Zu Alice Walkers gesammelten Gedichten in zwei Bänden

 

I

“Durch die Schwermut, die auf mir lastete, ragen immer wieder wie Sonnenstrahlen Gedichte. […] Achte darauf, sagten sie, der grüne Baum, den du von deinem Strick aus siehst, wächst in dir. Der Fluss, in dem du dich ertränken möchtest, fließt in dir. Das Herz, das du bei deiner Schwester, deinem Mitmenschen vermisst, schlägt in dir.
Immer wieder bin ich ins Leben zurück gestiegen auf einer Leiter aus Worten, die aber letztlich das Unerforschliche gefügt hat.”
Aus dem Vorwort

Soviel Ich und so wenig “selbst” wie in Gedichten gibt es sonst in kaum einer literarischen Gattung (manchmal vielleicht noch im Tagebuch oder Brief, aber da ist es dann doch eher privat als persönlich und im Gedicht ist die Form viel eigenständiger). Das macht Gedichte gleichsam zu einer lebendigen (ein Ich ist immer lebendig) und doch oft ungenauen Erfahrung. Man muss wahrscheinlich hundert Gedichte lesen, bis man eins findet, dessen Worte und Wendungen wie Zahnräder in das lautlose Uhrwerk unserer Seele greifen und doch machen diese wenigen Gedichte unsere ganze Vorstellung von den Möglichkeiten lyrischen Erlebens aus, die wir dann in jedem Gedicht suchen. Und wer mit dieser Suche einmal anfängt, findet sich reich beschenkt und hört meist nie wieder auf.

Alice Walker, bekannt für ihren Roman Die Farbe Lila und ihre publizistische Tätigkeit, hat ihr ganzes Leben über immer wieder Gedichte geschrieben, auch wenn sie man sie wohl, auch vom künstlerischen Standpunkt aus, keine “Dichterin” nennen würde, weil sie auf diesem Genre weniger nach Vollendung in Sprache, als vielmehr nach persönlichem und visuellen Ausdruck ihrer Gefühle und Erlebnisse gestrebt hat und zu. Das mindert natürlich die Kraft ihrer Werke in keinster Weise, aber die Art, wie dieses Werk sich dem Leser präsentiert, ist eine andere, als bei einem bedeutenden Dichter – nämlich hautnah und direkt.

“Consider the years (Bedenke die Jahre)
of rage and wrench and (der Wut und der Verrenkungen und der)
mug. (Grimassen)
That was it kept (Was eigentlich hielt
the eyes alive? (die Augen lebendig)
Declined to outmode (Lehnte es ab)
the (die Umarmung)
hug?” (aus der Mode kommen zu lassen)

Anhand ihrer gesammelten Gedichte kann man den Lebensweg von Alice Walkers Innenleben ein bisschen nachempfinden. Ein beeindruckender Weg, der sowohl Persönliches, als auch Öffentliches mit einschließt; sowohl Revolte Innen als auch Außen – Ruf nach Außen und Aufschrei Innen. Vor allem aber, wird man in diesem Werk eine sehr unverstellte Stimme finden. Schon vom Aussehen her zeigen die Gedichte ein Zögern, ein Vorantasten, das in dieser langsamen Vergewisserung aber wieder sehr sicher ist und am Ende da ankommt, wo man hinwollte, zu einem Bild, das Beschreibung wird, zu einem tief spiegelnden Gefühl, das eine wörtliche Entsprechung suchte, und ein Gesicht wiederfand.

“Ich muss die Fragen
um ihrer selbst willen lieben
wie Rilke sagt
wie verschlossene Räume
voller Schätze
zu welchen mein blinder
tastender Schlüssel
noch nicht passt.”

Im Gegensatz zu den späteren Gedichten (Siehe: II. Teil dieses Textes), sind diese ersten Gedichte noch etwas expressiver, auch visuell präziser – mehr aufs schnelle Erfassen bedacht, als auf eine wörtliche Ausarbeitung. Oft sind sie aber auch von einer hoffnungsvolleren oder zumindest freiern Atmosphäre getragen, zaubern sogar ein Lächeln aufs Gesicht, wie dieses Gedicht aus den ersten Abschnitt des Bandes, der als Gedichte festgehaltene Eindrücke über einen Afrikaaufenthalt enthält:

“Der Bärtige Brite
Trägt ein Hemd aus
Kenia-Flaggen
Ich bin Zuhause
Sagt er.”

Wie schon der zweite Band, ist auch dieser erste wegen seiner ehrlichen und unübertriebenen Art für Gelegenheitsleser ebenso lesenswert wie für Lyrikfreunde. Die Gedichte sind immer in beiden Sprachen angegeben und man tut gut daran, sie auch in beiden Sprachen zu lesen. Auch wenn sie keine große Wortschöpferin und Metaphorikerin ist, hat Alice Walker doch ein Gespür für Sprache und für das Zeile-für-Zeile-Verkörpertwerden eines Gedichts. Und, und das ist letztlich entscheidend, man spürt in vielen ihrer Gedichte die genau richtige Balance zwischen Wort und Mitteilung, also zwischen der Bezeichnung des Eignen und der Übertragung einer Botschaft. Diese Eigenschaft macht Gedichte stets zu einer wichtigen und wunderbaren Dimension.

“Expect nothing. Live frugally
On Suprises.”

II

“Soon I will have known fifty summers. (Bald werde ich fünfzig Sommer gesehen haben.)
Perhaps that is why (Vielleicht darum drängt es)
my heart (mein Herz,)
an imprisoned tree (ein eingesperrter Baum,)
so long clutched tight (im Innersten)
inside its core (so lange umkrallt,)
insists (die Stäbe)
on shedding like iron leaves (seiner Zelle)
the bars (abzuwerfen)
from its cell.” (wie eiserne Blätter.)

Den meisten ist Alice Walker wegen ihres Romans Die Farbe Lila bekannt, in den USA wiederum erregten auch viele ihrer Reden, Essays und Zeitungsbeiträge einiges an Aufsehen. Zusammen mit Toni Morrison (Menschenkind) und Alex Haley (Wurzeln/»Roots«) gehört sie zu den wichtigsten Vertretern neuer afroamerikanischer Literatur, weiterhin eine der populärsten Vertreterinnen der Frauenrechte, sowie ein prominente Mahnerin, die häufig Stellung zu aktuellen politische Krisen und Konflikten bezieht.

Ihre Gedichte, die in zwei Bänden im Rowohlt Verlag erschienen sind, sind sehr persönliche Dokumente, ein Nachfühlen ihrer innersten Konflikte. Auch hier nimmt der Ruf ihres Engagements viel Raum ein, aber es bleibt noch Platz für Themen wie Liebe, persönliche Enttäuschung, Erinnerungen an Kindheit und Werdegang, sowie Bekenntnisse.

“Ich dachte, die Liebe würde sich
meinen Bedürfnissen anpassen.
Aber die Bedürfnisse wachsen zu schnell;”

“Laß mich dich überraschen
mit meiner Liebe
die sich in Furcht verkehrt hat
die ich gern
überspielen würde.”

“Even as I hold you
I think of you as someone gone…”

Von einer Frau, die es gewohnt ist, das Schweigen zu brechen, ja, die redet, wo sonst vielleicht schweigen herrschen würde, Gedichte zu hören, ist eine besondere Erfahrung. Der Ton einer Person bleibt, egal worüber sie schreibt. So hat kaum eines der Gedichte keinen offensichtlichen Bezug zu seiner Autorin. Das alles ist ihre Stimme, kein verstecktes lyrisches Ich – und diese Stimme verleiht ihr ihre Stärke, sie macht die Gedichte neben der reinen Selbstveräußerung zusätzlich zu Appellen, Bewertungen, Verantwortungen.

“Ich sage dir, Chickadee
ich fürchte mich vor Leuten
die nicht weinen können
Unvergossene Tränen
verwandeln sich in Gift
in ihren Kanälen
Frag den nächstbesten Soldaten
der ein Massaker genießt
ob es nicht so ist.”

Insgesamt sind es weniger Gedichte, als es vom Umfang der Bände her (beide zwischen 150-200 Seiten) zunächst den Eindruck hat. Trotzdem lohnt es sich für jeden der eine engagierte und beherzte (dies in zweierlei Hinsicht, sowohl stark als auch sanft) Lyrik zu schätzen weiß. Eine Lyrik die oft frei heraus ist, wie es ein Vortrag, in dem von Wut, aber auch von Träumen, Kampf und Hoffnung die Rede ist – jedoch nicht in einem Ausruf gipfelt, sondern den Leser eher mit den Eindrücken der Zeilen, mit Wissen und Gefühl gleichermaßen, seinen Gedanken überlässt.

“Denn wir sind alle
herrliche
Abkömmlinge
der Wildnis,
des Garten Eden:
needing only (wir brauchen)
to see (einander)
each other (nur ohne Werbung)
without (im Kopf)
commercials (anzusehen,)
to believe (um es zu glauben.)

Link zu Band 1 / Link zu Band 2

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