Zu den gesammelten Gedichten von Andreas Altmann: “Art der Betrachtung”, aus 20 Jahren

“um den sandsee schwimmen küstenspiegel.
die scherbenblätter wurzelloser bäume treiben
im steinfeld, das am ufer in den boden wächst.
der wind drängt leichtes licht durch ihre schatten.
festgeflogen hängen laute möwen in der luft.
die baumruinen zeichnen sich im himmel,
der das land berührt. an ihnen fließt die luft
in strömen.”

Wenn wir alte Wege entlanggehen, wenn uns irgendetwas erinnern lässt, wenn wir Geschichten aus unserer Kindheit oder von davor anhören, wenn wir Orte wieder sehen, meinen wir dort etwas verloren zu haben, können unseren Blick und unser Wesen nicht davon losreißen, weil wir meinen, auch etwas wieder finden zu können…

Die Gedichte des 1963 geborenen Dichters Andreas Altmann leben nicht selten in diesen Momenten, Sekunden, Nervenenden der Welt, wo sie sich von ihrer Verpflichtung den Raum mit der Zeit zu wandeln freizumachen scheint und ihre ganze Willkürlichkeit sich in etwas urzuständiges, klares verwandelt, das nicht mehr weiter wächst, sondern bloß älter wird, wie der Mensch.

“was bleiben wird, ist nie vergessen”

Gedichte mögen erfassen, aber sie können auch bei etwas verbleiben. Ihr Weg führt sie über Wörter und in die Dinge hinein, aber sie können den letzten Schritt auch lassen, wie auch mancher Ort das letzte uns vorenthält, wie auch eine Wahrheit uns das letzte letztendlich vorenthält. Wenn trotzdem die Schönheit und der Moment des Gedichtes nicht mehr zu leugnen sind, hat man sehr gute Gedichte vor sich. Andreas Altmann hat einige geschrieben.

“zeit ist ein verlassenes wort.
wir bewegen uns in ihr. sie schlägt uns
in bildern.”

Der Band ist nicht chronologisch, sondern thematisch sortiert. Es finden sich Gedichte aus 20 Jahren, die man unter den Überschriften: “Geschichten/ Dörfer/ Wege/ Schnee/ Liebe/ Räume/ Tod/ Bänder/ Grenzen und Spiegel” vorfindet. Unter den einzelnen Überschriften sind die versammelten Gedichte oft etwas ähnlich und möglicherweise wäre eine chronologische Abfolge doch besser gewesen. So ist es vielleicht zu empfehlen, das ganze wie ein Lesebuch querfeldein zu lesen.

“die nächtlichen worte des regens ziehen sich über
die straßen der vorstadt. und spiegeln ihr schweigen.”

Was Sprache eigentlich für die Dinge bedeutet, merkt man oft erst in Gedichten. Nicht nur, dass man sie damit erfassen kann – auch was sie zwischen einem selbst und den Dingen wirklich bedeutet, führt Andreas Altmann uns mit filigraner Geduld und Ruhe vor. Wo die Beziehungen der Dinge zu uns eine seltsam eindrückliche Note hat, setzt er an und führt uns noch tiefer hinein, manchmal bloß bis zur illuminierten Freiheit der Vorstellung, aber manchmal auch bis zu einem stillen, vergangenen Ort, in dem die Resonanzen des Lebens ihre Bedeutung und ihre Wirklichkeit erahnen können.

“im schnee erschienen die worte klarer,
als ließen sie farben in der stimme zurück […]
die augen
tränten im wind, konnten nur sehen, was sie blind machte”

Viele Wesenheiten – viel, was man durch Altmanns Verse erkennen, bewundern und erfahren kann. Gedichte sind es, die man nicht bloß einer schnellen Aufmerksamkeit unterziehen sollte – man muss schon ein-zwei Schritte in ihnen gehen. Doch es sind Wanderungen, die uns mehr betreffen als wir vielleicht anfangs und gegen Ende ahnen – wie bei so vielen Dingen, die das Leben beinhaltet.

“das meer schäumt an den spitzen. du hast ein herz
aus steinen in den sand gelegt, das in ihm schlägt”

Mir persönlich haben die Gedichte gut gefallen und die kleinen Tropfen ihrer Berührung haben großes Potential, wenn sie auf die innere Wasserfläche eines aufmerksamen Betrachters fallen. Ich hatte von Anfang an das Gefühl wenig mehr über sie sagen zu können und vielleicht habe ich auch nur Unwesentliches gesagt. Dann kann ich nur mit einem letzen Versuch schließen: Gedichte werden während des Lesens zu einer ewigen Geschichte zwischen dem Leser und dem Gefühl einer erweiternden Wirklichkeit, die sich auf ganz viele Spiegel und Bilder in den Weiten von Kunst und Welt verteilt, bis sie im einzelnen nur noch ein kleiner Moment ist. Die Geschichten die wir Andreas Altmann verdanken sind weder groß noch prachtvoll gerahmt – aber sie sind natürlich und in ihnen ist der Blick eines einzelnen, der es schafft etwas für einige andere zu vollbringen.

“fenster sortieren den wind
leere felder erröten am abend”

“ein zitternder
wind gleitet an jungen blättern ab”

Link zum Buch

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