Kurz zu Gehard Meiers Gedichtwerk in “Einige Häuser nebenan”


“Der Acker hißt die Maisblattsegel
mittschiffs
einsamer Passagier
die
Vogelscheuche.”

Es ist mir immer sehr schwer gefallen über Lyrik als ein Spiel der Symbole zu schreiben. Wenn der Winter (pauschal) die Trauer, der halbe Mond über dem abgebrochenen Zweig die Liebe ist und die See das Ewige, was ist dann der Inhalt des Gedichts? Eine geometrische Figur der Fingerzeige?, ein Konstrukt, dessen Schönheit sich aus dem Folgen mit den Fingern entlang der eingeritzten Linen erweist.

Nein, zumindest für mich nicht. Denn die besten Gedichte treffen einen doch wie die anderen großartigen Erlebnisse und Ereignisse ganz plötzlich, ja die Kraft und Weite dieser Momente ist oft erst im Nachhinein voll erfassbar, weil man es währenddessen erstmal total genießt, total darin ist. Der Zauber eines Gedichts ist in etwa wie ein tiefenräumiges Bild: zuerst schaut man nur und dann erst fängt man an zwischen den Farben und dem Sinn und der Form zu differenzieren.

Gerhard Meier, geboren 1917, gestorben 2008, war ein Meister der Prosa. Seine Amrainer Tetralogie ist bis heute ein wichtiges Werk der knappen, deutschen Innerlichkeit. Bevor er diese Vollendung seines Werkes erreichte und bevor er seine ersten Romane schrieb, veröffentlichte er zwei Gedichtbände und einige Bände mit kurzen Prosacapriccios. Gerade auch die letzteren sind von großer poetischer Schönheit und können zum dichterischen Frühwerk gezählt werden.

“Am Kran
hängt der Mond
an Wänden der WCs
van Goghs vervielfältigte Zugbrücke
In Schneedünen liegen Häuser
An Cheminées spricht man
vom einfachen
Leben

Wind
Sanftmütiger
seit langem versuchst du
den Bäumen das Gehen beizubringen du
Unbelehrbarer”

Insgesamt ist das lyrische Werk Meiers leider sehr übersichtlich, obwohl sich seine Poesie, wie bereits erwähnt, in der Prosa fortsetzt. Hier und da ist auch etwas gereimt, aber am sichersten sitzen die einfachen, freien Verse, da muss Meier keine Abstriche bei seiner eigenwilligen Stilistik machen.

Die meisten der Gedichte sind Momentaufnahmen; kaum eines ist länger als eine Taschenbuchseite, viele nur halb so lang. Eingefangen wird jedoch sehr viel, von der Stimmung am Anfang und Ende der Jahreszeiten, über viele bezeichnende Nebenattitüden (“Gehirne müllern/wie immer/Geist” – “Alte tragen ihr Weltbild/ durch die Städte”) bis hin zu eindrucksvoll-melancholischen Rahmungen des Weltgefühls. Wirkliche Geschichten gibt es nicht, auch keine Meinungsgedichte. Es ist der leise und doch immer wieder mit wunderbaren Wendungen aufwartende Ton (“Im Panzerschrank des Zivilstandsbeamten/ blühen die Stammbäume”), der die meisten dieser Gedichte zu kleinen Perlen macht, und sei es auch nur um sie einmal mit viel Genuss zu lesen und im Geist zu spüren.

In der Art der Diktion und kargen, melancholischen Schönheit, haben mich diese Gedichte vielfach an den Dichter Rainer Malkowski erinnert, auch er ein wunderbarer Maler von Skizzen, denen man die Farben selbst zugibt. Ich empfehle ihre beiden Werke weil ich der Überzeugung bin, dass wir Gedichte brauchen, um uns selbst immer wieder einen Eindruck von der Schönheit der Sprache und den Zügen der Wirklichkeit zu geben. Dafür müssen wir, wenn wir wollen, nicht einmal abstrakte Worte im Kopf hin und her wenden oder unsere Zähne in die Lyrik ausländischer Autoren in schlechter Übersetzung schlagen (was hier nicht polemisch, sondern augenzwinkernd gemeint ist), denn es gibt so viele gute deutsche Dichter, bei denen es einfach reicht ihre Bücher in die Hand zu nehmen, sie aufzuschlagen und einfach nur zu lesen und zu staunen. Gerhard Meier gehört zu diesen Dichtern. Auch nicht jedes seiner Gedichte kann gut sein, aber wer suchet der findet. Wie Erich Fried schrieb:

“Wer von einem Gedicht seine Rettung erwartet,
der sollte lieber lernen, Gedichte zu lesen.
Wer von einem Gedicht keine Rettung erwartet,
der sollte lieber lernen, Gedichte zu lesen.”

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