Zu Jehuda Amichai

“…und der Mond, wie ein große Kanne, neigte sich und begoß meinen durstigen Schlaf…”

“Siehe, Gedanken und Träume spinnen über uns
ein Kreuz und Quer, ein Tarnungsnetz
und die Spähflugzeuge und Gott
werden niemals wissen,
was wir wirklich wollen
und wohin unser Weg geht.

Nur der Laut, der aufsteigt am Ende der Frage,
steigt weiter über die Dinge hinaus und bleibt oben,
auch wenn ihn Granaten auslösten,
wie eine zerrissene Fahne,
wie eine gespaltene Wolke.”

Das abstrakteste Wort für Heimat bleibt Heimat, hat Brecht einmal gesagt. Und bei vielen anderen Dingen ist es ebenso; tagtäglich begegnen wir ihnen, diesen Begirffen und sie heißen, wie sie heißen und benennen Liebe, Angst, Wut, Sehnsucht, oder auch Du und Ich und wir und alles, Leben und Sterben.

Gedichte öffnen eine Tür zu diesen Begriffen, die sich im Gebrauch schon abgenutzt haben und ihre Bedeutung oft nur durch Kombinationen und Verdeutlichungen wiedergewinnen können; Gedicht sind ein sich annähernder Umweg, der zu dem Ton, der Gewichtung, dem Bild, der Empfindung eines Gefühls oder einer Idee, einer Stimmung führen kann, welcher in seiner normalen Bezeichnung keinen Ausdruck mehr findet, weil Sprache im Grunde eben nur ein Bezeichnungsebene ist, die das Gedicht in größeren Zusammenhängen zu etwas Besonderem machen kann, etwas Spürbarem. Ich und wohl auch viele andere lesen deswegen Gedichte, wegen der Möglichkeit, diese Wege zu begehen und zu erfahren; nicht nur deswegen, aber auch deswegen.

“Nach Mitternacht, als unsere Worte begannen,
die Welt zu beeinflussen,
legte ich meine Hand auf deine Stirn:
deine Gedanken waren kleiner als ein Handteller.
Doch ich wusste, dass war ein Irrtum.
Wie der Irrtum des Handtellers,
der die Sonne verdeckt.”

Man muss nicht Gedichte analysieren, um sie zu verstehen. Und man muss Gedichte nicht verstehen, um sie zu analysieren. Ich persönlich habe immer nach Gedichten gesucht, die nicht interpretiert, sondern nachempfunden werden wollen als die Verdichtung einer Idee, die direkt von der Wirklichkeit abstammt. Ich habe viele Dichter gefunden, deren Gedichte dies können (wobei viele von ihnen sicherlich auch interpretiert und analysiert werden können.)

Jehuda Amichai, ein bedeutender Dichter Israel gehört bedingt auch zu dieser Sorte von Dichtern, wobei seine Dichtung zweischneidig ist. Sie hat klare, wortmalerisch-suchende Aspekte, aber auch eine zeitlose mystische Komponente, die ganz selten sogar kabbalistische der judäischen Religionsphilosophie innehat. Natürlich wartet seine Lyrik auch mit einigen charakteristischen israelischen Lebensrealitäten und -metaphoriken auf. Zwischen der europäischen “Tradition der wechselnden Traditionen” und deren schlussendlicher Liberalität und der bewussten Tradition östlicher und arabischer Lyriken, steht Jehudas Werk auf sehr eigenen und doch von beiden Seiten aus zu erreichenden Gründen.

“Der Abschied von einem Ort, an dem du
keine Liebe hattest, enthält den Schmerz
über all das, was nicht war. Und die Sehnsucht
nach dem, was hier sein wird, nach dir.”

Es ist eine zarte, sehr individuelle Lyrik – ein gutes Beispiel für eine Poesie, die einen klar verorteten Hintergrund und Ausgangspunkt hat und eine einfache, von dort aus wachsende Sprache, die sich nicht zu hoch reckt und nicht zu weit ausbreitet. Teilweise ist geerdete Art mit ihrer einfachen Bildersprache sehr lesenswert, teilweise schon wieder sehr in sich versunken. Es gibt 4-5 Gedichte die wunderschön und durchgängig stimulierend auf die lesenden Zellen des Körpers und des Geistes wirken. Und einige Gedichte, die für einen Leser, der gerne eher seichte und nebulöse Gedichte, mit ein bisschen abstrakter Begriffmalerei liest, auch das richtige sein dürften.

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