Kurz: zu Austers Gedichten in “Disappearances/Vom Verschwinden”

“Hier
wirst du schlafen, eine
am Stein vertäute Stimme, die sich durch
dies leere Haus bewegt, das dem Brand lauscht,
der es zerstört hat. Du
wirst anfangen. Deinen Leib
aus der Asche zu ziehen.”

Paul Celan, John Ashbery, Giuseppe Ungaretti (und unzählige französische Poeten des 20. Jahrhundert) – über diese Dichter schrieb Paul Auster in seinen frühen literarischen Essays (Die Kunst des Hungers), bevor er sich ganz der erzählenden Prosa widmete und als Romancier bekannt wurde. Die meiste Zeit sah er sich mehr als Dichter, denn als Prosaautor (und seine in Paris verbrachte Zeit nutzte er fast nur, um Gedichte zu schreiben).

“Schriftrollen deiner zweiten Erde, enträtselt
von meinen langen brandstiftenden Händen.
Der Himmel in deinem Namen – er gleitet
Böschungen aus Blau hinab: der Himmel
überschreitet den Weizen.”

“Fluch überschäumt

Prophezeiung: Die Gletscherrose
vermacht ihre Dornen dem Atem,
der mühsam nach Blick und
Vergessen strebt.”

Wie man an den lyrischen Beispielen schon sieht, haben Ungaretti und Celan Auster wohl am meisten beeinflusst, wobei er schnell zu jener Art undurchdringlicher Bildprägnanzpoesie gelangte, die fast schon mehr an de Bouchet erinnert. Die meisten Texte sind in einen endgültigen Ton gekleidet, voller kontrastierender Metaphernkonturen und aufgebrachter Unnahbarkeit. Und vor allem: voller Verschwinden.

“Schulter
an Schulter mit dem Staub, vor
der Klinge und hinter
dem hohen dürren Gras,
das mit mir schwankt, bin ich der Luft
gestammeltes Relikt.”

Sicherlich ist Auster kein schlechter Lyriker, auch wenn die hermetischen und düsteren Spielereien mir selbst weniger zusagen, da sie seltener Eindrücke verfestigen und auch weniger Emotionale Ideen zulassen.

Der Vorteil an dieser Art von Lyrik ist wiederum, dass man sie wahrscheinlich hundertmal lesen kann und dabei fast immer mit einem neuen Bild, einer neuen Zusammensetzung der Eindrücke konfrontiert wird.

“als ob auf der Strecke zwischen
Abend und Morgen
eine Hand
deine Seele genommen
und mit den Steinen
in den Sauerteig der Erde
eingeknetet hätte.”

Sprachlich ist Auster ein erbarmungsloser Dichter, was seiner Lyrik aber auch einen Nachdruck verleiht, der sie von bloßen Gelegenheitsdichtungen abhebt. Es gereicht ihm zu Vorteil, dass die Dichtungen aus vielen Jahren erst so spät zur Veröffentlichung kamen – so kannte er vieles aussortieren und nur den Kernbereich behalten, die Texte, die er heute noch für gut hielt und gelten lassen konnte. Schade ist, dass der Band keinen Kommentar von Auster zu seinen Gedichten enthält oder sonst irgendwelche Anmerkungen. Erfreulich ist dagegen, dass die Ausgabe Engl./Deutsch ist.

Wer diese Textbeispiele liest (ich habe ganz unten noch reichlich zusätzliche hinzugefügt) kann, denke ich, bereits selbst entscheiden, ob er das unwirtliche und faszinierende “Land der letzten Lyrik-Dinge” von Auster betreten will. Sprachgewaltig wird er hier empfangen werden. Und was er findet, wird verschwinden; je mehr er findet, desto mehr wird verschwinden.

“Es gibt keine Grenzen
im Licht. Und die Erde
lässt und kein Wort für
unser Lied.
[…]
Die Welt,
die in mir schreitet,
ist nicht zu erreichen.”

“Der Stift
fährt über die Erde: er weiß nicht mehr,
was geschehen wird, und die Hand, die ihn hält,
ist verschwunden.”

“Herbst: Licht verzehrt
ein einzelnes Blatt: und auf uns ruht
der grüne Blick des Grüns.”

“Der Sommer
hält sein Versprechen,
indem er es bricht.”

“indes die ganze Luft,
ununterbrochen
in den grünen Augenblick
unserer selbst eingeht.”

“Als könnte
das Auge
mit dem Begriff des Regens
die Sprache jedes Augenblicks
auf der Erde
beherrschen”

Link zum Buch

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