“John Marr und andere Matrosen” – Melvilles Gedichte

“Wohin ging Ap Catesby? Er kämpfte in Schlachten,
Die ihm Ruhm und etliche Orden einbrachten.
Doch Ruhm ist eine Welle, die, wenn sie bricht
Rasch verebbt und lachend Vergänglichkeit spricht.”

Wer sich heute mit dem amerikanischen Schriftsteller Hermann Melville beschäftigen will, hat in Deutschland gar keine so schlechten Karten. Der Hanser Verlag hat eine neue Werkauswahl herausgegeben, inkl. Briefen und Tagebüchern und einer Biographie, und man kann jeden interessierten Leser auch noch auf weitere Bücher wie das Sachbuch Wilde Dichter hinweisen oder eben diese erstmalige Auswahl aus seinem lyrischen Werk, erschienen im Mare-Verlag.

Melville, dieser Name gehört zweifellos zu den großen in der amerikanischen Literatur. Doch  hat er leider lange Zeite, ebenso wie Jack London (und auch der Franzose Jules Verne und der Deutschamerikaner B. Traven teilen dieses Schicksal, u.v.a.) vor allem als Autor von Abenteuergeschichten gegolten, obwohl er, genau wie London, mit seinen Werken weit über die einfachen Elemente dieses Genres hinausging; seine Erzählungen gelten heute als Vorläufer für das psychologische bzw. das phantastische Erzählen und sein Hauptwerk Moby Dick wurde zurecht als metaphysisches Meisterwerk anerkannt (auch wenn hier weiterhin dutzende von gekürzten, aufs Abenteuer zurecht gestutzten Versionen unter demselben Namen wie das vollständige Werk verkauft werden.)

“Sturm ist Leben -, so ließt ihr’s erschallen:
Lasst es stürmen, das Schicksal hat es bedacht!
Wie Kinder, die den Erdball umspannen,
Habt ihr euch nicht viel aus dem Leben gemacht.
[…]
Ach, der Vergangenheit zu entrinnen,
Streich sie wie Klängen, die nutzlos nun sind
Dem Herzen, dessen Saiten hochmütig singen;
[…]
Aus einem Meer von Gesichtern gelangen
Zahllose fremde Erinnerungsfäden,
Um mich wie einen Traum zu umfangen!”

Ein Matrose, der nicht mal mehr in der Nähe des Meeres lebt, erinnert sich an seine Zeit auf See; es ist die Kameradschaft, an die er sich erinnert und diese Erinnerungen beschwören natürlich die See, die diese Kameradschaft erschuf und zugleich zu vernichten versuchte, die ein Feind war, ein geliebter Feind und gleichzeitig die Geliebte, dahingestreckt im Abendsonnenlicht – gleichsam Glück und vielleicht das Ende vom Glück, eines Tages.

Das ist, in groben Zügen, die Geschichte von “John Marr”, des ersten Gedichtes dieses Bandes; es ist mit einem Prosatext, der als Einleitung fungiert, kombiniert, etwas, dass Melville (wie im Nachwort sehr gut dargestellt wird) öfter in seinem Werk (vor allem in seinem Spätwerk) zu tun pflegte oder zumindest oft für die ersten Entwürfe plante.

Auch der Rest der Gedichte hat wie dieser Text eine sehr nostalgische, wenn auch nicht weinerliche Note; mehr wie die Nostalgie einer sturmgepeitschten Nacht, wenn es zugleich stürmt und doch irgendwie sehr still ist. Etwas Unabwendbares liegt in den Versen, und nicht nur weil sie hauptsächlich von Erinnerungen und Schicksalen handeln, von dem, was das Meer genommen hat, von dem, was man mit ihm erlebt hat und es doch nicht wieder erleben und kaum mehr spüren, nur noch ahnen kann, sondern weil es so unverwechselbar war.

Ansonsten haben die Texte sowohl Balladen-, als auch Erzählungseinsprengsel. Im zweiten Text “Bräutigam Dick” geht es zum Beispiel auch um die Seegefechte während des amerikanischen Sezessionskrieges und die dadurch entstandenen Neuerungen in der Seekriegsführung, die Einhergehen mit dem Untergang eines Zeitalters, einer Epoche der Segelschoner, Holzfregatten und Mann gegen Mann-Kämpfe an Deck. Sehr klassisch und schön fand ich persönlich die kleine Verserzählung “Die Seemöwen”. Man wird insgesamt viel Klassischem aus der Seefahrt begegnen, von Mythen, Tatsachen, über Matrosenschicksale, Geschichten von einzigartigen Männern auf See und der Furcht des Matrosen, seine Liebe zum Meer mit dem Leben, seine Abkehr davon mit dem Verstummen zu bezahlen.

“Wirbelnde Wasser stürzen achteraus,
Der Bug, ein Sämann, streut die Gischt;
Segel gebläht, die Rah hält es kaum aus,
Der schwarze Rumpf die Flut vermischt
Zu einer Milchstraß, während Planken beben,
Frohlockend saust das Schiff, die Wimpel lustig wehen.”

Das Meer war Melvilles Metier. Im ständigen Kampf es auszudrücken, abzubilden, es nicht nur zu bereisen, sondern auch sprachlich zu erlangen und zu erfassen, lebte er und durch diesen Kampf kam er zu seiner literarischen Meisterschaft. Auch in diesen letzten lyrischen Werken – die erstmals 1888 in einer kleinen Auflage von 25 Exemplaren (auf Kosten des Autors) verlegt wurden, eigentlich lediglich für Freunde und Bekannte gedacht – zeigt sich diese Klasse, wenn auch etwas untergraben durch einen sehr starken Slang-Einschlag, der die Texte nicht unbedingt universell macht.

Zur Edition bei Mare: Sie ist wunderbar aufgemacht, in einer Kombination aus den Texten und einigen kleineren, einfachen Bildern/Zeichnungen (alle ähnlich der Art der Abbildung auf der Schuberfront). In Sachen Übersetzung, Anmerkungen und Nachwort wurde sehr gute Arbeit geleistet, gerade die Anmerkungen erleichtern das Leseerlebnis. Es wurde davon abgesehen das englische Original direkt neben dem deutschen Text abzudrucken, stattdessen wurde erst der ganze deutsche Text und im Anschluss dann noch einmal, als Anhang, die komplette englische Fassung abgedruckt. Es lässt sich darüber streiten, ob das eine gute Idee war. Wer gerne zugleich englischen und deutschen Text vor Augen hat wird sich ein wenig ärgern, aber da die Texte wie gesagt gut übersetzt wurden ist das mehr eine Eigenheit denn ein Makel.

Als Fazit: Wer erzählende Gedichte schätzt, Gedichte vom Schicksal und der Seefahrt wird ohne Zweifel des Öfteren zu diesen Gedichten greifen wollen; wer ein ästhetisches Erlebnis bei einem guten Buch schätzt wird ebenfalls erfreut sein. Um wirklich klassisch zu sein ist diese Lyrik zwar etwas eigen, aber sie hat diese Symbolik, diese stets herausschwingende, unbeschwerte Art den Leser von Zeile zu Zeile mit ihrem Kosmos und ihrer Geschichte zu locken – etwas, dass man fast wieder klassisch nennen könnte.

Link zum Buch

Weitere Buchempfehlungen zu Melville

Meistererzählungen
Moby Dick oder: Vom Ungeheuren, ein Mensch zu sein. Eine tiefenpsychologische Deutung
Das lyrische Werk Hermann Melvilles. Eine Studie
Außerdem gibt es noch einen sehr guten Text über Melville und “Moby Dick” in Djians Hommagebuch In der Kreide

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s