Zu Stefan Zweigs “Joseph Fouché”

“Die Geschichte ist ein Seil, in das die Mächtigen der Welt ihre scheinbar endgültigen Knoten knüpfen; weben tut dies Seil indes stets ein anderer – weiter und weiter.”
Edward Gibbon

“Joseph Fouché, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, einer der merkwürdigsten aller Zeiten, hat wenig Liebe gefunden bei seiner Mitwelt und noch weniger Gerechtigkeit bei der Nachwelt.”
Anfang des Buches, Seite 9

Wenn es Joseph Fouché und seine Rolle in den umstürzlerischen Zeiten zwischen 1789 und 1815 nicht gegeben hätte, hätte sie wohl auch niemand erfinden können; zu filigran und vielschichtig sind Aufstieg, Sturz, Wiederaufstieg, Glanz und Niedertracht, Wendung und Schicksal miteinander verwoben, diese Kräfte, die ihre Günstlinge fallen lassen und die verschonen, die sie zu brechen und zu überwinden versuchten; trifft ein solches Zeitalter auf eine wandlerische Gestalt wie Fouché, steht ein neuer Roman der Weltgeschichte im Raum; ein Autor, der, wie man weiß, sich sowohl auf Figuren, als auch auf spannende Ereignisse gut versteht.

Zweig, der einige sehr populäre und gute Kunstbiographien verfasst hat (auch z.B.: “Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam” und das große Fragment “Balzac”, sowie die bis heute sehr lesenswerten und besonders vielschichtigen Bücher über Marie Antoinette und Maria Stuart), war einer der letzten Autoren einer vergehenden literarischen Periode, die durch das Feuer des Ersten Weltkriegs ins Wanken geriet und dann kulturell in den Feuern von Auschwitz unterging – bevor es in der Umstrukturierung Europas nach dem zweiten Weltkrieg endgültig aus dem Bewusstsein der Menschheit verschwand.

Zweig schreibt mit Pathos, mit Begeisterung und Faszination. Sein Enthusiasmus, gepaart mit einer teilweise lyrischen, immer sehr akkuraten, dabei sehr leicht lesbaren Sprache, ist seine große Stärke, auch wenn er ihn manchmal zu Wiederholungen verleitet, oder besser gesagt Halbwiederholungen – er verwendet viel darauf, den Menschen Fouché und sein Wesen stets neu zu beleuchten, zu definieren, zu interpretieren und seine Beweggründe, aber auch seine tieferen Gefühle zu deuten und dabei das Wesentliche immer wieder herauszukehren.

Gleichsam ist dieses Buch eines der besten Werke – ohne tausend Seiten zu wälzen – über die Wege und Ausmaße der französische Revolution, mit ihrem Vierteljahrhundert, das unsere Welt so geprägt hat. Denn mit Fouché, einem Akteur im Geschehen, kriegen die Abläufe einen anschaulichen Sinn – im Bezug zu ihm, lernt man ein wenig die Dynamik der Ereignisse in den Jahre von 1789-1799 und danach kennen. Auch über Napoleon kann man in dem Buch einiges erfahren.

“Das ist das letzte Machtgeheimnis Joseph Fouchés, dass er immer die Macht will, ja sogar das höchste an Macht, dass ihm aber, im Gegensatz zu den meisten, das Bewusstsein der Macht selbst genügt: er braucht nicht ihre Abzeichen und ihr Gewand.”

Revolutionär, Opportunist, Intrigant, Beobachter, Polizeiminister, gerissener Machtmensch oder weiser Poltiker, Akteur und Zuschauer – man mag zur Person Fouchés am Ende stehen wie man will, aber seine Figur hat, auch dank Zweig, eine eigentümliche, unweigerliche Faszination. Es lohnt sich, diese Biographie, die gleichsam der Spiegel einer wichtigen Epoche ist, zu lesen; und sei es nur, damit man sagen kann: Fouché, ich weiß wer du warst.

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