Zu Thilo Krauses Debüt: “Und das ist alles genug”

“Der Regen an den Scheiben wie er abperlt.

Die Topfen wie sie abperlen.
Kleine Schuppen Licht, die der Wind poliert
zerstreut uns zusammensammelt
die der Wind abhebt und schiebt
zu immer neuen Patiencen
die aufgehen oder nicht.”

Gespür – in der Dichtung hängt viel von dieser undefinierbaren Regung ab, welche mehr Idee als tatsächliche Wahrheit ist. Ein Wagnis wird eingegangen, indem man Stück für Stück aus Worten und Sprache etwas nachbaut, ihm neue Gewissheit einhaucht und es ins Blickfeld des Lesers wendet: für einen Moment konzentriert, mit Eigenschaften eines Wunders, einem kleinen, in seiner Beziehung zur Lebenswirklichkeit ebenso klar, wie in der Abwendung von selbiger, durch die Magie einer halb beschreibenden, halb verfremdenden Sprache, die nur als Worte auf dem Papier existiert. Diese Erfahrung, dieses Phänomen, nennt man Lyrik. Und der Tätigkeit des Verfassens von solcher nachzugehen, ist in der Moderne zu einer sehr filigranen und schwierigen Tätigkeit geworden, weil man sich jenseits von Pathos und vermeintlich fragilen Elementen, Ungenauigkeiten bewegen muss, ohne dabei über das hinauszugehen, was der kurze, wundersame Eindruck eines poetischen Momentes verlangt.

Thilo Krause, Dichter und Wissenschaftler, zeigt in diesem ersten Gedichtband, dass er zu den aktuellen poetischen Talenten in Deutschlands gezählt werden kann. (Anmerkung: Wenig kann man hier als Rezensent noch wirklich beisteuern, ohne zu kopieren, denn das Nachwort von Jayne-Ann Igel ist wirklich hervorragend in seiner Ausleuchtung von Krauses lyrischen Schwerpunkten und Möglichkeiten. Statt lange um den kalten Brei herumzukochen, hat sie mit ihren Bemerkungen dort schon beinahe alles auf dem Gebiet der Ausdeutung/Einordnung geleistet.)

“Und diese Scherbe hier
von Großvater aus deinem Ballen gezogen
ist stumpf geworden über Nacht, rund
eine schillernde Murmel
mit einem Tröpfchen Blut im Innern
gleich den Fliegen im Bernstein
dem verbotenen Königreich Gelb
in Großvaters Vitrine.
Manchmal träumst du dir einen Schlüssel
für diese und die andere verbotene Tür
im Keller.”

Stimmung und Erinnerung sind die Hauptadern, die sich durch Krauses unangestrengte, aus dem Kleinsten heraus rasch anwachsende, Poesie zieht. Er ist ein Dichter des Natürlichen und der selbstbezogenen Erfahrung, dabei allerdings auf eine so angenehme Weise mit dem Talent zur Darstellung des Wesen- und Bildhaften gesegnet, dass er, wie viele gute Dichter, eigentlich über alles schreiben könnte, wobei wir ihm doch immer im Besonderen für das dankbar sind, dem er sich letztendlich zuwendet. Wenig ist in diesen Poesien wirklich fixiert oder lässt sich als Schlagwort anwenden, als Brennpunkt ausmachen – es ist mehr so als würden sich die Stimmen der Dinge in seinen Zeilen kurz zu Atemzügen der Wirklichkeit verdichten: hier fährt eine einstige, von Geheimnisen vertäute Erinnerung an Besuche bei den Großeltern in den Leser – dort berührt einen das Schicksal einer Hummel, als läge sie kurz in der eigenen Hand als eine von tausenden – und schließlich wird das Bild eines matschigen Bachlaufs im Winter beschworen:

“Der Bachlauf
matter Faden Schwarz.
Wasser rinnt und rinnt,
sagt: Hier ist das Moor
dunkle Beuge Leben
auch wenn ihr da oben
im Weiß umhergeht
nichts als Weiß
nur unterbrochen
von der niedrigen Reihe Pfähle
den Schatten wie ein weites Sieb
und darin Schnee
kaum mehr als Schnee.”

Keine spektakuläre, aber eine schön-impressive Poesie. Gedichte, wie man sie mehrmals und mit einer kleinen Vorfreude bei den nachzuempfindenden Momenten liest, weil sie einem wirklich etwas schenken, was man selbst vielleicht schon verloren glaubte; sie weihen uns ein in die Offenbarungen des Offensichtlichen und vermehren unsere Gefühle und Gedanken um längst vergessene Relikte eigenen Empfindens – mit Bildern, die sich unserer Vorstellungskraft auf einfache, feine sondierte Art nähern.

“In den Hecken wachsen dem Dunkel Ohren
[…]
Die Dörfer stehen in ihren Ställen aus Wald
[…]
Der Sommer haftet an nichts
als der Schar Spatzen, wie Streu
in die Luft geworfen und niedergesunken
in die nächste Furche.”

Bleibt mir also nur, die Gedichte Thilo Krauses nochmals wärmstens zu empfehlen – als Lyrik, die unabstrakt, beinahe zaghaft, mit ihren Worten ein bedeutendes, kleines Werk zu tun versteht: die Schönheit unseres Daseins nicht allein zu preisen, sondern sie am kleinsten Punkte ihrer Schöpfung, in Momenten, Zuständen und Erinnerungen, formvollendet nachzuweisen.

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