“Dank sei den Dingen” von Rutger Kopland

“Die Dichtkunst ausüben heißt
mit der größtmöglichen Sorgfalt
konstatieren, dass beispielsweise
am frühen Morgen
die Vogelbeeren tausend Tränen tragen
gleich einer Zeichnung aus der Kindheit
so rot und so viel.”

Die wenigen holländischen Dichter, die ich bisher lesen durfte (Cees Nooteboom und Lucebert) sind, trotz ihrer Themenvielfalt und ihrer Unterschiede, allesamt bedächtige Dichter. Vielleicht liegt das an der Sprache, dem Niederländischen selbst, oder an den Übertragungen; vielleicht suche ich auch nur das Verbindende und streiche es dabei zu stark heraus.

Feststeht: Es geht oft um Ruhe, ums In-sich-gehen, um den Tod (von Freuden, aber auch den eigenen) und um das, was bleibt, wenn man reflektiert, fragt, wenn man innehält und näher an die Dinge herangeht. Höchstwahrscheinlich hat die Niederlande in Sachen Dichtung ein genauso breites Spektrum, von glatt bis innovativ, wie auch die Deutschen, aber nur diese Art der Dichtung, die tiefe, feine Art ist bisher zur Übertragung gelangt.

“Morgens am Fluss, morgens, wenn
er noch abzuwägen scheint,
wohin er an diesem Tag
wieder gehen soll,

ob er dieselben heftigen Bewegungen
machen soll wie immer
oder nicht mehr,

oder ist dieses ewige Zögern
die leere Gebärde von jemandem,
der schon nicht mehr existiert
[…]
Morgen am Fluss,
morgen, wenn er endlich
nichts weiter sein wird
als der Fluss.”

Rutger Kopland ist, wie gesagt, ein sehr gesetzter Dichter. Ein bisschen in der Tradition von William Carlos Williams, schreibt er einfache, persönliche, spät einsetzende Verse. Keine Abstraktionen, wenige, nicht anschneidende, sondern aufgehende Metaphern, eine große Freude an der Melancholie, keine Scheu der Schönheit einen einfachen handgemachten Holzstuhl anzubieten, keine Angst von den ersten und letzten Dingen zu sprechen.
Keine Furcht davor, das Gelingen eines Gedichts vom Verständnis zwischen Dichter und Leser und nicht von der Kunstfertigkeit oder Heftigkeit der Darstellung abhängig zu machen.

“Der Körper wird wohl als ein Nest betrachtet
die befristete Bleibe eines unsichtbaren
Vogels – eines Abgesandten der Ewigkeit.

Wer gerne Gedichte liest, die ihre Wärme aus dem Inneren gewinnen, aus den Gefühlen, die sie nahe legen, statt aus den Bildern, die sie provozieren, der wird mit diesen schönen, beinahe schlichten Dichtungen eine sehr erfreuliche Erfahrung machen. Auch diejenigen, die nachdenkliche Lyrik schätzten, werden diesen Band auch nach der ersten Lektüre noch öfters zur Hand nehmen, denn einige von ihnen sind gleichsam klar und doch wandelbar wie Spiegel – jede Lektüre kann eine neue Dimension haben, eine neue Ebene freilegen.

Selten habe ich Gedichte gelesen, die so vollkommen zu sein scheinen, derweil sie eigentlich so einfach und schön sind wie eine Gartenbank im Abendlicht oder die glatte Oberfläche eines Sees. Vielleicht trifft dies letztlich nur auf 5-6 der Gedichte wirklich zu, aber die erste Lektüre des ganzen Buches wird von diesem Gefühl eingenommen.

P.S.: In diesem Band sind nur die deutschen Übertragungen enthalten, keines der niederländischen Originale; die Auswahl wurde aus Werken von 1966-2006 getroffen. Das Nachwort stammt vom Nobelpreisträger J.M. Coetzee. Übersetzt wurden die Texte von Mirko Bonne und Hendrik Rost.

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