“Sommer vor den Mauern” von Nora Bossong

“Die Vögel in den Bäumen ich nenne sie Krähen
jemand sagt Drosseln sagt Spatzen unfassbar
wie weit man bisweilen mit Worten reicht.”

2012 ging der begehrte Peter-Huchel-Preis für Lyrik an die deutsche Dichterin Nora Bossong für ihren Gedichtband “Sommer vor den Mauern”. Dass der Band, als zweiter Gedichtband der Autorin, bereits in der Hanser Lyrik Edition erschien, war schon etwas Besonderes – der Preis, könnte man sagen, zeichnete ihn nun endgültig aus.
Der argentinischen Dichter und Essayist Jorge Luis Borges sagte einmal: “Die Europäer meinen, dass ein Buch, das einen Preis bekommen hat, gut sein muss. Der Argentinier gibt zu, dass es, trotz des Preises, nicht unbedingt schlecht sein muss.” Ein Zitat, dass auch die Europäer bedenken sollten.

Zu Anfang der Lektüre erscheinen die Gedichte Bossongs überraschend unscheinbar. Natürlich geht es nicht darum, immer sprachliches Konfetti zu werfen, sondern es tatsächlich lieber genau im richtigen Moment zu tun. Trotzdem: die Art, die Richtung, in welche sich die Texte formal bewegen, hat etwas Unverstelltes und ihre leicht gedämmte Filigranarbeit ist nicht das Problem. Nur geraten leider viele Gedichte (vor allem die in den ersten zwei Abschnitten) dank unscharfer Relationen und sprachlicher Bodenturnübungen, allzu leicht zu reinen Beobachtungscocktails – auch wenn sie noch so hehren Themen gewidmet sind. Möglicherweise hat diese Art der Darstellung eine Bezugstiefe, die mir entgangen ist und ich will nicht endgültig urteilen, aber die Wirkung bleibt bescheiden.

“Wache ich auf in diesem
Botanikerlicht, die Bilder
wachsen dichter um mich.
Ich habe mich ihnen ausgesetzt,
nur wer erklärt mir, wie was
und woran zu bestimmen ist?”

Wenig unwillkürliche Transparenz schafft Raum für tiefer gehende Ideen, für ein Geschehen unterhalb der funkelnden Hülle des Gedichts, ist aber auch keine Garantie für Tiefe.

Insgesamt kann man, sachlich, über den Gedichtband sagen, dass er sehr thematisch ausgelegt ist. Die Kapitel (Acht an der Zahl) reihen bestimmte Gruppen von Gedichten, die z.B. alle in Amerika entstanden sind. Ein Abschnitt, den ich für den gelungensten halte, beschäftigt sich mit den jüngsten 10 Päpsten (den amtierenden natürlich ausgeschlossen); in lyrischen Situationsaufnahmen, angefüllt mit historischen Einzelheiten und Eigenwilligkeiten der 10 Pontifexe, schafft Nora Bossang auf sehr elegante Weise eine Verknüpfung von Lebenswirklichkeit und -metaphorik, mit teilweise eigenwilligen Darstellungen. Diese Gedichte sind ehrlich, auch in ihren Bezügen (hinten im Band nachgewiesen) – und trotz der thematischen Grenzen ist die Freiheit in den Ausformungen und die sprachliche Auslegung so exakt und virtuos manifestiert, dass man wirklich eine Spur von Vollendung darin spürt.

“Auf einer Brücke stritten Kinder
um einen Schuhkarton, graue Pappe,
aus dessen Innerem ein Klirren drang,
als spielte die Dreieinigkeit mit ihren zarten Engeln
kegeln.”

Dagegen haben viele andere Gedichte diese, halbhaltlose, Suche in sich, zwischen Thema und Ausdruck. Auch dabei gelingen großartige Abbildungen, die innerlich eine nicht zu fassende Frequenz der Realität andeuten und bebildern und was durchscheint hat etwas ganz und gar Untransformiertes, Nahes. Aber zu oft scheint der reine Reiz der Texte in der Gedichtwerdung bestimmter Tatsachen, Orte oder Wesenheiten zu liegen und nicht in ihrem lyrischen Potential, das manchmal auch noch bewusst unterdrückt zu werden scheint, um die elitären Gewänder nicht zu verlieren. Dabei zeigt sich, wie ich finde, im Textausschnitt mit den Engeln, dass gerade eine kleine, kompromisslose Überwindung beeindruckend sein kann. Einfach, weil Gedichte auch etwas brauchen, was sie dimensional macht. Und da ist eigentlich nichts besser, als eine kleine sprachliche Erhöhung (die natürlich nicht plump einen Großteil oder das ganze Gedicht ausmachen sollte!)

“Beim Öffnen des Fensters
ein Windstoß aus Laub und vereister
Verkündigung, schnippe sie fort
aus diesem Gehege.[…]
Die Ewigkeit der Vororte.
Morgens wieder Sonnenaufgang, unwirklich,
einzustufen in die Kirchenfensterreihe,
rötliches Inkarnat. Wunsch, in die Höhe
zu fallen.”

Ich zweifle nicht an Nora Bossongs Talent und nach mehrmaligem Lesen ist mir natürlich auch der ein oder andere unbewusste Fehler meinerseits aufgefallen. Einige Gedichte sind einfach in sich selbst irgendwie bestechend, zum Beispiel das Gedicht über Mussolini und seine Geliebte, die von Partisanen tot an einer Tankstelle kopfüber zusammen aufgehängt wurden; es beschreibt diese Szenerie und unseren heutigen Blick darauf und endet dann mit dem furchtbar genialen Satz: “und wir, zwei dahergelaufene Zeugen,/ wissen wir denn, was Liebe war.”

Eine großartige, den Rahmen einer Erklärung sprengende, sprachliche Geste, unwillkürlich und genau zwischen allen Gesetzen der Ansicht, allein in der Wirklichkeit dieser Betrachtung liegend. Und es gibt natürlich noch mehr davon, vieles was Nora Bossong als große Lyrikerin auszeichnet. Und vielleicht ist letztlich jeder Vorbehalt ein Vorbehalt aus der Neigung heraus, kritisch zu sein, statt zu akzeptieren, dass man sich vielleicht die Idee jedes Gedichtes nicht ganz erschließen kann. So möchte ich denn am Ende sagen, dass ich Nora Bossong durchaus zutraue, dass in jedem ihrer Gedichte ein zu erfahrender Zusammenhang liegt. Und auch wenn ihre Betrachtungen allgemein etwas Verfremdetes haben, liegt gerade in dieser Verfremdung, wenn man aufpasst, ein ungeahnter Zusammenschluss verschiedener Formen von konzentrischer Wirklichkeit.

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