Alvaro de Campos alias Fernando Pessoa und das Leben als entzogenes Abenteuer

“Wir alle haben zwei Leben:
das wahre, dass wir uns in der Kindheit erträumten
und als Erwachsene weiterträumen auf Nebelgrund;
das falsche, was wir gemeinsam mit anderen verbringen,
das praktische, nützliche,
das Leben, worin man uns schließlich in einen Sarg legt.”

Für alle, die Fernando Pessoa noch nicht kennen: er war ein portugiesischer Intellektueller und Schriftsteller, dessen Werke, die fast sämtliche Genres der Literatur umfassen, größtenteils erst nach seinem Tod gefunden wurden. Pessoa, der bis zu seinem Tod eine unscheinbare Existenz als Handelsvertreter führte und nur wenige Schriften unter dem eigenen Namen publizierte (darunter Das Buch der Unruhe des Hilfsbuchhalters Bernardo Soares, das bis heute noch das bekannteste seiner Werke ist ), ist bis heute vor allem dadurch berühmt, dass er nahezu seine ganzen unveröffentlichten Manuskripte (es sind etwa 27 000 an der Zahl, viele kurz, einige lang) Heteronymen zuordnete, also abgespaltenen Persönlichkeiten, denen er einen eigenen Stil, eine eigene Biographie und eine eigene Verbindung zu den anderen Heteronymen gab. Jedoch war dies ein kontrollierter und künstlerischer Akt und hatte nichts mit Krankheiten, zumindest nichts mit multipler Persönlichkeitsstörung, zu tun.

“Ich, der nutzlose Brennpunkt der Wirklichkeiten.”

Alvaro de Campos ist die dritte der Persönlichkeiten nach Alberto Caeiro und Ricardo Reis, der größtenteils als Dichter hervortritt. Ein Verehrer und Nacheiferer von Caeiro, gab Pessoa dem 1890 in Glasgow geborenen Schiffsingenieur doch sehr viel eigene Dichtungsphilosophien mit auf den Weg. Wie Pessoa selbst ist de Campos ein leidender, ein Gefangener seines eigenen Ichs und der gesellschaftlichen Stagnierung. Während Pessoa sich jedoch in de Campos flüchten konnte, kennt de Campos keine andere Flucht, als die nach vorne:

“In meinem Herzen bewahre ich
wie in einer Schatztruhe, die man vor Fülle nicht schließen kann,
alle Orte, wo ich mich aufhielt,
alle Häfen, in dich ich kam,
alle Landschaften, die ich träumend
durch Bullaugen oder Fenster oder von Decks erblickte,
und dies alles – unendlich viel! – ist wenig für das, was ich möchte.”

Bis zur Seite 129 dieses Auswahlbandes (von ca. 290 Seiten, davon jeweils die Hälfte im portugiesischen Original, die andere Übersetzung) sind 5 längere Gedichte verzeichnet, eines davon besonders lang, die Meeres-Ode, ein einziger, an Walt Whitman erinnernder (auf den de Campos sich einige Male beruft), aber noch radikalerer Gesang mit phantastischen und ambivalenten Auswüchsen. Anfangs sind es nur Betrachtungen zum Meer und zu Ferne, harmlose Poesien, bis sich de Campos langsam und stetig in eine Phantasie über Seeräuber und ihr aufregendes Leben hineinsteigert, um dann zu erkennen, wie stark er selbst vor seinen eigenen Gedanken erschrickt, vor der Gewalt, urtümlich und doch wie ein erstarrtes Auges nur noch auf einen Sinn hin ausgerichtet.

“Mein Leib ist der Mittelpunkt eines unendlichen Steuerrads,
das immerfort schwindelnd sich selbst umkreist”

“Was weiß ich von dem, was ich sein werde, ich, der ich nicht weiß, was ich bin.”

Dies ist die Frage, aufgeworfen in vielen kürzeren Gedichten im zweiten Teil des Bandes. Zwar ist die Thematik dieser kleinen Dichtungen durchaus vielschichtig, doch man bemerkt früh, dass sie immer wieder zum Jammer und zur Sehnsucht zurückkehren, manchmal in großem Stile, manchmal meditativ und zaghaft. Man merkt wie Pessoa mit ihm gebaut hat: Auf der einen Seite die großen, ja gewaltigen Ansprüche, die aus vielen seiner Poeme blitzen, aber gleichzeitig die Sensibilität, die sich auch immer wieder ihre Bahn bricht und ebenso wunderbare Beschreibungen des Ich findet, aber auch zerriebene Erinnerungsideen von glücklichen Zuständen, die nun immer jenseits des Lichts sind, dass sein Ich wirft und werfen kann.

“Nacht
Du, deren Ankunft, so sanft ist, dass sie ein Fortgehn scheint,
deren ebbende, flutende Finsternis unter dem Hauch des Mondes
Wellen erstorbener Zärtlichkeit und die Kälte erträumter Meere kennt,
Brisen vermeintlicher Landschaften für unsre übermäßige Angst…”

Verlorene Kindheit, verlorene Unschuld. Das wird von De Campos mit Weltverlust gleichgesetzt. Auch das Vergehende und das einstmals Gewesene, dass in der Gegenwart nicht mehr unter die Haut geht, gehört zu den vielfach abgewandelten Gedanken seiner Dichtung. Angst und Unbehagen befällt in jedes Mal, wenn er ringen muss “mit dem Schicksal, das sie Karosse des Ganzen über die Straße des Nichts lenkt.”

Geradezu bewundernswert ist, dass seine Sprache dabei immer wieder, auf denselben Bahnen, neue Eindrücke dieses Dilemmas herauskristallisiert und nie an ein Ende zu kommen scheint. Es gelingen ihm Bilder und Metaphern, eine ganze Metamorphose aus passenden Abbildungen dieses Lebens, dieses Leids, dieser Angst.

Auf Dauer kann es etwas schwierig sein, sich immer wieder mit diesem existenziellen, wichtigen, aber nichtsdestotrotz destruktiven Thema konfrontiert zu sehen, in das Pessoa sich, als hätte ihn bei fast jedem Gedicht gerade die schiere Verzweiflung oder zumindest etwas anderes herzzerreißendes (im wahrsten/härtesten Sinne des Wortes) gepackt. Die Lyrik des Alvaro de Campos ist daher nur den wirklichen Freunden der Poesie zu empfehlen, jenen die bei der Lyrik nicht nur die fremde, illuminierte Anschauung genießen, sondern mitleiden, mitfühlen, mitdenken, miterleben wollen – jene, möchte ich fast sagen, die eine Schramme von jedem Gedicht zurückbehalten möchten, einen Gegenentwurf zur Erklärtheit der Existenz,

“Das Licht der Sonne erstickt das Schweigen der Sphären,
und wir müssen alle von dannen,
ihr düsteren Pinienwälder im Dämmerlicht,
Pinienwälder, wo meine Kindheit anders war,
als ich heute bin…”

Unter jedem Poem findet sich im Original ein Datumsvermerk; das Nachwort geht ebenfalls in Ordnung, wenn es auch etwas sporadisch wirkt. Wie dort vermerkt handelt es sich bei dieser Ausgabe um so ziemlich alle relevanten Gedichte, die unter dem Namen de Campos geschrieben wurden.

Noch einmal möchte ich zusammenfassen und betonen: Wer sich an dieses Werk wagt wird größtenteils weitschweifige, exaltierte und anstrengende Gedichte vorfinden, deren Gewinn eine oftmals tiefgehende, aber eben auch aufwühlende Sprache und Sehnsuchtsanalyse ist. Auch einige Sonette und einige stillere Werke wird man finden, aber sie sind in der Unterzahl. Alle Gedichte sind feingliedrig, aber manchmal eben auch überbordend, vielleicht sogar erschreckend. Ich weiß nicht, ob ich eine Empfehlung aussprechen soll und ob ich schon alle Empfindungen beschrieben habe, die de Campos/Pessoa auslöst – vielleicht habe auch ich mehr die Sehnsucht gespürt, weil ich dafür empfänglich bin und lauern tut darin noch reichlich anderes. Es gibt gewisse einige bedeutende Dichtungen in diesem Werk, einige fulminante Zeilen und Wendungen und überhaupt gehört es zu den interessantesten literarischen Torturen, die ich auf mich genommen habe, keine Frage. Aber ich persönlich würde mich, trotz aller lyrischen Freude, nicht noch einmal durch dieses Werk lesen.

Jedoch, Pessoa hat Recht, wenn er aus de Campos Feder fließen lässt, was alle großen Dichter, auch ihn selbst, betrifft:
“Der lebenspendende Geist bin in diesem Augenblick ICH.”

Hier finden sich noch einige Textbeispiele, die den poetischen Wert des Werkes noch mal untermauern sollen:

“Ich möchte schlafen wie ein verscheuchter Hund auf dem Weg, in der Sonne,
entgültig für das ganze übrige Universum,
und die Wagen mögen mich überrollen.

Die Denkwürdigkeit reicht in die Tiefen der Existenz,
hat mich seit vorgestern gealtert und meinen Körper frösteln lassen.

… dass Metaphysik nur die Folge von Unwohlsein ist.

Was ward aus jener unserer Warheit – dem Traum am Fenster der Kindheit?

Was verbergen die Jalousien der Welt in den Schaufenstern Gottes?

Ach, dieser Kai ist steingewordene Sehnsucht!
Und wenn das Schiff vom Kai ablegt
und man plötzlich gewahrt, dass sein Abstand klafft
zwischen dem Kai und dem Schiff,
überkommt mich – warum wohl? – eine neue Angst,
ein Nebel trauriger Gefühle
und schimmert in der Sonne meiner grasbewachsenen Ängste
wie das Fenster, an das der junge Morgen pocht,
und hüllt mich ein wie die Erinnerung an ein anderes Wesen,
das auf geheimnisvolle Weise mein ist.

Link zum Buch

Außerdem gibt es bald eine Neuauflage in der auch die Prosa enthalten ist: hier

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