Über das epische Erzählen, Weben, Singen des Jannis Ritsos, “Unter den Augen der Wächter”

“Ich weiß,
die Dichter beflecken nicht
mit ihren Tränen
die gläsernen Städte.
Sie wachen mit
ihrem reinen und ungetrübten Blick,
um das Frösteln des Lichts
und die Handflächen des Weltalls zu zählen.”

Jannis Ritsos gehörte, um es gleich im Voraus zu sagen, zu den epischsten und produktivsten Dichtern des zwanzigsten Jahrhunderts. Wo die Werke von Kavafis oder Odysseas Elytis nur eine vergleichsweise kleine Zahl von Gedichten umfassen, die in eine Einbandgesamtausgabe passen, würde das gesamte dichterische Werke von Ritsos gleich mehrere Bände füllen. Sie sind auch lange nicht so formidable wie die Werke seiner griechischen Zeitgenossen, dafür aber sehr natürlich-universell, ehrlich und kraftvoll.

Neben klassischen Gedichten und längeren Zyklen hat er auch für sich eine neue Art von Lyrik, in Verbindung mit der Dramatik, geschaffen, die in dieser Auswahl leider nur in sehr kleinen Auszügen zugänglich ist.

“Ein wirkliches Gedicht hält sich niemals in der Ecke der Träumerei auf.
Es ist stets zur erforderlichen Stunde da wie der bewusste, bereitwillige Arbeiter,
es ist ein entschlossener Soldat, der “hier” ruft beim ersten Appell seiner Zeit.”

Ritsos lebte in bewegten Zeiten (1909-1990). Seine Heimat Griechenland machte in schneller Folge sehr viele tief greifende Veränderungen durch, angefangen bei dem Einsturz des feudalen Systems vor und im ersten Weltkrieg, dann die Okkupation im Zweiten Weltkrieg durch die Achsenmächte, dann die Nachkriegswirren, Militärdiktatur und Wirtschaftskrisen.

Ritsos war sowohl im Krieg, als auch während der Militärdiktatur in Gefangenschaft und in Arbeits-/Verbannungslagern, weil er sich für eine sozialistischorientierte Demokratie stark machte.
In seiner Lyrik bewegt er sich gleichsam abseits und in den Erfahrungen seines Lebens. Er dichtet keine politischen Gedichte, aber einige seiner Gedichte sind nicht ganz unpolitisch. Er ist kein Gesellschaftskritiker, sondern ein lyrischer Erzähler und Antaster, aber trotzdem erzählt er eben auch von der Gesellschaft und dem Guten und dem Bösen darin.

“Schön waren jene Tage auf den Plätzen der Viertel,
und barfüßige Kinder in geflickten Kleidern
riefen Worte aus – sprachen über die Zukunft,
öffneten mit ihren erregten Fingern große Fenster in den Himmel.”

Vor allem ist Ritsos ein Dichter der Hoffnung und des Einklangs. In allem, was er schreibt ist das Sonnenuntergangsgefühl enthalten, mal offensichtlich, mal unterschwellig, mal melancholisch, mal beschwörend, mal nur gefühlt in Stil und Takt. Oft kann man geradezu sängerische Passagen in seinen Texten finden, die klassischen griechischen Volksliedformen oder epischen Gesängen ähneln (viele seiner Gedichte wurden später auch tatsächlich vertont, was ihn erst in seiner Heimat und darüber hinaus richtig bekannt machte). Doch zu schlichten Gedichten werden sie wieder durch ihre Natürlichkeit, ihren aufblitzenden, unpathetischen Streifungen.

“Freude, Freude, Freude –
Wir haben das große Unabsichtliche berührt,
das keine Absicht erfordert.
Gott selbst verwirklicht sich
in unserem Kuss.
Stolz erfüllen wir den Auftrag
des Unendlichen.”

Man sollte Ritsos lesen wenn man viel für die unwillkürliche und einfache Schönheit übrig hat, die eine Erzählung im Gewand von Dichtung und Darreichung bieten kann; dennoch sollte man auch ein bisschen Konzentration und Aufmerksamkeit mitbringen, denn wie immer zeigt sich die wahre Größe auch dieses Lyrikers in den beinahe wie unabsichtlich daherkommenden Zeilen, in denen er an uns selbst heranzutreten scheint und kurz für uns das Buch des Lebens auf einer uns bekannten Seite aufschlägt und uns aufzeigt, wie wir sie noch nie gelesen haben. Wir ahnten es und diese Ahnung erfährt in der Textzeile eine neue Form von Wirklichkeit.

“Viele Gedichte sind wie silberne Fäden,
an die Glöckchen der Sterne gebunden –
wenn man dran zieht, lässt ein silberheller Glockenschlag den Horizont erschüttern.”

“Der Tag brach an.
Eine Katze spielt auf dem Feld
mit den Zitronenbechern des Mondes.”

Gedichte sind da, um sich der Schönheit der Welt nicht nur zu vergewissern, sondern sie auch noch öfter zu erleben, als es gemeinhin vielleicht möglich wäre; also auch um sie anders zu erfahren. Viele von Ritsos Gedichten schaffen das, mit einfachen lyrischen Worten und schlichter, doch einfallsreicher Metaphorik, die im Ganzen über sich hinauswächst.

Ihm selbst sei das letzte Wort gegeben:

“In diesen Tagen jagt uns der Wind.
Rings um jeden Blick der Stacheldraht,
um unser Herz der Stacheldraht,
rings um die Hoffnung Stacheldraht. Sehr kalt dies Jahr.
Näher. Noch näher. Kilometerweit Wasser um dich herum.”

“Die anderen werden lächelnd sagen: “solche Gedichte
schreiben wir allemal”. Das wollen wir auch.
Denn wir singen nicht Bruder, um die Welt zu unterscheiden,
wir singen, damit die Welt sich vereint.”

Link zum Buch

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s