Monthly Archives: March 2014

Kleine Erwähnung zu Süskinds Kontrabass


Ich muss sagen, dass dieses Stück mich wirklich umgehauen hat, auch als ich es jetzt zum dritten Mal gelesen habe. Es hat mich bewegt in den Teilen, wo es ins Empfinden ging, amüsiert wenn die Figur herrlich schwadroniert und nachdenklich gestimmt, wo es leise und betrachtend wird.

Ein Monolog hat eigentlich nicht viel mit Theater zu tun. Er ist kein Spiel, ist ehrlich, direkt und nah, vor allem bei Süskind, wo der Monolog nicht (wie bei Thomas Bernhard oder Shakespeare) in höhere Sphären, gegen Sinn und Verzweiflung anformulierend, zu sprechen strebt. Es ist ein ungemein ehrlicher und, ja, menschlicher Dialog.

Und so viel wird darin aufgegriffen – von der Unmöglichkeit der Liebe, über das Leistungsverhältnis in der Gesellschaft, die Eintracht und die Zwietracht in der Musik, den Hype, Genie und Verkommenheit, Glück und Unglück und ihre schwer zu durchleuchtenden Umstände. Das alles wird nicht ausgewalzt und psychologisiert, sondern spiegelt sich, hier wiederum nach bester Theatermanier, in der Figur des monologisierenden Bassisten selbst, in seinen Erlebnisschilderungen und Erläuterungen, der ganz eigenen Kragenweite seiner Aussagen.

Für mich ist der Kontrabass nach wie vor eines der besten Stücke modernen Theaters, als Aufführung, aber auch ohne Verlust zum selber lesen. Auf der Liste der Theaterstücke, die man im Leben einmal LESEN sollte, steht dieses Werk ganz oben. Süskind beweist in jedem seiner Bücher einen Sinn für Außenseiter, aber nie war uns das Außenseitertum so sympathisch und nah, wie im Monolog des Orchestermusikers mit dem sperrigen Instrument.

P.S.: Sehr interessant an dieser Stelle, für Leser, die das Stück schon kennen, ist übrigens möglicherweise eine Tatsache, die mir erst bei dieser Lektüre aufgefallen ist: dass im Wort Kontrabass ja das Wort Kontra (gegen) enthalten ist.

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Zu Rudolf Hartungs sämtlichen Gedichten, erschienen bei Rimbaud unter dem Titel “Vor grünen Kulissen”


“…umrandet
von dunklen Tannen
rauscht die Aare zu Tal:
ein aufgebrachter Zeuge
der seine Aussage
ohne Unterbrechung
den Felsen im Flussbett macht.”

Rudolf Hartung (19154-1985) war Hauptberuflich Journalist, Lektor und Literaturkritiker, sowie lange Zeit Herausgeber der “Neuen Rundschau”. Das hier gesammelte dichterische Werk (gerade mal an die 40 Gedichte) wird im Nachwort als sein Hauptwerk propagiert, was wohl eher berechnende Gründe hatte. Denn auch wenn dieses lyrische Werk keinesfalls schlecht ist und weiterhin Leser verdienen würde, ist es doch etwas zu seicht und seinen Selbst-Räumen nicht ganz entwachsen, sodass man es nicht große Dichtung nennen kann.

“Farnkraut am Weg – Erinnerung der Welt”

Es sind Momente der Naturverbundenheit, des Herüberlangens von Gewissheit in naturverorteten Ausformungen, in denen Hartungs Lyrik am stärksten ist, wenn er sich in die Naturschauspiele hineinbegibt und ihnen eine allgemeine Idee, eine Entsprechung entlockt; kurzum: wenn er Atmosphären beschreibt und ihnen eine einfache Beschreibung angedeihen lässt, eine schlichte Idee.

“ich will zurückkehren in die
[…]
Brunnenkühle des Anfangs wo die weißen
Wolken durch die Pfützen der Radspuren
ziehn.”

Wie jedes dichterische Werk enthält auch Hartungs starke und schwache Gedichte, große Eindrücke und viele vorbeischwappende Ausdrücke. Doch im Gegensatz zu vielen erstklassigen Dichtern hat man bei Hartung das Gefühl (ohne die gelungenen Passagen zu vergessen, die ich hier auch mehrheitlich zitiere), dass sehr viel Potential verschenkt wird, sehr viel Gedichte zu einem Selbstgänger werden und die Bequemlichkeit und der zufriedene Ausdruck über die Filigranität und Sinn gebende Verdichtung siegen.

So z.B. diese, doch schon sehr gelungene Passage, mit einer schon gut anberauntem Idee, einem Nachspüren des Morgens, des Wechsels von Schlaf in Erwachen, von den vielen Traumperspektiven in die eine Perspektive der Realität:

“Du hörst mich hörst mich nicht
Ohr der Morgenröte das meinen Namen empfangen soll
nach so viel Nacht durchfurcht von Schiffen
die an fremden Ufern landen und nicht zurückkehren
oder zerschellen auf unbekanntem Meer
salzdurchtränktes Treibgut an meinen Tag gespült”

Wie hätte hier die Einlassung “salzdurchtränktes Treibgut -aus dem Auge gewischt- an meinen Tag gespült” oder eine ähnliche unvorhergesehene Wendung, das Gedicht noch unmittelbarer, realer gemacht; wie gesagt, es geht nicht darum, dass nicht schon einiges in diesen Zeilen enthalten ist, aber noch etwas mehr konkretes, etwas bei der Hand nehmendes, nicht so dahin treibendes, sodass die Metaphorik auch die Realität anschaulich einholt (darum geht es ja schließlich im Gedicht) wäre wünschenswert gewesen und auch möglich.

“Erinnerung an eine Seite von Proust:
die Woge des Künstlers
netzt nicht,
sie dauert.”

Hartung ist groß in den Gesten, aber von Dauer ist bei ihm zu wenig. Seine Gedichte mögen voller Eindrücke sein, aber sie sind nicht eindrucksvoll; sie mischen Farben und Metaphorik, werden dicht, aber es ist nicht immer eine Dichte, von der man auch automatisch angezogen wird.

Seine Gedichte wirken etwas unausdrücklich. Wenn er reimt erinnert er dann und wann an Benn, z.B. in diesen Zeilen:

“Und immer Worte: dieses Ungefähre
aus Lärm und Schweigen vor dem dunklen Rand
wirklichen Schicksals-Fährten ins Leere.
Nur manchmal legt sich leise eine Hand

an deine -: die weißen Barken stehen
auf hoher Flut und ziehen still hinaus.
Du offenes Meer, wer kann dich je bestehen?
Denn jede Sehnsucht führt uns noch nach Haus.”

und sie weisen eine gewisse Summe an Aussage aus, eine gewisse Kraft und einen Einklang, der aus dem schönen Bild des Meeres in der zweiten Strophe besteht. Aber das täuscht nicht darüber hinweg, dass sich leichte Anzeichen von Beliebigkeit hier und da finden lassen und man doch noch ein paar Mal dein Schlüssel seiner Gedanken im Schloss des Gedichtes umdrehen muss, bis man zur Aussage, zum Kern der Verse kommt. Zuviel perlt an einem ab, zuviel setzt sich nicht fest, sondern bleibt Konstellation.

“Kleine Nacht unter den bunten Lampions des Cafés –
[…]
Abendgötter der Milchstraße, oleandergesäumt.
Es knirscht im Kies.”

Schön bleibt trotzdem die stete Gegenwärtigkeit, das umstandslose Färben von Moment und Welt, in dem Hartungs Poesie aufgeht und wo immer wieder kleine Spuren von Leben, getreu der Wirklichkeit, aufleuchten. Keine filigrane Pracht, aber doch für einige Momente eine kleine Schattierung, die sich in den Spiegeln der Schönheit zeigt. Mehr sollte man von so einem schmalen, eher nebenbei entstandenen Gedichtwerk vielleicht auch nicht erwarten.

“An diesem rosafarbenen Abend,
als in den verlassenen Wäldern
die Ankerketten schon um die Stämme geschlungen wurden,
der bittere Geruch der Nadeln
die leeren Laderäume der Schiffe ganz erfüllte -“

Link zum Buch

Zu Paul Austers “Im Land der letzten Dinge”


Rezension zu Paul Austers “Im Land der letzten Dinge”

“Some say the world will end in fire,
Some say in ice.
From what I’ve tasted of desire
I hold with those who favor fire.
But if it had to perish twice,
I think I know enough of hate
To say that for destruction ice
Is also great
And would suffice.”
Robert Frost

Dystopien sind, obgleich in der erzählenden Literatur keine völlig unbekannte Größe, nach wie vor eine seltene Erscheinung – wenn man davon absieht, dass große Teile der in Werken des Sci-Fi-Genres geschilderten Zustände als Dystopie durchgehen können, je nachdem, wie man sie auslegt, einfach, weil ein Blick in die Zukunft, der nicht konsequent utopisch ist, auch immer besorgniserregende Entwicklungen und daraus resultierende Effekte, die von Ansätzen unserer heutigen Zeit ausgehen, mit einbeziehen muss. Furcht und Argwohn sind die mächtigsten Triebfedern, die uns in ferne Zukünfte (vor allem abseits unserer eigenen Lebensspanne, mit Blick auf das Schicksal der Menschheit insgesamt) blicken lassen.

Ist eine Dystopie also konsequent eine Warnung, da sie, ganz gleich ob sie als Ich-Geschichte erzählt werden vermag, stets eine Geschichte von uns allen ist, die wir die Dystopie, die der Autor der Geschichte entwirft, nicht verhindert haben? Kann ein Roman über solch ein Thema überhaupt etwas anderes sein, als eine Betrachtung bereits vorhandener/aufkommender gefährlicher Aspekte, Ansätze und Probleme, mit den Mitteln der Vorausschau in ihren Ausformungen verdeutlicht? Ja, denn mit “Im Land der letzten Dinge” hat Paul Auster, wie schon Albert Camus mit “Der Pest” (diese Bücher gleichen sich zwar nicht in festzumachenden Punkten, aber ihre Idee, die existenzialistische und schlichte Form, ist durchaus verwandt) ein Beispiel für eine andere Art von dystopischer Erzählung vorgelegt: plastisch und sehr menschlich, in Verlorenheit noch von Gefühlen sprechend und meist näher an der Wirklichkeit des Menschen als an der Wirklichkeit der dystopischen Welt: Paul Auster ist in diesem Werk nicht mehr und nicht weniger als ein spannender Roman über die conditio humana in einer endzeitlichen Welt gelungen.

Man darf sich dieses Buch gar nicht so sehr metaphorisch, sondern als sehr greifbar vorstellen. Eine Theorie oder Botschaft mithilfe eines Romanhelden, der in die ungeheuerlichen Systeme eines dystopischen Staates oder einer solchen Welt gerät, zu forcieren ist die eine Sache, aber das ist nicht Austers Anliegen. Er geht in seinem Buch über den Rahmen hinaus, nutzt seine Imagination des Landes der letzten Dinge nicht, um eine Parabel oder eine Warnung zu präsentieren. Ihn interessieren schlicht die Folgen, eine vielfältige Idee des Überlebens in so einer Welt – ja, ihn interessiert die Frage nach Überleben/Existieren überhaupt. Was brauchen wir zum Leben? Liebe, Besitz, ein Ziel, Hoffnung, eine Arbeit, Ordnung, Sicherheit? Alle diese Aspekte werden während des Romans einmal auftauchen, sind aber in die Geschichte der Überlebenden, die einen Brief (pro forma, eigentlich ist es kein Brief, weil sie ihn nicht abschicken kann) an einen Freund in Europa schreibt (die dystopische Region/Stadt liegt in Amerika), eingewoben, werden von ihr gelebt und nicht schematisch angebracht.

“Manchmal denke ich, wenn es die Dunkelheit nicht gäbe und die seltsamen Nächte, die sich über uns senken, würde der Himmel ausbrennen. Die Tage enden zwangsläufig genau dann, wenn die Sonne die von ihr beschienen Dinge ausgelaugt zu haben scheint. Nichts wäre der Helligkeit mehr gewachsen. Die ganze unglaubhafte Welt schmölze weg, und damit hätte es sich.“

Desto barer die Existenz, umso mehr treten wesentliche Züge des Menschen, im Miteinander und allein, hervor. Natürlich Misstrauen, Zorn und Überlebenswille, aber, und das schildert Auster schlicht und doch wahrhaftig, auch Emotionen wie Liebe, das Staunen über Umgebung, Naturschauspiele und die erhöhte Wahrnehmung für die Geschehnisse. Es gibt keine Ablenkungen mehr, weder Fernsehen, noch Unterhaltungsshows – selbst das Schreiben eines Buches wird zur reinen Existenzverdeutlichung, ebenso wie der Beischlaf. Diese Details fängt Auster ein. Überhaupt ist er beim Beschreiben seiner Welt sehr auf einen Ausgleich zwischen Erlebnis und Information bedacht, was wiederum die Ich-Erzählerin glaubwürdiger macht, da beide Beweggründe ihrer Niederschrift dadurch hervortreten: Bericht/Dokumentation einerseits und das persönliche Ausdrucks-/Mitteilungsbedürfnis andererseits.

“Was mir merkwürdig vorkommt ist nicht, dass alles in die Brüche geht, sondern dass so vieles sich erhält. […] Vielleicht ist das die interessanteste Frage von allen: was geschieht, wenn nichts mehr da ist, und ob wir auch das überleben oder nicht.”

Austers Buch ist teilweise unentschlossen, in vielen Passagen sehr einfach, nie übermäßig soghaft oder spannend, aber gerade deswegen unerhört glaubwürdig. Es ist immer gefährlich, einen Ich-Erzähler sprechen zu lassen und ebenfalls nicht unbedenklich, dem ganzen Buch die Form eines Briefes zu geben. Doch während Auster sich von letzterer Eingrenzung nichts diktieren lässt, hat er die Problematik des Ich-Erzählers mit seiner nahen und uncharakterisierten Erzählweise in Luft aufgelöst. Wir sind stets im Geschehen, wir sehen diese Welt mit den Augen der Erzählerin. Da ist kein auffälliger Komponist im Hintergrund, der unsere Blicke auf die wesentlichen Konflikte und Problematiken lenkt – sowohl wichtiges, als auch scheinbar unwichtiges wird berichtet, betrachtet, erwähnt und skizziert, im Gefühl, in der Wahrnehmung der Protagonistin. Wir lernen, was es heißt, in ihrer Welt zu leben, die Fragen dieser Welt zu stellen, die Mechanismen dieser Welt (am eigenen Leib) zu erfahren, die Emotionen dieser Welt zu spüren, ihre Wirklichkeit zu ahnen. Das ist sicherlich nicht die ultimative Auslegung eines dystopischen Romans – aber in jedem Fall ist es ein kleines Meisterwerk erzählerischer Tradition, das ich nur empfehlen kann.