Opera / Choral – Jean Cocteau, Gedichte zum Ersten

“Dass ich vom Zufall des Mysteriums profitier,
Von Himmelsfehlern auch, ich muss es eingestehen.
All meine Poesie liegt darin: Ich kopier
Das Unsichtbare bloß (nur könnt ihr es nicht sehen).”

Jean Cocteau – vielleicht der einzig wahre entfant terrible der frz. Literatur; exzessiver als Rimbaud in seinem Leben, konsequenter als Apollinaire in seinen Dichtungen, visionärer in seien Abgründen als Genet. Und doch hat er eines der schönsten, geheimnisvollsten und einzigartigsten Bücher aller Zeiten geschrieben: Kinder der Nacht. Hinter diesem Meisterwerk muss vieles zurückstehen, sowohl die griechisch-antik orientierten Anarchie-Dramen und auch die sonstigen Prosawerke, ebenso wie die Gedichte.

“Hier singt die Nachtigall wie unsre Welt verendet;
Gott kommt als Freund daher in ihrem Tränenschwall.
Ein Stoß trifft sie ins Herz, ein Kiesel, abgesendet
Von einer Schleuder, holt herab die Nachtigall.”
[…]
“Matrose, steh auf, die Geographie!
Auf Sternenzweigen wiegen sich die Vögel,
Judas, wieder erkannt auf der Photographie,
Der Engel hängt im Netzwerk seiner Segel.”

Französische Dichter haben den Hang elementare Dichter zu sein; in ihrem Land sind fast alle neuzeitlichen Schulen gegründet und jede Art von Avantgarde betrieben worden – und die wichtigsten Dichter Frankreichs sind bis in die heutige Zeit für ihre extravaganten Dichtungen bekannt, selbst der fast schon klassische Francois Villon (wobei Victor Hugo eine Ausnahme sein mag.)

“Was ich auch tue, ich errege Anstoß”, soll Jean Cocteau einmal gesagt haben. Sicherlich hat er damit nicht nur sein Leben, seine Affären mit Männern und Frauen (unter denen sich auch einige Adelige befanden), seine Opiumsucht und seine zeitweilige Sympathie für fragwürdige Systeme wie den Faschismus gemeint, sondern vielmehr sein vielfältiges künstlerisches Werk, dass sich vom Film über die Literatur bis hin zur Malerei erstreckte. Cocteau, der immer darauf bestand, nur Dichter zu sein und der sein gesamtes Werk “Poesie” nannte, wird heute in seiner Funktion als Universalgenie, viel zu oft übersehen. Sein dichteres Werk ist bei all dem noch am meisten klassischen Formen und persönlichen Themen verpflichtet.

“Der Schlaf ist eine Fontäne.
Versteinernd. Der Schläfer nickt ein,
Die ferne Hand wird ihm Lehne,
Er selber zum farbigen Stein.”

Die beiden hier enthaltenen Lyrikbände Cocteaus, “Opera” und “Choral”, sind die frühsten lyrischen Arbeiten. Das erste, Opera, ist ein ziemlich wüster Zusammenschnitt aus Gedichten, Prosaskizzen und 3-4 sehr kurzen Dialogen; es sind allesamt Farbengemische, Spielereien, unter dem Einfluss von Opium und surrealistischen Ästhetikansätzen entstanden. Ihre große Bilderkraft, ihre Spektraltiefe und ihre schwimmende Leichtigkeit, sind sehr konträr gesetzt zu den teilweise sehr bizarren Windungen, die vor allem die Prosaskizzen aufweisen. Vieles wird wild durcheinander geworfen, verfremdet und gleichzeitig assoziiert. Wer Opera lesen will, wird sich wahrscheinlich vorkommen, als hätte man ihn mit Poesie übergossen. Wiederum: einige wunderbare Bilderflecken wird man so leicht nicht mehr aus dem Mantel seines Gedächtnisses herausbekommen.

Die Zusammenstellung für “Opera” entstand in einen Sommer, den Cocteau im Hotel Welcome an der Côte d’Azur verbrachte. Er schrieb sehr viele Gedichte und nur wenige, die gelungenen, wählte er dann für “Opera” aus, sodass dieser Band mehr eine Collage, ein Magazin, ein Lesebuch darstellt, eine Verbindung heterogener Ideen und Ansätze.

“Choral”, der zweite Band, geht in eine ganz andere Richtung. Er setzt sich aus homogenen, strengen Versen zusammen; in der Mitte wandelnd zwischen Tradition und seinen eigenen kreativen Heimsuchungen, hat er mit diesen Liebesgedichten an seinen Freund Raymond Radiguet eine tief zerrissene Poesie der Sehnsucht und der Vereinnahmung erschaffen, ein Sinnbild, das in Schwarz und Weiß, gleichsam Verlangen und Vergehen, Liebe und Tod, zeigt; das Buch erschien kurz vor Radiguets Tod an Typhus im Jahr 1922. Es ist ein Bekenntnis und ein zutiefst menschliches Werk.

“Wir müssen uns beeiln, die Zeit verrinnt ja bald,
Lass uns Enthaltsamkeit und Ruhedurst verneinen.
In ein paar Tagen, da wirst du noch jung erscheinen,
Ich jedoch nicht. Ich bin jetzt dreißig Jahre alt.”

Cocteaus Gedichte sind eine Sache für sich, wie so oft bei französischen Dichtungen. Ihre Triebfeder und ihren Glanz, stellen nur die Gedichte selbst, mit ihrer nie endenden Suche in den Schatten. Einzigartig bildervoll und bilderscheu, dabei immer wieder unwillkürlich, in Farbengemischen zwischen Tiefschwarz und “Sonnenlichtdurchpiniennadelnmandelgelb” wandelnd, so bewegt sich Cocteaus Lyrik. Manche werden meinen, dass solche Dichtung uns nichts wirklich zu sagen hat; doch andere halten dagegen: Immer wieder aufs Neue hat sie uns etwas Neues zu sagen.

“Der Himmelsbaum war mein, Gewächs von Adernschlingen.
Wo Stille als Musik aus Bambusflöten dringt,
Wollen Chinas Henker mich gleichwohl zum Schweigen bringen
Und streicheln zart den Tod, damit es auch gelingt.”
[…]
Ich sang, die falsche Uhr der Zeiten zu betrügen,
Auf mannigfache Art.
Das hat vorm Drang der Gewohnheit Lob zu lügen
Und noblem Eis bewahrt.”

Link zum Buch

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