Später kamen noch die “Frühen Kränze”, verstreute Verse und längere Gedichte zu Ehren von Künstlern hinzu (Rodin, Mahler, Dostojewski (letzteres auch enthalten in Sternstunden der Menschheit). Immer ist seine Lyrik stillvoll und ein an den rilkschen Symbolismus angenäherter Ton, der alle Dinge zum Kreisen ihrer Selbst und ihrer Verbindungen macht, dominiert, vor allem in den Gedichten der mittleren Periode, die an die Ding-Gedichte aus den Neuen Gedichten erinnern.

“Die Tage stiegen längst die goldenen Leiter
Des Sommers nieder, Spätglanz wärmt das Land.
Die Schatten wachsen früh und fallen breiter
Von allen Bäumen in des Abends Hand.”

Es ist fast unumgänglich Zweigs Lyrik als eines der letzten Werke der klassischen Dichtertradition sehen (Zweig starb 1942 durch Selbstmord), ihn selbst als einen der letzten Dichter, der noch frei sagen konnte, dass “des Herzens Hammer nicht/ So ohne Antwort in die Stille fällt”. In der heutigen Dichtung ist es üblich, dass des “Herzens Hammer” in die Stille fällt, oder sogar dabei etwas zum Verstummen bringt. Zweigs Gedichte sind der letzte Markstein empfindsamer, teilweise schwärmerischer, teilweise besinnlicher Poesie; er war der letzte Sänger, der mit Empfindungen wie mit impressionistischen Farben malte, auf Leinwände des Überschwangs, der ohne Zweifel beinahe jedes schöne Wort gebrauchte und doch die Wirklichkeit im Fokus all seiner Wortwünsche hatte.

Und man muss dieses Werk, trotzdem Zweig später gute und sogar teilweise beeindruckende Langgedichte schrieb, als ein Nebenwerk betrachten. Die Prosa war sein Metier, das er auf sehr elegante, gefühlsbetonte Weise beherrschte. Zweig selbst, sollte erwähnt werden, war auf viele seiner Gedichte stolzer, als auf seine Prosa.

Zweigs letztes Gedicht, geschrieben an seinem 60. Geburtstag ist ein Abbild der meisten seiner lyrischen Produkte: streng, voller Klangfreude, sinnend, einfach und schlicht.

“Linder schwebt der Stunden Reigen
Über schon ergrautem Haar
Denn erst an des Bechers Neige
Wird der Grund, der gold’ne klar.

Vorgefühl des nahen Nachtens
Es verstört nicht – es entschwert!
Reine Lust des Weltbetrachtens
Kennt nur, wer nicht mehr begehrt.

Nicht mehr fragt, was er erreichte,
Nicht mehr klagt, was er gemisst
Und dem Altern nur der leichte
Anfang seines Abschieds ist.

Niemals glänzt der Ausblick freier
Als im Glast des Scheidelichts,
Nie liebt man das Leben treuer
Als im Schatten des Verzichts.”

Es lohnt sich diese schönen lyrischen Spiele zu lesen, sich von ihnen in die Bilder einer erstaunlich klaren Welt tragen zu lassen. Ihre ungemein ergreifende Ansprache an den Leser wirkt zwar oftmals etwas gerahmt und überbrisant, aber man verzeiht es Zweig, wenn man die innersten Ringe seiner Eindrücke durch die Augen streifen lässt. Er war lyrisch ein Träumer und so sollte man ihn lesen: als jemanden, der glaubte, die Welt könne ewig bestehen in einer zweiten Welt.

“Denn jenen ist das Leben noch die Hülle
Und wer vom Tage borgt, ist ihm verpflichtet,
Doch der bloß träumt, hat seine wahre Fülle.

Ihm ist die Stirn zu Ewigem gerichtet,
Und was hier irdisch gilt, gilt ihm geringe,
Die Welt besitzt nur, wer sie sich erdichtet.
[…]
Im Spiel herab. Ich habe nichts versäumt,
Denn selbst dein Letztes, deinen Kern der Kerne,

Denn auch den Tod, längst hab ich ihn geträumt -”

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