Karl Krolow 1966-1970 – ein Ausschnitt

Wer sich mit Lyrik beschäftigt, stößt oft auf Extreme; er wird Einsichten erhalten in den Kern und gleichsam einen Ausblick auf die Grenzen der Sprache. Er wird viele Autoren treffen, die eine ganz neue Perspektive für die Wirklichkeit haben und andere, die einer alten Perspektive neue poetische Möglichkeiten einhauchen.
Nur wenige Werke haben sich dabei auf einem so breiten Terrain bewegt, wie das des Dichters Karl Krolow. Es ist eines der wichtigsten poetischen Werke der deutschen Moderne und eines der schönsten und zugleich wandelbarsten Erlebnisse in Sachen Dichtung.

Diese Zusammenfassung beleuchtet drei Gedichtbände Krolows aus den Jahren (1966-1970).

Teil 1: „Landschaften für mich“ (1966)

“Alles ist Augenschein.

Die Bäume haben
einen grünen Atem. ”

“Ein herabstürzender Ast
beginnt zu blühen. ”

Krolow durchmisst in diesem Band das Jahr. Er beginnt mit dem Licht, der zaghaften Helligkeit, die den Übergang zwischen Winter und Frühjahr weist. Dies Licht, das noch zu ermessen versucht, was hier beginnt, genau wie man selbst. Das Licht das aufbricht und das uns gleichzeitig erreicht.

Erste Anzeichen für Frühjahr. Eine zum Abheben bereite Sprache, tändelnd, schwebend. Ein Klopfen auf die Dinge, ohne das ein Herzschlag in der Natur schon deutlich antworten würde. Aber man spürt ihn schon.

“Es gibt noch kein Gras
zu besingen.
[…]
Nur in der Hand gesammelt:
Blau.

Weidenhaar einiger Mädchen.

Die Helligkeit ist frei
von Schatten.
Unruhige Freiheit
der Perspektive:

Frühjahr. ”

Ein Gedichtband der Elemente. Und so sind auch die Formen: knapp, elementhaltig, stellen sie die Erscheinung, die Wahrheit ihrer Überschriften, ihrer Jahreszeiten dar. Es sind Miniaturen, bedacht, fast unbewegt, nur ganz leicht im Ausdehnen.

“Aufplatzendes Laub –
tropische Ästhetik.

Die sinnliche Blätterrede
im haltlosen Regen.”

“Romanische Tugend des Lichtes:

Lotrecht fällt es auf den Scheitel
einer Laubpyramide.

Segmente blauen Wassers
zu ihren Füßen.

Über eine Baumleiter
in den Himmel steigen! ”

Es ist ein spürbares Paradies, das Krolow in den Naturimpressionen betritt. Ein Paradies in dem die Farben und die Eindrücke wie zärtliche Stärkungen der Wirklichkeit erscheinen. Sie alle beginnen wieder und wieder die Entzifferung des sachtgroßen Gefühls am Leben zu sein, mit den Dingen um sich herum – da zu sein.

Die Bewegung durch die verschienen Stufen der Naturzustände geschieht unbedacht und doch vollendet. Jedes Gedicht ist ein kleines Puzzlestück, egal ob es die Hitze in einem Garten, die innere Zusammensetzung einer sommerlichen Luft, die windige Seele von Meer gemischt mit frühem Herbst oder eine Prise vom Verfall und Aufbruch des Winters, wie einen nur knarrenden Sender im Radio, lauter gedreht, schildert.

“Azur: blaues Geräusch
des unerklärlichen
Horizonts.”

“Ermüdete Zeit
ruht sich aus
im Blühen von Gräsern. ”

“Ein gurrender Baum
fliegt als Taube davon. ”

Die Bilder sind so klein und doch so konzentriert, so folgerichtig und inhärent mit ihrem Wirkungsgemälde verschmolzen; egal, was die kleinen Impressionen schildern, sie bringen es nah heran, greifen es aus der Wirklichkeit, legen die Tektonik des Naturmomentes offen. Sehr gut zu sehen an diesem Stück aus dem Gedicht “Im Boot”:

“Die mit Weidenruten
geschlagene Windstille
seufzt:
Poesie
nachgiebiger Atmosphäre”

Es ist hier eine heile und bewegte Welt, die Krolow aufzieht, fernab der Problematiken des Lebens. Aber interessiert das die Jahreszeiten? Die gespiegelten Bäume, das teils dürre, teils strahlende, teils durch die Blätter tauchende Licht?

Landschaften ohne Aufmachung, dafür voller spielerischer Glanzleistungen und wahrhaftiger Augenblicksnotate erwarten den Leser. Keine Eindämmung der ankommenden Naturberührungen – nur eine Komprimierung durch Vergewisserung, durch das simple in Worte fassen; ein Klarwerden innerhalb der Begegnung, der Betrachtung, um das Auftreten all dieser Dinge noch fasslicher und unwillkürlicher zu machen – wie es ja auch im Auge, im Blut, geschieht.

“Alle Pflanzen wachsen
gotisch in den reglosen Himmel.

Die summenden Nerven
der Hochspannungsdrähte. ”

“Luftiger September,
wie bei Vivaldi
gebündelte Mandolinen.”

Es ist ein Buch über Frühjahr, Sommer, Hitze, Kühle, Spätsommer und schließlich den Herbst, den Winter. Ein Buch über den aufkommenden Rausch und das Schleichen der Jahreszyklen, -zeiten. Im Einzelnen fast schon wieder markant, aber immer irgendwie enthoben, in den kleinen, meist sehr weit geöffneten Bildern.

“Herbstlicher Kupferstich –
Walzerschritte eines Windes,
der Blätter von den Bäumen
reißt. ”

“Gefechte zwischen
Wind und Wind.”

“In den Medaillons
frieren die Verstorbenen
vor Liebeskälte. ”

Krolows ganze Stärke ist im ganzen Werk immer wieder das Ausrichten des ganzen Gedichts auf eine kleine Gewissheit, die daran bewegt wird, ruht oder wandert. Eine Gewissheit, die wohlweißlich unangetastet bleibt, aber eine Idee herausbildet, die verinnerlicht werden kann, um genauso tief zu wirken als wäre man selbst in ihr anwesend.

“Wie lange fällt
man noch durch weiße Kissen
Langsam tiefer
durch den Schnee mit
weißen Augen überall
die Luft entlang,
die Beine weiß, die Herzen
weiße Kissen. Immer mehr
schneit es die Hand entlang
und in den Mund und taut
ein bisschen nass auf Lippen”

Man kann wenig in diesen Gedichten suchen, wird aber einiges finden. Sie beherrschen die wahre Kunst des Gedichts: Augenblicke der Natur auf Pupillengröße zu verkleinern und doch nahezu unendlich weit zu fächern.

“Die begabte Jahreszeit
fällt mit Schnee und Birnen
durch Luftschlösser
zwischen Januar und Januar.
[…]
Ein verdutzter Mund
schweigt vor Gewissheit.”

Teil 2: „Alltägliche Gedichte“ (1968)

“Es regnet Leben
aus offenen Körpern.”

Und nun: Die Vergänglichkeit.

“Verstaubte Reisebilder –
gestern fuhren wir durch sie
ohne Atem. ”

Die alltäglichen Gedichte enthalten stärker als die “Landschaften” einen milden Fatalismus, sorgsam durch Poesie gekrümmt. Einige Zyklen über Liebe, Alter, die Stunden, alles im Zeitraffer der Worte, Zeilen, beginnen den Band, machen ein paar Pfeiler des Lebens aus und sammeln sorgsam einige Details, ohne etwas festzuhalten.

“In Wirklichkeit ist alles
ganz einfach: Gerüche,
Kastanien, Eicheln oder
ein Sack voller Obst. ”

Ein inhärenter Stopp, in jedem ausgeklapptem, ausgefahrenen Fernrohr aus Worten, gerichtet in die Dinge hinein, auf die in ihrem luftigen Raum kreisenden Mythologien, ihre Eigenschaften der Schönheit und Vergeblichkeit.

Immer mal wieder unnachahmliche kleine Gesten, so leicht, fast ein Witz, fast eine Idee.

“Zündhölzer stecken
die Köpfe zusammen.
[…]
Jedes Mal im Herbst
die Feuersnot
eines Blätterhauses.
Sturm warf die Lunte
nach ihm aus.”

Im späteren Verlauf, häufig: Die Natur. Natur als ein Auffangbecken für alle Eindrücklichkeit, jede Schönheit, die Sprache mit einer leichten Windung aufnehmen, einnehmen kann:

“Ausgelaufene Malkästen:
farbiges Idyll
vom Frühling.”

Alles in allem, erneut: Meditationen von Augenblicken, zurück in ihre Erscheinung geführt. Unsicher, aber nicht diffus, wie es lange Gedankengänge sind, in denen man sich gar nicht verlieren kann, weil sie eine eigene Form von Wirklichkeit abbilden, ja: die Wirklichkeit, in einer eigenen Fassung, sind.

“Ich gehe über die Straße.
Das macht die Gegend nicht anders,
ob ich meine Schritte zähle
oder nicht aufpasse und unterwegs
vergesse, wohin ich will.”

“Die Landschaft ist als Überzeugung
bequem zur Hand,
belaubt im Sommer, später kahl,
nur manchmal immergrün.”

Krolow war ein Poet. Seine Bücher sind Bücher in denen alles Poesie ist – beinahe wortwörtlich, jedoch nicht durch Typographie, sondern durch reine, komprimierte Leuchtkraft, die die Kürze und das schmale Timbre seiner Verse abgeben, wie volle, klare Kammermusik in einem spartanischen, winzigen Zimmer. Alle Gesten, alle Wörter – verdichtet zu sinngemäßen Eindrücken. Nichts geht hier heraus, alles geht hinein.

“Die Welt der Kunst besteht
aus zu schönen Augen. ”

Auch wieder Winter und Herbst, einfache Wahrheiten:

“Malergedanken
drücken den November
mit zwei oder drei Farben
aus.
[…]
Die eingesunkenen Straßen
erinnern sich
der Spiele im Freien. ”

“Die Kälte kommt aus der Luft,
die von keinem Blatt versteckt wird.
[…]
Jede Fläche wird größer,
wenn sie weiß wird. ”

Dann und wann hat es auch etwas von einer leichten Erotik der Natur, wenn Krolow nach einer komprimierten Ode auf Kirschen und den Kirschbaum schreibt:

“Der Tod kommt
Als Möbeltischler”

So klar in diesem Schlusssatz der Glanz des Tisches aus dem Baum, der einst rote, volle Kirschen trug, die der Wind noch näher heranbrachte, noch höher hinauf – das alles jetzt geerdet, auf vier Beine gestellt, glänzend, glatt, im Licht.

Die “Alltäglichen Gedicht” sind vielgestaltiger als viele von Krolows Bänden, eher unbestimmt und ein bisschen mit Lesebuchcharakter. Eine angenehme, zwischen Sachlage und Möglichkeit pendelnde Atmosphäre umgibt die Verse; ein von den Erfahrungen des Leben aufgeschwemmtes Gespür für die Dinge.

“Eine schlafende Möwe – die Luft. ”

Was bei Krolow auch hier wieder besticht, ist das landschaftliche, nun oftmals verknüpft mit dem Alteingessenen, Sehnsüchtigen, im Hintergrund, in den Objekten und Symbolen:

“Die grüne Hecke ist ein Zitat
aus einem unbekannten Dichter ”

Eine leichte Art nach Schatten (Schatten wie sie die Verschwiegenheit bei Kerzenschein wirft) liegt über dem Band, in dem es um viel geht – aber viel davon hat mit Gedanken und Betrachtungen, rückwärtsgewandt, zu tun. Mit flüchtigen Federungen der Gefühle, ohne festen Boden.

“Die vielen Namen im Fahrplan
verwirren mich.
Ich reise durch eine Landschaft
wie durch ein angefangenes
Bild.
Der bekannte Maler
verlor die Lust an ihm. ”

“Ich habe ein Abkommen
mit gestohlenen Tagen getroffen.
Dann füllen Sterbenswörtchen
das Papier. ”

Manchmal fliegen die Blicke über und durch diese Gedichte, als lese man eine Blindenschrift für die Augen. Oft nah an der Idylle, entschwinden sie ihr durch das Wesen des Flüchtigen, Alltäglichen.

“Gelegentlich habe ich
beschrieben gefunden,
wie es ist, wenn etwas
übrig bleibt –
von einem Nelkenstrauß
eine Nelke,
von einem mächtigen
ein toter Mann,
von einem Nachtessen
die Tagesordnung,
von der Liebe
ein Kind. ”

Am Ende ist es ein Band voller Bekenntnisse, die schon wieder vom abklingen der Klarheit sprechen, dem Ende der Gewissheit, dem Anfang neuer, bald alter, vielleicht letzter, Gelegenheiten, von Wegen & Bestimmungen. Hier fußt alles auf der gemessenen Tragweite von Krolows Idee der verdichteten Gedanken, verschmolzen mit dem, was an einem Punkt des Lebens zum anderen eine Verbindung aufbaut – nur durch Wörter, Poesie, wirklich abzubilden, wie darin etwas seine Abstände aufgibt und dich durchdringt.

“Ich bin da. Meine
rechte Hand fällt mir
nicht durch die Tasche.
Ich führe sie über Papier
um aufzuschreiben,
dass ich lebe. ”

Teil 3: „Nichts weiter als Leben“ (1970)

“Ohne Vorwurf vergeht
die Zeit.
Sie ist eine vollkommene
Geschichte ohne
Fluchtpunkt,
auf den man zugehen könnte,
um etwas zu finden. ”

Ein geruhsamerer, langsamerer Band erwartet den Leser in diesem 1970 erschienen Sammlung. Sie ist stark auf das Leben fixiert, das man im Umgang, im Handeln führt.

“Ich nehme mir,
was ich brauche,
als Indiz für den
Sinn der Dinge.”

Außerdem herrscht eine sehr reflexive, bedenkende Atmosphäre. Etwas zwischen Sachlichkeit und schmaler Bewunderung diktiert die zahlreichen Betrachtungen und Anmerkungen, die Krolow in seine Gedichte webt, die einem manchmal allzu unbeweglich vorkommen, trotz ihrer Weisheitsansprüche – vielleicht weil sie etwas zu verständig sprechen und etwas zu wenig mit der Krolow sonst innewohnenden leichten Verwunderung und Demut.

“Ich verschaffe mir Außenwelt
mit ein paar Sätzen –
Rundung des Blickfelds,
gleichmäßig verteilte Wärme
über der stilisierten Form
vegetativer Gebilde”

Eine andere Art von Demut hat die poetische abgelöst. Ein mehr erschließende Demut, die sich doch in einigem so sicher ist, dass sie wenig lebendige Worte findet.

“Die täglich schöne
Naturanschauung unterwegs,
wenn man zu gehen glaubt,
aber durch den stillen Fleiß
des Horizonts voran kommt,
der zurück weicht. ”

Alles wirkt etwas glatter, matter und mehr sorgfältig gezüchtet als unwillkürlich, lebendig. Dafür geschehen sehr einnehmende, tiefsinnige Momente, trist, aber nichtsdestotrotz nah an den Hügelhängen der Wirklichkeit.

“und im Westen
die Nacht kommt,
sehr einfach, mit Lichtern
überall, ein anschaulicher
Bienenkorb
und zwischen den Knieen
die verstaubte Flasche
langsam ihre Gegenständlichkeit
verliert, auf dem Tisch
zur anschaulichen Ewigkeit wird. ”

Natur spielt nur eine sehr kleine Rolle: Krolow bewegt sich nicht weit von dem weg, was er deutlicher als je im Auge hat: das Gewöhnliche mit einem unvergesslich-lyrischen Zug zu versehen. Das er es auf eher abgewendete Weise tut, bedächtig, nicht so explosiv, expressiv, schmälert gewiss nicht seine Bemühung, doch aber die Begeisterung des Lesers, der sich mit filigranen, aber etwas zu dichten und trostlosen Werk konfrontiert sieht.

“Frühjahr. Elemente
der Wiederholung.
Es gibt verschiedene
Szenen. Ein Vorhang
Wird zurückgezogen.
[…]
Das Publikum besteht
aus alten Leuten,
die aufatmen. ”

Noch mehr als in den “alltäglichen Gedichten” hat Krolow sich in diesem Buch den Betrachtungen alltäglicher Stimmungen gewidmet und so manchen sehr gewöhnlichen Moment eingefasst. Die Berührungen mit der Natur sind weniger fasslich, eher sporadisch-spontan. Dennoch: auch in diesen Gedichten ist viel an Wissen und Weisheit aufgebahrt, mancher poetische Moment und manche Brillanz.

“Man zählt sein Geld
für einen Ausflug
in den Schatten
und wünscht sich
leichten Wind.
der um die Ecke weht.

3 thoughts on “Karl Krolow 1966-1970 – ein Ausschnitt

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