Eine Film-Noir-Szenerie in den flüchtigen Scheinwerfern von Gedichten – Albert Ostermaiers “Polar”

“sie hat keine miene verzogen
die reglosigkeit ihrer leicht
geöffneten geschwungenen lippen
als müsste jedes wort seine flügel
zwischen ihnen ausbreiten und
warte nur auf einen hauch
aus ihren lungen”

Albert Ostermaier gehört zu den wichtigsten und produktivsten deutschen Dichtern. Dabei hebt er sich mit seinen meist großformatigen Bänden auf äußert sympathische Weise von vielem anderen ab und auch thematisch sind seine Verdichtungen und Schwerpunkte oft eine willkommene Abwechslung.
In diesem Band z.B.: geht es gezielt um das frz. Kino der 60er und frühen 70er Jahre; Alain Delon, Louis Malle, Jean-Paul Bellmondo und ihre Krimis, Thriller, die Geschichten von Aussteigern und Verlorenen in der Spät- und Hochzeit des Film Noir. Eine Filmart, für die die Franzosen das zugleich gefühlsintensive und gefühlskalte (also perfekt geeignete) Wort “polar” prägten.

“ein vages gelände brachland
der festgefahrene schnee
die zugefrorenen spuren
die multiplizierte einsamkeit
der hochhausetagen die kälte
des betons gegen die kältes des
windes”

Was machen diese sprödklaren Filme mit uns? Wenn Ostermaier über Alain Delon in Der eiskalte Engel schreibt “die/ glühbirne vergeudet sich an die/ kälte seiner augen”, was entsteht da in uns?… Es ist die Essenz des Film Noir, diese halbfiktive, durch die Lammelen der Jalousie hereinfallende, unter die Haut fahrende Nacht, gemischt mit Laternenlicht und kleinen Zigarettenglühpunkten, wie ohne Ton, aber mit Gefühl, in dem Nieseln und der schwarzen Asphaltregenschwärze.

Dieses Gefühl versucht Ostermaier in seinen fließenden Gedichten, ohne Punkt und Komma, einzufangen, zu inhalieren und uns den Geschmack und das Verlorene dieser Augenblicke wieder erleben zu lassen. Als Überschriften und Anstöße zu seinen 43 auf und ab schwankenden, wie ein Filmband über den Projektor ablaufenden Nachspürungen in Lyrikform, dienen 43 Filmtitel, in denen die Männer hart und kalt und die Frauen blass und noch stummer als ihre Blicke sind.

“die beiden männer wer sind sie
vielleicht in einem moment berühren
sie sich an ihren rändern und
das bild der nacht entwickelt sich
in ihrer dunkelkammer am ufer
des flusses vor dem ersten klaren
licht des morgens der es auslöschen
wird und in das leere album des tages
kleben mit einer träne auf dem
rücken des papiers”

“die
nacht ist eingebrochen in die
zuversicht der schwerelosen
stunden des nachmittags der
mond liegt wie eine mündung
auf die wand aus schwärze
gestützt die vögel schlafen in
ihren käfigen vor den fenstern
und verlieren unter ihren flügeln
die erinnerung an das fliegen”

Ostermaier ist ein beeindruckendes Experiment mit Sprache und Wahrnehmung geglückt. Es sind nur Momente, aber in diesen Momenten, wenn man 5-6 Zeilen lang durch das Geschehen fließt, wie ein Wassertropfen entlang des Eiszapfens, dann kann man nur von großer Dichtung sprechen, eine Dichtung, die ihrer Diktion gerecht wird und erreicht, was sie erreichen wollte. Man liest nicht nur vom Film Noir – man spürt die Idee des Film Noir, wie ein Gefühl von pladderndem Regen, fehlender Farbe in einem doch so ausdrucksstarken Bild.

“seine taschen sind leer
sein kopf voller bilder und drinks
ihre tränen wie eine laufmasche
im gesicht ihrer augen”

“dein bauchnabel ist das loch
in meinem herzen sonst liefe es
über ins leere und bliebe dort stehn
wie ein träumer den sein traum
vergessen hat”

“was
willst du glückliche liebe gibt
es nicht sie keimt aus den
leichenknöcheln und blüht in
der erinnerung des verlorenen du
trägst sie wie ein gift in dir das
nicht wirkt”

Ich kann diesen Band nur jedem Empfehlen der Dichtung gerne als “Erleben” betrachtet und der sich auch ungezügelt in das halbverschlossene Auge einer solchen Dichtung begeben kann. Die große Kunst eines Gedichts bleibt es letztendlich, die Grenzen wegzuräumen, zwischen sich und dem Leser und seinem Thema, sodass alles ineinander fließt und als eine neu Art von Vorstellung gerinnt. In “Polar” gelingt das zwar nur in einem Auf und Ab, aber auch das ist eine einzigartige, eindringliche Erfahrung. Chapeau, Herr Ostermaier!

“bis
die tür aufsprang und alles zu ihm
kam als träumte er noch immer
zusammengekrümmt wie ein embryo
auf seiner schlafcouch leichenblass
wie das mädchen im türrahmen das
vor ihm stand und zu glühen schien
im gegenlicht des treppenhauses
bis sie fiel”

P.S.: Außer den Gedichten sind auch noch zu jedem der vier Teile vier schwarz-weiß Fotos doppelseitig abgedruckt, die Szenen aus Filmen zeigen oder Kinokarten etc.

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