Klaus Merz: “Unerwarteter Verlauf”

“-Wechselkurs-
Vom helleren Licht
hinter den Scheinen
erzählt das Gedicht.”

Wenn man von filigraner Sprache spricht, ist mehr gemeint, als nur Präzision oder Sensibilität oder Ästhetik. Es ist die Kunst aus wenigen Worten ein mehrdimensionales Erleben zu schaffen, mit Sprache etwas zu erschließen, was über ihre normalen Zusammenhänge hinausgeht (nur, weil man über etwas nicht sprechen kann, ist es noch nicht, so weiß das Gedicht, von der Sprache ausgeschlossen). Insofern ist jedes Gedicht auch so etwas wie eine kleine Wette auf die ahnende Kraft der Sprache – gegen ihr bloßes Existieren in Begrifflichkeiten.

“Regen fällt und sickert
durch die Friedhöfe
der Welt.”

Je filigraner die Sprache ist, je knapper die Gesten, desto mehr wird ihr Erleben, ihre Aufnahme, zu einer sich ausbreitenden Wahrnehmung. Ein Gedicht findet nicht nur Zusammenhänge, sondern löst sie auch auf – damit wir sehen, was wirklich da ist, was hinter Austauschbarem und Verkopftem liegt, was wir nicht vergessen dürfen. Schon in einem sehr simplen Anfang, wie dem Dreizeiler über diesem Abschnitt, wird uns etwas bewusst – was ist es? Eigentlich ist diese Betrachtung ja bloß eine Tatsache, an die wir eben nur nicht immer denken. Aber ist es nicht noch mehr? Steckt darin nicht auch ein Sinnbild? Und ist es nicht auch einfach eine wunderbar stimmige Art, Gehirn und Schönheit zusammenzuführen, ein Sprachgemälde, das man im Kopf wenden kann, immer weiter, immer wieder, wie einen kleinen, heimlich-schönen Kunstgegenstand?

“Sie sei dem Vergessen
anheimgefallen, hör ich
dich leise sagen: Was
für ein zarter Satz und
voller Geborgenheit”

Klaus Merz, schon ein gestandener Dichter, hat mit diesem Band ein leises Werk abgelegt, das auf den ersten Eindruck zwischen allen Stühlen zu stehen scheint. Kurze, fast aphoristische, komprimierte Poesie, einige wenige längere Gedicht und ein Zyklus – letzterer hat eine besondere Schönheit inne: eine beeindruckende, ganz eigene, leichte Metamorphose aus eigenständigen Metaphernpatzellen und Empfindung, tief und fließend, sinnlich und subtil – das alles auf knappen 75 Seiten. Filigran (wie oben bereits ausgeführt) ist, glaube ich, das beste Wort, um die Intensität dieses Buches auf diesem knappen Raum, die Vorgänge innerhalb der Räume dieser kurzen Gedichte, halbwegs, zu beschreiben. Und mit filigran ist eben nicht nur die Sprache selbst, sondern auch ihre Wirkung, das Ausgedrückte gemeint.

Viele Dichter zögern heute, Zärtlichkeit oder Sinnlichkeit in ihren Gedichten auch nur einen Takt angeben zu lassen. Klaus Merz überwindet dies Problem auf seine Weise und graviert beides einfach mit in seine Sprache ein, sodass es nicht offensichtlich und zwingend daraus erwächst oder erwachsen muss, sondern einfach dazugehört, auf einer Grundebene, in den Pausen zwischen den einzelnen Abschnitten; im Langsamerwerden des Lesers, wenn er die kurzen Texte, wie auf einer Penrose-Treppe, immer wieder durchwandert.

Dies alles soll nicht die Subtilität unterschlagen, die Merz Gedichten ebenfalls unverkennbar innewohnt. Jeder Leser kann bei jeder Lektüre nun mal nur ein Gedicht in jedem Gedicht lesen, nur eine Ausdeutung der Zeilen komplett sehen. Dass er aber dahinter noch zwei, drei, zehn andere Gedichte ahnen kann, Bilder, Bedeutungen und Szenerien, weist den Verfasser meist als einen wirklichen Poeten aus. Bei Klaus Merz ist diese Ahnung manchmal geradezu übermächtig.

Wer Sprache nicht nur als schlichten, sondern als universellen Rezeptor erleben will, sollte Gedichte lesen und kann sehr gut mit den Gedichten von Klaus Merz beginnen. Sie sind sehr vielschichtig und doch auch unverstellt, ihre Komplexität verdanken sie keiner plumpen sprachlichen Verzerrung, sondern einer sehr feinen Chiffrierung; ihre Magie ist klein, aber keineswegs simpel und auf eine gewisse Weise ist sie verlässlicher als jede noch so große Genugtuung, die eine klare Aussage uns oft zu bescheren scheint – und das macht das Wesen großer Gedichte wirklich aus.

Link zum Buch

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s