Monthly Archives: February 2014

Zu Stefan Zweigs “Joseph Fouché”


“Die Geschichte ist ein Seil, in das die Mächtigen der Welt ihre scheinbar endgültigen Knoten knüpfen; weben tut dies Seil indes stets ein anderer – weiter und weiter.”
Edward Gibbon

“Joseph Fouché, einer der mächtigsten Männer seiner Zeit, einer der merkwürdigsten aller Zeiten, hat wenig Liebe gefunden bei seiner Mitwelt und noch weniger Gerechtigkeit bei der Nachwelt.”
Anfang des Buches, Seite 9

Wenn es Joseph Fouché und seine Rolle in den umstürzlerischen Zeiten zwischen 1789 und 1815 nicht gegeben hätte, hätte sie wohl auch niemand erfinden können; zu filigran und vielschichtig sind Aufstieg, Sturz, Wiederaufstieg, Glanz und Niedertracht, Wendung und Schicksal miteinander verwoben, diese Kräfte, die ihre Günstlinge fallen lassen und die verschonen, die sie zu brechen und zu überwinden versuchten; trifft ein solches Zeitalter auf eine wandlerische Gestalt wie Fouché, steht ein neuer Roman der Weltgeschichte im Raum; ein Autor, der, wie man weiß, sich sowohl auf Figuren, als auch auf spannende Ereignisse gut versteht.

Zweig, der einige sehr populäre und gute Kunstbiographien verfasst hat (auch z.B.: “Triumph und Tragik des Erasmus von Rotterdam” und das große Fragment “Balzac”, sowie die bis heute sehr lesenswerten und besonders vielschichtigen Bücher über Marie Antoinette und Maria Stuart), war einer der letzten Autoren einer vergehenden literarischen Periode, die durch das Feuer des Ersten Weltkriegs ins Wanken geriet und dann kulturell in den Feuern von Auschwitz unterging – bevor es in der Umstrukturierung Europas nach dem zweiten Weltkrieg endgültig aus dem Bewusstsein der Menschheit verschwand.

Zweig schreibt mit Pathos, mit Begeisterung und Faszination. Sein Enthusiasmus, gepaart mit einer teilweise lyrischen, immer sehr akkuraten, dabei sehr leicht lesbaren Sprache, ist seine große Stärke, auch wenn er ihn manchmal zu Wiederholungen verleitet, oder besser gesagt Halbwiederholungen – er verwendet viel darauf, den Menschen Fouché und sein Wesen stets neu zu beleuchten, zu definieren, zu interpretieren und seine Beweggründe, aber auch seine tieferen Gefühle zu deuten und dabei das Wesentliche immer wieder herauszukehren.

Gleichsam ist dieses Buch eines der besten Werke – ohne tausend Seiten zu wälzen – über die Wege und Ausmaße der französische Revolution, mit ihrem Vierteljahrhundert, das unsere Welt so geprägt hat. Denn mit Fouché, einem Akteur im Geschehen, kriegen die Abläufe einen anschaulichen Sinn – im Bezug zu ihm, lernt man ein wenig die Dynamik der Ereignisse in den Jahre von 1789-1799 und danach kennen. Auch über Napoleon kann man in dem Buch einiges erfahren.

“Das ist das letzte Machtgeheimnis Joseph Fouchés, dass er immer die Macht will, ja sogar das höchste an Macht, dass ihm aber, im Gegensatz zu den meisten, das Bewusstsein der Macht selbst genügt: er braucht nicht ihre Abzeichen und ihr Gewand.”

Revolutionär, Opportunist, Intrigant, Beobachter, Polizeiminister, gerissener Machtmensch oder weiser Poltiker, Akteur und Zuschauer – man mag zur Person Fouchés am Ende stehen wie man will, aber seine Figur hat, auch dank Zweig, eine eigentümliche, unweigerliche Faszination. Es lohnt sich, diese Biographie, die gleichsam der Spiegel einer wichtigen Epoche ist, zu lesen; und sei es nur, damit man sagen kann: Fouché, ich weiß wer du warst.

Link zum Buch

Zu Baudelaires “fleurs du mal”


“Mir ist, als hätte ein Jahrtausend ich geschaut.
Nie barg ein Schrank, darin der Akten Flut gestaut,
Wo Liebesbriefe sich, Urkunden, Blätter schichten,
Mit Haaren, die verpackt in Scheine, mit Gedichten,
Mehr Heimlichkeiten als mein Hirn, mein müdes, kennt.
Es ist ein Königsgrab, ein Riesenmonument;
Nicht eine Massengruft bedeckt so viele Leichen.”

Die Blumen des Bösen, die “les fleurs du mal”, werden, übergreifend, von nahezu allen westlich-europäischen Ländern als einer der wichtigsten Eckpfeiler (wenn nicht sogar der Beginn) der modernen Dichtung angesehen; von Arthur Rimbaud bis Paul Celan reicht die Spanne der von diesem Werk inspirierten und beeinflussten Autoren; Gedichte wie “Der Albatros” und “Die Katze”, “Das schöne Schiff” oder “An eine rothaarige Bettlerin” gehören zum Kanon des Allgemeinwissens in puncto Lyrik und die kunstvoll finstren, ornamentenen Wendungen und Reime des Werkes haben inhärent Worte wie “Kunstvoll” und “Lyrisch” auf ewig für sich eingenommen und geprägt.  Und bei aller Kritik, die sich mit der Zeit gegen jedes Werk aufbaut – die Blumen des Bösen werden bleiben. Denn sie waren mehr als nur der erste Schritt in eine neue Richtung. Sie waren auch ein bedeutender Versuch mit intellektueller Durchdringung weltlichen Fragen in Reimen nahe zu kommen – eine Tradition unter der die moderne Dichtung sich zu großen Teilen heute eingefunden hat.

“Zwei Krieger stürzen aufeinander; ihre Klingen
Durchstieben rings die Luft mit Funken und mit Blut.
Dies Spiel, dies Klirren ist das lärmerfüllte Ringen
Der Jugend, die verzehrt von wilder Liebesglut.”

Wenn man heute davon spricht, kein Blatt vor den Mund zu nehmen, bedeutet das meistens, dass man nicht bei Gelegenheit kein Blatt vor dem Mund nimmt, sondern immer und prinzipiell.
Charles Baudelaire, Dandy und Dichter, opiumsüchtig und in Frankreich neben eigenen Werken auch berühmt für die Entdeckung und Übertragung der Werke Edgar Allen Poes, lehrt einem in diesem Werk hier, was es wirklich heißt, kein Blatt vor den Mund zu nehmen – es heißt nämlich die Akzente richtig zu setzten, das Gefühl der Offenheit zu vertiefen und zu verschleiern, es nicht bloß auszunutzen, sondern zu zelebrieren und trotzdem subtil, allumfassend aufzutun, in seiner Nacktheit, seiner Dunkelheit, seiner Boshaftigkeit und seiner Schönheit. Denn der Reiz aller Dinge, das weiß Baudelaire, ist oft zwischen den Krallen des Seins und den Händen des Scheins in einer Art von Vermeintlichkeit gefangen, aus der man es entreißen muss – am besten mit Versen.

“Denn klarer kann sich, Herr, kein Zeugnis offenbaren,
Das unserm innern Wert je eine Stimme leiht,
Als dieser glühnde Schrei, der rollt von Jahr zu Jahren
Und sterbend untergeht am Rand der Ewigkeit.”

Das Leben, für beinahe jeden Dichter heute der Dreh- und Angelpunkt seines Werkes, das Ding für das es Metaphern, Bilder und Sinn zu finden gilt, für das Gebilde selbst und für all seine Stellvertreter, durch die hindurch man das Leben aus dem Augenwinkel oder exemplarisch wahrnehmen und spüren kann – Baudelaire besingt es hier in vier Zeilen, er wirft es hin und her zwischen Eindrücken und Feststellungen.

“Unendlichkeit seh fahl ich durch die Fenster strahlen,
Und meine Seele, die es schwindelt, füllt mit Neid
Das wesenlose Nichts in seiner Einsamkeit.
O! niemals mehr sein als Geschöpfe und als Zahlen.”

Die Blumen des Bösen mögen oft als Gesänge des Unmuts, der Lüsternheit und der Verkommenheit angesehen werden. Doch das erklärt nur den einen Teil ihres Welt. Auf der anderen Seite steht die tiefe Versponnenheit, die nachdrückliche Sehnsucht und Malerei, die bis zur Zärtlichkeit reicht – wer sich in die erst wirr und trunken anmutenden Verse einliest, wird schnell herausfinden, dass sich im Zentrum des Sturmes eigentlich jene kleinen Geschehnisse von Schicksal und Schönheit befinden, nicht Wollust und Prunk.

Klagen, Sehnsucht und Angst: oft treten sie in einem Fell von Wut und Begierde, Hass und Flucht den Sturm nach vorne an. Baudelaire versteht es, diesen schwierigen, psychologischen Erbe eine Bühne zu bieten – natürlich mit Vorliebe auch für das Erotische, so in diesen Zeilen, in denen er auf die Zweischneidigkeit der Weiblichkeit hinweist:

“Ihr magres Schlüsselbein umschmiegen leichte Spitzen,
Gleich einem üppigen Bach, der sich am Felsen reibt,
Und sittsam bergen sie vor possenhaften Witzen
Den unheilvollen Reiz, der tief verborgen bleibt.”

Die Blumen des Bösen sind ein Gedichtband, der wegweisend war und auch heute noch wunderschöne Wendungen an Reimen und Eindrücken zu bieten hat, und auch lehrreich ist für die Begegnung mit der psychologischen Tiefe vom Leben und vom Bösen. Zweifelsohne ist es schwierig in diesem dunklen Meer zu baden, ohne sich zu fragen, warum es immer wieder ins Abgründige umschlägt. Aber dass ist die Eigenschaft des Meeres: Es ist weit, groß, schön und immer abgründig, je mehr, desto weiter man sich hinauswagt; und darin schwimmen heißt stets bis zum Hals über dem Abgrund zu schweben.

“Und es erschrak mein Herz, manch Armen zu beneiden,
der glühnden Eifers stürzt zum Abgrund des Gerichts,
Und der, von seinem Blut berauscht, die grimmsten Leiden
dem Tode vorzieht und die Hölle selbst dem Nichts.”

Nachtrag, zur Problematik der Übersetzungen:

Für meine Lektüre griff ich auf die Anaconda-Version des Werks zurück (die übrigens nur 100 der Gedichte enthält), die die allerersten Übersetzungen von Wolf Graf von Kalckreuth enthält. Diese sind, zugegeben, etwas schwerer zugänglich als alle anderen (und, und darüber möchte ich nicht urteilen, möglicherweise auch nicht ganz astrein übersetzt – wer also unbeding genau das Lesen will, was Baudelaire geschrieben hat, möge sich noch gedulden bis er wieder aufersteht, Deutsch lernt und es selber übersetzt), jedoch gefällt sie mir, weil ich das Gefühl habe, dass die Ambivalente Stimmung von Baudelaires Gedichten in dieser Übertragung sehr gut eingefangen scheint.

Aber trotzdem möchte ich hier gerne jedem die Chance geben, selber zu vergleichen:
Die letzte Strophe aus “Don Juans Fahrt in die Hölle/Unterwelt” gilt als besonders schwierig zu übersetzende Stelle; hier das frz. Original + die 4 Lösungen, die ich bisher dazu lesen durfte:

“Tout droit dans son armure, un grand homme de pierre
Se tenait à la barre et coupait le flot noir ;
Mais le calme héros, courbé sur sa rapière,
Regardait le sillage et ne daignait rien voir.”
-Original-

Ein großer Mann von Stein, sein voll Gewaffen zeigend,
Stand an dem Steuer, das die schwarze Flut durchquert;
Jedoch der stille Held, auf sein Rapier sich neigend,
Sah in den Strom und hielt nichts seines Blickes wert.
(Kalkreuth, 1907 – vollständig nachzulesen: http://ngiyaw-ebooks.org/ngiyaw/baudelaire/blumen/blumen.pdf)

Ein grosser fremder Mann, in Stahl die Glieder,
Lenkte das Steuer, steinernen Gesichts.
Der bleiche Held beugte aufs Schwert sich nieder,
Betrachtete die Flut und weiter nichts.
(Terese Robinson, 1925 – vollständig nachzulesen: http://gutenberg.spiegel.de/buch/1363/1)

Ein mann aus stein in voller rüstung lenkte
Das steuer und durchschnitt die schwarze flut –
Der stille held jedoch aufs schwert sich senkte ·
Er hat dies alles nicht zu sehn geruht.
(George, Umdichtung 1930 –
vollständig nachzulesen: http://www.zeno.org/Literatur/M/George,+Stefan/Gesamtausgabe+der+Werke/Baudelaire.+Die+Blumen+des+B%C3%B6sen/Tr%C3%BCbsinn+und+Vergeistigung/XV+Don+Juan+in+der+H%C3%B6lle)

Aufrecht in seiner Rüstung stand gewaltig ein Mann aus
Stein am Steuer, das die schwarze Flut durchschnitt, doch
unbewegt der Held, auf sein Rapier gestützt, sah auf die
Spur im Strome und geruhte anders nichts zu sehn.
(1966, Friedhelm Kemp, Fischer Bücherei Prosaübersetzung)

Wenn jemand noch eine Übersetzung beisteuern will, kann er mir gerne schreiben.

Weitere Baudelaire-Übersetzungen:

Nachdichtung von Stefan Zweig in Rhythmen: Nachdichtungen ausgewählter Lyrik
http://www.lyrik.ch/lyrik/spur3/baudelai/baudel2.htm
http://www.cool-artists.de/madonnaweiss/uebersetzungen/spleen2_baudelaire.htm
http://home.arcor.de/berick/illeguan/baude1.htm

Dem letzten Romantiker Hermann Hesse


“Sorge flieht und Not wird klein
seit der Ruf geschah.
Mag ich Morgen nimmer sein,
heute bin ich da!”

Am neunten August 2012 jährte sich Hermann Hesses Todestag zum 50. Mal. Er, der weltbekannte deutsche Bestsellerautor und Nobelpreisträger, der als Schweizer starb; er, der zusammen mit Stefan Zweig einer der letzten, großen klassisch-romantischen Dichter war (und mit ihm teilt, dass sein Prosawerk mehr Anerkennung fand als seine Lyrik); er, der wie nur wenige Schriftsteller unsere Fantasie unentwegt beflügelte; er, der immer ein Außenseiter war und doch einer, der sich in diesem Zustand einrichten und behaupten konnte.

“Ihr schaffet, bauet, löset Rätsel viel –
Das kann ich nicht. Mich treibt es durch die Welt
rastlos nach einem unbekannten Ziel,
das jeder neue Tag mir ferner stellt.

Ihm also gilt diese Rezension seiner Gedichte.
Denn als Dichter hat sich Hesse immer betrachtet, in einigen Phasen seines Lebens mehr und weniger und schließlich verstärkt zuletzt. Es soll hier nicht behauptet werden, Hesse hätten seine Romane und Erzählungen nichts bedeutet, aber Lyrik war für ihn immer noch die am weitesten reichende Kunstform, die, in der er seinen ganz persönlichen Ausdruck, sein Selbst am allerbesten/-stärksten formulieren konnte, statt seine alter Egos in Romanen Geschichten erzählen, Systeme entwerfen und Erlebnisse verarbeiten zu lassen. Gedichte waren für ihn sofortiger Ausdruck, unmittelbare Kunst.

“Sterngleich ertönen sie gleich Kristallen,
in ihrem Dienst ward unser Leben Sinn,
und keiner kann aus ihren Kreisen fallen
als nach der heiligen Mitte hin.”

Hesse war ein aufgeschlossener Leser und hat, wenn auch gegen vieles in der Moderne eingestellt, auch vieles gewürdigt, was sie hervorbrachte – trotzdem hatte er nicht viel übrig für die Modernisierung der Dichtung. Als Vorbilder vor allem Goethe und Eichendorff, in den Thematiken dann und wann etwas moderner angeregt, geht es in seinen Versen vor allem um zweierlei: Das Zerreisend-Vergängliche und die lyrische Erschließung des Moments.

“Da geht kein Rauschen übers Feld,
Dem nicht mein Horchen nachgestellt
Sehnsüchtig, forschend, unverwandt,
Bis mir sein eig’nster Laut bekannt.”

Sehr beherrschend ist dabei die Figur (das Symbol) der unwiederholbaren Jugend, der nicht mehr zu erreichenden Tiefe und Fülle von einst, die man noch kennt und streift und spürt, doch nicht mehr wirklich trägt und hält. Ein Thema was Hesse in mindestens jedem zehnten Gedicht immer wieder variiert oder anklingen lässt.

“Hinträumend wandelt in die alten Zeiten
und scheu dein stillgewordener Wunsch zurück
zu lang verglühten Träumen, Wonnen, Leiden
und Jugendhoffnungen… Das war das Glück.”

Ganz klar ist Hesse ein Dichter des Ich, einer, der anerkennt, dass man im tiefsten Sinne nur von sich sprechen darf, wenn man andere erreichen will. Das nimmt seiner Lyrik sicherlich hier und da einiges, weil sie oft mehr ein freudiges, denn ein wohl platziertes Reimen inne hat, ein spontanes und stürmisch ausdrückendes, aber es macht sie auch ehrlich und hier und da auf wunderbare Weise vollkommen zugänglich, wie das selbst bei den schönsten Gedichten sonst selten der Fall ist.

“Lange habe ich nun dem Regenlied gelauscht,
tagelang und viele Nächte lang,
wie es schwebend hängt und träumend rauscht,
eingehüllt in ewig gleichen Klang.”

Nahend im Vertonen der manchmal simpelsten und doch wichtigsten Dinge, suchend und Beschreibungen und Eindrücke findend und in Worte fassend, wie sie jenem Bild, was wir von den Dingen haben, beiseite gestellt werden können, für einen Moment, einen Augenblick, einem Glänzen der Schönheit, indem uns die Welt Spiegel und Fenster zugleich.

“Wie still der Baum sein Kindergesicht
Hinunterbeugt und mit sich selber spricht.”

“Ein Tönen ist erklungen
aus dumpfen Erdentiefen her
und hat sich zart geschwungen
ins Reich der Luft und tönet
wie Harfen zart und Glocken schwer.”

Wer sich auf die Lektüre sämtlicher Gedichte Hesses einlässt, der wird vor allem von den Themen der Heimatlosigkeit, den Empfindungen von Rausch und Einwebung, von Traum und Nacht und dem Sonnenuntergang der Jugend begleitet werden. Dann und wann werden auch malerische Langgedichte und Arbeiten, die während der Romane entstanden sind, seine Wege kreuzen, sowie mahnende oder treffliche Zeilen auftauchen, wie diese:

“Das ist die tiefste Lebenslist:
Den Ort auf jedem Wege wissen,
Wo seine Sphinx verborgen ist.”

Dann wieder liefert er einleuchtende, schön gereimte und einfache Versionen jener Ahnung, die ganz tief in der Lyrik verwurzelt ist, was immer ihr Ruf, ihr Versprechen war: das Ewige.

“Wir freuen uns an Trug und Schaum,
wir gleichen führerlosen Blinden,
wir suchen bang in Zeit und Raum,
was nur im Ewigen zu finden.”

“Ich seh nach ewigen Gesetzen segeln
was einst mir wild erschien und frei von Regeln.”

Wenn Gedichte dies alles können, altern sie letztendlich nur im Auge desjenigen, der sie nach ihrer Aktualität und nicht nach ihrem Wert in allen Facetten beurteilt. Hesse hat einige wunderbare Gedichte geschrieben und er sollte als Dichter nicht vergessen werden – als Romancier natürlich auch nicht!
Manchmal sind seine Verse sehr schwermütig, todessehnsüchtig beinahe, dann wieder ist diese erlesene Klarheit enthalten, die man aus seinen Briefen und Buchbesprechungen kennt und schätzt – und irgendwo trifft sich dies beides in seinen besten Versen.

“Leise lösch ich mein spätes Licht,
fiebernde Stunden zu wachen,
und die Nacht hat dein Angesicht,
und der Wind, der von Liebe spricht,
hat dein unvergessliches Lachen.”

Verse voller Lebensdrang und Liebesklang – und doch auf der Suche, wie alle Lyrik, nach dem flüchtigen Schönen, dem Unsagbaren, dass uns gewährt wird jenseits der Erkenntnis der Wörter, in dem was sie auch noch können, ihrem zeitlosen Spiel, dessen Regeln wir wohl nur dann begreifen, wenn wir das Schöne und Vortreffliche einen Moment lang darin sehen, wie wir selbst es verstehen …

“Und so fließt im unterirdisch Dunkeln
ewig fort der heilige Strom, es funkeln
aus der Tiefe manchmal seine Töne;
wer sie hört, spürt ein Geheimnis walten,
sieht es fliehen, wünscht es festzuhalten,
brennt vor Heimweh. Denn er ahnt das Schöne.”

“Das Gefängnis der Freiheit” – Über Michael Ende’s Erzählband


“Wenn es sich aber so verhält, wenn Zeit nichts anderes ist als die Art und Weise, wie unser Bewusstsein eine Welt wahrnimmt, die ohne Zeit ist, warum sollte es dann nicht auch Erinnerungen geben an etwas, das uns erst in naher oder ferner Zukunft widerfahren wird?”
(S. 64)

Ein Geleit durch unerreichbare Länder sind jene Geschichten, die wir phantastisch nennen, und die heute meist dem Science-Fiction oder der Fantasy zuzuordnen sind; doch es gibt auch jenseits dieser Genres phantastische Literatur: Geschichten, die Randphänomene menschlicher Lebenswirklichkeit, wie Träume oder Mystik, unerklärliche Geschehnisse und Zaubertricks, mit einer gewohnten Erzählstruktur verbinden und daraus eine phantastische Erfahrung kombinieren, die nicht allein unsere Vorstellungskraft anspricht, sondern vor allem unser Staunen über die möglichen Untiefen der Wirklichkeit belebt.

Michael Ende, der die phantastischen Welten seiner Kinderbücher immer wieder auf besondere Art mit Facetten unserer wunderlichen und wunderbaren Wirklichkeit zu durchdringen vermochte (indem er z.B. die Realität mit einem phantastischen Element kontrastiere und so nicht nur die Macht der Fantasie, sondern auch die Schönheit der Realität hervorhob, ohne die seine fantasiereiche, gesteigerte Variante ja gar nicht denkbar gewesen wäre – oder indem er seinen Welten trotz ihrer phantastischen Weiten die menschlichen Gefühle und Sehnsüchte zur Seite stellte). Neben seinen Kinderbüchern hat sich Ende auch in einigen Erzählungen, Märchen, Aphorismen und Betrachtungen der Faszination von Wirklichkeit, Wünschen, Spirituellem und Träumen gewidmet.

“dass nämlich zur Erfahrung der Wirklichkeit außer dem Nur-Faktischen auch ein erkennendes Bewusstsein gehört, das dieses Faktische erst realisiert, dann ist es wohl nicht allzu gewagt zu folgern, dass also die Beschaffenheit der jeweiligen Wirklichkeit von der Beschaffenheit des jeweiligen Bewusstsein abhängt. Da letzteres jedoch, wie man weiß, keineswegs bei allen Menschen und in allen Völkern gleich ist, kann man mit Recht annehmen, dass es an verschiedenen Orten der Erde verschiedenen Wirklichkeiten gibt, ja dass an ein- und demselben Ort durchaus mehrere Wirklichkeiten vorhanden sein können.”
(S. 81)

Die Erzählungen in diesem Band sind allesamt der Tradition von erzählten Geschichten verpflichtet, es geht nicht um Zwischenmenschliches, es geht um Lebenswege und Gleichnisse, die sich um das Suchen und Entdecken drehen. Der Protagonist der ersten Geschichte ist ein Mann, der in Hotels rund um die Welt unter der Obhut des Vaters und ein-zwei Dienern aufwächst und ein gedämpftes, unwirkliches Leben fristet, bis er zum ersten Mal zufällig auf jemanden trifft, der Heimweh hat. Heimweh, Heimat, ein Zuhause? – etwas, das er nicht kennt. Aber alle bekommen diese wehmütige Art wenn sie davon reden. Auch wer will so etwas haben und sucht von da an sein ganzes Leben nach diesem Ort…
Während diese erste Erzählung noch in das Gewand einer gewöhnlichen, profanen Lebensgeschichte gehüllt ist, wird der Leser in einer anderen Erzählung in eine geradezu kafkaesk anmutende, totalitäre Schattenwelt geworfen, in der die Lebewesen in unveränderlichen Tagesrhythmen in einem unveränderlichen, unendlichen Tunnelsystem leben; wiederum in einer weiteren Erzählung, befindet er sich in den spirituellen Gleichniswelten des Korans, in denen ein dem Glauben entfallener sich mit dem Gefängnis der Freiheit auseinandersetzen muss. Und dann ist da noch jener Korridor in Rom, der ein physisch gewordenes mathematisches Problem darstellt …

Gute phantastische Literatur bezieht ihre größte Faszination nicht allein aus der reinen Fabulierkunst. Es ist die verschwimmende Grenze, das Abtasten der Wirklichkeit, das die erstaunlichsten phantastischen Erzählungen ausmacht, von Borges über Cortazar, von Lovecraft über Kehlmann bis zu diesen Geschichten Michael Ende. Denn die Wirklichkeit eines phantastischen Textes, einer phantastischen Welt, ist ein eigener Bereich, der aus Elementen der realen Wirklichkeit und der denkbaren Wirklichkeit erschaffen wird und wo die realen Elemente von der phantastischen Wirklichkeit in Beschlag genommen werden, aber umgekehrt auch die phantastischen von den realen. So entsteht eine Ebene, die man geheimnisvoll, rätselhaft nennen würde. Sie grenzt sich von der Realität nur dadurch ab, dass sie erdacht wurde, trägt aber Teile in sich, die durchaus in Bereichen unserer Lebenswirklichkeit greifen könnten, darin präsent sind.

Das ist natürlich mehr die interpretative Seite. Der Leser kann diese Seite ebenso gut mit Genuss ignorieren und diese Erzählungen so lesen, wie Ende sie sicherlich verstanden sehen wollte: als Geschichten mit fantasievollen Zügen, mit Ideen, die eine übergreifende Vorstellung erzeugen können, von der Bedeutung des Glücks, der Vorstellungskraft und vielem anderen. Ende war ein Geschichtenerzähler und er war sicherlich noch mehr als das. Aber allein wegen ersterem lohnt es sich schon, ihn zu lesen – die eigene Fantasie seinen kleinen Welten, Lebensläufen und Parabeln anzuvertrauen.

Was mir von Grass gefällt – Vier Gedichtbände


I – Die Vorzüge der Windhühner (1956)

“Brüder, Brüder, alle ihr Magenkranken,
die ihr da salzlos und von Gedichten lebt,
niemand, kein Uhrmacher will mehr die Sanftmut,
eine törichte Spieluhr reparieren.”

Günter Grass erste Publikation überhaupt war eine lyrische und er hat immer wieder betont von der Lyrik gekommen zu sein – was man ja in der Prosa auch deutlich spüren kann; er ist ein Poet, manchmal ein allzu bemühter und brachialer, doch seine besten Werke halten sich die Waage zwischen Prosa und Lyrik.

So sind natürlich auch diese ersten Gedichte, sozusagen im Gegenzug, voller Prosaelemente und tragen erzählerische Züge. Gottfried Benn, so erfuhr Grass später (berichtet in dem bei Suhrkamp erschienenen Interviewband “Das erste Buch“), hatte in den Gedichten bereits einen Erzähler erkannt, als Grass mit seinem Blechtrommelmanuskript noch in den Anfängen steckte.

“Die Tage schrumpfen, Äpfel auf dem Schrank,
die Freiheit fror, jetzt brennt sie in den Öfen,
kocht Kindern Brei und malt die Knöchel rot.”

Ist Grass ein guter Lyriker? Ein eindeutiges Ja. Doch leider einer, der nicht immer gute Gedichte schreibt. Denn ist ein gutes Gedicht ein Gedicht voller Kontraste, voller Bilder- und Wortschöpfungen, jedoch auch voller Blendwerk und Hermetik? Wenn ja, dann gelängen Grass fast nur hervorragende Gedichte. Sollte die Definition von einem guten lyrischen Werk allerdings ein halbwegs verständliches und trotzdem tiefsinniges/stimmiges/philosophisches Gedicht bedeuten, dann gelingt ihm ein solches zwar in regelmäßigen Abständen, aber eindeutig nicht immer.

Grass Credo scheint gewesen zu sein, sich ganz seiner Idee von einem Gedicht, von Poesie hinzugeben, was mal positive, mal negative Aspekte hat. Bei vielen Texten wirken die Zeilen wie einzelne, lyrische Windstöße:

“Versuche mit Tinte,
Niederschriften mit Rauch
halb erwacht
im Dickicht süßer Gardinen.
Die Straße, den Notverband wieder aufgerollt,
weil die Wunde juckt,
weil die Erinnerung sich stückeln lässt und längen,
so eine Katze unterm Streicheln.”

“Spiegel üben laut Natur”

“Vorsicht, der Wind schläft in Tüten.”

Was ja nicht schlecht ist, und auch nicht frei von poetischem Entzücken. Und natürlich ist auch nicht jedes Gedicht so lyrisch-schwirrend. Aber die Texte dieser Art überwiegen doch.

“Kinder, noch nicht, oder schon, oder fast, wenn nicht zuvor
– viele werden gezeugt, ein Teil geboren,
können nicht mehr zurück, es sei denn,
sie finden das Streichholz oder ein einsilbig Messer. –
Anna, Anna, Anna, eben trankst du noch Milch,
jetzt fließt du rot und davon.”

Es gibt bereits ein paar gute Gedichte, es gibt ein paar perfekte Zeilen. Mehr können die meisten Dichter nicht liefern und mehr sollte man auch wohl nicht von ihnen verlangen. Sprachlich ist Grass immer noch, und war es schon zu Anfang, ein eigenwilliger Virtuose. Wer diese Virtuosität in der Lyrik schätzt, kann sich heranwagen; wem diese (angebliche) Bedeutsamkeitshudelei immer schon gestunken hat, der wird sich hier nur bestätigt finden und die kleinen Geniestreiche vermutlich übersehen.

“Wir warten den Regen ab,
obgleich wir uns daran gewöhnt haben,
hinter der Gardine zu stehen, unsichtbar zu sein.”

II – Ausgefragt (1967)

“Ohnmacht, dein Nadelöhr ist der Gesang.”

“Mein großes Ja bildet Sätze mit kleinem Nein.”

“Ohne Kehrseite
doch rückversichert,
immer ein bisschen ich.”
[…]
“Ein leeres Haus im Rücken
und die Gewissheit trocknender Strümpfe;
draußen mühen sich altbekannte Gewitter ab.”

Günter Grass dritter Gedichband ist ein wahres Meisterwerk der virtuosen Sprachbilder; über weite Flächen kann man der Kraft seiner Bilder, dem Fluss seiner Kontraste kaum widerstehen oder entgehen.

“Und deine Hoffnung? – Log die Wüste grün.
Und deine Wut? – Sie klirrt als Eis im Glas.
Die Scham? – Wir grüßen uns von fern.
Dein großer Plan? – Zahlt sich zur Hälfte aus.
Hast du vergessen? – Neuerdings, mein Kopf.
Und die Natur? – Oft fahr ich dran vorbei.
Und die Menschen? – Seh ich gern im Film.
Sie sterben wieder. – Ja, ich las davon…”

Man kann auf viele verschieden Arten gute Gedichte schreiben und bis zu diesem Gedichtband dachte ich, Grass Stärke liege in kurzen, komprimierten Gedichten; nach der Lektüre von “Ausgefragt” bin ich bereit zu glauben, dass die Stärke seiner besten Dichtungen aus der Kombination seiner im eigenen (in der Prosa oft lyrischen, in der Lyrik eher epischen) Virtuosität und dem Einfallsreichtum seiner Sprach- und Bildassoziationen erwächst. Grass hat, dass muss man nach der Lektüre dieses Bandes absolut eingestehen, ein Händchen für lyrische Intonationen – hier kombiniert er sie dann und wann zusätzlich noch mit dem Aspekt des Wort- und Formspiels, was den Texten eine nicht ganz so bitter ernste oder verkopfte Note gibt, wie sich bei Grass sonst oft einschleichen kann.

“Neue Standpunkte fassen Beschlüsse
und bestehen auf Vorfahrt.
Regelwidrig geparkt, winzig,
vom Frost übersprungen,
nistet die Armut.
Ihr ist es Mühsal, Beruf,
die Symmetrie zu zerlächeln:
Alles Schöne ist schief.
Uns verbinden, tröste Dich,
ansteckende Krankheiten.
Ruhig atmen – so –
und die Flucht einschläfern.
Jeder Colt sagt entwederoder…”

In diesem Band taucht des weiteren auch erstmals eine andere Seite des Dichters Grass stark und unverhüllt auf: sein schriftstellerisches Engagement, das stark auf seine Lyrik übergreift; so nehmen sich manche Zeilen aus, als könnten sie von Brecht oder auch von Erich Fried stammen:

“Wir lesen Napalm und stellen und Napalm vor.
Da wir uns Napalm nicht vorstellen können,
lesen wir über Napalm, bis wir uns mehr
über Napalm vorstellen können.
Jetzt protestieren wir gegen Napalm.
[…]
Aber es gibt, so lesen wir,
Schlimmeres als Napalm.
Schnell protestieren wir gegen Schlimmeres.”

Die Zahl der enthaltenen Gedichte ist allerdings nicht besonders groß, doch immerhin hat der größte Teil davon etwas Zeitloses und wirkt, trotzdessen jeder der Texte schon ca. 45 Jahre alt ist, sehr unverbraucht. Viele könnten auch heute geschrieben werden und viele sind es wert wieder gelesen zu werden und nicht in Vergessenheit zu geraten.

“Schreib keinen Brief,
Brief kommt ins Archiv.
Wer den Brief schreibt,
unterschreibt,
was von ihm einst überbleibt.”

Ich empfehle den Lyriker Grass mit diesem Band kennen zu lernen. Viel von diesem Schriftsteller kann man getrost zum Teufel jagen – umso wichtiger nicht in eine Verallgemeinerung zu verfallen und sich zu greifen, was an Gutem zu haben ist.

“wenn um den Fußball Urlauber zelten
und der Nation verspielter Blick
große Entscheidungen spiegelt,

wenn Zahlenkolonnen den Schlaf erzwingen
und durch die Träume getarnter Feinde
atmet, auf Ellbogen robbt,

wenn in Gesprächen immer das gleiche Wort
aufgespart in der Hinterhand bleibt
und ein Zündhölzlein Mittel zum Schreck wird,

wenn sich beim Schwimmen in Rückenlage
himmelwärts nur der Himmel türmt,
suchen die Ängstlichsten rasch das Ufer,

liegt plötzlich Angst in der Luft.”

III – Fundsachen für Nichtleser (1997)

“Das Glück, so heißt es, ist eine Fundsache.”

“Alles, was abseits der Buchstaben

wie von Sinnen ins Auge fällt:
dieses Dingsda,
krumme Nägel oder Krümel,
die ein Radiergummi hinterließ.”

Gedichte und Aquarelle enthält dieser Band, der zu Grass 60tem Geburtstag erschien.

Nur Gedichte in den Größenordnungen von 3-10 Zeilen, dazu Buntes bis Graues. An der kurzen Leine hält Grass hier seine Worte, ebenso wie den Anspruch und es hat im Gut getan, nicht um Bedeutung zu ringen.
Ich hatte schon während der Lektüre vorheriger Gedichtbände den Verdacht, dass Grass ein Meister der kurzen Form sein könnte. Und wahrlich er ist es. Diese netten kleinen Streifzüge durch Gedanken-, Phantasie- und echte (erinnerte) Welten, sind schön, manchmal geistreich, sowohl lyrisch, als auch erzählend, und auf einzigartige, verschrobene Weise sogar subtil.

“-Jeden Morgen-

begegnet mir, auf dem Weg zur Heide,
ein Ameisenberg, dem ich nicht begegne,
denn er setzt seinen Betrieb fort
und hört nicht auf mein Krisengerede.”

Ich kann nur jedem raten seine Begegnung mit dieser beschaulichen Sammlung von Kurzgedichten nicht länger herauszuschieben; egal ob sie nun alle wahr sind oder doch gelogen.

“-Meine alte Olivetti-

ist Zeuge, wie fleißig ich lüge
und von Fassung zu Fassung
der Wahrheit
um einen Tippfehler näher bin.”

Kurz und knapp: Zusammen mit “Ausgefragt” die beste lyrische Arbeit von Grass. Zum Blättern, Vertiefen, Überfliegen und Zitieren. Eine wirklich gute, irgendwie auch erstaunliche Sammlung!

“-Für dich-

Meine leeren Schuhe
sind voller Reisepläne
und wissen Umwege,
die alle zu dir führen.”

IV – Letzte Tänze (2003)

Die letzte gute lyrische Arbeit von Grass – seine Hommage an die Symbiose des Tanzes mit eigenwilligen Einschlägen. Teilweise fast zärtlich.

“Der Herr knickt die Dame,
nein, biegt sie, so beugsam die Dame,
der Herr gibt sich steif.

Zwei Körper, die eins sind, doch nichts
von sich wissen, geschieden in Treue,
in Treue vereint.

Die Hand in der Beuge, gedehnt tropft die Zeit,
bis plötzlich die Uhr schlägt:
fünf eilige Schritte.
[…]
Das ist der Tango, die Diagonale.
Aus Fallsucht zum Stillstand.
Ich höre dein Herz.”

Ich denke dieser Teil aus Tango Nocturne kann sehr gut die Feinheiten der grassschen Lyrik anklingen lassen. Sie liebt das Bildhafte, scheut aber stets das Offensichtliche; sie hemmt das Begreifen ab und gibt doch jede Zeile ein bisschen mehr davon in die lyrische Aufnahme.

“Erklären lässt sich vieles, doch das Ohr will Fakten,
der Priester nuschelt was von nackten
und solchen, die sich modisch kostümieren,
will hören, ob mit Menschen, ob mit Tieren,
was sonst noch ruchbar ist in staubergrauten Akten.”

Klar, Grass wäre nicht Grass wenn er nicht immer wieder provozieren und anecken würde, mit Spott, mit in der Kollekte der Zeit nachhallenden Metaphoriken, übertrieben hier, ungenau dort, auch mit dem Drang sich zu profilieren, aber ebenso mit einer Idee von Wahrheit, die man ihm nicht absprechen kann; die aber wiederum mehr in den feineren Zügen liegt, als in den grob gekachelten Anklagen – wobei auch die manchmal den Nagel treffen, der uns lange vor dem Haupte saß.

“Altes Europa! Nach so viel Walzer- und Waffenexport,
schaust du tränenblind zu.”

Und Grass wäre nun mal auch kein großer Lyriker und Erzähler, wenn er nicht seinen ganz eigenen Ton hervorgebracht hätte. Seine lyrischen Werke sind eigenwillig und dabei  vielfältig, von den genialkurzen Gedichten in Fundsachen für Nichtleser, über die bestechende Sammlung Ausgefragt, bis hin zu Anfang, dem Debüt, mit dem man vielleicht beginnen sollte, um Grass Metaphorik und Lyrik zu erreichen: Die Vorzüge der Windhühner. Keine dieser Sammlungen ist veraltet, was für lyrische Werke aus dieser deutschen Periode schon eine Seltenheit ist.

Letzte Tänze ist ein rein künstlerisches Produkt, eine Symbiose aus Zeichnung und Vers, ein wunderbares Buch und Werk, um es immer wieder hervor zu nehmen und die unterschiedlichsten Texte darin zu lesen. Würde man dieses Buch in hundert Jahren in einem Antiquariat finden, ich wette man wäre als Leser und Betrachter gleichermaßen angetan. Warum aber so lange warten?

Die Worte der Stimme des Schweigens … Ein klein wenig zu den Gedichten von Nelly Sachs


“Welt, frage nicht die Todentrissenen
wohin sie gehen,
sie gehen immer ihrem Grabe zu.”

“Nach Auschwitz”, schrieb Adorno, “darf man kein Gedicht mehr schreiben.” Eine polemische, polarisierende Aussage, die der Philosoph später zwar revidierte, die aber wie ein Damoklesschwert ohne Faden über den deutschen Dichtern der Nachkriegszeit hing und vielleicht noch immer, wie ein drohender Rauchschwall aus dem Schlot der Vergangenheit, unsere Himmelsdeutungen bestimmt.

Nelly Sachs, Erich Fried und Paul Celan taten es trotzdem: sie schrieben Gedichte. Während viele Deutsche Autoren die Vergangenheit zu umgehen suchten, machten sich ein in Rumänien geborener Deutscher, ein nach England emigrierter Österreicher und eine Deutsch-Schwedin daran, die Trümmer der Zivilisation und die Trümmer ihres jüdischen Volkes aufzusammeln und den Staub zu durchleuchten – auf der Suche nach einer Heimat für Worte in Taten, die unaussprechlich anmuteten …

“Wer von uns darf trösten?
Gärtner sind wir, blumenlos gewordene
Und stehen auf einem Stern, der strahlt
Und weinen.”

Nelly Sachs kam noch zweimal nach ihrer Emigration nach Deutschland. Beim ersten Mal wurde sie psychisch krank, beim zweiten Mal konnte sie immerhin bleiben. In dieser Person, dem Schicksal und der Wirkung dieser Frau mag man, wie in einer schwachen Ahnung des eigenen Bewusstseins, sehen, was Auschwitz für die Welt bedeutete, was es für Überlebende bedeutete; Leute, wie Nelly Sachs, die zu begreifen versuchten, indem sie es nicht konnten:

“Und Sonne und Mond sind weiter spazierengegangen –
zwei schieläugige Zeugen, die nichts gesehen haben.”

Dieser Aspekt macht dann schließlich auch zu großen Teilen ihre Lyrik aus: das Unbegreifen, ausgedrückt in Himmelskörpern, einfachen Wörtern, sehr großen und dadurch sehr wenigen und gleichsam anspruchsvollen und anspruchslosen Metaphern. In ihrer zerrissenen, geebneten Dynamik erschafft diese Sprache eine ruhelose Atmosphäre der Stille, des Gedenkens und des Verlassenseins, des Stillstands und der Drehung aller Welten, die das Phänomen des Todes in so großer Vielzahl zusammenballte und nur Staub zurückließ.

“O ihr Finger,
Die ihr den Sand aus Totenschuhen leertet
Morgen schon werdet ihr Staub sein
in den Schuhen Kommender!”

Nelly Sachs Lyrik ist eine ungebundene. Wie eine Flagge im Wind, mit nur einigen, sich wiederholenden Angelpunkten, wie Wind und Staub und Sturm untertan. Mit einem leicht-schweren Tanz zwischen Metaphorik und Ausdruck, hat sie eigentlich nur an vier oder fünf großen, endlosen Gedichten geschrieben; kaum einer ihrer Texte trägt einen Titel und man kann die einzelnen Stücke jeweils als ein Ausschnitt, ein neues Ansetzen, eine fragmentarische Idee ihres Gesamtstrebens sehen. So besteht die Stärke und Kraft ihrer Lyrik auch weniger aus Gedichten, als aus Zeilen, Ausschnitten, unvergesslichen Bildern und Akzenten.

“denn das Schicksal
hat das Rad der Zeit
vermummt –
hebt sich
an seinen Atemzügen.
[‘]
schwarz flaggen die Schornsteine
das Grab der Luft.”

“Wie leicht
wird Erde sein
nur eine Wolke Abendliebe
wenn schwarzgeheizt Rache
vom Todesengel magnetisch
anzgezogen
an seinem Schneerock
kalt und still verendet.”

Vielleicht stammt die beste Definition des Eindrucks und der Wirkung ihrer Dichtung unbeabsichtigt von ihr selbst:

“Minute,
darin das Weltall
seine unlesbaren Wurzeln schlägt”

Nelly Sachs ist weder eine kryptische, intellegible, noch eine Dichtern des vollendeten Bildes. Sie ist eine Dichterin der Schemen, eine Sammlerin der Metaphern, der Mythologie ihres Alptraums. Es kann manchmal harter Tobak sein sie zu lesen, und manchmal kann es mythisch-erhebend, unergründlich und wie ein Weltall weit und unbegehbar sein. Doch auf jeden Fall ist die Lektüre in manchen Momenten eine Stille, die das Wort Demut in eine verhaltene Form von Wahrheit legt, die einfachste und doch größte, die man aus Staub und Wind bauen kann.

“Frieden
du großes Augenlid
das alle Unruhe verschließt
mit deinem himmlichen Wimpernkranz

Du leiseste aller Geburten.”

Zu Alice Walkers gesammelten Gedichten in zwei Bänden


 

I

“Durch die Schwermut, die auf mir lastete, ragen immer wieder wie Sonnenstrahlen Gedichte. […] Achte darauf, sagten sie, der grüne Baum, den du von deinem Strick aus siehst, wächst in dir. Der Fluss, in dem du dich ertränken möchtest, fließt in dir. Das Herz, das du bei deiner Schwester, deinem Mitmenschen vermisst, schlägt in dir.
Immer wieder bin ich ins Leben zurück gestiegen auf einer Leiter aus Worten, die aber letztlich das Unerforschliche gefügt hat.”
Aus dem Vorwort

Soviel Ich und so wenig “selbst” wie in Gedichten gibt es sonst in kaum einer literarischen Gattung (manchmal vielleicht noch im Tagebuch oder Brief, aber da ist es dann doch eher privat als persönlich und im Gedicht ist die Form viel eigenständiger). Das macht Gedichte gleichsam zu einer lebendigen (ein Ich ist immer lebendig) und doch oft ungenauen Erfahrung. Man muss wahrscheinlich hundert Gedichte lesen, bis man eins findet, dessen Worte und Wendungen wie Zahnräder in das lautlose Uhrwerk unserer Seele greifen und doch machen diese wenigen Gedichte unsere ganze Vorstellung von den Möglichkeiten lyrischen Erlebens aus, die wir dann in jedem Gedicht suchen. Und wer mit dieser Suche einmal anfängt, findet sich reich beschenkt und hört meist nie wieder auf.

Alice Walker, bekannt für ihren Roman Die Farbe Lila und ihre publizistische Tätigkeit, hat ihr ganzes Leben über immer wieder Gedichte geschrieben, auch wenn sie man sie wohl, auch vom künstlerischen Standpunkt aus, keine “Dichterin” nennen würde, weil sie auf diesem Genre weniger nach Vollendung in Sprache, als vielmehr nach persönlichem und visuellen Ausdruck ihrer Gefühle und Erlebnisse gestrebt hat und zu. Das mindert natürlich die Kraft ihrer Werke in keinster Weise, aber die Art, wie dieses Werk sich dem Leser präsentiert, ist eine andere, als bei einem bedeutenden Dichter – nämlich hautnah und direkt.

“Consider the years (Bedenke die Jahre)
of rage and wrench and (der Wut und der Verrenkungen und der)
mug. (Grimassen)
That was it kept (Was eigentlich hielt
the eyes alive? (die Augen lebendig)
Declined to outmode (Lehnte es ab)
the (die Umarmung)
hug?” (aus der Mode kommen zu lassen)

Anhand ihrer gesammelten Gedichte kann man den Lebensweg von Alice Walkers Innenleben ein bisschen nachempfinden. Ein beeindruckender Weg, der sowohl Persönliches, als auch Öffentliches mit einschließt; sowohl Revolte Innen als auch Außen – Ruf nach Außen und Aufschrei Innen. Vor allem aber, wird man in diesem Werk eine sehr unverstellte Stimme finden. Schon vom Aussehen her zeigen die Gedichte ein Zögern, ein Vorantasten, das in dieser langsamen Vergewisserung aber wieder sehr sicher ist und am Ende da ankommt, wo man hinwollte, zu einem Bild, das Beschreibung wird, zu einem tief spiegelnden Gefühl, das eine wörtliche Entsprechung suchte, und ein Gesicht wiederfand.

“Ich muss die Fragen
um ihrer selbst willen lieben
wie Rilke sagt
wie verschlossene Räume
voller Schätze
zu welchen mein blinder
tastender Schlüssel
noch nicht passt.”

Im Gegensatz zu den späteren Gedichten (Siehe: II. Teil dieses Textes), sind diese ersten Gedichte noch etwas expressiver, auch visuell präziser – mehr aufs schnelle Erfassen bedacht, als auf eine wörtliche Ausarbeitung. Oft sind sie aber auch von einer hoffnungsvolleren oder zumindest freiern Atmosphäre getragen, zaubern sogar ein Lächeln aufs Gesicht, wie dieses Gedicht aus den ersten Abschnitt des Bandes, der als Gedichte festgehaltene Eindrücke über einen Afrikaaufenthalt enthält:

“Der Bärtige Brite
Trägt ein Hemd aus
Kenia-Flaggen
Ich bin Zuhause
Sagt er.”

Wie schon der zweite Band, ist auch dieser erste wegen seiner ehrlichen und unübertriebenen Art für Gelegenheitsleser ebenso lesenswert wie für Lyrikfreunde. Die Gedichte sind immer in beiden Sprachen angegeben und man tut gut daran, sie auch in beiden Sprachen zu lesen. Auch wenn sie keine große Wortschöpferin und Metaphorikerin ist, hat Alice Walker doch ein Gespür für Sprache und für das Zeile-für-Zeile-Verkörpertwerden eines Gedichts. Und, und das ist letztlich entscheidend, man spürt in vielen ihrer Gedichte die genau richtige Balance zwischen Wort und Mitteilung, also zwischen der Bezeichnung des Eignen und der Übertragung einer Botschaft. Diese Eigenschaft macht Gedichte stets zu einer wichtigen und wunderbaren Dimension.

“Expect nothing. Live frugally
On Suprises.”

II

“Soon I will have known fifty summers. (Bald werde ich fünfzig Sommer gesehen haben.)
Perhaps that is why (Vielleicht darum drängt es)
my heart (mein Herz,)
an imprisoned tree (ein eingesperrter Baum,)
so long clutched tight (im Innersten)
inside its core (so lange umkrallt,)
insists (die Stäbe)
on shedding like iron leaves (seiner Zelle)
the bars (abzuwerfen)
from its cell.” (wie eiserne Blätter.)

Den meisten ist Alice Walker wegen ihres Romans Die Farbe Lila bekannt, in den USA wiederum erregten auch viele ihrer Reden, Essays und Zeitungsbeiträge einiges an Aufsehen. Zusammen mit Toni Morrison (Menschenkind) und Alex Haley (Wurzeln/»Roots«) gehört sie zu den wichtigsten Vertretern neuer afroamerikanischer Literatur, weiterhin eine der populärsten Vertreterinnen der Frauenrechte, sowie ein prominente Mahnerin, die häufig Stellung zu aktuellen politische Krisen und Konflikten bezieht.

Ihre Gedichte, die in zwei Bänden im Rowohlt Verlag erschienen sind, sind sehr persönliche Dokumente, ein Nachfühlen ihrer innersten Konflikte. Auch hier nimmt der Ruf ihres Engagements viel Raum ein, aber es bleibt noch Platz für Themen wie Liebe, persönliche Enttäuschung, Erinnerungen an Kindheit und Werdegang, sowie Bekenntnisse.

“Ich dachte, die Liebe würde sich
meinen Bedürfnissen anpassen.
Aber die Bedürfnisse wachsen zu schnell;”

“Laß mich dich überraschen
mit meiner Liebe
die sich in Furcht verkehrt hat
die ich gern
überspielen würde.”

“Even as I hold you
I think of you as someone gone…”

Von einer Frau, die es gewohnt ist, das Schweigen zu brechen, ja, die redet, wo sonst vielleicht schweigen herrschen würde, Gedichte zu hören, ist eine besondere Erfahrung. Der Ton einer Person bleibt, egal worüber sie schreibt. So hat kaum eines der Gedichte keinen offensichtlichen Bezug zu seiner Autorin. Das alles ist ihre Stimme, kein verstecktes lyrisches Ich – und diese Stimme verleiht ihr ihre Stärke, sie macht die Gedichte neben der reinen Selbstveräußerung zusätzlich zu Appellen, Bewertungen, Verantwortungen.

“Ich sage dir, Chickadee
ich fürchte mich vor Leuten
die nicht weinen können
Unvergossene Tränen
verwandeln sich in Gift
in ihren Kanälen
Frag den nächstbesten Soldaten
der ein Massaker genießt
ob es nicht so ist.”

Insgesamt sind es weniger Gedichte, als es vom Umfang der Bände her (beide zwischen 150-200 Seiten) zunächst den Eindruck hat. Trotzdem lohnt es sich für jeden der eine engagierte und beherzte (dies in zweierlei Hinsicht, sowohl stark als auch sanft) Lyrik zu schätzen weiß. Eine Lyrik die oft frei heraus ist, wie es ein Vortrag, in dem von Wut, aber auch von Träumen, Kampf und Hoffnung die Rede ist – jedoch nicht in einem Ausruf gipfelt, sondern den Leser eher mit den Eindrücken der Zeilen, mit Wissen und Gefühl gleichermaßen, seinen Gedanken überlässt.

“Denn wir sind alle
herrliche
Abkömmlinge
der Wildnis,
des Garten Eden:
needing only (wir brauchen)
to see (einander)
each other (nur ohne Werbung)
without (im Kopf)
commercials (anzusehen,)
to believe (um es zu glauben.)

Link zu Band 1 / Link zu Band 2

Zu Thilo Krauses Debüt: “Und das ist alles genug”


“Der Regen an den Scheiben wie er abperlt.

Die Topfen wie sie abperlen.
Kleine Schuppen Licht, die der Wind poliert
zerstreut uns zusammensammelt
die der Wind abhebt und schiebt
zu immer neuen Patiencen
die aufgehen oder nicht.”

Gespür – in der Dichtung hängt viel von dieser undefinierbaren Regung ab, welche mehr Idee als tatsächliche Wahrheit ist. Ein Wagnis wird eingegangen, indem man Stück für Stück aus Worten und Sprache etwas nachbaut, ihm neue Gewissheit einhaucht und es ins Blickfeld des Lesers wendet: für einen Moment konzentriert, mit Eigenschaften eines Wunders, einem kleinen, in seiner Beziehung zur Lebenswirklichkeit ebenso klar, wie in der Abwendung von selbiger, durch die Magie einer halb beschreibenden, halb verfremdenden Sprache, die nur als Worte auf dem Papier existiert. Diese Erfahrung, dieses Phänomen, nennt man Lyrik. Und der Tätigkeit des Verfassens von solcher nachzugehen, ist in der Moderne zu einer sehr filigranen und schwierigen Tätigkeit geworden, weil man sich jenseits von Pathos und vermeintlich fragilen Elementen, Ungenauigkeiten bewegen muss, ohne dabei über das hinauszugehen, was der kurze, wundersame Eindruck eines poetischen Momentes verlangt.

Thilo Krause, Dichter und Wissenschaftler, zeigt in diesem ersten Gedichtband, dass er zu den aktuellen poetischen Talenten in Deutschlands gezählt werden kann. (Anmerkung: Wenig kann man hier als Rezensent noch wirklich beisteuern, ohne zu kopieren, denn das Nachwort von Jayne-Ann Igel ist wirklich hervorragend in seiner Ausleuchtung von Krauses lyrischen Schwerpunkten und Möglichkeiten. Statt lange um den kalten Brei herumzukochen, hat sie mit ihren Bemerkungen dort schon beinahe alles auf dem Gebiet der Ausdeutung/Einordnung geleistet.)

“Und diese Scherbe hier
von Großvater aus deinem Ballen gezogen
ist stumpf geworden über Nacht, rund
eine schillernde Murmel
mit einem Tröpfchen Blut im Innern
gleich den Fliegen im Bernstein
dem verbotenen Königreich Gelb
in Großvaters Vitrine.
Manchmal träumst du dir einen Schlüssel
für diese und die andere verbotene Tür
im Keller.”

Stimmung und Erinnerung sind die Hauptadern, die sich durch Krauses unangestrengte, aus dem Kleinsten heraus rasch anwachsende, Poesie zieht. Er ist ein Dichter des Natürlichen und der selbstbezogenen Erfahrung, dabei allerdings auf eine so angenehme Weise mit dem Talent zur Darstellung des Wesen- und Bildhaften gesegnet, dass er, wie viele gute Dichter, eigentlich über alles schreiben könnte, wobei wir ihm doch immer im Besonderen für das dankbar sind, dem er sich letztendlich zuwendet. Wenig ist in diesen Poesien wirklich fixiert oder lässt sich als Schlagwort anwenden, als Brennpunkt ausmachen – es ist mehr so als würden sich die Stimmen der Dinge in seinen Zeilen kurz zu Atemzügen der Wirklichkeit verdichten: hier fährt eine einstige, von Geheimnisen vertäute Erinnerung an Besuche bei den Großeltern in den Leser – dort berührt einen das Schicksal einer Hummel, als läge sie kurz in der eigenen Hand als eine von tausenden – und schließlich wird das Bild eines matschigen Bachlaufs im Winter beschworen:

“Der Bachlauf
matter Faden Schwarz.
Wasser rinnt und rinnt,
sagt: Hier ist das Moor
dunkle Beuge Leben
auch wenn ihr da oben
im Weiß umhergeht
nichts als Weiß
nur unterbrochen
von der niedrigen Reihe Pfähle
den Schatten wie ein weites Sieb
und darin Schnee
kaum mehr als Schnee.”

Keine spektakuläre, aber eine schön-impressive Poesie. Gedichte, wie man sie mehrmals und mit einer kleinen Vorfreude bei den nachzuempfindenden Momenten liest, weil sie einem wirklich etwas schenken, was man selbst vielleicht schon verloren glaubte; sie weihen uns ein in die Offenbarungen des Offensichtlichen und vermehren unsere Gefühle und Gedanken um längst vergessene Relikte eigenen Empfindens – mit Bildern, die sich unserer Vorstellungskraft auf einfache, feine sondierte Art nähern.

“In den Hecken wachsen dem Dunkel Ohren
[…]
Die Dörfer stehen in ihren Ställen aus Wald
[…]
Der Sommer haftet an nichts
als der Schar Spatzen, wie Streu
in die Luft geworfen und niedergesunken
in die nächste Furche.”

Bleibt mir also nur, die Gedichte Thilo Krauses nochmals wärmstens zu empfehlen – als Lyrik, die unabstrakt, beinahe zaghaft, mit ihren Worten ein bedeutendes, kleines Werk zu tun versteht: die Schönheit unseres Daseins nicht allein zu preisen, sondern sie am kleinsten Punkte ihrer Schöpfung, in Momenten, Zuständen und Erinnerungen, formvollendet nachzuweisen.

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