Zu Paul Muldoons Lyrik

“So, wie der größte Teil des Windes
Dort geschieht, wo es Bäume gibt,

Ist der größte Teil der Welt
Um uns selbst zentriert.

Oft wird, wo der Wind die Bäume
Versammelt hat,

Ein Baum den anderen
In seine Arme nehmen und halten.

Ihre Zweige, die wie wild
Zusammenschrammen,

Es ist kein echtes Feuer.
Sie brechen einander.

Oft denke ich, ich sollte wie der
Einzelne Baum sein, nirgends hingehen

Da mein eigener Arm den andern weder brechen
Könnte noch wollte. Doch mit meinen gebrochenen Knochen

Sage ich neues Wetter voraus.”

Die Lyrik spricht selten mit der gespaltenen Zunge der Lüge, aber nicht so selten mit der gespaltenen Zunge der Zweideutigkeit, die ein paar offensichtliche Bilder hinblättert und doch zugleich einen ganz anderen Verlauf, einen ganz anderen Wesenszug der Worte im Sinn hat. Solche Gedichte sind weder einfach zu lesen, noch zu verstehen, noch zu genießen; ihre Stärke liegt in ihrer sprachlichen Anatomie (und Autonomie), in ihrer beherrschten Kunsthaftigkeit, doch ihre Schwäche ist die zu geringe und gleichzeitig zu große Wurfweite zwischen Sinn und Bezug, in den Räumen der Wörter.

Oft wird darauf hingewiesen, dass solche Lyrik oft nur deshalb schwer zu erfassen ist, weil man sie von seinem Standpunkt aus liest und nicht von einem Standpunkt im ursprünglichen Kreis ihrer Entstehung. Es wird wohl ewig ein Streitpunkt bleiben, ob das Gedicht dem Leser oder sich selbst verpflichtet ist. Beide Varianten haben großartige Gedichte hervorgebracht.

“Obwohl wir an ihrer Seite liegen, werden wir nie verstehen,
Wie weit unsere Straßen nun eigentlich gehen,
Oder so hätten wir’s gerne. Sie enden wie wir –
Tot in den Betten, ihr Verlauf ein bisschen wirr,

Mitten im Satz an ihren Kais.”

Auch die oftmals sehr erzählerische Lyrik Paul Muldoons muss zur sich selbst verpflichteten Poesie gezählt werden, vor allem weil man nicht selten das Gefühl hat, er spreche vor allem MIT sich selbst. Da sind plötzlich Ereignisse, Geschichten, Historie und Mythologie, die auf der abgewandten Seite der Sprache tanzen, sich vermischen und doch etwas ungeheuer eigenes bleiben. Seine Gedichte haben etwas leicht entrücktes, dass sich um die Transformation herum, in den Vorfällen, Parabeln und Skizzen, um scharfsinnige Betrachtungen und lyrische Punktierungen bemüht. Wiederum wirkt trotzdem jeder der Texte authentisch und gelöst von einer einfachen, klassischen Gedicht-Ambition – wie ein kleiner Weg, der von der großen Straße abgeht und zu einem einzigartigen Abschnitt in einem unbekannten Wald führt, in dem eine alte Mühle, ein einsames Wirtshaus oder ein Wegweiser, der im Gestrüpp verwaist, steht.

“Der Igel verrät
Nichts, er behält sich für sich.
Wir fragen uns, was ein Igel
Zu verbergen hat, warum er so misstraut.

Wir vergessen den Gott
Unter dieser Dornenkrone.
Wir vergessen, dass nie wieder
Ein Gott der Welt vertrauen wird.”

Es ist eine Lyrik voller Anhängsel und einge”igelter” Momente, eine Lyrik, die nicht auf Räume, sondern vor allem auf Stimmungen, Fragen und Mythen setzt. Eine Lyrik, die nicht zu erforschen sucht, sondern sich zaghaft vergewissert und diesem Vergewissern noch einiges an die Seite stellt, um den Dimensionen von Erinnerung, Traum und Reflektion gerecht zu werden.

Wenig spektakulär ist das Ergebnis dieser Vorgehensweise; dafür finden sich viele Gedichte, die vom Papier aus eine sehr mächtige Stimme erheben, eine Stimme, die nicht Vernunft oder Farben beschwört, sondern vielschichtige Erinnerungsarbeit, Sagenstoffe mit Gefühl, Umstände, Beschwörungen des Alltags und noch speziellere Symbole und Ideen.

“Hingestreckt liege ich unterm Pultdach
Eines alten Tabakschuppens
Auf einer Farm in North Carolina.
Im Hornstrauch singt ein Kardinal
Aus Freude am Marihuana.
Sein Lied geht über meinen Verstand.
Es liegt ein solcher Glanz im Gras,
Fast bin ich ein Inbild des Glücks.
Doch wie sehr fehlen mir
Die niedrigen Hügel, der endlose Himmel,
Das Weideland, das Welle um Welle
Heranwogt und ebenso gewiss
Vor meinen blonden Füßen hält.
Was immer vorübergeht, übergeht mich.”

Man sollte sich eine Weile Zeit nehmen, um diese Lyrik zu lesen (unter Zuhilfenahme der Übersetzung, die zumindest sehr wortgetreu ist, kann man auch den englischen Text problemlos auf sich wirken lassen). Manches Gedicht wird man vielleicht erst in einem bestimmten Moment verstehen, manches ergibt sofort einen Sinn, deren Sinnzusammenhang trotzdem ungeklärt bleibt. Mir persönlich hat die große Ehrlichkeit gefallen, die in jeder Herangehensweise Muldoons liegt; die Fähigkeit, sich jedem Thema auf seine eigenen Art zu nähern.
Zum Schluss noch ein Gedicht, dessen ein wenig verschlüsselter Sinn zumindest mich auf eine Reise in meinen ganz persönliche Erinnerungsbrunnen schickte, weil er uns zeigt, dass auf der Welt doch etwas zusammenhält:

“Wie oft habe ich unser Familienwort
für die Wärmflasche
in ein fremdes Bett getragen,
[…]
ich habe es in so viele schöne Köpfe getragen
oder zwischen uns gelegt wie ein Schwert.”

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