“Was ich begriffen hatte, sollte wirklich sein.” – Ursula Krechel und “Ungezürnt”

“Schienenstränge sind wir entlanggegangen,
die summten, pfiffen, zitterten
uns Fahrkartenlosen ohne Glück.
[…]
Und wieder reisen wir mit ausgeleierten Gefühlen
die Züge wollen nicht still stehen
eiserne Bänder winden sich um unsere Köpfe.
Du wirst nicht mehr reden wollen,
zwischen den Auskünften, ich will dich nicht mehr
anschauen wollen, stumm gemacht. Alles
geht irgendwie, die Fahrpläne überholen uns.”

Der Untertitel “Gedichte, Lichter, Lesezeichen”, der bei verschiedenen Plattformen für den Band “Ungezürnt” angegeben wird, ist etwas irreführend und lässt eine Art von Lesebuch mit Prosa, Aphorismen und Lyrik vermuten. Tatsächlich enthält der Band jedoch nur Gedichte (und drei Prosatexte über das Schreiben von Gedichten) und ist eine Zusammenstellung des dichterischen Werkes von Ursula Krechel aus den Jahren 1977 und 1997. Zusätzlich sind noch einige Anmerkungen und ein detaillierter Nachweis enthalten.

Ursula Krechel gehört zu der letzten älteren “Dichterinnen” der Bundesrepublik Deutschland. Ihre extravaganten und eigentümlich sprichwörtlichen Gedichte sind in der frühen (und der wie ich finde: besten) Phase des Werkes vor allem von Selbsterfahrungen und Landschaftsbildern geprägt, häufig verknüpft mit gesellschaftlichen Problemen und Tabus, die eine feine, rasiermesserdünne Gesellschaftskritik unter dem Mantel tragen – dass alles geschrieben mit einer verständigen Virtuosität, die prägend ist für Inhalt und Blickwinkel; so viel also zu den frühen Gedichten aus den Teilen I-III.

 

Teil Vier und Fünf nehmen sich der kryptischen und surrealistischen Gedichte an, die Krechels Werk später und noch heute ausmachen. Zwar ist der Surrealismus ein Zug, den Krechels Dichtungen stets ein wenig innehaben, der sich aber in den frühen Gedichten meistens in den Dienst des Verdeutlichens stellte, später oftmals die bloße Abstraktion sucht.

“Immer wieder das weiße Blatt
Schlinge für Schlinge Haken und Bögen
ein geordnetes Bild.
Die Lieder auf der Flucht:
zurückgeschickte Asylanten.
Ein Leben in den Grenzen von…”

Gedichte in den Grenzen von Versuch und Scheitern, von Leben und Gelebt haben. Viele von Krechels Gedichten bewegen sich auf mehreren Ebenen um komplexe Themen und Momente herum. Ihre Stärke liegt in der visuellen Vielschichtigkeit, die auch noch durch eine große Anzahl verschiedener Wortzusammenschlüsse und dem Einsatz von Sprichwörtern in sinnerweiterten Zusammenhängen forciert wird, aber auch in einer unglaublichen Stimmungsdichte, die in ihren besten Gedichten fast schon eine Art eigene Welt für das Gedichte entstehen lässt. Nachzuweisen ist diese Welt nicht; ihr Zugang liegt allein im Verfolgen, im Dranbleiben an den Zeilen.

“Die Welt heißt Wind und Weißdornhecken
wo Spinnen sitzen, bläst kein Wind
wer stört die Welt bleibt jetzt zu Haus
der Horizont hat ausgespielt
sein scharf gezackter Rand wird weich.”

Interessant sind auch die wenigen Prosatexte, in denen Ursula Krechel das Schreiben und das Verständnis von Gedichten analysiert; einer beschäftigt sich z.B. auf sehr aufschlussreiche Weise mit der Fähigkeit, ein Gedicht auch später noch selbst nachzuvollziehen. Ich habe selten so verwirrend-innerliche Prosaabrisse gelesen, die sich auf so detailliierte Weise mit diesem Thema beschäftigen. Das Zitat im Titel dieser Rezension stammt aus einem dieser Texte und könnte wohl auch als Credo für viele Dichter gelten.

“Ein gutes Kind gehorcht geschwind.
Heimlich lebte ich in einem Kartenhaus
und wartete auf den Wind.
Als der Wind dann kam
verlor ich meine Mütze und fror.”

Ursula Krechel ist eine exzellente Dichterin – was in diesem Fall auch bedeutet, dass sie eine Dichterin ist, die sich einem nicht so schnell vollkommen erschließt. Sie gehört zu jener Kategorie von Lyrikern, deren Texte mehr auf Assoziationen als auf Ergebnissen fußen und einer Konstruktion von Seiten des Lesers bedürfen, ja, darauf aufgebaut sind. Schön sind ihre Gedichte an manchen Stellen trotzdem, doch darin liegt nicht ihr großer Gewinn. Der findet sich in der langsam aus den Sätzen geschnürten Erkenntnis, wie bei einem Puzzle, wo die meisten einzelnen Teile scheinbar keine Chance auf etwas Gesamtes, Genaues haben und es doch am Ende, zusammen, ergeben. Dabei geht es nicht um Verstehen. Es geht ums Begreifen. “Es geht nicht um einen Stachel der gezogen wird, sondern um die Tiere mit Stacheln”.

“Und schon wirbelt meine Schreibmaschine Staub auf
die Bleistifte singen, und die Schere auf dem Tisch
mit ihren geöffneten Flügeln
ist ein Siegeszeichen für uns.
Kauf Solinger Metallwaren! Lest Gedichte!”

Ich empfehle diese Dichterin als eine der eigenständigsten Poetinnen in deutscher Sprache. Ihre Extravaganz mag nicht jedermanns Sache sein. Es wäre sowieso mal ganz wichtig, dass sich herumspricht: Man muss nicht jedes Gedicht verstehen. Aber die Gedichte, die (von einem) verstanden werden wollen, die wird man verstehen.

Am Ende noch einmal drei Zitatstellen:

 

“Hier nist ich mich ein
mit toten Sätzen voller Sehnsucht nach Leben

Ursula, was soll ich wählen,
fragtest du in unsere weiche Stille.
Da war sie zerrissen wie eine Haut und blutete.”

“Aber die Uhren ticken Versöhnung
als seien die Alten eine segnende Sterbehand,
als seien wir ihre blassen Verklärer.
Wer mit Dynamit fischt, fängt die abgerissene Hand.
Wer die abgerissene Hand fängt, verliert den Verstand.
Wer den Verstand verliert braucht keine Hand.”

“Alles von vorne und wieder zurück
in die selbstverständlichen Vorgärten
Gelegenheitskäufe und Betten
bekannte Gefühle schießen ins Kraut
Zäune, auf Papier erdachte Gespräche
Furcht, nach einer fremden Pfeife zu tanzen,
Schwindel, die Erfindung von Nähe”

Link zum Buch

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