Appell ohne Appell – zu Ralf Rothmanns zweitem Lyrikband “Gebet in Ruinen”

“Verehrte Akademie für Dichtung und Maschinenbau,
das Leben ist schon so lange zu kurz.”

Ralf Rothmann hat bisher zwei Lyrikbände veröffentlicht. Der erste, [[ASIN:3518383248 Kratzer und andere Gedichte]], setzte sich vor allem mit Jugendthemen, Adoleszenz und Hoffnungslosigkeit auseinander. Der Ton dieser ersten Gedichte wird in diesem Band nahtlos weiterentwickelt und fortgeführt, wenn auch auf eine etwas virtuosere, nichtsdestotrotz auch teilweise etwas sprach verlorene, indirekte Art und Weise. Hoffnungslosigkeit steht weiterhin im Mittelpunkt und wird in vielschichtigen Momenten und Nuancen durchdekliniert.

“Wo Raben krächzen hat der Himmel Halsweh.”

Wie schon in den “Kratzern” ist Rothmanns große Stärke sein Gespür für eine Bildpoesie, die zwischen elegisch und profan hin und her pendelt und dabei unvorhergesehene mit nachzuempfindenden Betrachtungen kombiniert, die entrückte Zelebrierung von Tristesse mit nahe gehenden Symptomen von Sehnsucht, deren Farbe sich verschließen hat, verbindet. Es entsteht daraus eine unsichere Begegnung mit dem Leser – er bewundert Rothmanns poetische Einlassungen und ist doch leicht irritiert von der grundsätzlich radierenden, im Verschwinden begriffenen Programmatik in der Ausrichtung seiner Gedicht.

“Zu spät für das Licht
und die langen Schatten,
die unsere kurzen Sternstunden hatten.
Zu spät für die Frage wie’s weitergeht,
zu spät für jede Love Parade,
für Spott und Hohn und Religion,
zu spät für Tränen am Telefon.
Zeit war nie golden, Hoffnung nicht blau.
Die Tauben leben von ihrem Grau.”

Man bleibt seltsam unberührt im Banne der Schönheit. Ein seltenes Kunststück und eines, das sehr gut die moderne Überschaulichkeit unserer Empfindungen imitiert und andeutet. Rothmann versteht, dass der Gesellschaft etwas vorzuwerfen die Möglichkeit der Reflektion ausschließt, weil der Leser sich gemeinsam mit dem Autor von der Gesellschaft distanzieren kann; stattdessen führt er dem Leser seine Regungen und Bilder vor, spricht vom “Gott als einer Creditcard”, bringt Harmonie in seine Gedichte und kontrastiert diese mit absinkenden Verlorenheitspsalmen und macht den Leser so auf die Fassung der Wirklichkeit aufmerksam, in der wir derzeit existieren; eine Fassung in der die Sehnsucht, der Glanz eine Randerscheinung sind, mehr der Erinnerung als dem Erlebnis und dem Dasein verpflichtet.

“Einst sah ich Flieder im Fieber blühn,
den Mädchen fiel das Schreiten ein,
jeder Sternstrahl klang wie Wind.
Einst trugen wir nichts als Kleider aus Schweiß
und sammelten Süße in den Zimmern,
in denen Mondlicht die Betten verschob,
Süße, als wären die Ziegel aus Zimt.”

“und der Himmel wie immer, blaue Seite,
Innenfutter von Nichts.”

Dies ist sicherlich nur eine Art, wie man diesen schmalen, sehr filigranen und doch manchmal sehr von sich selbst entleerten Gedichtband lesen kann. Sprachlich ist Rothmann im Idealfall exzellent, ansonsten auf jeden Fall eingängig, anziehend. Seine Dichtung hat kaum Ausläufer, aber dafür den Charakter einer Leinwand der Regung, auf der fast immer etwas geschieht. Seine Gedichte stimmen nicht selten nachdenklich und oft haben sie eine Botschaft, die sich den Rahmen einer gewöhnlichen, zu propagierenden Botschaft, sprengt. Das ist etwas Wesentliches in Gedichten – das GILT für Gedichte:

“In jedem -Wo bist du?-
sind hundert
-Hier-.”

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