Zur gesammelten Poesie Robert Walsers – “Schnee liegt vergnügt auf allen Dächern/ wie längst vergeßne Brief in Fächern”

“Auf deinem Gesicht
sei zu lesen, dass dich alles so viel
angeht wie das Liebste.”

Der Schweizer Schriftsteller Robert Walser gehört zu den eigenwilligen Unikaten der deutschen Literatur. Vom Märchenrand schauend, auch ein bisschen nach Bruderleichtfußfasson, doch immer wieder mit einem präzisen Blick für das Leben, seine Stolpersteine, Furten und Tiefen, ist dieser Dichter und Denker bis heute ein Beweis dafür, dass das ganze Werk eines großen Autoren, dessen profane/weltliche Erfahrungen ja auf derselben Welt beruhen in der auch wir leben, immer dazu neigt, die kleinsten Dinge der gemeinsamen Welt zu benennen, zu erklären und vor Augen zu führen. Auf ihn trifft das sogar noch stärker zu. Denn Walser ist der Dichter der kleinen Dinge, der kleinen Gefühle, der kleinen Offenbarungen.

“Mehr brauch ich wohl kaum zu sagen,
weil, was beizufügen wäre,
schließlich sich von selber sagt.”

Dies könnte die Philosophie von Walsers Dichtungen in Prosa und in Lyrik sein. Mit einfachen Worten, wie mit einfachen Farben, schuf er Prosagemälde, die einer schlichten Photographie von ein paar Augenblicken gleichen; seine Geschichten nähern sich dem Märchen an, beschreiben Momente, fassen Kurzfilme der Lebenswirklichkeit zusammen. Eigentlich ist seine Prosa schon fast Gedicht.

Was passiert nun, wenn einer, der in Prosa dichtet, auch Lyrik schreibt? Der Unterschied, kann für ihn wahrlich fast nur darin bestehen, seinen Schöpfungen zusätzlich den Reim aufzuerlegen, um den formalen Prinzipien eines (damaligen) Gedichtes gerecht zu werden, die Prosa von der Poesie zu trennen.

Und so muten die Hälfte der dichterischen Versuche in seinem Gedichtwerk leider an wie eine Arbeit, in der die vorgegebene Form dem Inhalt übergeordnet – nie eine gute Lösung. So erinnern gerade die frühen und auch manche der späten Gedichte Walsers an die ziemlich gewollten, unglücklichen Reime, die man selbst einmal schmiedete: holprig, diszipliniert in der Verwendung des Reimes, aber ansonsten ohne irgendeine Disziplin oder filigrane Anpassung.
So heißt es am Ende eines Gedichts über Adalbert

“Der Schreiber, Schrifter,
ist Adalbert Stifter,
heut’ noch in die Seele trifft er!”

Sicher ist in diesen lyrischen Scharaden, die sich meist in der Form aa bb cc etc. reimen, an Begeisterung und Enthusiasmus kein Mangel. Aber die Schönheit der Verse leidet unter dem Reimzwang und der daraus resultierenden leichten Dilettanz, welche ihre Erscheinung somit in sich trägt.

Ich schätze Walser, weil er in seinen besten Prosa- und Lyrikwerken das Element eines Moments, beinahe das Gefühl eines Ortes, einer Situation oder einer natürlichen Regung wiedergeben kann und sich nicht scheut Romantisches und Schönes in der Alltagswelt zu entdecken. Seine betrachtenden Gesänge an Schnee und Wald, Frauen und Gemälde, sind von dem Übermut getragen, welche die Jugend oft beim Dichten befeuert – doch Walser hat nie wirklich, auch nicht mit 50, Abschied von dieser kindlichen Freude genommen, wenn sie sich auch etwas abgestuft hat und teilweise auch zu filigraneren Kunstwerken führte. Manchmal bringt sie einen solchen Satz über Stifter zu Tage, manchmal ein wunderbares Naturgedicht oder ein paar süße Zeilen wie diese:

“Entzieh’ mir nimmer,
deinen goldenen Schimmer,
du wundersames, süßes, freches Frauenzimmer.”

Zeilen, bei denen man seine poetische Vorsicht fallenlässt und lächeln muss.

“Wie geisterhaft im Sinken
und Steigen ist mein Leben.
Stets seh’ ich mich mir winken,
dem Winkenden entschweben.

Ich seh mich als Gelächter,
als tiefe Trauer wieder,
als wilden Redeflechter;
doch alles dies sinkt nieder.

Und ist zu allen Zeiten
wohl niemals Recht gewesen.
Ich bin vergeßne Weiten
zu wandern auserlesen”

In diesem Gedicht (übrigens einem frühen) hat Walser auf wunderbare unverbale Weise das Leben eingefangen, zugleich aber auch wohl in den letzten Zeilen sein Werk sehr richtig beurteilt. Ja, Robert Walser ist kein Autor, den man mit Spannung, mit ästhetischer Hochachtung oder gar kritisch liest. Als Dichter, wie als Prosaautor, bleibt er ein Streifender, ein mit kleinen Bildern angefüllter Atem. “Alles ist vergänglich”, ruft er uns zu – und zugleich: “Aber das jetzt, dies hier, habe ich einen Moment lang festgehalten.” Er ist ein Dichter für die Mußestunden, in denen man sich Zerstreuen und zugleich Besinnen will, auf schlichte Weise. Dies macht seine Dichtung etwas einsam, aber eben auch einzigartig.

“Denn Schnei’n erinnert an das lose,
prickelnde Sichentblättern einer Rose.”

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