Nadja Küchenmeister: “Alle Lichter”

“in einem haus, am ortsausgang, am frühen morgen
man ist kaum erwacht und hört: gesang der vögel
vor dem fenster und zieht sich mühsam aus der nacht”

Mühsam ist das richtige und gleichzeitig das falsch-zu-verstehende Wort, um die Verse von Nadja Küchenmeisters zu beschreiben. Denn es ist damit nicht gemeint, dass sie schwer zu lesen sind oder schlecht, sondern dass sie es sich nicht leicht machen, eine Bedachtheit an den Tag legen, die fast schon blass ist – und in all dieser Blässe doch hellwach. Man könnte auch einige Gedichte und ihre Wirkungen direkt mit dem Cover des Buches vergleichen, einer vom Regen beschlagenen Scheibe, durch die man das “Draußen” nicht mehr gut sehen kann, aber dafür etwas anderes stärker fühlt, etwas, das stärker auf einen zurückgeworfen wird als ein Ausblick. Ein Einblick vielleicht? Feststeht, es geht nicht um das Außen, sondern um das Innen im Außen.

“doch was geredet wurde, gibt das bild nicht her
[…]
das alles gleitet wieder durch die hände, wie der waggon der
eisenbahn, darin wir schliefen tief und fest, doch ich bin traurig

von den vielen bildern, weil das archiv sich niemals öffnen lässt”

Nadja Küchenmeister, 8 Jahre vor der Wende in Berlin geboren, ist keine manierliche, schlichte Dichterin. Sie ist sprachlich und perspektivisch vielfältig, wobei jedes ihrer Gedichte ein wenig demselben speziellen Holz geschnitzt ist, was sie dann und wann mit poetologischer Wortakrobatik zu abstrahieren versucht. Wie viele junge deutsche Dichter schreibt sie jedes Wort ihrer Verse klein, was bei ihren Gedichten allerdings passt und mitunter sogar folgerichtig erscheint, weil es den Sog und den inhaltlichen Abhang in ihrer Poetik gut wiedergibt.

Die Teile des Bandes, kurz näher betrachtet:

Der erste Teil: “sag nur kein Wort”. Gedichte, die von verlassenen Gefilden und verlassenen Momenten erzählen, abseits der Welt und aller Dinge, jedoch in der vagen Angst vor einem Ein/Anbruch anderer Dinge lebend. “Sag nur kein Wort um die Stille zu brechen” erscheint blind unter jedem Gedicht. Aber ist das nicht eigentlich eine Aufforderung? Auf jeden Fall steht die Welt in jeder Zeile dort vor der Stille und tut einen tiefen Zug hinein – heraus klingen verwaschene, vertiefte Bilder.

Der zweite Teil, “Echo”, ein Zyklus aus fünf Gedichten, ein Wust und ein SingSang der verpassten Gelegenheiten. Er geht wie ein Rausch mit wenig fassbarem vorbei.

“;und keiner weiß,

was die gedanken denken, als er am morgen
vor die haustür tritt: aber er weiß den weg
er kennt die stelle und etwas ist in seinem blut

wie schwarzes feuer, so beugt er sich der furcht.
der himmel hat wieder seine glasige bläue
in der die ringeltauben flitzen wie forellen.”

Der nächste Abschnitt, “Staub” ist ein etwas grauer und nichtssagender Teil, mit sehr unterschiedlichen Gedichten. Auffallen tun jedoch die guten und manchmal auch schönen Akzente, die Momentaufnahmen und solche Sätze wie: “die sonne brennt, den weg entlang, ganz ohne ziel”, die etwas Bewegung, eine scheue Dynamik in den Band bringt. Auch diese Gedichte stehen nah an einem innerlichen Abhang, aber sie wandeln ihn seitlich entlang, in tiefer, wenn auch manchmal kryptischer, Balance.

Der vierte Teil, “Briefe aus Eggesin”, wieder ein Zyklus mit 8 nummerierten Gedichten von gleicher Länge. Sie stellen (fiktive?) Briefe dar, die von einem Mann an seine Frau und Kinder gehen, derweil er in Eggesin zur Reserveübung weilt. Nach und nach begreift man, dass sich das Ganze in den Vortagen des zweiten Weltkriegs abspielt (Eggesin ist ein Ort in Pommern, sehr nah der polnischen Grenze und nah an der Ostsee.) Diese Briefe sind natürlich keine ganz wahrhaftigen Dokumente und auch nicht besonders informativ, doch trotzdem sind sie eine interessante Lektüre, was auch an sprachlichen Qualitäten liegt, die Küchenmeister hier filigraner und durchsichtiger gestaltet, als im übrigen Buch.

Der fünfte Teil “die stunden” ist der poetisch nachvollziehbarste und beste. Die Gedichte hier scheinen persönlicher Natur zu sein und liefern Gefühle in Kombinationen mit Gegebenheiten. So heißt zum Beispiel ein Gedicht “zu dir” und beschreibt einen Moment während einer Zugfahrt; die Einfachheit dieser Verse erzeugt, in der Kombination mit den beim Leser geweckten Eindrücken, die Intention die Emotionen des Autors als Erfahrung zu verstehen, eine augenblickliche und kurze Verbindung zwischen dem Lebenspool der Erfahrungen und den Worten. Für ein, zwei der hier abgedruckten Gedichte lohnt sich der ganze Band.

“du stehst noch einmal hinterm haus, es sieht
dich niemand für den augenblick bist du
dem sonnenlicht dir anvertraut: dem scharren

deiner füße im sand.”

Die Gedichte aus dem nächsten Teil, “Stille Kreise”, handeln mehrheitlich von Winter und der damit zugezogenen Einsamkeit und Kälte. Es sind innerliche, nicht unbedingt unschöne, eingefangene, feingemalte Bilder der Wahrnehmung.

Das siebte Kapitel, “fremde signatur”, fällt in dem Band aus dem Rahmen, ist eher roh, erzählt auf aggressive oder paralysierte Weise von Einsamkeit und Unsicherheit. Gedichte wie Stürme, aber ohne nennenswerten Nachhall oder eine offene Dialektik.

“vom fieber weichgekocht liegst du im garten/ der letzte Sommer bricht dir das genick”, so beginnt der 3 Zyklus dieses Bandes, namentlich “fieber”. Von ihm ist anzunehmen, dass er eine Art Sommeräquivalent zu “Stille Kreise” ist; und wo dieser die winterliche Kurzatmigkeit und innere Beseelung freilegte, fängt “fieber”, etwas geblendet und erhitzt, die Vorzüge und äußere Weite des Sommers auf schwirrende Weise ein. Von den drei Zyklen ist dieser der, den man mit der größten Gelassenheit und von Zeile zu Zeile springend lesen kann.

“du sitzt
am fenster, der wind kühlt dein gesicht durch

einen schmalen spalt. mit deinen fingern klopfst
du an gegen die stille, doch was dir antwort gibt
ist nur die armbanduhr.”

Der letzte Teil “nachbild” wartet noch mit 5 nachdenklichen, philosophischen Gedichten auf, die metaphysische Noten in sich tragen. Von allen Gedichten in diesem Buch, haben mich diese am meisten beeindruckt; sie wirken formvollendet und gesetzt. Schade, dass man den Band bis zum Ende lesen muss, um auf solche Verse zu stoßen. Was bleibt ist der oben bereits erwähnte Eindruck einer großen Vielfalt, einer Deckungsgleichheit zwischen den vielen Phänomenen, die enthalten sind und den Wörtern, die dafür gefunden wurden. Jedoch wirkt ihre Prägnanz so verstreut, dass man meint sie nicht gänzlich wahrgenommen zu haben. Vielleicht ist dieser Eindruck erwünscht.

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